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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Wirtschaft</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>China boykottiert Europas Klimaschutz</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 15:01:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaschutz]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>China verbietet seinen Fluglinien, sich am europäischen Emissionshandel zu beteiligen und provoziert damit einen Machtkampf.</h3>
Peking stemmt sich gegen die Bemühungen der Europäischen Union, Fluglinien für den von ihnen verursachten Klimagasausstoß zur Kasse zu bitten. In einer am Montag veröffentlichten Anordnung verbietet Chinas Luftfahrtbehörde (CAAC) den chinesischen Airlines, den Zahlungsaufforderungen im Rahmen des europäischen Emissionshandels zum Schutz des Klimas Folge zu leisten. Seit Anfang des Jahres müssen alle Fluglinien, deren Maschinen in Europa starten oder landen, Zertifikate für den verursachten Kohlenstoffdioxidausstoß vorweisen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China verbietet seinen Fluglinien, sich am europäischen Emissionshandel zu beteiligen und provoziert damit einen Machtkampf.</h3>
<p>Peking stemmt sich gegen die Bemühungen der Europäischen Union, Fluglinien für den von ihnen verursachten Klimagasausstoß zur Kasse zu bitten. In einer am Montag veröffentlichten Anordnung verbietet Chinas Luftfahrtbehörde (CAAC) den chinesischen Airlines, den Zahlungsaufforderungen im Rahmen des europäischen Emissionshandels zum Schutz des Klimas Folge zu leisten. Seit Anfang des Jahres müssen alle Fluglinien, deren Maschinen in Europa starten oder landen, Zertifikate für den verursachten Kohlenstoffdioxidausstoß vorweisen.</p>
<p>Die europäische Regelung widerspreche „den betreffenden Grundsätzen des UN-Rahmenabkommens für den Klimawandel und internationalen Luftfahrtvorschriften“, begründet die CAAC die auf Kabinettsebene getroffene Entscheidung. Mit ihrer Weigerung fliegen die Chinesen im Windschatten anderer außereuropäischer Fluglinien. Die US-Luftfahrtorganisation und die amerikanischen Gesellschaften American Airlines und United Continental protestieren schon seit einem Jahr gegen das System. Ihr Argument: bei den Flügen wird der CO-Ausstoß auf dem gesamten Flug zugrunde gelegt, nicht nur der Anteil in europäischem Luftraum. Eine Klage vor dem europäischen Gerichtshof scheiterte jedoch. Auch der Verband der Fluglinien aus Asien-Pazifik (AAPA), dem unter anderem die Hongkonger Airline Cathay Pacific, Singapore Airlines und Thai Airways angehören, fordert eine Nachbesserung der Gesetze. Anders als die Chinesen haben die Fluglinien allerdings erklärt, ihren gesetzlichen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu wollen.Bei der EU-Delegation in Peking hofft man, den Konflikt am Verhandlungstisch lösen zu können. EU-Botschafter Markus Ederer rechnete am Montag vor Journalisten vor, dass die Abgabe einen durchschnittlichen Flug von China nach Europa um 17,5 Yuan oder umgerechnet zwei Euro teurer machen würde. „Ich überlasse es jedem zu überlegen, ob das zu teuer ist, um das Weltklima zu retten“, sagte er. „Flugzeuge sind eine wichtige Emissionsquelle und sollten reguliert werden.“ Unmittelbare Auswirkungen des Boykotts gebe es vorerst nicht, da die Zahlungen für 2012 erst Anfang kommenden Jahres abgerechnet werden, wenn die Fluglinien ihren Ausstoß an klimaschädlichen Gasen melden müssen. Dabei müssen sie im ersten Jahr nur für 15 Prozent des Ausstoßes Verschmutzungsrechte kaufen, der Rest ist umsonst.</p>
<p>Die chinesische Verkehrsbehörde CATA hat berechnet, dass die chinesischen Airlines 2012 rund 800 Millionen Yuan (96 Millionen Euro) für Zertifikate aufbringen müssten. Bis 2020 könnten sich die Kosten verdreifachen. Sollten die Chinesen nicht zahlen, sieht das Gesetz Strafen von 100 Euro pro Tonne COvor. In letzter Konsequenz könnten in einem solchen Fall sogar Flugverbote verhängt werden.</p>
<p>Mit dem Konflikt bekommen die europäisch-chinesischen Beziehungen ein weiteres Problemthema – und das just vor dem am kommenden Wochenende stattfindenden EU-China-Gipfel. Dabei hatte Peking den Europäern noch vor wenigen Tagen neue Kooperationsmöglichkeiten in Aussicht gestellt. Beim Pekingbesuch von Kanzlerin Angela Merkel signalisierte Premier Wen Jiabao, dass die Volksrepublik sich mit einem Teil ihrer Devisenreserven für die Rettung des Euro einsetzen wolle. Merkel hatte ausdrücklich Pekings progressiven Kurs bei den internationalen Klimaschutzbemühungen gewürdigt.Dass die Staatengemeinschaft sich im Dezember in Südafrika darauf geeinigt habe, bis 2020 ein rechtlich verbindliches Klimaschutzabkommen auszuhandeln, „ist auch China zu verdanken“, erklärte sie bei einer Rede vor Wissenschaftlern eines staatlichen Thinktanks. Umweltpolitiker hatten in Durban sogar bereits von einem klimapolitischen Schulterschluss zwischen China und der Europäischen Union geträumt, der die USA unter Zugzwang hätte bringen können. Doch angesichts des Airline-Streits fällt solcher Optimismus schwer.</p>
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		<title>Chinas Weg zum Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 11:34:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Handel]]></category>
		<category><![CDATA[Patentrechte]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>China feiert zehn Jahre WTO-Mitgliedschaft. Für die Volksrepublik hat sich der Beitritt gelohnt, im Rest der Welt ist man sich weniger sicher.</h3>
Es war eine Wette mit hohem Einsatz und großem Risiko: Vor zehn Jahren trat China der Welthandelsorganisation (WTO) bei – eine wirtschaftspolitische Entscheidung, die in der chinesischen Führung und Öffentlichkeit umstritten war wie wenige zuvor. Premier Zhu Rongji, die treibende Kraft hinter den Beitrittsverhandlungen, wurde von Pekings Konservativen als „Verräter“ und „Wirtschaftsnutte“ beschimpft, weil sie hinter der Marktöffnung den Ausverkauf chinesischer Interessen und eine Unterhöhlung der Souveränität sowie der Herrschaft der Kommunistischen Partei sahen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China feiert zehn Jahre WTO-Mitgliedschaft. Für die Volksrepublik hat sich der Beitritt gelohnt, im Rest der Welt ist man sich weniger sicher.</h3>
<p>Es war eine Wette mit hohem Einsatz und großem Risiko: Vor zehn Jahren trat China der Welthandelsorganisation (WTO) bei – eine wirtschaftspolitische Entscheidung, die in der chinesischen Führung und Öffentlichkeit umstritten war wie wenige zuvor. Premier Zhu Rongji, die treibende Kraft hinter den Beitrittsverhandlungen, wurde von Pekings Konservativen als „Verräter“ und „Wirtschaftsnutte“ beschimpft, weil sie hinter der Marktöffnung den Ausverkauf chinesischer Interessen und eine Unterhöhlung der Souveränität sowie der Herrschaft der Kommunistischen Partei sahen. Zhu hingegen rechtfertigte die Integration in die Weltwirtschaft damit, dass sie Chinas Reformen beschleunigen und das Land wettbewerbsfähiger und wohlhabender machen werde.</p>
<p>Zehn Jahre später hat sich die Wette voll ausgezahlt: China ist von der siebtgrößten zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht aufgestiegen und wächst auch in Krisenzeiten mit annähernd zweistelligen Raten. Das Handelsvolumen hat sich seit 2001 verfünffacht, das durchschnittliche Prokopf-Einkommen vervierfacht. Rund um das Jubiläum am 11. Dezember feiert die Partei deshalb ihre damalige Weitsicht. „China stand vor einer riskanten und schwierigen Wahl“, erklärt Handelsminister Chen Deming, „aber es war die richtige Wahl.“</p>
<p>Andersherum dürfte die Antwort allerdings weniger eindeutig ausfallen: In den westlichen Industrienationen sind sich heute nicht mehr alle sicher, ob Chinas Aufnahme in die WTO eine gute Idee war. Zwar ist die der chinesische Markt heute ungleich offener als vor zehn Jahren. Doch gegen kein Land gibt es mehr Wettbewerbsklagen als gegen die Volksrepublik, und in vielen Branchen wird der Zugang durch sogenannte nichttarifäre Handelsbarrieren behindert. Vier von zehn deutschen Unternehmen fühlen sich davon betroffen, zeigt eine Studie der Deutschen Handelskammer. 57 Prozent der deutschen Niederlassungen wurden außerdem Opfer von Patentrechtsverletzungen, 17 Prozent sogar wiederholt. Was anfangs noch als Anpassungsschwierigkeit durchgehen konnte, gilt inzwischen als systemisches Problem. Die europäische Handelskammer klagte kürzlich, Chinas Öffnungstrend sei inzwischen umgekehrt. EU-Handelskommissar Karel De Gucht forderte daraufhin, China müsse sich nicht nur zu den Regeln der WTO, sondern auch zu ihrer „Seele “ bekennen.</p>
<p>China „hätte seine spektakuläre Entwicklung nicht erreichen können ohne das offene Welthandelssystem, dessen Vorteile China seit zehn Jahren genießt“, erklärte De Gucht. In den Washington, wo die Konfliktbereitschaft mit Peking traditionell größer ist als in europäischen Hauptstädten, wird man deutlicher: „Man hat den Eindruck, das China Jahr für Jahr mehr einen Staatskapitalismus anstrebt statt eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Reformen, die ursprünglich die Motivation für die WTO-Mitgliedschaft waren“, sagt WTO-Botschafter Michael Point. „Das ist eine beunruhigende Entwicklung und die Vereinigten Staaten fordern die chinesische Regierung auf, die Richtung ihrer Politik zu überdenken.&#8221; In den USA sieht man vor allem den künstlich billigen Yuan als Affront, weil dieser den chinesischen Produkten international einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft. Der Streit löst immer wieder zu einem Handelskrieg zu eskalieren, in dem beide Seiten Produkte des anderen mit Strafzöllen belegen.</p>
<p>Doch der ruppige Umgang mit WTO-Regeln ist nicht die einzige Herausforderung, die China für die Welt darstellt. Chinas Aufschwung zum weltgrößten Billiglohnland habe den Produktionssektor in den Industrienationen stark getroffen, und durch die WTO-Mitgliedschaft sei dieser Trend noch beschleunigt worden, findet Richard Koo, Chefökonom des Nomura Research Institute in Tokio. „Vor zehn Jahren habe ich argumentiert, dass das weltweite Freihandelssystem seit dem Zweiten Weltkrieg deshalb so gut funktioniert hat, weil zwei Länder nicht dabei waren: China und Indien”, sagt Koo. „Wären sie gleich dabei gewesen, hätten die anderen Länder für ihre eigenen Märkte ganz andere Sicherheitsmechanismen eingeführt.“ Während China seine WTO-Mitgliedschaft zurecht feiere, seien im Rest der Welt „viele nicht mehr so glücklich“.</p>
<p>Der freie Handel hat China auch zum devisenreichsten Land der Welt gemacht. Wegen seines hohen Handelsbilanzüberschusses, sitzt die Regierung inzwischen auf Devisen von 3,2 Billionen US-Dollar. Das Geld gibt China in Zeiten der westlichen Staatsschuldenkrise erheblichen politischen Einfluss. Premier Wen Jiabao deutete kürzlich an, sein Land könne die Vergabe von Krediten an europäische Staaten an die Bedingung knüpfen, China offiziell den Marktwirtschaftsstatus zuzuerkennen. WTO-Prozesse gegen chinesische Wettbewerbsverzerrungen würden damit noch schwieriger.</p>
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		<title>&#8220;Europa hat die japanische Krankheit&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Dec 2011 01:56:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Euro]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Schuldenkrise]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Ökonom Richard Koo über das Wesen der Schuldenkrise, die Rettung des Euro und deutsche Luxusprobleme.</h3>
<em><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/12/Richard_Koo_1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2892" title="Richard_Koo_(Coypright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/12/Richard_Koo_1.jpg" alt="" width="162" height="204" /></a>Bernhard Bartsch: Herr Koo, Europas Regierungschefs suchen einen Ausweg aus der Eurokrise. Können die Rettungspläne die Probleme lösen, oder verschlimmern sie die Lage nur?</em>

Richard Koo: Ich fürchte, dass sich in Europa viele nicht bewusst sind, mit welchen Problemen sie es eigentlich genau zu tun haben. Dabei ist die Antwort meiner Meinung nach klar: Europa und auch die USA haben sich die japanische Krankheit eingefangen.

