Bernhard Bartsch

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China braucht Obamas Erfolg

Peking fordert eine schnelle Reform des US-Finanzsystems – und wird dafür womöglich mitbezahlen

„Change“ in Washington – darauf hofft auch China. Da der Wirtschaftseinbruch in den USA auch Chinas Wachstum nach unten zieht, fordert Peking von Barack Obama eine schnelle Wiederbelebung der Konjunktur und eine grundlegende Reform des Finanzsystems. Vordergründig decken sich die Erwartungen mit den Vorhaben des neuen Präsidenten, doch im Detail steckt reichlich Konfliktstoff. So fürchtet China Obamas Wahlkampfdrohung, Schutzzölle gegen chinesische Waren zu erheben. Er hat der Volksrepublik mehrfach vorgehalten, ihre Währung künstlich billig zu halten und China so einen unfairen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Derzeit sorgt es in Peking für Verunsicherung, dass Obama sich seit seiner Wahl noch nicht zu seiner künftigen Chinapolitik geäußert hat. So ist noch unklar, ob er Chinas Wunsch nachkommen wird, den 2006 eingeführten strategischen Wirtschaftsdialog, bei dem zweimal im Jahr auf höchster Ebene über Fragen des bilateralen Handels gesprochen wird, fortzusetzen. Ohnehin möchte die Volksrepublik bei weltpolitischen Themen stärker involviert werden, sei es bei der Neuregelung der Finanzmärkte, dem Klimawandel, Rohstofffragen oder regionalen Konflikten. „Die USA und China sind voneinander abhängig“, erklärte Vizepremier Wang Qishan kürzlich. „Eine Verbesserung der chinesisch-amerikanischen Kooperation ist für beide Länder und den Rest der Welt von entscheidender Wichtigkeit.“ Die Chinesen sind durchaus in der Lage, sich in Washington Gehör zu verschaffen: Die Volksrepublik ist der größte Gläubiger der USA und hält Schatzanleihen in Höhe von rund 600 Milliarden Dollar. Insgesamt hat die Volksrepublik von ihren gut zwei Billionen Dollar Devisenreserven rund drei Viertel in den USA angelegt, unter anderem in Form von Anteilen an den Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddy Mac.

Auch bei der Finanzierung von Obamas Konjunkturprogramm dürften die Chinesen eine Rolle spielen, indem sie neue Schuldscheine kaufen. Wie sehr die beiden Länder einander brauchen, zeigt eine Studie der Citigroup. Demnach bedeutet jedes Prozent, das die US-Wirtschaft zurückgeht, für China einen Verlust von 1,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP). Nach Berechnungen der Heritage Foundation ist Chinas Handelsüberschuss gegenüber den USA für 6,5 Prozent des chinesischen BIP verantwortlich. In den ersten neun Monaten 2008 belief sich der bilaterale Handel auf 305 Milliarden Dollar. Ein Einbruch träfe beide Seiten hart.

Frankfurter Rundschau, 24. Dezember 2008

Bernhard Bartsch | 24. Dezember 2008 um 10:33 Uhr

 

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