Bernhard Bartsch

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China boomt mit Flower-Power

Chinas Wirtschaft wächst im zweiten Quartal um 7,9 Prozent – und stellt das Land erneut vor die Frage, ob jedes Wachstums gutes Wachstum ist.

Die Zeichen der wirtschaftlichen Erholung kann man in China am Straßenrand pflücken. Tausende Kilometer Blumenrabatten legten Arbeitertrupps in den vergangenen Monaten entlang den Verkehrsadern an. Von den Innenstädten pflanzten sie sich allmählich ins Umland, und inzwischen blühen selbst an wenig befahrenen Bergstraßen Stiefmütterchen und Bouganvillen. Die Begrünungskommandos sind Teil des umgerechnet 460 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms, mit dem die Regierung ihr Volk beschäftigt hält, während in den Fabriken Flaute herrscht.

Pekings Flower-Power funktioniert – zumindest für den Moment. Die jüngsten Konjunkturdaten, die das staatliche Statistikamt am Donnerstag veröffentlichte, zeigten einen Aufschwung, der die Erwartungen vieler Ökonomen übertraf: Im zweiten Quartal wuchs die chinesische Wirtschaft um 7,9 Prozent und nähert sich damit wieder Pekings Plansoll von acht Prozent an. Für das gesamte erste Halbjahr ergab sich daraus ein Wachstum von 7,1 Prozent. Im ersten Vierteljahr dümpelte die chinesische Konjunktur noch bei 6,1 Prozent – ein Wert, der bei Chinas Entwicklungsstand und Demographie bereits Rezessionserscheinungen hervorgerufen hatte, insbesondere einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Zwar scheint das staatliche Investitionsprogramm die Beschäftigungsmisere und den damit einhergehenden Konsumrückgang weitgehend abgefedert zu haben. Doch mit der Erholung stellt sich die Frage, wie nachhaltig die Rückkehr zum Turbowachstum ist, und ob das Geld in die richtigen Sektoren fließt. Auch Peking weiß, dass Blumenrabatten an Bergstraßen kein langfristig Erfolg versprechendes Wachstumsmodell sind. „Die Basis für die Erholung ist noch immer schwach und der Wachstumstrend unsicher“, erklärten die Staatsstatistiker am Donnerstag. „Der Erholungsprozess ist noch nicht ausbalanciert und voller Unsicherheiten.“ Vor allem die Exportwirtschaft, bisher einer der Haupttreiber des Wachstums, steckt noch immer tief in der Krise, weil die internationale Nachfrage ausbleibt. Im ersten Halbjahr lagen die Ausfuhren 22 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Peking versucht den Exporteinbruch durch Konsumförderung und Investitionsmaßnahmen auszugleichen. Im ersten Halbjahr vergaben die Banken doppelt so viel Kredite wie im Vorjahreszeitraum. Die Geldmenge steigt derzeit dreimal so schnell wie in den USA. In den Städten stiegen die Investitionen im ersten Halbjahr um ein Drittel. Auch ausländisches Kapital ist wieder leichter erhältlich. Am Mittwoch hatte die Zentralbank bekannt gegeben, dass die Devisenreserven Ende Juni einen Rekordstand von 2,13 Billionen Dollar erreicht haben und in den vergangenen Monaten insbesondere aufgrund ausländische Mittelzuflüsse gestiegen seien. In den ersten sechs Monaten erhöhte sich Pekings Devisenkonto um 186 Milliarden Dollar.

Doch das billige Geld birgt Risiken. Nachdem die Regierung den staatlichen Bankensektor Jahrelang angehalten hat, bei der Kreditvergabe schärfere Regeln anzulegen, um die Bildung von Blasen oder umweltschädigende Bauvorhaben zu vermeiden, ist Kapital nun wieder leicht erhältlich – und zwar fast für jede Art von Projekten. So zeigen die Kurven auf dem Immobiliensektor und an der Börse wieder steil nach oben. Die Wohnungspreise steigen derzeit aufs Jahr gerechnet um zehn Prozent. Der Shanghaier Leitindex legte seit Jahresbeginn um 75 Prozent zu und erreichte am Mittwoch ein 13-Monats-Hoch. Experten befürchten, dass die dringend benötigte Korrektur damit ausgeblieben sei und die Blasen der vergangenen Jahre nicht geplatzt seien, sondern sich neu aufpumpten.

So ist die Regierung derzeit in einer Zwickmühle: Einerseits will sie Zuversicht schüren, andererseits vor verfrühtem Optimismus warnen. Vergangene Woche erklärte Premier Wen Jiabao: „Ein Verbesserungstrend heißt noch lange nicht, dass die schwierige Zeit vorbei ist.“ Eine ähnliche Botschaft verbreitete das Staatliche Informationszentrum: „Der gegenwärtige Aufschwung ist in erster Linie ein kurzfristiges Auffüllen der Inventare, was nicht mit einem Erholungstrend zu verwechseln ist“, hieß es in einer Analyse. Von einem echten Aufschwung könne erst die Rede sein, wenn wieder in großem Maßstab in Produktionsmaschinen und andere Kapitalgüter investiert werde. Davon könnte dann auch die deutsche Industrie profitieren – wenn es denn erst soweit ist.

Bernhard Bartsch | 17. Juli 2009 um 00:56 Uhr

 

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