<em>Japan hat nach dem großen Einbruch von Anfang der 1990er nie wieder zu seiner alten Dynamik zurückgefunden. Droht jetzt auch Europa ein "verlorenes Jahrzehnt"?...</em>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ökonom Richard Koo über das Wesen der Schuldenkrise, die Rettung des Euro und deutsche Luxusprobleme.</h3>
<p><em><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/12/Richard_Koo_11.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2894" title="Richard_Koo_(Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/12/Richard_Koo_11-1024x680.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Bernhard Bartsch: Herr Koo, Europas Regierungschefs suchen einen Ausweg aus der Eurokrise. Können die Rettungspläne die Probleme lösen, oder verschlimmern sie die Lage nur?</em></p>
<p>Richard Koo: Ich fürchte, dass sich in Europa viele nicht bewusst sind, mit welchen Problemen sie es eigentlich genau zu tun haben. Dabei ist die Antwort meiner Meinung nach klar: Europa und auch die USA haben sich die japanische Krankheit eingefangen.</p>
<p><em>Japan hat nach dem großen Einbruch von Anfang der 1990er nie wieder zu seiner alten Dynamik zurückgefunden. Droht jetzt auch Europa ein &#8220;verlorenes Jahrzehnt&#8221;?</em></p>
<p>Ja, wenn die Politik nicht die richtigen Lehren aus den japanischen Erfahrungen zieht und entsprechende Maßnahmen einleitet.</p>
<p><em>Wie müssten die aussehen?</em></p>
<p>Ich habe einen Plan, der recht einfach umzusetzen wäre, viel einfacher jedenfalls als alle Vorschläge, die jetzt auf dem Tisch liegen. Aber dafür muss man erst einmal die japanische Krankheit selbst verstehen.</p>
<p><em>Klären Sie uns auf.</em></p>
<p>So eine Krise wird dadurch ausgelöst, dass eine landesweite Preisblase platzt, so wie in Japan Anfang der Neunziger, und in den USA und Europa 2008 nach dem Lehman-Schock. Die Preise, etwa von Immobilien, brechen ein, aber die damit verbundenen Schulden bleiben bestehen. Unternehmen und Privathaushalte stecken plötzlich tief im Minus und versuchen um jeden Preis, ihre Schulden abzubauen, um ihre Bilanzen zu sanieren. Damit macht zwar jeder Einzelne für sich das Richtige, aber kollektiv ist das genau das Falsche.</p>
<p><em>Weil alle sparen und niemand Geld ausgibt?</em></p>
<p>Genau. Denn die Spareinlagen des einen sind ja der Kredit des anderen. Stellen Sie sich einen Haushalt vor, der 1000 Euro verdient und davon 100 Euro spart: Die 900 Euro, die er ausgibt, fließen direkt wieder in den Kreislauf, und die 100 Euro gehen zu einer Bank, die sie an jemanden weitergibt, der sich Geld leihen will. Aber wenn alle nur noch ihre Schulden zurückbezahlen wollen und niemand sich Geld leiht, bleiben die 100 Euro bei der Bank, selbst bei Nullzinsen, wie wir sie derzeit haben.</p>
<p><em>Im Kreislauf sind also nur noch 900 Euro, und weil der nächste davon auch noch einmal zehn Prozent zur Bank bringt, sind es nur noch 810, und so weiter. Die Volkswirtschaft schrumpft.</em></p>
<p>Und zwar sehr schnell. Weil der Auslöser darin besteht, dass alle ihre Bilanzen von Schulden säubern wollen, nenne ich dieses Phänomen eine Bilanzrezession. Das ist der Mechanismus, der 1929 zur Großen Depression geführt hat, Anfang der 1990er Japan in die Krise gestürzt hat und heute den USA und großen Teilen Europas droht.</p>
<p><em>Und was ist dann zu tun?</em></p>
<p>Der Staat muss das Geld, das im Bankensystem feststeckt, leihen und wieder in Umlauf bringen. Der Staat muss diesen Stimulus so lange aufrechterhalten, bis die Unternehmen und Haushalte ihre Schulden abgebaut haben und sich selbst wieder Geld zu leihen beginnen. Der schlimmste Fehler, den eine Regierung in dieser Phase begehen kann, besteht darin, selbst zu sparen.</p>
<p><em>Genau das ist derzeit aber das erklärte Ziel der europäischen Regierungen . . .</em></p>
<p>. . . und man braucht sich nur das japanische Beispiel anzuschauen, um zu wissen, wozu das führt: Anfang der Neunziger hat Japans Regierung zunächst viel Geld in Umlauf gebracht und die Konjunktur schnell stabilisiert. Aber dann wurde sie ungeduldig und hat 1997 eine große Haushaltskonsolidierung eingeleitet mit dem Ergebnis, dass die Wirtschaft im Rekordtempo zusammengebrochen ist und Japan die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit erlebt hat. Diesen Fehler drohen die Europäer jetzt auch zu machen: Nach dem Lehman-Schock haben die Regierungen zwar erst einmal schnell reagiert und den freien Fall gestoppt. Aber die Unternehmen und Haushalte haben noch immer viele Schulden in ihren Bilanzen. Wenn der Staat jetzt spart, dann könnte die nächste Große Depression, von der wir gerade gedacht haben, dass wir an ihr vorbeigeschrammt sind, doch noch kommen.</p>
<p><em>Aber ist es nicht das Merkmal der Krise, dass viele Staaten derart hohe Schulden angehäuft haben, dass sie gar nicht mehr die Möglichkeit haben, diese mit noch mehr Schulden zu bekämpfen.</em></p>
<p>Meiner Meinung nach ist die Schuldenkrise kein weltweites Phänomen, sondern das spezielle Problem der Eurozone. Die USA, Japan oder Großbritannien haben ja auch riesige Defizite, aber die Anleiherenditen sind dort überall auf einem absurd niedrigen Niveau, die Märkte betteln die Regierungen quasi an, sich Geld zu leihen. Nur in der Eurozone ist das anders.</p>
<p><em>Und warum?</em></p>
<p>Weil es in der Eurozone einen einzigartigen Kapitalfluss gibt. Erinnern sie sich an unser Ausgangsproblem: Unternehmen und Haushalte sparen, niemand leiht sich Geld, so dass es bei den Banken steckenbleibt. Wenn deren Fondsmanager kein Wechselkursrisiko eingehen und die Einlagen garantieren müssen, bleibt ihnen keine andere Wahl, als Staatsanleihen in eigener Währung zu kaufen. Aber kauft ein spanischer Fondsmanager derzeit spanische Bonds? Nein, so viel Schlechtes, wie er über seine Regierung hört, kauft er lieber deutsche, niederländische, oder finnische. Das ist die Krux: Die Spanier sparen, aber ihre Regierung kann sich kein Geld leihen. In Portugal oder Irland ist es das gleiche, auch dort gibt es beträchtliche Ersparnisse, die in andere Euroländer fließen.</p>
<p><em>Nur die Griechen haben keine eigenen Ersparnisse, deshalb sind die Aussichten dort schlecht. Die Lösung des Europroblems muss also darin liegen, Geldabflüsse zu stoppen.</em></p>
<p>Ja, in der Eurozone sollte die Regel eingeführt werden, dass die Mitgliedstaaten ihre Staatsanleihen nur noch an ihr eigenes Volk verkaufen dürfen. Dann bleiben die Ersparnisse im eigenen Land und die Regierung kann mit der Sanierung des eigenen Haushalts warten, bis die Unternehmen ihre Bilanzen bereinigt haben und die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt. Dann brauchen die Euroländer sich auch nicht mehr über ihre Haushaltsdefizite und die Dreiprozentklausel zu streiten: Wer vom eigenen Volk viel Geld geliehen bekommt, kann auch ein hohes Defizit haben, und wer wie die Griechen keine Ersparnisse hat, muss eben sparen. Diese Regel bietet gleichzeitig Flexibilität und verlangt Disziplin. Damit wären alle Probleme gelöst.</p>
<p><em>Glauben Sie wirklich, dass sich die Europäer für die Idee begeistern könnten? Auf europäischer Ebene soll es mehr Kontrollen geben.</em></p>
<p>Das ist genau die Reaktion, die ich von EU-Bürokraten bekomme. Doch wollen sie ihre Finanzpolitik tatsächlich in Brüssel machen lassen? Wo bleibt da die Demokratie, wo die Verantwortung? Haben die Bürokraten in Brüssel denn immer recht? Wenn dem so wäre, hätten wir jetzt doch diesen ganzen Schlamassel gar nicht. Als der Maastricht-Vertrag ausgehandelt wurde, hat sich die heutigen Probleme niemand vorstellen können.</p>
<p><em>Die Eurostaaten könnten dann aber auch keine Anleihen mehr an Chinesen oder Japaner verkaufen. Warum sollten sie sich diese Geldquelle entgehen lassen? Wenn eine Regierung ihr eigenes Volk nicht davon überzeugen kann, ihr Geld zu leihen, warum sollten es dann die Chinesen oder Japaner tun?</em></p>
<p>Natürlich kann man die Regel, die mir vorschwebt, nicht über Nacht einführen. Meiner Meinung nach sollten die Euroländer eine Übergangsphase einleiten, etwa zehn Jahre. Für die Finanzierung in dieser Zeit kann ich mir alle möglichen Instrumente vorstellen. Das Wichtige ist, dass die Investoren wieder Vertrauen fassen und wissen, dass die gegenwärtigen Probleme in einigen Jahren endgültig abgestellt werden.</p>
<p><em>Die Europäer diskutieren über ganz andere Szenarien, zum Beispiel ob die Zentralbanken in großem Stil Staatsanleihen kaufen sollten. Vor allem die Deutschen sind aber dagegen, weil sie Angst vor Inflation haben.</em></p>
<p>Deutschland ist eine Insel in Europa, der Wirtschaft geht es sehr gut. Die deutschen Unternehmen haben ihre Bilanzbereinigungen schon hinter sich gebracht haben, als vor zehn Jahren die Telekomblase geplatzt ist. Deutschland ist das einzige Land, in dem die Industrieproduktion wieder dort ist, wo sie vor der Lehman-Krise war. In Frankreich und Spanien liegt sie auf dem Niveau von 1997, in Italien von 1994. Und während die Deutschen eine Arbeitslosenquote im Sechsprozentbereich haben, sind es in Spanien 23 Prozent &#8211; fast so viel wie in den USA während der Großen Depression. Deswegen verweigern sich die Deutschen leider wichtigen Maßnahmen, die für den Rest Europas wichtig wären. Für Europa als Ganzes ist die Inflationsgefahr nicht groß, selbst wenn die Europäische Zentralbank Anleihen aufkaufen würde. Und selbst wenn es in Deutschland ein wenig Inflation geben würde, wäre das ein Preis, den die Deutschen zahlen sollten, um die Eurokrise zu beenden. Wenn das gelingt, wird der Euro eine große Zukunft haben.</p>
<p>ZUR PERSON:</p>
<p>Richard Koo, Jahrgang 1954, ist Chefökonom des Nomura Research Institute in Tokio und gilt als einer der führenden, aber auch umstrittensten Experten für Rezessionen. Aus den Erfahrungen der japanischen Krise entwickelte er 2003 das Konzept der „Bilanzrezession“. Demnach versuchen Unternehmen nach dem Platzen einer Blase nicht mehr, ihre Profite zu maximieren, sondern nur noch ihre Schulden zu minimieren, was einen jähren Konjunkturabsturz herbeiführt. Laut Koo müssen Regierungen in einer solchen Situation die Wirtschaft so lange durch hohe Staatsausgaben am Laufen halten, bis die Privatwirtschaft wieder zum Wachstum beiträgt. In Ökonomenkreisen bekannt wurde er durch das Buch: „The Holy Grail of Macroeconomics: Lessons from Japans Great Recession“.</p>
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		<title>Grüner Werbegag</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Dec 2011 10:20:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>China und Deutschland planen einen Öko-Park. Aber was daran „öko“ sein soll, ist noch unklar und der Nutzen höchst zweifelhaft.</h3>
Öko zieht immer, mag sich Chinas Wirtschaftsminister Chen Deming gedacht haben, als er seinem deutschen Amtskollegen Rainer Brüderle (FDP) vor zwei Jahren die Gründung eines gemeinsamen Umweltparks vorschlug. China hat gewaltige ökologische Probleme und Deutschland moderne Umwelttechnologie - wie sollte ein Kooperationsprojekt da keine Win-win-Lösung sein? Brüderle gefiel die Idee, und die beiden Minister gaben ihren Beamten Marschbefehle...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China und Deutschland planen einen Öko-Park. Aber was daran „öko“ sein soll, ist noch unklar und der Nutzen höchst zweifelhaft.</h3>
<p>Öko zieht immer, mag sich Chinas Wirtschaftsminister Chen Deming gedacht haben, als er seinem deutschen Amtskollegen Rainer Brüderle (FDP) vor zwei Jahren die Gründung eines gemeinsamen Umweltparks vorschlug. China hat gewaltige ökologische Probleme und Deutschland moderne Umwelttechnologie &#8211; wie sollte ein Kooperationsprojekt da keine Win-win-Lösung sein? Brüderle gefiel die Idee, und die beiden Minister gaben ihren Beamten Marschbefehle.</p>
<p>Nun ist in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao der Grundstein für den &#8220;Sino-German Eco-Park&#8221; gelegt worden. Zehn Quadratkilometer Land hat die örtliche Regierung reserviert, eine Fläche, die der Berliner Innenstadt entspricht. Zehntausende Menschen sollen dort leben, arbeiten und forschen. Doch wer bei dem Projekt gewinnen wird &#8211; Chinesen, Deutsche oder die Umwelt &#8211; ist längst nicht mehr so klar wie am Anfang. Nach zwei Jahren Verhandlungen ist offensichtlich, dass die Chinesen von einem Ökopark andere Vorstellungen hatten als die Deutschen. Welche Umweltstandards das gemeinsame Projekt erfüllen oder setzen soll, ist noch ungeklärt. Und bei der Umsiedlung der Bewohner von 14 Dörfern, auf deren Land der Ökopark entstehen soll, besteht der Verdacht, dass die chinesischen Behörden Methoden anwenden, die mit deutschen Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit nicht vereinbar sind.</p>
<p>&#8220;Wir wollen einen Ökopark, der nicht nur ein Etikett ist, sondern echte Substanz schafft&#8221;, sagt Ralf Marohn, Geschäftsführer der Beratungsfirma Far Eastern, die das Projekt mitentwickelt hat und in Deutschland vertritt. &#8220;Um ganz ehrlich zu sein: Dass dies gelingt, ist noch nicht sichergestellt.&#8221; Zwar hätten sich beide Seiten versichert, dass sie es ernst meinen. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass in China ein Ökopark mit großen Ankündigungen und viel internationalem Engagement angeschoben wird, nur um dann kläglich zu scheitern. In den kommenden Jahren sollen in Qingdao Zukunftsbranchen wie Wind- und Wasserenergie, Solarthermie, Photovoltaik, Biogas, Recycling, Elektromobilität oder Gebäudetechnik angesiedelt werden. Auch moderne soziale Strukturen wie die Nähe von Wohnort und Arbeitsplatz sollen verwirklicht werden. Geplant wird das Areal vom Hamburger Architekturbüro GMP, das in China bereits dutzende Großprojekte verwirklicht hat. Altbundeskanzler Gerhard Schröder, der heute als Unternehmensberater enge Kontakte nach China pflegt, ist ebenfalls in das Projekt involviert.</p>
