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China bekommt Berufsbuddhisten

Tibetische Mönche und Nonnen haben in China künftig Renten- und Versicherungsansprüche. Die Partei will damit ihre Protestbereitschaft schwächen.

Tibetischer Mönch zu sein, ist in China künftig ein anständiger Beruf. Die buddhistischen Geistlichen haben neuerdings Anspruch auf eine Rente und eine staatliche Gesundheitsversicherung, berichtete Pekings offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Dass tibetische Mönche und Nonnen unter den Schirm des staatlichen Sozialsystems kommen, ist Teil einer Kampagne der Kommunistischen Partei, die mit Zuckerbrot und Peitsche – sprich: Geld und Repressionen – versucht, die von Unruhen geprägte Region zu befrieden.

„Das ist ein maßgeblicher Schritt, um das Leben des tibetischen Volkes zu verbessern“, zitiert Xinhua Tibets stellvertretenden Parteichef Wu Yingjie. Mönche und Nonnen über 60 bekommen fortan eine monatliche Rente von 120 Yuan (14 Euro). Im Krankheitsfall übernimmt die Regierung jährlich Behandlungskosten von bis zu 50.000 Yuan (5857 Euro). Jüngere Geistliche müssen künftig Beiträge in die Sozialkassen zahlen. Die meisten tibetischen Geistlichen leben von Spenden der Öffentlichkeit und ihrer Familien sowie von dem kleinen Einkommen ihrer Klöster, die oft mit religiöser Beratung, Tourismus oder Landwirtschaft Geld verdienen.

Die buddhistische Sozialreform folgt auf die größte tibetische Protestwelle seit Jahren. Seit März haben sich zwölf Tibeter, darunter mehrere Mönche und eine Nonne, selbst angezündet, um gegen Pekings Einschränkungen der religiösen und kulturellen Freiheiten in den tibetischen Gebieten zu protestieren. Im März 2008 starben bei Krawallen mindestens 18 Menschen. Seitdem ist die Präsenz von Sicherheitskräften in der Region noch höher als in früheren Zeiten. Neue Richtlinien zur „Verbesserung des Managements tibetischer Tempel“ zwingen Mönche, Kurse in Staatsbürgerkunde zu absolvieren. Gleichzeitig rief Peking eine Initiative zur Verbesserung des Lebensstandards ins Leben. Bis 2015 sollen rund 40 Milliarden Euro in 226 Entwicklungsprojekte fließen. Im Jahr 2020 soll das Einkommen in den tibetischen Gebieten dem nationalen Durchschnitt angeglichen werden.

Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala macht für die angespannte Lage vor allem Pekings repressive Politik verantwortlich. Anfang der Woche warb der Kabinettschef der Exilregierung, Lobsang Sangay, in Deutschland um Unterstützung für den Kampf der Tibeter um kulturelle Autonomie in ihrer Heimat geworben. Die Kommunistische Partei sieht im Dalai Lama und seinen Anhängern ihrerseits gefährliche Separatisten. „Es ist ein brutales und terroristisches Vorgehen, junge Tibeter, die nichts über den Hintergrund oder die wirkliche Natur der ‚Tibetischen Freiheitsbewegung’ oder ‚Tibetischen Unabhängigkeit’ wissen, zum Selbstmord anzustiften“, wies die offizielle Zeitung „China Daily“ in ihrer Freitagsausgabe dem Dalai Lama die Verantwortung für die Selbstverbrennungen zu. „Extremismus, so wie ihn der Dalai Lama und seine Clique verfolgen, beschmutzt das Image des tibetischen Buddhismus und stört die soziale Ordnung.“

Bernhard Bartsch | 25. November 2011 um 15:55 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Andreas Gruschke

    07. Dezember 2011 um 18:02

    @ „Die meisten tibetischen Geistlichen leben von Spenden der Öffentlichkeit und ihrer Familien.“ + @ „Die buddhistische Sozialreform folgt auf die größte tibetische Protestwelle seit Jahren.“

    Tibetische Mönche, die registriert sind, bekommen schon seit Langem so etwas wie ein „bescheidenes Gehalt“. Was sie hier beschreiben ist die Fortsetzung einer Politik, die schon seit längerem in der gesamten Bevölkerung auf die Schaffung von Möglichkeiten einer sozialen Absicherung abzielt (das war Ihnen auch im Bericht „Chinas Sorgenkinder“, der gestern in der Badischen Zeitung veröffentlicht wurde, leider keine Bemerkung wert). Dass sie solche Maßnahmen nicht im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang sehen, passt ins Image, das im Westen gepflegt wird, zeugt aber leider von einer geringen Analysefähigkeit. Das schien mir zu Beginn Ihres Korrespondentendaseins noch anders. Aber wahrscheinlich ist es leichter, den gängigen exiltibetischen Interpretationen zu folgen als hier gegen den Strom schwimmen zu wollen. Das ist sehr anstrengend, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, weil einem dann gleich China-Hörigkeit unterstellt wird.
    Übrigens verdienen viele Mönche regulär durch Sutrenlesen usw. in Privathaushalten – diese werden durchaus in Form von Dienstleistungen abgeleistet. Die Einkommen zahlreicher Großklöster bestehen heutzutage wie in alter Zeit zu nicht unbeträchtlichen Teilen aus Handel, Finanzdienstleistungen (= Geldverleih) u. dgl. und haben insbesondere in vielen osttibetischen Klöster teilweise zum Bau prestigeprächtiger Großbauten geführt. Ausländer schreiben sich diese gerne auf die Fahnen ihrer Spenden und haben dabei keine Ahnung, dass diese viel häufiger auf Spenden der eher einfach lebenden tibetischen Landbevölkerung, aber auch reicher chinesischer Mittelständler und Industrieller beruhen. Ich kenne unter Tibetern zahlreiche kritische Stimmen, die sich jedoch aufgrund der Bedeutung der Lamas für die Identität nicht trauen, Kritisches hierzu zu äußern, weil sie sonst als Nestbeschmutzer gelten.
    Leider ist durch 60 Jahre unsäglicher Propaganda von beiden Seiten die Situation inzwischen so verfahren, dass offenbar keine Annäherung mehr möglich ist. Traurig.