Chinesischer Rettungsschirm
China stellt Europa Finanzhilfe in Aussicht und fordert im Gegenzug den Marktwirtschaftsstatus. Das würde Dumping-Klagen gegen „Made in China“ erschweren.
Der sprichwörtliche „reiche Onkel aus Amerika“ ist Vergangenheit – die neuen reichen Onkel sitzen in China. Das ist zumindest die Rolle, die viele Europäer sich von der Volksrepublik erhoffen und welche die Chinesen gerne spielen. Regierungschef Wen Jiabao, Herr über die höchsten Devisenreserven der Welt, erneuerte am Mittwoch sein Versprechen, den finanziell angezählten Euro-Staaten unter die Arme zu greifen…
In der Abwärtsspirale
Ratingagentur stuft Japans Kreditwürdigkeit herunter. Die Regierungsprobleme wachsen.
Peking Kreditbewertungen sind für Staaten wie Führungszeugnisse für Menschen: Wer keinen einwandfreien Leumund vorweisen kann, gerät leicht in den Strudel von Verdächtigungen. Denn Länder, deren Kreditwürdigkeit in Zweifel steht, können diese letztlich nur durch gute Wirtschaftsdaten zerstreuen. Doch der Versuch, mit immer neuen schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen Wachstum zu generieren, schlägt häufig fehl. Japan scheint in einer solchen Schuldenspirale gefangen zu sein…
Intransparente Weltmacht
Inmitten der Turbulenzen in den USA und Europa erscheint China als globaler Stabilitätsanker. Dabei kämpft auch die Volksrepublik mit strukturellen Problemen.
Wer nicht akut gefährdet ist, gilt derzeit als stabil. Angesichts der Turbulenzen in den USA und Europa erscheint China deshalb wie ein Fels in der Brandung. Mit Devisenreserven von über drei Billionen US-Dollar wirkt die Volksrepublik finanziell unerschütterlich. Wie Wirtschaft weist weiterhin boomende Wachstumszahlen auf: Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 9,5 Prozent. Und dass China die letzte Krise dank eines gewaltigen Stimuluspakets besser und schneller überstand als alle anderen großen Volkswirtschaften, scheint Gewissheit zu verleihen, dass Peking auch einem neuerlichen Absturz der Weltwirtschaft gewachsen wäre. Doch die öffentliche Wahrnehmung im Westen sagt mehr über die eigenen Sorgen als über die chinesische Realität…
Zwischen Nervosität und Triumph
Genüsslich verfolgt China das Ringen der USA um seine Schuldengrenze. Peking ist Washingtons größter Gläubiger – und politisch der mächtigste Konkurrent.
Eine kleine Weltkugel versucht panisch einer Lawine davonzulaufen, auf der „US-Schulden“ steht. Die Karikatur aus der China Daily gehört noch zu den verhaltendsten Kommentaren, welche derzeit aus Peking Richtung Washington geschickt werden. Andere werfen der Supermacht offen vor, gegenüber der Welt gefährlich, unverantwortlich und rücksichtslos zu handeln. Mit einer Mischung aus Nervosität und Triumph verfolgen die Medien der Volksrepublik das politische Ringen um eine Anhebung der Schuldengrenze…
Herr Guan teilt aus
Eine chinesische Ratingagentur zweifelt an der Kreditwürdigkeit der USA: ein PR-Gag oder ein Signal, dass Washingtons größter Gläubiger das Vertrauen verliert?
Die Ratingagentur Dagong Global Credit Rating ist alles andere als ein Global Player. Doch seitdem das Pekinger Bewertungshaus Zweifel an der Kreditwürdigkeit der USA geäußert hat, kann sich Firmenchef Guan Jianzhong vor Interviewanfragen kaum retten. Wenn sich die Haushaltslage der USA nicht bald verbessere, “werden wir die US-Anleihen definitiv herabstufen”, gab Guan mehrfach zu Protokoll…
Chinas Mann für Lagarde
Der Chinese Zhu Min wird Vizechef des Internationalen Währungsfonds und soll dort Pekings umstrittene Wirtschaftspolitik hoffähig machen.
Für den Chefsessel hat es nicht gereicht, doch der Platz daneben ist womöglich ohnehin der mächtigere: Der chinesische Wirtschaftspolitiker Zhu Min, der in den vergangenen Wochen als möglicher Pekinger Kandidat für den Topposten im Internationalen Währungsfonds (IWF) gehandelt wurde, soll eine neugeschaffene Position als Stellvertreter bekommen…
Handelssünder China
Die Welthandelsorganisation fordert die Freigabe von Rohstoffausfuhren.
Chinas Ruf in der Weltwirtschaft ist nicht der beste. Immer wieder muss sich die Volksrepublik den Vorwurf gefallen lassen, sie nehme es mit den internationalen Spielregeln nicht so genau – sei es bei Patentrechten, bei Preisdumping oder bei Marktabschottung. Nun hat auch das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation (WTO) Chinas Praktiken in einem weithin beachteten Fall verurteilt…
Teurer als die Partei erlaubt
Die Inflation macht auch vor China nicht halt und steigt auf 5,5 Prozent. Die Regierung fürchtet soziale Spannungen – trotz Wachstumsraten von fast zehn Prozent.