<p>Was aber an dem Ökopark besonders ökologisch sein soll, kann einem bisher niemand erklären. Beim Bundeswirtschaftsministerium (BMWI) heißt es auf Anfrage, es würden derzeit noch &#8220;verschiedene Standardisierungsansätze erörtert&#8221;. Sicher sei bisher nur, dass die Vorgaben nicht von Ökoinstituten, sondern &#8220;im Konsens mit Unternehmen&#8221; erstellt werden sollen, erklärt Far-Eastern-Chef Marohn. &#8220;Schließlich wollen wir Lösungen, die auch wirtschaftlich sind.&#8221; Das klingt pragmatisch, kann aber auch heißen: Ökologisch ist, was sich als ökologisch verkaufen lässt.</p>
<p>Doch damit droht der Sino-German Eco-Park just in die Falle zu treten, an denen in China zahlreiche andere Ökoprojekte gescheitert sind. &#8220;Chinas Regierung fördert im ganzen Land Öko-Siedlungen, weil sie gerne den Eindruck erwecken möchte, sie denke nachhaltig&#8221;, sagt der prominente Umweltexperte Wen Bo. &#8220;Die Ambitionen sind immer groß, aber Ergebnisse gibt es fast nie.&#8221; Dass der Westen den Projekten große Hoffnungen entgegenbringe, beruhe vor allem auf einer Überschätzung der chinesischen Regierung: Für chinesische Politiker und Stadtplaner gelte eine Stadt schon als Öko-Stadt, wenn sie modern aussehe, saubere Straßen habe und Grünflächen aufweise. &#8220;Das Konzept dient nicht dem Schutz der Umwelt und des Klimas, sondern soll Investitionen anziehen, vor allem aus dem Ausland&#8221;, erklärt Wen. &#8220;Öko ist in China ein Werbegag zur Vermarktung von Immobilienprojekten.&#8221;</p>
<p>Doch der Gag hat Folgen. 14 Dörfer sollen für das Projekt umgesiedelt werden. Dass chinesische Behörden dabei regelmäßig zu brutalen und rechtswidrigen Mitteln greifen, ist gut dokumentiert. &#8220;Das Thema ist offen angesprochen worden&#8221;, sagt Marohn. &#8220;Wenn die Entschädigung nicht nach rechtsstaatlichen Grundsätzen abläuft, könnte das aus deutscher Sicht ein K.o.-Kriterium sein.&#8221; Um sich abzusichern, hat das BMWI von einem chinesischen Professor ein Gutachten erstellen lassen. Nähere Angaben zu der Expertise und ihrem Autor verweigerte das Ministerium auf Anfrage jedoch.</p>
<p>Dabei wirft ein Blick auf die Webseite der Bezirksregierung von Hongshiya, die für die Dörfer verantwortlich ist, ernste Zweifel auf. Mehrere Dorfbewohner beschweren sich dort in Einträgen über die Entschädigungspolitik. Zwar lassen sich Urheberschaft und Richtigkeit nicht überprüfen, doch der Inhalt klingt typisch für Fälle von Zwangsenteignung. &#8220;Die Nachricht über den Ökopark versetzt uns Bauern in große Panik&#8221;, schreibt einer. &#8220;Die Besitzurkunden für unsere Häuser haben sie schon eingesammelt, wir haben also keine andere Wahl, als das zu akzeptieren.&#8221; Bei Enteignungen werden Bauern häufig von Beamten überrumpelt, die von ihnen die Herausgabe von Dokumenten verlangen und diese ohne Rücksprache gegen festgesetzte Entschädigungen austauschen. Am 25. August schreibt ein Bauer: &#8220;Heute sind die Entschädigungsregeln bekannt gegeben worden.&#8221; Pro Mu (666 Quadratmeter) würden 40 000 Yuan (4 800 Euro) bezahlt. &#8220;Wir sind alle wütend.&#8221; Vom lokalen Parteikomitee fühle man sich verraten.</p>
<p>Ende Oktober scheint die Lokalregierung ihre Entschädigungsangebote erhöht zu haben, zumindest für einige. Ein Bauer schreibt, in seinem Dorf würden für einen Hof mit vier Häusern umgerechnet 6 000 Euro bezahlt, in einem anderen jedoch 20 400 Euro. &#8220;Die Beamten sollten für das Wohl des Volkes arbeiten, aber sie sind völlig schwarz und verlangen täglich, das Projekt so schnell wie möglich zu realisieren&#8221;, schreibt ein anderer. Ein Vertreter der Bezirksregierung von Hongshiya wollte sich dieser Zeitung gegenüber nicht äußern. Bei der Stadtverwaltung von Qingdao heißt es, die Entschädigungsfragen seien ohne Probleme geklärt worden.</p>
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		<title>China wird zum Sorgenfall</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 21:32:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Handel]]></category>
		<category><![CDATA[Konjunktur]]></category>
		<category><![CDATA[Schuldenkrise]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>China kann die Weltwirtschaft nicht retten, aber die globale Krise noch verschlimmern. Die jüngsten Daten verheißen nichts Gutes.</h3>
Die globale Krise erreicht das einzige Land, das zuletzt noch positive Konjunkturnachrichten vermelden konnte: Chinas Industrieproduktion hat im November zu schrumpfen begonnen. Das zeigt der Einkaufsmanagerindex, der ein gutes Bild von der Auftragslage in den Fabriken gibt und im vergangenen Monat zurückging, zum ersten Mal seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor mehr als zweieinhalb Jahren...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China kann die Weltwirtschaft nicht retten, aber die globale Krise noch verschlimmern. Die jüngsten Daten verheißen nichts Gutes.</h3>
<p>Die globale Krise erreicht das einzige Land, das zuletzt noch positive Konjunkturnachrichten vermelden konnte: Chinas Industrieproduktion hat im November zu schrumpfen begonnen. Das zeigt der Einkaufsmanagerindex, der ein gutes Bild von der Auftragslage in den Fabriken gibt und im vergangenen Monat zurückging, zum ersten Mal seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor mehr als zweieinhalb Jahren. Gegenüber Oktober sackte er um 1,4 Punkte auf 49, erklärte der chinesische Logistik- und Einkaufsverband am Donnerstag. Ein Index unterhalb der Marke von 50 bedeutet eine sinkende Produktion.</p>
<p>Die Nachricht reiht sich in eine Serie von Meldungen, die darauf schließen lassen, dass sich die Sorgen der chinesischen Wirtschaft mehren. Zwar ist die Wachstumsrate noch immer hoch und dürfte für das Gesamtjahr 2011 bei gut neun Prozent liegen. Doch in den vergangenen Monaten hat sich der Boom abgekühlt, und für kommendes Jahr rechnen Ökonomen mit einem Wachstumsrückgang auf rund acht Prozent. Das wären nach westlichen Maßstäben zwar Traumraten, doch die Konjunkturzahlen von Industrienationen und Schwellenländern lassen sich gleichsetzen. Deshalb fürchtet man in Peking, dass schon der derzeitige Rückgang ausreichen könnte, um die tiefliegenden Probleme des Systems, die bisher hinter dem Boom verborgen sind, in den Vordergrund treten zu lassen: sinkende Exporte, schwache Binnenkonjunktur, steigende Inflation, wachsende Ungleichheit, grassierende Umweltverschmutzung, weitverbreitete Korruption ­ die Liste der Sorgenthemen<br />
ist lang.</p>
<p>Nicht nur den Chinesen bereiten sie Kopfschmerzen. Bisher war die chinesische Nachfrage ­ unter anderem nach deutschen Maschinen und Autos &#8211; einer der letzten Motoren der weltweiten Konjunktur. Gelegentlich geäußerte Hoffnungen, das devisenreiche China könne als Weltenretter auftreten, waren zwar stets fern jeder Realität. Das Potential, die globale Krise noch zu verschärfen, hat die Volksrepublik dagegen allemal.</p>
<p>Die chinesische Regierung zieht nun alle Register, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Vor allem die Binnennachfrage soll angeregt werden. Kleine- und mittelständische Unternehmen bekommen in Zukunft höhere Steuerfreibeträge. Die Mehrwertsteuer soll neu strukturiert werden. Chinas Banken sollen in Zukunft wieder mehr Geld in Umlauf bringen. Der Mindestreservesatz, der in den vergangenen Jahren sukzessive auf den hohen Wert von 21,5 Prozent angehoben worden war, soll ab Anfang Dezember wieder um einen halben Punkt fallen. Das bedeutet die Abkehr von einer restriktiven Geld- und Zinspolitik, mit der Peking über ein Jahr lang die hohe Inflation in den Griff zu bekommen versuchte ­ ohne großen Erfolg. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei über sechs Prozent, worunter vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten leiden.</p>
<p>Auch die Zentralbank deutete an, künftig mehr Geld in die Märkte pumpen und dafür auch einen Teil ihrer Devisenreserven einsetzen zu wollen. Europäer und Amerikaner werden das gleichermaßen beunruhigend finden, denn von Brüssel bis Washington wünscht man sich ein größeres chinesisches Engagement in der Schuldenkrise. Dem Werben des Euro-Rettungsschirms EFSF standen die Chinesen zuletzt allerdings skeptisch gegenüber. Zwar ist es durchaus in Chinas Interesse, eine Implosion der Konjunktur in den USA und Europa nach Kräften zu verhindern. Doch in der Krise ist sich jeder selbst der nächste ­ und Krise ist inzwischen auch in China kein Fremdwort mehr.</p>
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		<title>Autobahnen aus Fernost</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 02:15:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinesen wollen in die Infrastruktur Europas und der USA investieren. Der Westen ist skeptisch.</h3>
Wird China bald in Europa Autobahnen, Stromleitungen oder Mobilfunknetze bauen? Pekings oberster Staatsinvestor zumindest hat daran offensichtlich Interesse. In einem Gastbeitrag für die Financial Times schreibt Lou Jiwei, Chef des Staatsfonds China Investment Corp. (CIC), Europäer und Amerikaner benötigten dringend mehr Investitionen in die Infrastruktur. "China möchte sich da gerne engagieren", kündigte Lou an. Man beobachte die Sparten Energie, Transport, Wasserversorgung, Kommunikationsnetzwerke und Müllentsorgung. Konkrete Pläne verriet Lou allerdings nicht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinesen wollen in die Infrastruktur Europas und der USA investieren. Der Westen ist skeptisch.</h3>
<p>Wird China bald in Europa Autobahnen, Stromleitungen oder Mobilfunknetze bauen? Pekings oberster Staatsinvestor zumindest hat daran offensichtlich Interesse. In einem Gastbeitrag für die Financial Times schreibt Lou Jiwei, Chef des Staatsfonds China Investment Corp. (CIC), Europäer und Amerikaner benötigten dringend mehr Investitionen in die Infrastruktur. &#8220;China möchte sich da gerne engagieren&#8221;, kündigte Lou an. Man beobachte die Sparten Energie, Transport, Wasserversorgung, Kommunikationsnetzwerke und Müllentsorgung. Konkrete Pläne verriet Lou allerdings nicht.</p>
<p>Die Äußerungen dürften ein Testballon sein, um herauszufinden, ob Europäer und Amerikaner chinesischen Investitionen im öffentlichen Bereich gegenüber aufgeschlossen sind. Geldgeber aus der Volksrepublik werden im Westen bisher mit gemischten Gefühlen betrachtet. So willkommen das chinesische Kapital einerseits ist, so groß ist andererseits die Angst, Peking allzu großen Einfluss zu gewähren. &#8220;Es gibt in Europa einen großen Wettbewerb um chinesische Investitionen&#8221;, sagt Jonas Parello-Plesner, Chinaexperte des European Council on Foreign Relations. &#8220;Gleichzeitig fragt man sich aber auch, welche Interessen die Chinesen haben.&#8221;</p>
<p>Laut Lou sind diese rein wirtschaftlicher und keineswegs politischer Natur. &#8220;Investitionen, die rein kommerziellen Prinzipien folgen, stellen für beide Seiten die Möglichkeit einer Win-Win-Lösung dar.&#8221; 410 Milliarden Dollar (309 Milliarden Euro) hat die chinesische Zentralbank der CIC seit seiner Gründung im Jahr 2007 überwiesen. Die Aufgabe: CIC soll das Geld möglichst gewinnbringend anlegen. Das Geld ist ein Teil von Chinas gewaltigen Devisenreserven (derzeit 3,2 Billionen Dollar), die größtenteils in westlichen Staatsanleihen geparkt sind. Eine Anlage, an deren Profitabilität man in China zunehmend zweifelt.</p>
<p>&#8220;Die Chinesen haben so viele Devisen, dass sie unter großem Druck sind, diese mit Gewinn zu verwalten&#8221;, sagt Parello-Plesner. Obwohl die CIC ihr Portfolio nicht im Detail veröffentlicht, gehören zu ihren Investitionen Beteiligungen an ausländischen Firmen sowie Darlehen an chinesische Unternehmen, die damit ihre internationalen Expansionen finanzieren.Vergangenes Jahr hat Lou nach eigenen Angaben eine Rendite von 11,7 Prozent erwirtschaftet.</p>
<p>Derartige Vorgaben lassen darauf schließen, dass die Chinesen auch bei Investitionen in die europäische Infrastruktur ehrgeizige Gewinnziele verfolgen würden. Erfahrung mit Infrastrukturprojekten im Ausland hat man in China bereits. In Afrika sowie einigen Ländern Asiens und Südamerikas ist China bereits stark am Aufbau von Infrastruktur beteiligt. Häufig ist dieses Engagement Teil von Rohstoffprojekten: Im Gegenzug zum Zugang zu Minen oder Ölfeldern baut China die Straßen, Bahnlinien, Häfen oder Kraftwerke, die für die Ausbeutung der Ressourcen notwendig sind. Die Arbeit machen meist Bautrupps aus der Volksrepublik.</p>
<p>In Europa dürfte man sich kaum darauf einlassen. Dass das bisher einzige chinesische Investitionsprojekt in Europa kläglich scheiterte, dürfte ebenfalls das Vertrauen schmälern. 2009 erhielt ein chinesisches Konsortium den Zuschlag für den Bau einer 50 Kilometer langen Autobahnstrecke in Polen, nachdem es die Preise der Konkurrenz um 23 Prozent unterboten hatte. Doch die Chinesen konnten ihre Versprechen nicht halten und zogen sich aus dem Projekt zurück.</p>
