Bernhard Bartsch

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China bläst zum Angriff auf den Dollar

Peking fordert globale Leitwährung unter IWF-Aufsicht – und hebt damit einen Kernvorschlag des Uno-Reformkonzepts auf die G20-Agenda.

Bisher bemühte sich China bei internationalen Gipfeltreffen um die Rolle der stillen, freundlichen Riesen, doch kurz vor der Londoner Krisenrunde Anfang April zeigt die Volksrepublik, dass sie nicht nur groß, sondern auch stark ist. Mitten in den letzten Vorbereitungen der G20-Regierungschefs bläst Peking zum Angriff auf den US-Dollar. In einem Essay forderte Zentralbankchef Zhou Xiaochuan, die Weltwirtschaft dürfe nicht länger an der amerikanischen Währung hängen und plädierte stattdessen für die Einführung einer globalen Leitwährung unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IWF). „Eine überhoheitliche Leitwährung, die von einer globalen Institution gemanagt wird, könnte genutzt werden, um globale Geldflüsse einerseits zu schaffen und andererseits zu kontrollieren“, schrieb Zhou. „Der Ausbruch der Krise und ihr Ausbreiten auf die gesamte Welt haben die Verwundbarkeit und die systemischen Risiken des derzeitigen internationalen Währungssystems gezeigt.“

Die drittgrößte Volkswirtschaft wirft damit als erstes großes Land sein Gewicht hinter einen der Kernvorschläge des Uno-Ausschusses für die Reform der internationalen Wirtschafts- und Finanzordnung. Dessen Vorsitzender, der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, hatte Anfang der Woche in einem Interview mit dieser Zeitung erklärt, die Welt benötige dringend ein globales Reservesystem. „Das derzeitige System, das auf dem Dollar basiert, hat fundamentale Mängel“, so Stiglitz. Eine Erweiterung auf ein System mit zwei oder drei Schlüsselwährungen, sei ebenfalls keine Option, weil noch unstabiler sei. „Deswegen brauchen wir eine globale Reservewährung“, sagte der Ökonom, der außerdem für eine neue globale Kreditorganisation und eine weltwirtschaftliche Steuerungsgruppe plädiert.

Die Volksrepublik, die mit knapp zwei Billionen Dollar über die weltweit höchsten Devisenreserven verfügt, will ihre Ersparnisse in ausländischer Währung offensichtlich nutzen, um ihren globalen Einfluss zu stärken. Zeitgleich mit Zhous Vorstoß signalisierte seine Stellvertreterin Hu Xiaolian, dass China sich eine Stärkung des IWF wünsche, dabei aber eigene Bedingungen stelle. China sei bereit, dem IWF mehr Geld zur Verfügung zu stellen, wenn dieser eine „effizientere und zeitgerechtere Finanzierungsmethode“ wähle, erklärte die stellvertretende Notenbankchefin. „Sollte sich der IWF über die Ausgabe von Anleihen finanzieren, wird China deren Kauf aktiv erwägen.“ Die Ausstattung des Währungsfonds mit neuen Mitteln steht in London ganz oben auf der Agenda. Anders als Europa und Japan hat China bisher keine Zusagen gemacht, nicht zuletzt weil der IWF bisher von Washington dominiert wird und seine Gelder nicht nur nach ökonomischen, sondern auch nach politischen Kriterien vergibt.

Damit weht US-Präsident Barack Obama vor seinem ersten Treffen mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao der Wind ins Gesicht. Die Chinesen haben ein mächtiges Druckmittel: Zusammen mit den Japanern sind sie der größte Kunde amerikanischer Staatsanleihen. Washingtons Unterhändler versuchen derzeit, China für die Finanzierung eines möglichst großen Teiles von Obamas Konjunkturpaket zu gewinnen. Zwar erklärte Hu, dass Peking weiterhin an US-Schatzbriefen interessiert sei. Ein globales Reservesystem würde für USA wohl zur Folge haben, dass sie für Neuschulden deutlich höhere Zinsen zahlen müssten. Allerdings dürfte die Einführung eines neuen Währungsregimes kaum in absehbarer Zeit umsetzbar sein. Zwar erklärte Pekings stellvertretender Außenminister He Yafei kürzlich, Präsident Hu werde in London auf konkrete Zeitpläne für die Reform des globalen Finanzwesens drängen. Doch so groß ist seine Macht dann auch wieder nicht.

Bernhard Bartsch | 25. März 2009 um 02:58 Uhr

 

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