Bernhard Bartsch

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China erschrickt über sich selbst

Das Video einer Zweijährigen, die nach einem Unfall von Passanten ignoriert wurde, hat in China eine Moraldiskussion ausgelöst.

Auf einmal schauen alle hin: die Öffentlichkeit, die Medien, die Politik. Millionen Menschen sahen in den vergangenen Tagen das schockierende Video, auf dem ein zweijähriges Mädchen von zwei Lastwagen überrollt und von insgesamt 18 Passanten ignoriert wird, bevor ihm nach über sechs Minuten eine Müllsammlerin zu Hilfe kommt. Das Schicksal der kleinen Wang Yue aus dem südchinesischen Foshan, das eine Wochen nach dem Unfall als hirntot gilt, hat bei seinen Landsleuten eine lebhafte Diskussion ausgelöst: Was läuft falsch in der chinesischen Gesellschaft, dass den Menschen das Mitgefühl mit einem blutenden Kleinkind abhanden gekommen ist?

In den staatlichen Medien mischt sich Empörung mit Hilflosigkeit. „An diesem Tag ist ganz Foshan mit Schande überzogen worden”, titelt die lokale Parteizeitung „Foshan Ribao”. Das Onlineportal des Fernsehsenders Phoenix bezeichnet die Passanten als „Tiere”. Umgangssprachlich hat sich bereits der Begriff „kaltherzig wie 18 Passanten“ etabliert. „Unser Moralsystem zeigt Risse”, schreibt die Zeitung „Global Times“. „Eine Gesellschaft, in der die Gesetze des Dschungels herrschen, wird kein großes Wachstum oder Wohlstand erreichen.” Chinas Entwicklung habe zu einer Kultur des Egoismus geführt, die von vielen Chinesen sogar gefördert worden sei, weil sich damit die traditionellen Werte des Kollektivismus bekämpfen ließen.

Wenn es allerdings um die Frage geht, was zu tun ist, fallen den Kommentatoren der Staatsmedien meist nur gutmeinende Appelle ein: „Lasst uns alle anfassen, um die unendliche Ausbreitung des Egoismus einzudämmen”, proklamiert die „Global Times“ in bester sozialistischer Kampagnenrhetorik. Die „Yancheng Abendzeitung“ erklärt ihren Lesern: „Wenn wir eine helfende Hand ausstrecken, helfen wir uns selbst”. Ein Kolumnist der Volkszeitung mahnt: „Jeder von uns kann eines Tages einer dieser Passant sein – bitte haltet an!”

In chinesischen Internetforen geht die Debatte dagegen stärker an die Substanz der chinesischen Gesellschaft – und Politik. Kritische Intellektuelle geben der Kommunistischen Partei eine Mitschuld an dem moralischen Verfall. Der bekannte Blogger Lian Yue mahnte an, nicht zu vergessen, „dass wir in einem Land leben, in dem man schon für den Besuch bei einem blinden Mann bestraft werden kann“ – eine Anspielung auf den unter Hausarrest stehenden blinden Bürgerrechtsanwalt Chen Guancheng. „Die Regierung treibt die Kosten für moralisches Handeln bewusst in die Höhe – kein Wunder, dass die Passanten Angst haben.“ Ähnlich argumentiert der Politologe Tang Hao: „Wenn die Öffentlichkeit nicht dazu erzogen wird, sich um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern, wenn Teilhabe an öffentlichen Angelegenheiten nicht ermutigt wird und wenn freie Meinungsäußerung nicht möglich ist, dann werden die Menschen auch keine Verantwortung übernehmen.”

Soziales Engagement, im Großen wie im Kleinen, ist in der Volksrepublik ein heikles Terrain. Obwohl das Schicksal der kleinen Wang Yue der wohl krasseste Fall unterlassener Hilfeleistung ist, der in China für Schlagzeilen sorgt, so ist er doch nicht der erste. Anfang September starb im zentralchinesischen Wuhan ein 88-Jähriger, nachdem er auf einem Markt zusammengebrochen war und über eine Stunde keine Hilfe bekam. Die Passanten hatten offenbar Angst, dass es sich um einen Simulanten handeln könnte, der seinen Retter hinterher für den Unfall verantwortlich machen würde – ein seit mehreren Jahren verbreitetes Betrugsschema. Der Soziologie Gu Xiaoming glaubt, dass den 18 Passanten in Foshan ähnliche Überlegungen durch den Kopf gegangen sein können. „Die Leute denken in einer solchen Situation nur noch darüber nach, ob man sie zur Verantwortung ziehen wird, wenn sie zu helfen versuchen und das Mädchen dann stirbt“, sagt er.

Einige Intellektuelle fordern ein Gesetz, das unterlassene Hilfeleistung unter Strafe stellt. Andere sind allerdings skeptisch, ob sich Chinas moralische Probleme mit rechtlichen Mitteln lösen lassen. Schließlich gilt das Rechtssystem in China kaum als verlässlicher Ordnungsrahmen, sondern ist geprägt von Korruption und politischer Einflussnahme. Als etwa 2008 nach dem Skandal um verseuchte Babynahrung, an der mindestens sechs Kinder starben, Eltern vor Gericht klagen und eine transparente Aufklärung erzwingen wollten, wurden sie von der Polizei daran gehindert. Einer der Initiatoren musste sogar ins Gefängnis. „Wer außerhalb des Regierungsapparats Verantwortung zu übernehmen versucht, lebt gefährlich“, klagt ein Pekinger Bürgerrechtsanwalt, der Anfang des Jahres für mehrere Wochen in Haft war. „Das ist das eigentliche moralische Problem unserer Gesellschaft.“

Bernhard Bartsch | 20. Oktober 2011 um 10:37 Uhr

 

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