<p>Dass die Chinesen trotzdem erneut und von höchster Stelle aus Europas Infrastruktur ins Visier nehmen, könnte neben wirtschaftlichen Erwägungen durchaus auch politische Gründe haben. Womöglich ist man in Peking zu dem Schluss gekommen, dass dem chinesisch-europäischen Verhältnis mit Investitionen in Straßen und Eisenbahnen mehr gedient ist als mit Käufen von europäischen Staatsanleihen. In der Eurozone hofft man, dass China seine Devisenmacht einsetzt, um Anleihen des Rettungsschirms EFSF zu erwerben. Allerdings scheint die Kaufbereitschaft gering zu sein.</p>
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		<title>Grau im Grün</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Nov 2011 01:47:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Automobil]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Pläne, Elektroautos massenhaft auf die Straße zu bringen, gehen nicht auf. Hersteller müssen ihre Prognosen drastisch senken - trotz hoher Subventionen.</h3>
Die Prototypen sind alle wieder da, oft in grün oder hellblau, und wo bei anderen Autos die Tanköffnung ist, ragen demonstrativ Stromkabel heraus: Auf der Automobilmesse im südchinesischen Guangzhou zeigen internationale und chinesische Marken einmal mehr ihre Vorbereitung für die Ära der Elektroautos, von denen sich viele die nächste große Revolution der Fahrzeugindustrie versprechen. China spielt dabei eine Schlüsselrolle...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Pläne, Elektroautos massenhaft auf die Straße zu bringen, gehen nicht auf. Hersteller müssen ihre Prognosen drastisch senken &#8211; trotz hoher Subventionen.</h3>
<p>Die Prototypen sind alle wieder da, oft in grün oder hellblau, und wo bei anderen Autos die Tanköffnung ist, ragen demonstrativ Stromkabel heraus: Auf der Automobilmesse im südchinesischen Guangzhou zeigen internationale und chinesische Marken einmal mehr ihre Vorbereitung für die Ära der Elektroautos, von denen sich viele die nächste große Revolution der Fahrzeugindustrie versprechen. China spielt dabei eine Schlüsselrolle: Dem riesigen Wachstumsmarkt mit seinem gewaltigen Aufholbedarf und seinen ehrgeizigen Wirtschaftsplanern traute die Branche bisher zu, zum ersten Massenmarkt für E-Mobile zu werden. Doch inzwischen ist die Euphorie verflogen: Die chinesischen Hersteller, die eigentlich längst Zehntausende Elektroautos auf den Straßen haben wollten, müssen ihre Prognosen drastisch zurückschrauben, der Ausbau an Infrastruktur stockt und selbst aus Peking hört man neuerdings skeptische Töne.</p>
<p>„Alle sind ein wenig realistischer geworden“, sagt VW-China-Chef Karl-Thomas Neumann. Zwar seien die Voraussetzungen für die Einführung von E-Mobilen in China besser als in den meisten anderen Ländern, aber die Erwartungen an das Tempo müssten neu überdacht werden. Peking hat offiziell das Ziel ausgegeben, bis Ende des Jahrzehnts fünf Millionen E-Mobile im Einsatz haben zu wollen. Doch obwohl die Regierung dafür einen 100 Milliarden Yuan (11,6 Milliarden Euro) schweren Entwicklungsfonds aufgelegt hat, stellte zuletzt sogar Premier Wen Jiabao in Frage, ob die Vorgaben erreicht werden können. „Wir waren alle ein bisschen geschockt“, gesteht Neumann.</p>
<p>Chinesische Hersteller hatten in den vergangenen Jahren angekündigt, mit staatlicher Unterstützung innerhalb kurzer Zeit zehntausende Elektroautos in Umlauf bringen zu wollen. 2005 erklärte Wissenschaftsminister Wan Gang, bis 2010 solle China eine Produktionskapazität von 500.000 E-Mobilen haben. Tatsächlich sind heute in China aber nur 4000 E-Mobile im Einsatz. Die Hoffnung, dass staatliche Anreize ausreichen würden, um Millionen Chinesen zum Kauf von Elektroautos zu bewegen, ist verflogen. Obwohl die Regierung vor zwei Jahren Autokäufern in 13 Städten versprach, den Erwerb eines Elektroautos mit 130.000 Yuan (15.000 Euro) zu subventionieren, machten kaum Kunden davon Gebrauch.</p>
<p>Vor allem der in der Branche lange gefeierte Konzern BYD, an dem der US-Investor Warren Buffett beteiligt ist und der auch gemeinsam mit Daimler an E-Autos arbeitet, gilt in China inzwischen als Synonym für die überzogenen Hoffnungen. Das Unternehmen, das eigentlich schon Ende 2009 mit dem Export beginnen wollte, schweigt sich heute über seine Produktionszahlen völlig aus. Chinesische Medien zweifeln inzwischen sogar offen an der Seriosität des Unternehmens.</p>
<p>Als Entwicklungsbremse erweisen sich laut Neumann auch die chinesischen Auflagen zum Technologietransfer. Um die Entwicklung der einheimischen Industrie zu fördern, verlangt Peking von chinesischen Elektroautos, dass eine der drei Hauptkomponenten – Motor, Batterie oder Elektronik – von einem chinesischen Unternehmen hergestellt wird. Internationale Zulieferer sollen dadurch gezwungen werden, in China neue Gemeinschaftsfirmen zu gründen, an denen per Gesetz die chinesische Seite die Mehrheit hält. Bei ausländischen Herstellern stößt das auf Widerstand, und viele haben Sorgen, dass die Richtlinien noch weiter verschärft werden könnten. „Wenn zusätzliche Vorschriften erlassen werden, wird es nur noch schwieriger gemacht“, sagt Neumann. Bei VW glaubt man inzwischen, dass auch in China die Einführung von E-Mobilen nicht in einem Schritt, sondern über die Zwischenstation von Hybridantrieben erfolgen werde. Die Wolfsburger wollen kommendes Jahr eine Testflotte auf die Straßen bringen. Die Produktion werde 2013 oder 2014 richtig aufgenommen11</p>
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		<title>&#8220;Den ganzen Sommer über geschmolzenes Eis&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Nov 2011 14:26:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Siemens steht in China vor einem Imagedesaster: Ein bekannter Blogger will einen Kühlschrank der Marke öffentlich zerstören, weil er angeblich nichts taugt.</h3>
"This is how", lautet ein Werbespruch von Siemens: So geht's! Aber so, wie das Unternehmen sich derzeit der chinesischen Öffentlichkeit darstellt, geht es ganz bestimmt nicht. Die Deutschen stehen vor einem Imagedesaster, weil sie eine Qualitätsbeschwerde des populären Bloggers Luo Yonghao ignorierten - oder zumindest nicht so beantworteten, wie dieser und seine Anhänger es sich gewünscht hätten. Aus Rache will Luo nun seinen Siemens-Kühlschrank vor dem Pekinger Firmensitz zertrümmern, unterstützt von anderen Prominenten, die ebenfalls ihre Siemens-Eistruhen mitbringen wollen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Siemens steht in China vor einem Imagedesaster: Ein bekannter Blogger will einen Kühlschrank der Marke öffentlich zerstören, weil er angeblich nichts taugt.</h3>
<p>&#8220;This is how&#8221;, lautet ein Werbespruch von Siemens: So geht&#8217;s! Aber so, wie das Unternehmen sich derzeit der chinesischen Öffentlichkeit darstellt, geht es ganz bestimmt nicht. Die Deutschen stehen vor einem Imagedesaster, weil sie eine Qualitätsbeschwerde des populären Bloggers Luo Yonghao ignorierten &#8211; oder zumindest nicht so beantworteten, wie dieser und seine Anhänger es sich gewünscht hätten. Aus Rache will Luo nun seinen Siemens-Kühlschrank vor dem Pekinger Firmensitz zertrümmern, unterstützt von anderen Prominenten, die ebenfalls ihre Siemens-Eistruhen mitbringen wollen. Im chinesischen Internet wird das Happening bereits hunderttausendfach diskutiert, und selbst seriöse Medien fragen sich, warum die Deutschen nicht verhindern konnten, dass aus einer kleinen Reklamation eine ernsthafte Ansehenskrise wurde.</p>
<p>Begonnen hat der Disput am 27. September, als Luo sich in einer Mikroblog-Mitteilung darüber ärgerte, dass seine Kühlschranktür nicht richtig schloss. &#8220;Von der Mistmarke kaufe ich nie wieder etwas&#8221;, schrieb er. &#8220;Japanische Geräte sind viel zuverlässiger.&#8221; Die Nachricht wurde mehr als 9000-mal weiterverbreitet, was nicht einmal viel war, denn der Gründer einer bekannten Sprachschulkette hat im Internet mehr als eine Million Leser. Siemens, offensichtlich darum bemüht, das Thema schnell abzuhaken, verbreitete ebenfalls per Mikroblog die Nummer des Kundendienstes, der Luos Tür reparieren könne. Es handle sich aber um einen Einzelfall, versicherte das Unternehmen. &#8220;Es liegt mit Sicherheit kein Qualitätsproblem vor.&#8221;</p>
<p>Das sah Luo anders &#8211; und bald begannen seine Anhänger ebenfalls Probleme mit ihren Kühlschranktüren zu melden, darunter auch Prominente wie der Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou und der Bestsellerautor Feng Tang. &#8220;Ich habe den ganzen Sommer über geschmolzenes und dann wieder gefrorenes Eis essen müssen&#8221;, beschwerte sich der Rennfahrer und Blogger Han Han, der bei Chinas Jugend Superstarstatus genießt.</p>
<p>Um dem Sturm Herr zu werden, versprach Siemens, den Kühlschrank kostenlos zu reparieren. Auch sei der Konzern zu einer öffentlichen Entschuldigung bereit. Doch damit wollte Luo sich nicht zufriedengeben: Er forderte ein öffentliches Eingeständnis, dass Siemens Kühlschranktüren grundlegende Qualitätsmängel aufweisen. &#8220;Wenn Siemens nicht so bürokratisch und dumm wäre, könnte dieser Fall schon längst beendet sein&#8221;, teilte Luo einem PR-Mann von Siemens mit &#8211; und stellte dann einen Mitschnitt des Telefonats ins Internet. Die Webgemeinde johlte.</p>
<p>Seitdem eskaliert der Fall. Wer im chinesischsprachigen Google nach Luo Yonghao und Siemens sucht, erhält inzwischen 583000 Treffer. Alle großen Medien und Internetportale haben über die Kühlschrank-Causa berichtet. &#8220;Internationale Unternehmen bieten in China schlechteren Standard an&#8221;, kommentiert etwa die Fazhi Wanbao. &#8220;Siemens hat nicht verstanden, wie Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten des Internets funktioniert&#8221;, schreibt das Internetportal Donews. &#8220;Die Versäumnisse sind geradezu selbstmörderisch.&#8221; In den nächsten Tagen will Luo bekannt geben, wann er mit seinem Laster und mindestens vier Siemens-Kühlschränken vor der Firmenzentrale vorfahren will.</p>
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		<title>IWF warnt vor Chinas Kreditblase</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Nov 2011 00:59:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[IWF]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der Internationale Währungsfonds sieht Risiken im chinesischen Finanzsystem und fordert Reformen. Ein prominenter Ökonom fürchtet, dass es dafür schon zu spät ist.</h3>
China gilt vielen als wirtschaftlicher Stabilitätsanker in turbulenten Zeiten. Doch ein neuer Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) warnt vor übertriebenen Erwartungen an die chinesische Krisenresistenz. Der zweitgrößten Wirtschaftsmacht drohe eine Kreditblase, auf die seine Banken schlecht vorbereitet seien. Zwar attestiert der IWF China „bemerkenswerte Fortschritte“, doch bei der Frage, ob die Reformen schnell genug vorangehen, um den wachsenden Gefahren vorzubeugen, sind die Experten skeptisch...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Internationale Währungsfonds sieht Risiken im chinesischen Finanzsystem und fordert Reformen. Ein prominenter Ökonom fürchtet, dass es dafür schon zu spät ist.</h3>
<p>China gilt vielen als wirtschaftlicher Stabilitätsanker in turbulenten Zeiten. Doch ein neuer Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) warnt vor übertriebenen Erwartungen an die chinesische Krisenresistenz. Der zweitgrößten Wirtschaftsmacht drohe eine Kreditblase, auf die seine Banken schlecht vorbereitet seien, warnt das 130-seitige Gutachten.</p>
<p>Zwar attestiert der IWF China „bemerkenswerte Fortschritte“ auf dem Weg zu einem marktwirtschaftlicheren und  solideren Finanzsystem. Doch bei der Frage, ob die Reformen schnell genug vorangehen, um den wachsenden Gefahren vorzubeugen, sind die Experten skeptisch. „Trotz der aktuellen Reformen und der finanziellen Stärke, steht China vor einer stetigen Ausweitung von Gefahren für den Finanzsektor“, urteilen die IWF-Ökonomen.</p>
<p>Vor allem vier Risiken machen ihnen Sorge. Erstens ist die Kreditvergabe im Zuge der Finanzkrise stark ausgeweitet worden. Das hat zwar die Konjunktur am Laufen gehalten, doch ein großer Teil des Geldes ist in unprofitable Projekte geflossen und muss von den Banken abgeschrieben werden. Zweitens wuchert in China der inoffizielle Finanzsektor.</p>
<p>Schattenbanken verleihen Geld zu Wucherzinsen von bis zu 100 Prozent und unterwandern so die Versuche der Regierung, ihre Märkte effektiv zu regulieren. Drittens schießen die Immobilienpreise in die Höhe, und viertens führt Chinas gegenwärtiges Wachstumsmodell zu wachsender Ungleichheit. Zwar drohe kein unmittelbarer Kollaps. Gegen Schocks auf den Kredit-, Immobilien- und Devisenmärkten seien die Geschäftsbanken gewappnet. Doch sollte es an mehreren Fronten zu Problemen kommen, wäre das Finanzsystem den Belastungen nicht mehr gewachsen.</p>
<p>Um die Risiken einzudämmen brauche China grundlegende Reformen, so der IWF. Vor allem bräuchten die Finanzmärkte eine größere Unabhängigkeit von der chinesischen Regierung &#8211; eine Empfehlung, mit der man sich in Peking schwer tun wird. Zuletzt haben die Ministerien in vielen Branchen ihren Einfluss auf die Wirtschaft wieder ausgedehnt. Auf größere Zustimmung dürfte dagegen der Hinweis stoßen, China müsse seine Abhängigkeit von der Exportwirtschaft überwinden und die Binnennachfrage stärker fördern. Dies ist seit Jahren das erklärte Ziel der Pekinger Regierung, ihre Erfolge sind bisher allerdings mäßig.</p>
