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China braucht sein Geld zu Hause

China erkauft sich mit Devisenreserven globalen Einfluss. Das Volk ist darüber geteilter Meinung.

Einerseits überheblich, andererseits um Hilfe bettelnd: diesen unsympathischen Charakterzug attestieren die Chinesen den Europäern. Wie mit den unhöflichen Bittstellern umzugehen ist – darüber ist man in China geteilter Meinung. Dass die Länder der Eurozone auf Finanzspritzen der devisenreichen Volksrepublik hoffen, sehen führende Staatsmedien als Zeichen Chinas neuer, mächtiger Rolle auf der globalen Bühne. Gleichzeitig warnen sie aber davor, im Ausland freigebig Milliarden zu verteilen, während ein Großteil des eigenen Volkes noch immer nur knapp über der Armutsgrenze lebt.

Das Versprechen von Premier Wen Jiabao, die Investitionen in Europa zu verstärken, signalisiere „Chinas Bereitschaft, eine größere Rolle bei der Förderung des globalen Wachstums zu spielen“, kommentiert die „China Daily“. Weil die „überschuldeten, reichen Länder“ Europas bisher nicht in der Lage gewesen seien, die Weichen für das 21. Jahrhundert zu stellen, sollten sie sich nicht zu fein sein, nach China zu blicken und sich dort abzuschauen, wie man „Qualitätswachstum“ generiert.

Die „Global Times“ bezweifelt, dass Chinas mühsam erarbeitetes Geld in Europa gut angelegt sei. „Europa möchte, das China sein Retter ist“, schreibt das Blatt. „Wird man China unverantwortlich nennen, wenn es sich weigert?“ Angesichts des Ausmaßes der europäischen Krise könne niemand garantieren, dass China sein Geld wiederbekomme. Stattdessen solle die Regierung lieber nach Möglichkeiten suchen, die Devisenreserven so einzusetzen, dass dadurch die Kaufkraft der eigenen Bevölkerung erhöht werde. Hinter derartigen Argumenten steckt ein Dilemma: So sehr Pekings Strategen hoffen, mit ihrem Geld internationalen Einfluss kaufen zu können, der Chinas Aufstieg und Wohlstand langfristig sichert, so sehr müssen sie sich hüten, dies öffentlich zuzugeben: die eigene Bevölkerung steht den chinesischen Auslandsinvestitionen skeptisch gegenüber.

Wie kontrovers in China über internationales Engagement diskutiert wird, zeigt die jüngste Debatte über ein chinesisches Spendenprojekt für Afrika. Die staatliche Stiftung für Jugendentwicklung will dort 1000 Grundschulen bauen. Zusammen mit einem chinesischen Unternehmerverband plant sie, dafür umgerechnet 170 Millionen Euro an Spendengeldern einzutreiben. Das Vorhaben löste einen Sturm der Entrüstung aus. „Warum sollten Chinesen Geld für Afrika spenden, während in ihrer Heimat noch immer Millionen Kinder Bedarf an grundlegender Bildung haben?“ kommentierte ein Blogger. Ein anderer meinte: „Vielleicht müssen wir Chinesen bald auswandern, wenn wir die Liebe unserer Regierung erfahren wollen.“

Für chinesische Medien ist der Afrikafall ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung Vorzeigeprojekte inzwischen zunehmend ablehnt und dies kundtut, wo sie kann. „Diskussionen über den öffentlichen Dienst, kollektive Interessen und gesellschaftlichen Einfluss dürfen in China nicht immer geführt werden“, kommentierte Jia Xijin, Politologin an der Peking-Universität. „Aber in diesem Fall sind einige Fenster aufgestoßen worden, und die Öffentlichkeit macht sich jetzt Luft.“

Bernhard Bartsch | 17. September 2011 um 08:03 Uhr

 

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