Wenn Pekings Propagandabehörden chinesischen Medien Direktiven schicken, wie über ein bestimmtes Thema zu berichten ist, handelt es sich stets um politisch sensible Probleme. Auch die Inflation gehört derzeit zu den sogenannten “heißen Punkten”: Seit Monaten sorgen sich die Chinesen um die steigenden Preise für Fleisch, Reis sowie andere Lebensmittel und Alltagsgüter. Die Kommunistische Partei befürchtet, dass die Inflationsangst soziale Spannungen anheizen könnte und hält Journalisten deshalb an, in ihren Berichten über die Teuerung stets um Vertrauen für die Maßnahmen der Regierung zu werben…
Vorfahrt für China
Die Shanghaier Automesse wird zum weltgrößten Branchentreffpunkt.
Der VW-Käfer war die Ikone des deutschen Wirtschaftswunders – sein neuestes Nachfolgemodell wurde symbolkräftig in Shanghai enthüllt. Das Boomland China ist inzwischen der größte Automarkt der Welt und die am Dienstag eröffnete “Auto Shanghai” mittlerweile die bedeutendste Messe der Branche. Neben VW zeigen sich auch alle anderen internationalen Hersteller bemüht, durch eindrucksvolle Premieren ein Bekenntnis zu ihrem Chinageschäft abzulegen. Fast zwei Dutzend Weltneuheiten zeigen sie in Shanghai, und mehr als 70 neue Modelle werden präsentiert. Damit ist China endgültig zur großen Bühne der Autoindustrie geworden…
Die Anti-G8
In China etablieren sich die BRICS-Staaten als Bündnis der Schwellenländer und politisches Gegengewicht zu den westlich dominierten Weltorganisationen.
Braucht die Welt einen weiteren Staatenclub? Ist im diplomatischen Betrieb noch Bedarf an einem weiteren Diskussionsforum, in dem Regierungschefs und Minister über Themen sprechen können, die in anderen Runden zu kurz kommen? Reichen nicht etablierte Plattformen wie das Treffen der (ehemals) größten Wirtschaftsmächte (G8), die Versammlung der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20), die Konferenzen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder die Sitzungen der zahlreichen Uno-Institutionen, der Bretton-Woods-Einrichtungen (Weltbank und Internationaler Währungsfonds) sowie diverser regionaler Zusammenschlüsse (EU, Asean, Apec)?…
“Wir verschwenden riesige Wachstumspotentiale”
Ökonom Jagdish Bhagwati über die Zukunft des Welthandels und seine Differenzen mit Barack Obama, Angela Merkel, Paul Krugman und dem Handelsblatt.
Bernhard Bartsch: Professor Bhagwati, viele Länder versuchen sich derzeit mit protektionistischen Maßnahmen zu schützen, die Doha-Verhandlungen zum weltweiten Zollabbau stecken fest und der Euro ist in Gefahr. Wie viele Sorgen müssen wir uns machen?
Bhagwati: Zuerst die gute Nachricht: In der Krise haben wir längst nicht so viel Protektionismus erlebt, wie viele befürchtet haben. In der Politik gibt es inzwischen ein starkes Bewusstsein dafür, dass Marktabschottung in unserer vernetzten Welt allen schadet. Und selbst wenn ein Land das versucht, nützt es nicht viel, weil die anderen Staaten dann im Gegenzug das gleiche tun…
Großes Rad statt kleiner Schrauben
Chinas Regierung glaubt an die Macht der Technik. Megaprojekten sollen die Umwelt retten, die Wasserversorgung sicherstellen und die Energieversorgung sichern.
Wie aberwitzig muss ein Plan sein, um als unrealisierbar zu gelten in einem Land, das schon in vorchristlichen Zeiten seine Grenze mit einer über 6000 Kilometer langen Mauer zu sichern begann und im 6. Jahrhundert einen 1800 Kilometer langen Kanal aushob, damit Reis per Schiff aus dem fruchtbaren Süden in die Hauptstadt Peking transportiert werden konnte? Wang Xiushuns Vorhaben scheint jedenfalls plausibel genug, um seit mehreren Jahren Chinas höchste Politiker zu beschäftigen…
China holt Silber
China löst Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft ab – und könnte um 2025 auch die USA überholen.
Die Weltwirtschaft ist nicht die Fußball-Bundesliga. Trotzdem verfolgen auch Ökonomen gerne Ranglisten und diskutieren statistische Auf- oder Abstiege. Vielen gilt es deshalb als historische Zäsur, dass China im vergangenen Jahr Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht abgelöst hat. Die Japaner hatten den Rang hinter den USA 42 Jahre inne…
Nummernschilder zu gewinnen
Wer sich in Peking ein Auto kaufen will, braucht nicht nur Geld, sondern auch viel Glück.
Autos kann man in Peking künftig nicht mehr einfach kaufen, sondern nur noch gewinnen. Oder genauer: Das Recht zum Autokauf wird fortan verlost. Damit versuchen die Verkehrsbehörden den drohenden Verkehrskollaps auf den Straßen der Hauptstadt abzuwenden. Wie viele Pekinger deshalb um ihren Traum von den eigenen vier Rädern fürchten, zeigte sich bei der ersten Pekinger Nummernschildlotterie diese Woche…
Geschäft mit der Eltern-Angst
Das Rote Kreuz stattet chinesische Schüler mit GPS aus – profitieren tun andere.
Die Meldung ging um die Welt: Das Rote Kreuz will Chinas Kinder mit GPS-Sendern ausrüsten, um sie vor Entführungen zu schützen. 20 000 Geräte seien bereits kostenlos verteilt worden, berichtete Pekings Rote-Kreuz-Stiftung vor zwei Wochen stolz der Presse. Bis Jahresende sollten mindestens 100 000 Apparate im Einsatz sein. Der Plan, der ein wenig an Fußfesseln für Kriminelle oder Ortungssender für Pinguine erinnert, erschien vielen als eine Hightech-Lösung für ein verbreitetes Problem…