<p>Während der IWF Peking nach Kräften das Vertrauen ausspricht, äußerte einer der prominentesten Ökonomen des Landes kürzlich die Befürchtung, dass die Volksrepublik sich wirtschaftlich in eine Sackgasse manövriert habe, auf der es nur durch einen schmerzhaften Korrekturprozess wieder herauskomme. In einem auf YouTube veröffentlichten Tonmitschnitt eines Vortrags in der nordostchinesischen Stadt Shenyang erklärt Larry Lang, Professor an der Chinese University of Hongkong und Moderator einer populären Fernsehsendung, in jeder chinesischen Provinz gebe es dramatische Parallelen zu Griechenland.</p>
<p>Die addierten Schulden von Regierungen und staatseigenen Betrieben hätten die astronomische Summer von umgerechnet 5,68 Billionen Dollar erreicht und damit fast die Marke von hundert Prozent des BIP. Die damit verbundene Zinslast sei bedrohlich. In der chinesischen Wirtschaft herrschten Überkapazitäten von rund 30 Prozent, und der Immobilienboom mache rund 70 Prozent des BIP aus. Beides müsse über kurz oder lang zu einem scharfen Konjunktureinbruch führen. Außerdem sei die Inflationsrate weitaus höher als die offiziellen sechs Prozent, sondern bewege sich eher in der Größenordnung von 16 Prozent.</p>
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		<title>Die überforderte Weltmacht</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Nov 2011 06:03:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Entwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Konjunktur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Je tiefer Europa und die USA in die Krise rutschen, desto höher steigen die Erwartungen an China. Dabei ist auch dort die Wirtschaftswunderstimmung verflogen.</h3>
An den Meerjungfrauen wird nicht gespart. Es ist acht Uhr morgens, die wenigen Frühstücksgäste achten kaum auf die jungen Schwimmerinnen in den Nixenkostümen, die hinter der Scheibe des Aquariums zwischen Fischen und Korallen aufreizende Unterwassersaltos schlagen. Der dreißig Meter lange Fischtank bildet eine Wand des Restaurants - doch warum sollte das ein Hingucker sein in einem Hotel, in dem die Lobby ein goldener Rokokosaal von den Ausmaßen einer Messehalle ist, in dem jedes Bad einem gigantischen Kronleuchter Platz bietet und bereits die einfachen Zimmer nicht nur über einen, sondern gleich zwei private Whirlpools verfügen? 750 Suiten und 60 Konferenzsäle hat das Aoweixin-Hotel in der südchinesischen Kleinstadt Zhaoqing. Nur an einem fehlt es: an Gästen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Je tiefer Europa und die USA in die Krise rutschen, desto höher steigen die Erwartungen an China. Dabei ist auch dort die Wirtschaftswunderstimmung verflogen.</h3>
<p>An den Meerjungfrauen wird nicht gespart. Es ist acht Uhr morgens, die wenigen Frühstücksgäste achten kaum auf die jungen Schwimmerinnen in den Nixenkostümen, die hinter der Scheibe des Aquariums zwischen Fischen und Korallen aufreizende Unterwassersaltos schlagen. Der dreißig Meter lange Fischtank bildet eine Wand des Restaurants &#8211; doch warum sollte das ein Hingucker sein in einem Hotel, in dem die Lobby ein goldener Rokokosaal von den Ausmaßen einer Messehalle ist, in dem jedes Bad einem gigantischen Kronleuchter Platz bietet und bereits die einfachen Zimmer nicht nur über einen, sondern gleich zwei private Whirlpools verfügen? 750 Suiten und 60 Konferenzsäle hat das Aoweixin-Hotel in der südchinesischen Kleinstadt Zhaoqing. Nur an einem fehlt es: an Gästen.</p>
<p>&#8220;Wenn wir gefragt werden, sollen wir sagen, dass unser Hotel eigentlich immer ausgebucht ist&#8221;, sagt Xu Shulan*, eine der Angestellten. &#8220;Dabei sieht doch jeder, dass hier außer ein paar vereinzelten Gruppen niemand herkommt.&#8221; Xu ist Ende zwanzig und stammt aus einem Dorf in Westchina. Weil es dort keine Jobs gibt, kam sie vor einigen Jahren in die Provinz Guangdong, das Zentrum der chinesischen Exportindustrie. Erst arbeitete sie in einer Fabrik, doch der Fließbandstress machte sie krank, weshalb sie im Aoweixin-Hotel als Zimmermädchen anheuerte. Im Monat bekommt sie ein wenig mehr als 1000 Yuan (umgerechnet 114 Euro), etwa so viel, wie hier für die Gäste eine Übernachtung kostet, dazu Verpflegung und einen Schlafplatz im Mehrbettzimmer. Den größten Teil ihres Gehalts schickt Xu Shulan ihren Eltern. &#8220;Als ich nach Guangdong gekommen bin, hatte ich die Vorstellung, ich könnte etwas Geld sparen und dann eines Tages in meine Heimat zurückkehren, eine Familie gründen und ein kleines Geschäft aufmachen&#8221;, erzählt sie. &#8220;Aber an den Traum traue ich mich gar nicht mehr zu denken, dafür reicht mein Gehalt hinten und vorne nicht.&#8221;</p>
<p>Das ist China im Jahr 33 der nachmaoistischen Boom-Ära, die gemeinhin als chinesisches Wirtschaftswunder bezeichnet wird: einerseits überdimensionierte Luxus-Hotels und gewaltige Investitionen, getätigt in der Annahme, dass Chinas Reichtum bald nicht mehr nur in den großen Städten konzentriert ist, sondern bis in kleine Orte wie Zhaoqing durchsickern wird. Andererseits Angestellte, die trotz einer Vollzeitbeschäftigung in einem gehobenen Hotel nicht einmal davon zu träumen wagen, eine eigene Familie zu gründen. Überfluss und Existenzangst unter einem Dach, Optimismus und Pessimismus Tür an Tür &#8211; das soll ein Wunder sein?</p>
<p>Wohl kein Land ist derzeit mit größeren Erwartungen konfrontiert als die Volksrepublik. Dass der Wirtschaftsboom der vergangenen drei Jahrzehnte noch möglichst lange anhält, ist längst nicht mehr nur der Wunsch der Chinesen, sondern zunehmend auch die Hoffnung des Westens. Beim G20-Gipfel in Cannes wurde Präsident Hu Jintao hofiert als der Mann, der mehr als jeder andere darüber entscheidet, wie es mit der krisengeschüttelten Weltwirtschaft weitergeht. Europäer und Amerikaner buhlen gleichermaßen um Chinas riesige Devisenreserven, die sich auf rund als 3,2 Billionen Dollar belaufen. Chinas schnelles Wachstum ist zum Motor der globalen Konjunktur geworden. Ohne die chinesische Nachfrage sähe es für viele westliche Unternehmen, insbesondere auch deutsche Maschinenbauer und Automarken, finster aus. Industrielobbyisten beknien deshalb ihre Regierungen, bloß keine diplomatischen Streitigkeiten mit Peking zu provozieren, auch wenn sich damit in der Öffentlichkeit, der Chinas wachsender Einfluss nicht immer geheuer ist, womöglich punkten lässt.</p>
<p>Die hohen Erwartungen sagen womöglich mehr über die westliche Verzweiflung aus als über Pekings tatsächliche Macht. Denn Europäer und Amerikaner setzen ihre Hoffnung just in dem Moment auf China, in dem die Chinesen befürchten müssen, dass sich die goldenen Jahre dem Ende entgegen neigen. Lange, bevor sich der Wohlstand in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet hat.</p>
<p>Die Liste der Indizien, die Wirtschaftsplanern und Analysten Sorgen machen, ist lang: Das Wirtschaftswachstum kühlt sich derzeit ab und lag im dritten Quartal nur noch bei 9,1 Prozent. Für eine Industrienation wäre das zwar gigantisch, doch für ein in vielen Regionen noch immer unterentwickeltes Land wie China ist es das nur bedingt. Denn auch die ausländischen Investitionen und die Exporte nehmen nicht mehr so schnell zu wie früher.</p>
<p>Gemessen am Einkaufsmanagerindex ist die Auftragslage außerdem so schlecht wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Februar 2009. Dafür steigt die Inflation und liegt derzeit bei 6,1 Prozent, weit über der von der Regierung eigentlich angestrebten Höchstmarke von vier Prozent.</p>
<p>Zwar ist noch keine dieser Statistiken schlimm genug, um einen Kollaps der chinesischen Wirtschaft vermuten zu lassen. Doch auch eine moderate Abkühlung könnte schon ausreichen, um in China eine kräftige Erkältung auszulösen. Denn das Land steht vor Problemen, die sich nur bewältigen lassen, wenn China noch einige Jahrzehnte im derzeitigen Tempo weiter wächst &#8211; von der Rettung der Welt ganz zu schweigen: Jahrzehnte ökologischen Raubbaus haben dramatische Umweltschäden hinterlassen, deren Folgekosten von Experten so hoch geschätzt werden, dass sie alles künftige Wirtschaftswachstum auffressen könnten. Durch die Ein-Kind-Politik vergreist die chinesische Gesellschaft schneller als jede andere, ein ausreichendes Renten- oder Sozialsystem gibt es nicht. Und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst beständig, allen Pekinger Anstrengungen für eine gleichmäßigere Wohlstandsverteilung zum Trotz.</p>
<p>Das sind nicht nur statistische Probleme, sondern existenzielle. &#8220;Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, geht es uns heute natürlich schon besser&#8221;, sagt Xu Shulan, die Hotelangestellte. Damals, in den Achtzigerjahren, lebte ihre Familie in einer einfachen Lehmhütte. Heute steht an derselben Stelle ein zweistöckiges Ziegelhaus mit Fernseher und Kühlschrank, gebaut und ausgestattet von dem Geld, das Xu und andere Verwandte als Wanderarbeiter verdient haben. Auch die Ernährungssituation und Hygienestandards haben sich verbessert. Kinder, die heute in ihrem Dorf aufwachsen, gehen neun Jahre zur Schule, nicht nur vier wie Xu.</p>
<p>Doch der bescheidene Komfort ist schnell zur Gewohnheit geworden, und in den vergangenen Jahren ist Xus Situation nicht mehr noch besser geworden, sondern eher wieder schlechter. &#8220;Das Leben wird immer teurer, aber mein Gehalt bleibt gleich&#8221;, sagt sie. Als ihre Tante vor einigen Jahren Krebs bekam, da verschlang die Behandlung den größten Teil ihrer Ersparnisse, und auch beim nächsten Krankheitsfall in der Familie wird sie wieder zahlen müssen. &#8220;Ich arbeite jeden Tag zwölf Stunden, aber nichts verbessert sich.&#8221;</p>
<p>Dabei hat sie die Reformgewinner täglich vor Augen. Im Aoweixin-Hotel steigen größtenteils Gruppen von Behörden oder Unternehmen ab, die hier Konferenzen abhalten oder es sich einfach nur gut gehen lassen. Dass die gewaltige Anlage nur knapp belegt ist, scheint dem Besitzer, einem Geschäftsmann namens Liang Yaohui, wenig auszumachen. Sein Geld, so heißt es, macht er im Ölgeschäft, Genaueres ist über ihn nicht bekannt. Doch es kann als sicher gelten, dass er seinen Reichtum nicht ohne beste politische Kontakte erlangt hat. &#8220;Die Politik ist korrupt&#8221;, sagt Xu Shulan. &#8220;Sie sagt, dass sie dem Volke dienen will, aber in Wahrheit geht es nur ums Geld.&#8221;</p>
<p>Weil viele so denken, nehmen die sozialen Spannungen zu. Immer häufiger verbreiten sich im Internet Berichte von Protesten, bei denen frustrierte Chinesen gegen Beamte oder Fabrikmanager demonstrieren. Bisher bleiben sie lokal, doch in der Kommunistischen Partei wächst die Angst, dass es eines Tages einen Anlass geben könnte, der zu landesweiten Unruhen führen könnte. Mit einer Mischung aus Propaganda und Repressalien versucht sie die Stabilität zu wahren, doch das einzige wirksame Rezept, um das Volk langfristig zufriedenzustellen, ist nun einmal spürbar wachsender Wohlstand.</p>
<p>China-Euphoriker glauben, dass die Krise in Europa und Amerika für die Chinesen genau zur rechten Zeit kommt. Je mehr westliche Unternehmen unter Druck geraten, umso besser kann Peking seinen Devisenreichtum einsetzen, um lukrative Industrien und exklusives Know-how in die Volksrepublik zu locken.</p>
<p>Ökonomen beschwören allerdings ein anderes Szenario herauf: Studien der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank warnen davor, dass China dabei sei, in eine sogenannte &#8220;middle income trap&#8221; zu geraten, eine &#8220;Falle der mittleren Einkommen&#8221;. Damit könnte China ein ähnliches Schicksal blühen wie beispielsweise Brasilien oder Argentinien, ehemaligen Boom-Staaten, denen in den Sechzigern und Siebzigern prophezeit wurde, sie könnten innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten mit dem Westen aufschließen. Doch dann ließ das Turbowachstum plötzlich nach &#8211; das Durchschnittseinkommen stagnierte bei etwa der Hälfte der Kaufkraft westlicher Industrieländer, die Inflationsraten stiegen, die Arbeitslosenzahlen ebenso. Schuld an dieser anhaltenden Rezession beider Länder waren also ähnliche Probleme wie die, vor denen China heute steht.</p>
<p>Im Aoweixin-Hotel von Zhaoqing gibt man sich jedenfalls alle Mühe, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, die Gäste hätten sich in eine Investitionsruine verirrt. Man verhält sich passend zum Ortsnamen, der übersetzt &#8220;Beginn von Freude und Fröhlichkeit&#8221; bedeutet. Heerscharen von Gärtnern bearbeiten die Grünanlagen, künstliche Wasserfälle ergießen sich in die Seen, und die Frau an der Rezeption hält sich an die Anweisung ihres Chefs, zu behaupten, die Geschäfte liefen bestens. Nicht auszuschließen, dass das sogar stimmt und in dem Palast Unmengen schmutzigen Ölgeldes gewaschen werden. Vielleicht verdienen Xu Shulan oder die Meerjungfrauen im Aquarium laut Buchhaltung ja Gehälter, von denen auch sie gut leben könnten.</p>
<p>* Name von der Redaktion geändert</p>
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		<title>Merkels Marktforscher</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 14:15:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Devisenreserven]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[Euro]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Europa braucht China als Großinvestor. Dafür darf Peking bei der Struktur des Rettungsschirms mitbestimmen. Auch politische Zugeständnisse werden diskutiert.</h3>
