Bernhard Bartsch

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China bereitet europäischen Firmen Sorgen

Seit der Finanzkrise ist China für europäische Unternehmen wichtiger als je zuvor – obwohl sie sich von der Regierung zunehmend diskriminiert fühlen.

Für europäische Unternehmen nimmt die Bedeutung des chinesischen Marktes weiter zu, obwohl sie sich zunehmend verzerrten Wettbewerbsbedingungen ausgesetzt sehen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der EU-Handelskammer unter ihren Mitgliedern. „Einer sehr positiven Einschätzung der Wachstumschancen steht große Unsicherheit über die Entwicklung des regulatorischen Umfelds gegenüber“, sagte Kammerpräsident Jacques de Boisséson bei der Vorstellung des „Business Confidence Survey 2010“, einer jährlichen Erhebung, an der sich über 500 Firmen beteiligten.

Zwei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise, von der sich China schneller erholt hat als andere große Länder, sieht die Hälfte der europäischen Unternehmen China als einen noch wichtigeren Markt als zuvor. Nur vier Prozent gaben an, die Volksrepublik habe für sie an Bedeutung verloren. 78 Prozent der Unternehmen äußerten sich optimistisch über die Wachstumsaussichten in den kommenden zwei Jahren. Zwar bezeichnen aktuell nur 59 Prozent der europäischen Firmen ihr Geschäft als profitabel – ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Jahr 2008, als noch 70 Prozent in der Gewinnzone waren. Allerdings glauben sie mehrheitlich, die Probleme durch die Ausweitung ihres Marktanteils in den Griff bekommen und auf Sparrunden oder Entlassungen verzichten zu können.

Der Optimismus zeigt sich auch in hoher Investitionsbereitschaft. 30 Prozent der europäischen Firmen bezeichnen China als ihr wichtigstes Investitionsziel. Für weitere 34 Prozent rangiert China auf Platz zwei oder drei. Für fast ein Fünftel der Unternehmen planen, in China Geld für neue oder erweiterte Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen auszugeben. „Investitionen in Entwicklungskapazitäten sind wichtige Entscheidungen, die kein Unternehmen leicht nimmt“, sagt de Boisséson. „Dieses Engagement unterstreicht Chinas Bedeutung.“

Doch viele Manager fragen sich, inwiefern dieses Engagement auf Gegenseitigkeit beruht. In der Umfrage gaben 36 Prozent an, internationale Investoren seien in den vergangenen zwei Jahren zunehmend benachteiligt worden. 39 Prozent gehen davon aus, dass sich dieser Trend auch weiterhin fortsetzen werde. Zu den größten Problemen gehören das unzuverlässige Rechtssystem, Willkür bei Lizenzerteilungen und Registrierungsprozessen sowie der mangelnde Schutz geistigen Eigentums. „Das Problem sind nicht die Gesetze selbst, sondern wie sie umgesetzt werden“, sagt de Boisséson. „Europäische Unternehmen sind überwiegend der Meinung, dass die Behörden bei ihnen schärfer auf die Einhaltung von Gesetzen achten als bei chinesischen Konkurrenten.“ Weniger als die Hälfte der Firmen sind der Ansicht, dass China seine WTO-Verpflichtungen effektiv umsetzt oder umzusetzen versucht. Ein Viertel geht sogar davon aus, dass Peking aktiv versucht, die Regeln zu umgehen. In der Vergangenheit hatten die Europäer Chinas Bemühungen um internationale Standards noch deutlich positiver bewertet. „Diese Entwicklung geht in die falsche Richtung“, erklärt de Boisséson. Steigende Lohnkosten oder der Kurs des unterbewerteten chinesischen Yuan stellt für europäische Unternehmen dagegen kein großes Problem dar.

Sorgen bereitet den Europäern weiterhin der Streit um die Bevorzugung chinesischer Konzerne bei Staatsaufträgen. 2008 hatte Peking die Vergabe von Mitteln aus seinem Konjunkturprogramm zunächst an eine „Buy-Chinese“-Klausel gekoppelt, dann aber öffentlich wieder davon Abstand genommen. Viele ausländische Unternehmen glauben allerdings, dass sie de facto weiter gilt. EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso hatte Ende April gegenüber Chinas Premier Wen Jiabao die Gleichbehandlung ausländischer Unternehmen verlangt. Wen erklärte damals, dass es keine Diskriminierung geben werde. „Wir hoffen, dass den Worten des Premiers nun auch Taten folgen“, sagt de Boisséson und warnt Peking davor, das europäische Engagement als bedingungslos zu betrachten. „Wenn die Sachen sauer werden, ist China kein Muss“, mahnt der Kammerchef. Es sei daher im Interesse der chinesischen Regierung, mehr Planungssicherheit zu schaffen.

Bernhard Bartsch | 02. Juli 2010 um 06:49 Uhr

 

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