So viel Medienandrang hat die Pekinger EU-Delegation noch nie erlebt. Der Konferenzsaal platzt aus allen Nähten, als sich am Freitag Klaus Regling der Presse stellt. Dass der Chef des Stabilitätsfonds EFSF nur wenige Stunden nach dem nächtlichen Durchbruch zum EU-Rettungsschirm nach China aufgebrochen ist, gilt vielen als Zeichen dafür, dass Europa seine Hoffnung auf neue Kredite maßgeblich auf die devisenreiche Volksrepublik stützt. Ein tatkräftiger Vertrauensbeweis aus Peking wäre für die Euroretter ein Befreiungsschlag...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Europa braucht China als Großinvestor. Dafür darf Peking bei der Struktur des Rettungsschirms mitbestimmen. Auch politische Zugeständnisse werden diskutiert.</h3>
<p>So viel Medienandrang hat die Pekinger EU-Delegation noch nie erlebt. Der Konferenzsaal platzt aus allen Nähten, als sich am Freitag Klaus Regling der Presse stellt. Dass der Chef des Stabilitätsfonds EFSF nur wenige Stunden nach dem nächtlichen Durchbruch zum EU-Rettungsschirm nach China aufgebrochen ist, gilt vielen als Zeichen dafür, dass Europa seine Hoffnung auf neue Kredite maßgeblich auf die devisenreiche Volksrepublik stützt. Ein tatkräftiger Vertrauensbeweis aus Peking wäre für die Euroretter ein Befreiungsschlag.</p>
<p>Doch daraus wird nichts. „Ich erwarte hier keine konkreten Ergebnisse“, schraubt Regling die Erwartungen herunter. Zwar habe sich China in den vergangenen Monaten als „guter und treuer Kunde“ von EFSF-Anleihen erwiesen, aber seine Mission bestehe vor allem darin, Chinas Zentralbank und Finanzministerium über die Entscheidungen vom vergangenen Mittwoch zu informieren &#8211; und ihre Meinung dazu einzuholen.</p>
<p>Was nach diplomatischer Tiefstapelei klingt, ist in Wahrheit finanzpolitische Marktforschung. Der deutsche Finanzexperte soll ausloten, zu welchen Bedingungen potentielle Großinvestoren wie China zu neuen Bondkäufen bereit wären. Der Hintergrund: Deutschland und Frankreich konnten sich bis zuletzt nicht über den anlagetechnischen Hebelmechanismus einigen, der aus dem 440-Milliarden-Euro-Fond einen Rettungsschirm mit einem Krisenschutzfaktor von mehr als einer Billion machen soll.</p>
<p>Die Entscheidung soll nun in zwei Wochen fallen. Zur Diskussion stehen das von Berlin favorisierte Versicherungsmodell und das in Paris bevorzugte Bankenmodell, aber auch ein gemeinsames Vehikel der EFSF und des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist noch nicht vom Tisch. „Wir müssen herausfinden, wie wir unsere Vehikel strukturieren müssen, damit dann auch tatsächlich Geld kommt“, sagt Regling. „Es wäre ja sinnlos, ein Produkt auf den Markt zu bringen, das dann niemand kaufen will.“ Dabei gehe es allerdings ausschließlich um finanzielle Kriterien, so Regling.</p>
<p>Allerdings wird gerade im Fall von China darüber spekuliert, dass die Hilfsbereitschaft auch an politische und wirtschaftliche Zugeständnisse geknüpft sein könnte. Li Daokui, Mitglied des wirtschaftswissenschaftlichen Beirats der Zentralbank, erklärte der „Financial Times“ vor Reglings Ankunft, dass China Interesse an Bonds im Wert von 100 Milliarden Euro habe, dafür aber mehr als Zinsen verlange. Pekings Wunschliste an möglichen Zugeständnissen ist lang.</p>
<p>So fordert China seit langem die Zuerkennung des Marktwirtschaftsstatus, der es europäischen Ländern schwerer machen würde, Maßnahmen gegen Preisdumping und andere Wettbewerbsverzerrungen zu ergreifen. Auch das europäische Waffenembargo, das nach dem Tiananmen-Massaker von 1989 verhängt wurde, sieht Peking als Affront.</p>
<p>Außerdem würde Peking gerne die Kritik an dem unterbewerteten Yuan oder der chinesischen Menschenrechtssituation zum Verstummen bringen. Regling will davon allerdings nichts gehört haben. „Ich wäre dafür auch der falsche Ansprechpartner“, wehrt er ab. „Ich bin hier nicht als Vertreter der EU, sondern um Bonds zu verkaufen.“</p>
<p>Zugeständnisse seien auch nicht notwendig, um China für EFSF-Anleihen zu gewinnen, glaubt Regling. „Wir versprechen eine sichere und attraktive Investmentmöglichkeit“, wirbt er. Seine Bonds hätten eine Topbewertung von AAA – und China eine Notwendigkeit, Devisen anzulegen. Wegen ihres hohen Handelsbilanzüberschusses verfügt die Volksrepublik über Devisenreserven im Wert von 3,2 Billionen Dollar (2,3 Billionen Euro).</p>
<p>Derzeit kommen monatlich rund 60 Milliarden Dollar dazu. Einen Teil der Fremdwährung stellt die Regierung dem Staatsfond China Investment Corp (CIC) zur Verfügung, der damit international in Rohstoffe oder Firmenbeteiligungen investiert. Einen weiteren Teil erhalten chinesische Unternehmen, um ihre Expansionen im Ausland zu finanzieren.</p>
<p>Der größte Teil wird allerdings in ausländische Staatsanleihen investiert. 70 Prozent der chinesischen Devisenreserven werden in US-Währung gehalten, darunter 1,17 Billionen Euro (820 Mrd. Euro) in Treasury-Bonds. Die Euro-Anlagen sollen 25 Prozent ausmachen. Wie stark sich die Chinesen bisher im EFSF engagiert haben, ist unklar. Laut Regling wurden 40 Prozent der Anlagen von asiatischen Kunden gekauft, genauere Angaben machte er allerdings nicht.</p>
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		<title>Seltene Erden &#8211; jetzt noch seltener</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Oct 2011 10:37:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<category><![CDATA[Handel]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Die Welt braucht sie, China hat sie: Seltene Erden, benötigt für den Bau von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern. Nun drosselt Peking die Produktion.</h3>
Was wäre wohl los, wenn die Opec-Staaten morgen bekannt gäben, dass sie die Ölförderung für einen Monat aussetzen, um damit den Preis in die Höhe zu treiben? Die Folgen wären wohl kaum weniger dramatisch als die der beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren, welche die Industriestaaten in die Rezession drückten und die Angst ums Öl zur globalen Dauersorge machten. Zu den langfristigen Auswirkungen gehörten ein Umdenken in der Stromwirtschaft, aber auch ressourcenmotivierte Kriege. Ganz ähnlich ist die Politik, die China derzeit bei den Seltenen Erden verfolgt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Welt braucht sie, China hat sie: Seltene Erden, benötigt für den Bau von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern. Nun drosselt Peking die Produktion.</h3>
<p>Was wäre wohl los, wenn die Opec-Staaten morgen bekannt gäben, dass sie die Ölförderung für einen Monat aussetzen, um damit den Preis in die Höhe zu treiben? Die Folgen wären wohl kaum weniger dramatisch als die der beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren, welche die Industriestaaten in die Rezession drückten und die Angst ums Öl zur globalen Dauersorge machten. Zu den langfristigen Auswirkungen gehörten ein Umdenken in der Stromwirtschaft, aber auch ressourcenmotivierte Kriege.</p>
<p>Ganz ähnlich ist die Politik, die China derzeit bei den Seltenen Erden verfolgt, einem Rohstoff, der fast ausschließlich in der Volksrepublik gefördert wird und für die Hightech-Industrie eine vergleichbar zentrale Rolle spielt wie das Öl für die Weltwirtschaft. Der weltgrößte Produzent, der Staatsbetrieb „Inner Mongolia Baotou Steel Rare-Earth Hi-Tech Corp.“, kurz Baotou, hat am Mittwoch die Förderung für einen Monat eingestellt. Damit soll der Preis gestützt werden, der in den letzten drei Monaten um fast 20 Prozent fiel, nachdem er im Vorjahr um 130 Prozent gestiegen war.</p>
<p>Die Seltenen Erden, die unter anderem für die Produktion von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern benötigt werden, sind seit Jahren ein Konfliktthema zwischen China und den westlichen Industrienationen. Die USA, Deutschland und Japan werfen China vor, mit der künstlichen Verknappung gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zu verstoßen. Die Volksrepublik behauptet dagegen, nur ihre „natürlichen Interessen zu schützen.“ Ökonomen der Royal Bank of Scotland (RBS) sind überzeugt, dass die Produktionsunterbrechung sich schnell auf die Preise auswirken wird. Immerhin hat Baotou einen Weltmarktanteil von 47 Prozent. Ein einmonatiger Förderstopp führe dazu, dass 5000 Tonnen weniger zur Verfügung stehen.</p>
<p>Mehr als 95 Prozent der weltweit verwendeten Seltenerdmetalle stammen aus der Volksrepublik, und lange Zeit war der Preis der chinesischen Exporte so billig, dass andere Länder ihre Förderung sogar ganz einstellten. Doch dann erkannten die Chinesen, welche Marktmacht mit ihrem Beinahe-Monopol einhergeht und begannen, die Exporte zu beschränken. Mit der folgenden Preisexplosion verdient China viel Geld. Hatte der weltweite Markt für Seltenerdmetalle 2008 noch ein Volumen von 2,4 Milliarden Euro, so sind es dieses Jahr 27 Milliarden. Auch zu politischen Zwecken setzte Peking seine raren Rohstoffe ein. Als die japanische Küstenwache vergangenes Jahr ein chinesisches Fischerboot festsetzte, das nahe einer umstrittenen Inselgruppe angeblich in japanisches Gewässer eingedrungen war, stoppte China kurzerhand die Lieferung von Seltenerdmetallen. Auf Druck der japanischen Wirtschaft wurden das Boot und seine Besatzung schließlich an China zurückgegeben. Doch je mehr China von dem Druckpotenzial Gebrauch macht, umso intensiver wird auch andernorts wieder nach Abbaumöglichkeiten gesucht.</p>
<p>So geht es etwa bei der vergangene Woche von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Mongolei unterzeichneten Rohstoffpartnerschaft auch um die Versorgung mit Seltenen Erden. Auch in anderen Ländern wird gesucht: Siemens beteiligte sich kürzlich an einer Mine in Australien. Japanische Unternehmen orientieren sich nach Indien und Kasachstan. Allerdings müssen all diese Vorkommen noch erschlossen werden. Bis dahin ist die Weltindustrie weiterhin auf China angewiesen. Vor allem für mittelständische Unternehmen wird das allmählich kritisch. Hightech-Firmen, die auf größere Mengen Seltener Erden angewiesen seien, aber sich bisher nicht eingedeckt haben, könnten die Preisanstiege womöglich nicht überleben.</p>
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		<title>Die faule Stelle des Apfels</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Oct 2011 09:40:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Apple]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Produktion]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Steve Jobs hat viel erreicht, eines allerdings nicht: Zweifel an den Produktionsbedingungen bei seinen Zulieferern hat Apple nie ausräumen können.</h3>
„Die Welt hat einen wahren Helden verloren und ich einen Freund“, trauerte der taiwanesische Unternehmer Terry Gou um den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Über das persönliche Verhältnis der beiden Männer ist wenig bekannt, doch beruflich verband sie eine Partnerschaft, die für beide gleichermaßen profitabel wie rufschädigend war. Gous Elektronikkonzern Foxconn, in dessen chinesischen Werken auch Apples iPhones und iPads gefertigt werden, steht seit Jahren wegen angeblich schlechter Produktionsbedingungen am Pranger...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Steve Jobs hat viel erreicht, eines allerdings nicht: Zweifel an den Produktionsbedingungen bei seinen Zulieferern hat Apple nie ausräumen können.</h3>
<p>„Die Welt hat einen wahren Helden verloren und ich einen Freund“, trauerte der taiwanesische Unternehmer Terry Gou um den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Über das persönliche Verhältnis der beiden Männer ist wenig bekannt, doch beruflich verband sie eine Partnerschaft, die für beide gleichermaßen profitabel wie rufschädigend war. Gous Elektronikkonzern Foxconn, in dessen chinesischen Werken auch Apples iPhones und iPads gefertigt werden, steht seit Jahren wegen angeblich schlechter Produktionsbedingungen am Pranger. Erst wenige Tage vor Jobs’ Tod veröffentlichte eine Hongkonger Arbeiterrechtsorganisation eine Studie, die Foxconn medienwirksam vorwirft, seine Angestellten wie „iSklaven“ zu behandeln. Der Ausbeutungsvorwurf ist die faule Stelle des Apfels.</p>
<p>Ohne seinen Starkunden Apple wäre Foxconn in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Der weltgrößte Elektronikhersteller hat keine eigenen Produkte, sondern fertigt im Auftrag großer Marken, darunter auch Sony und Nokia. 1,2 Millionen Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, davon eine Million in der Volksrepublik. Die Fabrikanlagen gleichen Kleinstädten, die mit hohen Mauern und bewachten Toren von der Außenwelt abgeschottet werden. Das sei notwendig, um Firmengeheimnisse zu schützen, sagt Foxconn. Kritiker glauben, dass dort dunklere Geheimnisse versteckt werden als neue Telefone oder Tablet-Computer.</p>
<p>Vergangenes Jahr machte Foxconn Schlagzeilen, als innerhalb weniger Monate 13 Angestellte Selbstmord begingen. In Abschiedsbriefen klagten einige über hohen Druck, lange Arbeitszeiten und niedrige Bezahlung. Foxconn wies die Vorwürfe zwar zurück und rechnete vor, dass die Selbstmordrate unter seinen Arbeitern weitaus niedriger sei als in der chinesischen Gesellschaft allgemein. Auf Druck von Apple und anderer Kunden erhöhte das Unternehmen die Gehälter aber um 70 Prozent und versprach, besser auf die Einhaltung von Sozial- und Sicherheitsstandards zu achten.</p>
<p>Inwieweit das gelungen ist, bleibt unklar. Im Februar musste Apple eingestehen, dass man in den Fabriken der chinesischen Zulieferer 91 Unter-16-Jährige entdeckt habe, achtmal mehr als im Vorjahr. Im Mai gab es in Foxconns Werk in Chengdu, wo iPads gefertigt werden, eine Explosion, bei der mindestens drei Menschen getötet und 15 schwer verletzt wurden. Im August und September starben erneut zwei Angestellte bei Stürzen von Wohnheimgebäuden, wobei es sich in mindestens einem Fall um einen Selbstmord handelte. Foxconn ist nicht der einzige Problemlieferant. In einer Fabrik der Firma Wintek im ostchinesischen Suzhou, wo iPhone-Bildschirme gefertigt werden, trugen 137 Arbeiter Gesundheitsschäden davon, weil sie ungeschützt mit giftigen Chemikalien hantiert hatten.</p>
<p>Die jüngsten Vorwürfe erhebt die Hongkonger Organisation „Students &amp; Scholars Against Corporate Misbehaviour“ (SACOM), welche die Zustände bei der Foxconn-Tochter „Futaihua Precision Electronics Co.“ im zentralchinesischen Zhengzhou untersucht hat. Ihr Bericht „iSlave behind the iPhone“ beschreibt Zehn-Stunden-Schichten ohne Pause, militärischen Drill, unbezahlte Überstunden, ungeschützten Umgang mit Chemikalien und unwürdige Wohnquartiere ohne Strom und Wasser. Eine 19jährige Arbeiterin soll von 80 Überstunden im Monat berichtet haben, obwohl das Gesetz nur 36 erlaubt. Dafür verdiene sie rund 1800 Yuan (209 Euro) im Monat.</p>
<p>Zwar sind die Inhalte derartiger Berichte mit ebenso großer Vorsicht zu genießen wie die Selbstdarstellung der Konzerne. Seine Prominenz hat Apple zur Lieblingszielscheibe von Globalisierungskritikern gemacht, die oft nicht nur um Aufklärung kämpfen, sondern auch um Aufmerksamkeit und Finanzmittel. Doch weder die jährlichen „Berichte über die Verantwortlichkeit der Zulieferer“, noch öffentlichkeitswirksame Inspektionsbesuche, wie sie Anfang des Jahres der neue Konzernchef Tim Cook absolvierte, können darüber hinwegtäuschen, dass Apples hohe Gewinne nicht nur der Lohn der eigenen Innovationskraft sind, sondern auch das Ergebnis einer gewaltigen Marge zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreis.</p>
<p>Die nicht zuletzt als Reaktion auf die Ausbeutungsvorwürfe steigenden Lohnkosten haben Foxconn dazu bewogen, künftig mehr auf Automatisierung zu setzen. Ende Juli gab der Konzern bekannt, in den kommenden drei Jahre eine Million Roboter anschaffen zu wollen. Sie sollen einfache Routineaufgaben wie Schweißen, Lackieren oder Montieren übernehmen, die derzeit noch von Hand gemacht werden. Die ersten 300.000 Automaten sollen bis Ende 2012 installiert werden. Viele Arbeiter dürften dadurch ihren Job verlieren.</p>
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		<title>Putin drückt aufs Gas</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Oct 2011 11:01:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Beim Geld fängt die Freundschaft erst an: Die Rivalen Russland und China ringen um ein Erdgas-Abkommen, das auch Europas Versorgung beeinflussen könnte.</h3>

Nordasien rückt ins Zentrum des weltweiten Wettlaufs um Ressourcen. Unmittelbar bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in der Mongolei einen großen Rohstoffabkommen festzurren will, stehen auch die großen Nachbarn China und Russland offenbar vor einer Vereinbarung über langfristige Erdgas-Lieferungen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Beim Geld fängt die Freundschaft erst an: Die Rivalen Russland und China ringen um ein Erdgas-Abkommen, das auch Europas Versorgung beeinflussen könnte.</h3>
<p>Nordasien rückt ins Zentrum des weltweiten Wettlaufs um Ressourcen. Unmittelbar bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in der Mongolei einen großen Rohstoffabkommen festzurren will, stehen auch die großen Nachbarn China und Russland offenbar vor einer Vereinbarung über langfristige Erdgas-Lieferungen. Ein Pekingbesuch des russischen Regierungschefs Wladimir Putin endete am Mittwoch zwar ohne einen Durchbruch in den Verhandlungen, um die seit Jahren gerungen wird. Doch russischen und chinesischen Medienberichten zufolge ist inzwischen wieder genügend Bewegung in den Gesprächen, dass eine Einigung in den kommenden Wochen möglich ist. Der Vertrag, der eine Laufzeit von 30 Jahren haben soll, dürfte Einfluss darauf haben, wie viel Gas Russland in Zukunft nach Europa liefert, und zu welchen Bedingungen. 68 Milliarden Kubikmeter Gas will Peking jährlich von den sibirischen Gasfeldern nach Nordchina pumpen. Eine von zwei geplanten Pipelines ist bereits fertig. Die Gasverkäufe nach China könnten rund zwei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts ausmachen, doch um die Berechnung des Kaufpreises wird noch immer gefeilscht. „Wer verkauft, der will immer zu einem höheren Preis verkaufen, und wer einkauft, der will immer zu einem niedrigeren Preis einkaufen&#8221;, erklärte Putin in Peking. „Wir brauchen einen Kompromiss, der beide Seiten zufriedenstellt.“</p>
<p>Wegen der riesigen Menge möchte China angeblich Rabatt gegenüber dem Preis, den die Europäer für russisches Gas zahlen. Der halbstaatliche Energiekonzern Gazprom soll das ablehnen und seinerseits eine Vorauszahlung von 40 Milliarden Dollar verlangen. Grundsätzlich fehlt es Gazprom nicht an Kunden. Als kürzlich Nordkoreas Machthaber Kim Jong-il Russland besuchte, zeigte er Bereitschaft, eine Pipeline durch sein Land bauen zu lassen. Damit könnte Russland sein Gas direkt nach Südkorea und durch einer Seepipeline sogar bis nach Japan liefern.</p>
<p>Gleichzeitig soll aber auch China seine Verhandlungsposition verbessert haben, indem es seine Beziehungen zu den rohstoffreichen zentralasiatischen Nachbarn Kasachstan und Turkmenistan festigte und dort langfristige Abkommen schloss. „Russlands Verhandlungsposition ist durch Chinas Erfolg beim Auffinden anderer Partner vor allem in Zentralasien erheblich geschwächt&#8221;, befindet eine Studie des Stockholmer Instituts für Friedensforschung (Sipri). Pekings Ziel ist es, sich möglichst viele Ressourcen durch bilaterale Verträge zu sichern, weil dies Peking sicherer erscheint, als sich auf die Märkte verlassen zu müssen. Diese Taktik ist ein Grund dafür, dass auch Berlin seine Rohstoffstrategie überdacht hat.</p>
<p>Traditionell ist das chinesisch-russische Verhältnis von Rivalität und Misstrauen geprägt. Einig sind sich beide Seiten allerdings in ihrer Ablehnung der weltpolitischen Dominanz der USA und ihrer europäischen Verbündeten. So stimmten Russen und Chinesen kürzlich gemeinsam gegen eine neue Uno-Resolution gegen Syrien. Auch Pekings langfristiges Vorhaben, den US-Dollar als globale Reservewährung abzuschaffen, findet in Russland Unterstützung. Putin bezeichnete das Dollar-Regime in einem Interview mit der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua als „Parasiten der Weltwirtschaft“.</p>
<p>Angespannt ist das chinesisch-russische Verhältnis im militärischen Bereich. Moskau bestätigte kürzlich die Festnahme eines mutmaßlichen chinesischen Spions, der versucht haben soll, die Technik der Flugzeugabwehrrakete S-300 auszuspionieren. China ist der größte Kunde russischer Waffentechnik. Bei der Modernisierung der Volksbefreiungsarmee ist Peking maßgeblich auf russische Hilfe angewiesen, etwa Lieferungen von Kampfjets und U-Booten. Auch das chinesische Weltraumprogramm, das kürzlich mit dem Aufbau einer eigenen bemannten Allstation begann, beruht weitgehend auf russischer Technologie. Die Russen würden den Chinesen gerne weiterhin ihre Systeme verkaufen. Die Volksrepublik bemüht sich allerdings darum, eigene Technologie zu entwickeln – häufig auf Basis der russischen.</p>
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		<title>Erdbeeren für Pjöngjang</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Sep 2011 01:04:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Wem nutzt es, wenn man die Not der Menschen in Nordkorea lindert? Für den deutschen Gartenbauer Karl Fall ist das keine Frage.</h3>
Wenn Karl Fall der Wahnsinn mal wieder zu viel wird, setzt er seine Kopfhörer auf und hört Heavy Metal. "Aber das ist gar nicht so häufig nötig", sagt der 61-Jährige, "jedenfalls längst nicht so häufig, wie man vielleicht denken würde." Alle paar Wochen mal, das reicht. Dabei könnte es nicht verwundern, wenn Fall sich öfter in die lärmenden Welten von Motörhead oder Megadeth flüchten und dort wohler fühlen würde als in seiner Alltagsrealität. Seit acht Jahren bemüht sich der Ingolstädter darum, Nahrung für ein Volk zu organisieren, das wohlhabend sein könnte und trotzdem hungert, weil sein Herrscher die Ressourcen des Landes für Atomwaffen und den persönlichen Luxus seines Gefolges verschwendet...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wem nutzt es, wenn man die Not der Menschen in Nordkorea lindert? Für den deutschen Gartenbauer Karl Fall ist das keine Frage.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/09/IMG_9285.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2747" title="Karl_Fall_(Copyright_Bernhard_Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/09/IMG_9285-1024x682.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Wenn Karl Fall der Wahnsinn mal wieder zu viel wird, setzt er seine Kopfhörer auf und hört Heavy Metal. &#8220;Aber das ist gar nicht so häufig nötig&#8221;, sagt der 61-Jährige, &#8220;jedenfalls längst nicht so häufig, wie man vielleicht denken würde.&#8221; Alle paar Wochen mal, das reicht. Dabei könnte es nicht verwundern, wenn Fall sich öfter in die lärmenden Welten von Motörhead oder Megadeth flüchten und dort wohler fühlen würde als in seiner Alltagsrealität. Seit acht Jahren bemüht sich der Ingolstädter darum, Nahrung für ein Volk zu organisieren, das wohlhabend sein könnte und trotzdem hungert, weil sein Herrscher die Ressourcen des Landes für Atomwaffen und den persönlichen Luxus seines Gefolges verschwendet: Nordkorea.</p>
<p>&#8221; Ja, Nordkorea hat kein gutes Image&#8221;, sagt Fall. &#8220;Dabei ist hier längst nicht alles schlecht. Man kann hier eine Menge aufbauen.&#8221; Er steht in einem Gemüsebeet, ein untersetzter Mann mit einem langen weißen Kinnbart, der ihm eine Aura verleiht, die irgendwo zwischen Altrocker, Alm-Öhi und Zen-Meister liegt. Die dicke Jacke hat er aufgeknöpft. Obwohl draußen winterliche Temperaturen herrschen, ist es im Gewächshaus für die Tomatenpflanzen warm genug. &#8220;Wir haben hier keine Heizung, daran wäre bei Nordkoreas Energieproblemen nicht zu denken&#8221;, sagt Fall. &#8220;Dafür haben unsere Gewächshäuser auf der Nordseite dicke Lehmwände, die tagsüber von der Sonne aufgeheizt werden und die Wärme nachts wieder abstrahlen.&#8221; Er deutet auf einen gewaltigen Tank, der auf Stelzen über den Tomatenreihen steht. &#8220;Dort ist die Nährlösung für die Pflanzen drin&#8221;, sagt er. &#8220;Er ist so groß, damit die Beete auch versorgt werden, wenn der Strom ein paar Tage lang ausfällt.&#8221;</p>
<p>Er redet gern über Gewächshäuser, viel lieber als über Politik. Das liegt nicht nur daran, dass er gelernter Gartenbauer ist. Seit 33 Jahren arbeitet er für die Welthungerhilfe in Ländern, deren Bewohner darauf angewiesen sind, dass ausländische Experten ihnen die Infrastruktur bringen, um die sich ihre eigenen Regierungen nicht kümmern können oder wollen. Politische Trauerspiele sind sein täglich Brot, und er weiß, dass hochtrabende Debatten leicht den Blick auf das Wesentliche verstellen: den Menschen. Mit pragmatischer Diplomatie ist ihnen mehr geholfen. &#8220;Unsere Aufgabe ist es, unter den lokalen Bedingungen Mittel und Wege zu finden, wie wir das Leben der Menschen verbessern können&#8221;, sagt Fall. &#8220;Das ist in Nordkorea natürlich ausgesprochen komplex, aber wenn hier etwas erreicht wird, ist das dafür auch ein besonders schönes Erfolgserlebnis.&#8221;</p>
<p>Wie die lokalen Bedingungen aussehen, sieht man auf der anderen Seite der Steinmauer, welche die Gemüsefarm am Rande der Hauptstadt Pjöngjang umgibt. Es ist Anfang April. Am nahen Flussufer kauern dick eingemummelte Menschen und angeln. Andere gehen die Uferböschung ab, auf der Suche nach essbaren Wurzeln, die noch kein anderer ausgestochen hat. In den grauen Wohnsilos sind viele Fenster mit Pappkartons verklebt, ein verzweifelter Versuch, die Kälte auszusperren, gegen die keine Heizung hilft. &#8220;Es heißt, das staatliche Verteilungssystem, das eigentlich alle Menschen versorgen soll, sei wieder einmal zusammengebrochen&#8221;, sagt ein ausländischer Diplomat. &#8220;Aber Genaues wissen wir auch nicht, weil wir so gut wie keinen Kontakt mit den Bürgern haben dürfen.&#8221;</p>
<p>Wie die meisten Mitglieder des internationalen Corps möchte er nicht namentlich genannt werden. Denn wer in Nordkorea etwas erreichen will, darf dem Regime nicht offen in den Rücken fallen. Dabei gibt es an der Lage nichts zu beschönigen. &#8220;Im Winter ist das Elend nicht so offensichtlich, weil die meisten Menschen dick eingepackt sind&#8221;, sagt er. &#8220;Aber im Sommer sieht man, wie dürr und kränklich die meisten sind.&#8221;</p>
<p>Seitdem das kommunistische Regime vor mehr als 20 Jahren die Unterstützung der Sowjetunion verloren hat, die Nordkorea als Bollwerk gegen die in Südkorea stationierte US-Armee brauchte, ist der Hunger ein Dauerproblem. Mitte der Neunziger starben Hunderttausende Menschen, und Jahr für Jahr steht das Land an der Schwelle zu einer neuen Katastrophe. Im Frühjahr kam eine Untersuchung des World Food Program (WFP) der Vereinten Nationen zu dem Ergebnis, dass diesen Sommer 434 000 Tonnen zusätzlicher Nahrungsmittel benötigt werden, um rund sechs Millionen Menschen vor dramatischer Mangelernährung zu bewahren, ein Viertel der Bevölkerung. &#8220;Viele Menschen sind so schwach, dass schon vergleichsweise harmlose Krankheiten wie Erkältungen oder Durchfall für sie lebensgefährlich sind&#8221;, sagt eine Entwicklungshelferin. &#8220;Außerdem ist ein großer Teil der Bevölkerung kleinwüchsig, weil sie in ihrer Jugend keinen Zugang zu ausreichender Ernährung hatten.&#8221; Südkoreanischen Medien zufolge musste Nordkoreas Militär deshalb kürzlich die Mindestgröße für Soldaten herabsetzen &#8211; das bisherige Minimum von 1,50 Metern wurde nur noch von zu wenigen Männern erreicht.</p>
<p>Dabei müsste Nordkorea nicht arm sein. Zwar ist nur rund ein Fünftel des bergigen Landes für den Ackerbau nutzbar, was auch bei guter Bewirtschaftung nur knapp zur Selbstversorgung reichen würde. Aber dafür hat Nordkorea Bodenschätze und mit China und Südkorea wirtschaftlich erfolgreiche Nachbarn, von deren Dynamik der Staat profitieren könnte. Allein mit dem Bau einer Eisenbahnlinie, die Südkorea und dem nahen Japan eine Verkehrsanbindung auf dem Landweg nach Europa bieten würde, könnte Nordkorea Milliardeninvestitionen ins Land holen und dauerhaft an Transitgebühren verdienen.</p>
<p>Doch der Diktator Kim Jong-il stemmt sich gegen jede Form von Öffnung. Ohne die Fiktion, böse imperialistische Kräfte könnten jeden Moment der Schwäche nutzen, Nordkorea anzugreifen, allen voran die USA und Südkorea, könnte Kim nicht seine sogenannte Militär-zuerst-Strategie rechtfertigen. Die gibt der Entwicklung von Atombomben, Langstreckenraketen und Urananreicherungsanlagen Vorrang vor der Lebensmittelversorgung. Und nur durch rigorose Abschottung gegenüber dem Ausland kann er vor seinem Volk die Illusion aufrechterhalten, Nordkorea sei ein mächtiges Land, das vom Rest der Welt für seine Errungenschaften und seinen hohen Lebensstandard bewundert werde.</p>
<p>Für 2012, zum 100. Geburtstag seines Vaters, des Staatsgründers Kim Il-sung, hat Kim Jong-il den Nordkoreanern sogar den Beginn eines neuen, blühenden Zeitalters versprochen. &#8220;Das ist natürlich blanker Unsinn&#8221;, sagt der Diplomat. &#8220;Aber wehe dem Nordkoreaner, der die Weisheit des Geliebten Führers und Großen Generals Kim Jong-il in Zweifel stellen würde.&#8221;</p>
<p>In diesem Klima nationalistischen Selbstbetrugs ist die Anwesenheit ausländischer Helfer wie Karl Fall nicht unproblematisch. Formell dürfen die Welthungerhilfe und andere internationale Einrichtungen deshalb nicht als Entwicklungshilfeorganisationen auftreten, sondern werden als technische Experten der nordkoreanischen Regierung geführt. Der Kontakt zu der lokalen Bevölkerung wird auf das notwendige Minimum beschränkt. Wie alle Ausländer lebt Fall in einem abgeriegelten Wohngebiet, in dem das Leben einigermaßen westlich zugeht. Es gibt Heizung, Internet und Importläden. Freitags trifft man sich im RAC, dem &#8220;Random Access Club&#8221;, einer gemeinschaftlich betriebenen Kneipe.</p>
<p>Die besonderen Lebensumstände für Ausländer waren ein Grund, weshalb Fall, der zuvor in Thailand, Tonga, Laos, Vietnam und Burma arbeitete, vor acht Jahren nach Nordkorea kam. &#8220;Als Ausländer ist man in Nordkorea sehr sicher, und da ich in Deutschland eine Familie habe, für die ich Verantwortung trage, sollen die sich um mich keine Sorgen machen müssen&#8221;, sagt der Bayer. &#8220;Das wäre in vielen anderen Ländern in Asien, wo Menschen wie ich gebraucht werden, leider nicht gegeben.&#8221;</p>
<p>Auf den ersten Blick sehen Falls Projekte in Nordkorea aus wie Entwicklungshilfemaßnahmen überall in der Welt. Die Gewächshausanlage am Rande von Pjöngjang besteht aus 15 Treibhäusern, jedes 60 Meter lang und acht Meter breit. Zwei Jahre lang hat er dem lokalen landwirtschaftlichen Kollektivbetrieb geholfen, hier eine Gemüsezucht aufzubauen, die auch unter den Bedingungen stetiger Mangelwirtschaft verlässlich funktionieren kann. Neben den dicken Lehmwänden und großen Tanks hat er dafür auch eine Reihe von Fischbecken eingeplant, in denen Welse und Karpfen leben. &#8220;Aus deren Ausscheidungen gewinnen wir die Nährflüssigkeit für die Pflanzen&#8221;, erklärt Karl Fall. Gefüttert werden die Fische mit Seidenraupen, die ihrerseits von Baumblättern leben &#8211; eine Nahrungsquelle, die sie dem Menschen nicht streitig machen. Eine ähnliche Anlage steht auch in einer Provinzstadt.</p>
<p>Zusammen haben die Farmen 1,7 Millionen Euro gekostet, das Geld kam von der EU und der Welthungerhilfe. &#8220;Dieses Projekt ermöglicht Jahr für Jahr die Herstellung von 500 Tonnen Gemüse&#8221;, sagt Fall. &#8220;Das leistet einen Beitrag zur gesunden Ernährung von rund 100 000 Menschen.&#8221;</p>
<p>Doch was wirklich hinter den Gewächshäusern steckt, erschließt sich erst, wenn Fall erzählt, wie das Projekt entstanden ist. Ursprünglich war er nämlich mit einer ganz anderen Idee an die Nordkoreaner herangetreten: Kleingewächshäuser für Stadtbewohner. &#8220;Wenn in Nordkorea die Lebensmittel knapp werden, leiden die Menschen in den Städten am meisten&#8221;, sagt er. &#8220;Die Landbewohner haben eigene Gärten, mit denen sie sich zumindest teilweise selbst verpflegen können, aber die Städter sind voll und ganz auf das öffentliche Versorgungssystem angewiesen.&#8221;</p>
<p>Fall wollte deshalb kleine Hinterhofgewächshäuser aus Plastikfolie verteilen, unter denen sich Gemüse ziehen lässt. Doch in einem Land, dessen Regierung das Leben seiner Bürger bis in die letzten Winkel der Privatsphäre kontrolliert, sind derartige Treibhäuser ein Politikum: Würde private Kleingärtnerei nicht den Schwarzhandel fördern und damit die Abhängigkeit der Menschen von den staatlichen Institutionen unterwandern? Die Behörden wollten lieber eine große Gemüsefarm, die sie an das offizielle Verteilungsnetz anschließen konnten. Schließlich einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss: Im Gegenzug für die großen Anlagen darf die Welthungerhilfe auch eine bestimmte Zahl von Kleintreibhäusern als Alternative bauen.</p>
<p>Außerdem wird die Ernte aus den Gewächshäusern vorrangig an soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen verteilt sowie an die Bewohner der Kollektivbetriebe, welche die Gewächshäuser inzwischen in Eigenregie nutzen. Diese betreiben mit der Anlage zusätzlich noch einen kleinen Nebenhandel, der ebenfalls außerhalb des offiziellen Verteilungskreislaufs stattfindet: Sie züchten Erdbeeren, die sie gegen Euro an die Ausländer in Pjöngjang verkaufen. Die Einnahmen in harter Währung erlauben ihnen, in Devisenläden oder bei den chinesischen Händlern Importwaren zu kaufen.</p>
<p>&#8220;Man muss den Menschen immer einen Anlass geben, persönlich von dem Projekt zu profitieren&#8221;, sagt Fall. &#8220;Nur so sind sie engagiert, sich zu beteiligen.&#8221; In jedem anderen Land wäre das ein Gemeinplatz &#8211; in Nordkorea ist es hochsubversiv. Dabei sind die Nordkoreaner, aller kommunistischen Rhetorik zum Trotz, mit dem kapitalistischen Marktgesetz von Angebot und Nachfrage bestens vertraut. Offiziell sollen die Menschen zwar von ihrer Arbeitseinheit mit Jobs, Wohnungen, Essen und Kleidung versorgt werden. Doch da chronischer Mangel herrscht, floriert die Schattenwirtschaft. &#8220;Wo der Staat versagt, schaffen sich die Menschen ihre eigenen Strukturen&#8221;, sagt Kim Sang-hun, ein südkoreanischer Menschenrechtsaktivist, der Hunderte nordkoreanische Flüchtlinge zu den Lebensbedingungen in ihrer Heimat interviewt hat. &#8220;Ohne den Schwarzmarkt läuft in Nordkorea nichts mehr.&#8221;</p>
<p>Für das Einheitsgehalt von 5000 Won bekommt man auf dem Schwarzmarkt gerade einmal zwei Euro, doch außerhalb des offiziellen Wirtschaftskreislaufs wird mit allem gehandelt, was Wert hat. Die Beamten an der langen Grenze zu China lassen sich bestechen, winken Schmuggelware durch und lassen Menschen in die Volksrepublik fliehen. 200 000 Nordkoreaner arbeiten in China und versorgen so ihre Familien in der Heimat, schätzt Kim Sang-hun. &#8220;Für die Regierung ist das ein zweischneidiges Schwert: Einerseits lindert die Schattenwirtschaft das Leid und damit die Unzufriedenheit der Menschen, andererseits erfahren so immer mehr Nordkoreaner, wie es um ihr Land in Wirklichkeit steht.&#8221;</p>
<p>Wie rückständig Nordkorea tatsächlich ist, lässt sich erst erahnen, wenn man Pjöngjang verlässt, was selbst den dortigen Ausländern nur selten und ausschließlich unter nordkoreanischer Begleitung gelingt. Drei Tage nach dem Besuch in der Gemüsefarm besucht Fall ein anderes der insgesamt sieben Projekte, die er in Nordkorea umgesetzt hat: eine Maissaatfabrik, 80 Kilometer nördlich von Pjöngjang. Auf dem Weg kommt er an halb zugefrorenen Flüssen vorbei, in denen Menschen mit nackten Beinen zwischen den Eisschollen waten, um Schlamm auszugraben. Weil an den Hängen fast alle Bäume abgeholzt und verfeuert worden sind, schwemmt der Regen die dünne Ackerkrume immer wieder in den Fluss, und die Bauern müssen sie retten, bevor die Schneeschmelze einsetzt. Als Fall den Fabrikhof erreicht, sind dort gerade mehrere Arbeiter damit beschäftigt, Lastwagen mit Stroh zu verkleiden. &#8220;Das ist Tarnung für die Übung ,Schutz vor dem Feind&#8217;, erklärt Fall sachlich. &#8220;Die Nordkoreaner rechnen ja damit, dass jeden Moment die Amerikaner angreifen können.&#8221;</p>
<p>Mais ist eines der nordkoreanischen Hauptnahrungsmittel, doch aufgrund der jahrzehntelangen Abschottung fehlten dem Land die Möglichkeiten zur Herstellung ertragreicheren Saatguts. Fall baute deshalb eine Fabrik für sogenanntes Hybridsaatgut, mit dem sich der Ertrag um 20 bis 40 Prozent steigern lässt. Die Anlagen wurden in China gekauft, 25 chinesische Fachleute kamen zum Aufbau und Training, und ein Arbeiterteam aus Nordkorea ging für drei Monate nach China, um in einer dortigen Fabrik zu lernen. Auch hier musste Fall den 15 landwirtschaftlichen Kooperativen, die an dem Projekt beteiligt sind, zusätzliche Anreize schaffen. So plante er etwa eine Schnapsbrennerei ein, in der aus Maisabfällen Alkohol hergestellt werden kann. Einige Gewächshäuser neben der Fabrik werden zudem zur Pilzzucht genutzt.</p>
<p>Vor drei Jahren übergab Fall das Projekt den Nordkoreanern, die seitdem jährlich rund 8000 Tonnen Saatgut herstellen und die Produktion regelmäßig steigern. &#8220;Rund die Hälfte des gesamten Maisanbaus in Nordkorea wird heute mit Saatgut aus dieser Fabrik betrieben&#8221;, sagt Fall. &#8220;Das bedeutet, dass in Nordkorea jährlich 80 000 bis 100 000 Tonnen Mais mehr geerntet werden &#8211; und das mit einer Einmal-Investition von 2,6 Millionen Euro.&#8221;</p>
<p>Außenstehenden sagen solche Zahlen wenig, Kundige erkennen in ihnen die ganze Tragödie des Landes. Wenn sich mit einer Investition von 2,6 Millionen Euro bis zu 100 000 Tonnen Mais herstellen lassen &#8211; müsste es da nicht möglich sein, Nordkoreas Ernährungssorgen mit einer Reihe derartiger Projekte weitgehend zu lösen?</p>
<p>&#8220;Solange Nordkorea sich nicht öffnet, wird die Versorgung immer schwierig sein&#8221;, sagt Fall. &#8220;Aber es ist auf jeden Fall ein Land, in dem mit sehr moderaten Investitionen noch sehr viel mehr zu erreichen wäre.&#8221; Alle Projekte der Welthungerhilfe seien so konzipiert, dass sie einfach kopiert werden könnten, doch noch wartet Fall vergeblich darauf, dass die Nordkoreaner bei einem seiner Projekte mit eigenem Geld dort weitermachen, wo er aufgehört hat. Nordkoreas Regierung lässt die wenigen Devisen, die sie durch den Verkauf von Rohstoffen (und teilweise sogar von Lebensmitteln) einnimmt, vor allem dem Militär und der Herrschaftselite zugute kommen. &#8220;Auf Pjöngjangs Straßen sieht man immer mehr teure Limousinen, die es angesichts des U N-Embargos für Luxusgüter eigentlich gar nicht geben dürfte&#8221;, sagt der Diplomat. &#8220;Auch die Restaurants und Devisenläden sind voll mit Nordkoreanern, die offensichtlich viel Geld haben.&#8221;</p>
<p>Unter derartigen Bedingungen ist die internationale Hilfsbereitschaft gering. &#8220;Wir erleben in den vergangenen Jahren eine große Spendermüdigkeit gegenüber Nordkorea&#8221;, sagt Karl Fall. Und so scheitern die Pläne für den Bau von Gewächshäusern oder Biogasanlagen häufig schon an kleinen einstelligen Millionenbeträgen.</p>
<p>Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Berlin (BMZ) hat seine Unterstützung für Nordkorea eingestellt, auch von der EU kommt nur noch wenig Geld. Zu oft hat Kim Jong-il die ausländischen Helfer für seine Politik missbraucht. 2005 verwies Kim sogar alle Entwicklungshelfer kurzfristig des Landes und erklärte, man benötige keine Unterstützung mehr. Wenig später verschickten seine Beamten kleinlaut Einladungen, doch bitte zurückzukommen.</p>
<p>Auch Fall musste damals ausreisen, doch während einige Organisationen Nordkorea für immer den Rücken kehrten, kam die Welthungerhilfe zurück. Für Karl Fall wird Nordkorea allerdings sein letzter langer Auslandseinsatz gewesen sein. Wegen gesundheitlicher Probleme werde er bald zurück nach Deutschland ziehen, erzählt er. Doch für Kurzzeitprojekte wolle er wiederkommen und auch darüber hinaus dafür werben, dass das Ausland die Nordkoreaner nicht im Stich lassen dürfe. Nicht nur die Diktatur der Kims, auch die Kälte der internationalen Politik ist für ihn immer wieder ein Grund, die Kopfhörer aufzusetzen und sich in Heavy Metal zu flüchten.</p>
<p>Erschienen in: brand eins 9/2011</p>
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