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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Leben</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Wicht-Ich</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 13:31:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.</h3>
Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.</h3>
<p>Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder. Einmal essen gehen oder einkaufen reicht, und schon wird man beim Bezahlen in den Konsumadel erhoben, der Anrecht auf Prozente, Geschenke und Werbung hat. In der vergangenen Woche habe ich neun Anrufe von Clubs oder Hotels bekommen, die mich als VIP gewinnen wollten &#8211; solche Angebote gehen mit dem VIP-Status bei meinem Handyanbieter einher, der mit den Telefonnummern zahlungskräftiger Kunden gute Geschäfte macht. Selbst meine einjährige Tochter hat bereits diverse VIP-Zugehörigkeiten: In ihrem Geburtskrankenhaus ist sie „VIP auf Lebenszeit“, und Jade-Mitglied beim Lieferdienst für Windeln und Babymilch.</p>
<p>Soweit ist es mit dem Sozialismus also gekommen. Von wegen kleine Rädchen oder blaue Ameisen – im modernen China will jeder wichtiger sein als der andere. Klassenlose Gesellschaft war gestern, heute sind die Chinesen ein Volk der VIPs. Zwar gehört es noch immer zum chinesischen Selbstverständnis, dass die eigene Kultur weniger individualistisch sei als die westliche. Doch auch wenn Chinas Größe und Armut dem Einzelnen tatsächlich oft weniger Spielräume lassen – glücklich ist darüber niemand. Denn das Leben ist keine Fankurve, und statt im Rausch des Kollektivs sind die Chinesen die meiste Zeit auf sich allein gestellt. Wer will da nicht ein wenig wichtig sein?</p>
<p>Chinas größte VIPs sind die Kleinsten: Aufgrund der Geburtenplanung gibt es fast nur noch Einzelkinder, denen die Aufmerksamkeit der ganzen Familie gehört. „Kleine Kaiser“ werden sie im Chinesischen genannt. Ohnehin sollte man lieber mehr chinesische Bezeichnungen benutzen, hat die Regierung kürzlich gefordert und verordnet, dass die auch in China gebräuchliche englische Abkürzung „VIP“ künftig durch „guibin“ ersetzt werden sollte – „teurer Kunde“. Durchgesetzt hat sich das bisher aber nicht, denn „teuer“ hat im Chinesischen die gleiche Doppelbedeutung wie im Deutschen: Wenn ich jemandem teuer bin, kommt mich das häufig teuer zu stehen. Dann schon lieber wichtig.</p>
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		<title>Abwarten und Tee trinken</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 11:15:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Tee]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.</h3>
Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.</h3>
<p>Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian und war schon mit ihren Kännchen zu Gange. „Gegen die Hitze muss man nicht nur von außen ankämpfen, sondern vor allem von innen.”</p>
<p>Es ist das typische chinesische Sommergespräch: Man stellt die Kühlung auf 17 Grad und redet dann darüber, wie der Hitze mit traditionellen Mitteln viel besser beizukommen wäre. Man muss sich nur ein wenig mit Yin und Yang auskennen, jener universalgültigen Zweifaltigkeit, die alle Weisheit der alten Chinesen auf den Punkt bringt. Yang bedeutet Hitze, und wer unter zu viel Yang leidet, kann durch Aufnahme von Yin – Kälte &#8211; die Harmonie wieder herstellen. Mit Yin sind aber keineswegs Eis oder kalte Limonade gemeint. „Ob etwas im chinesischen Sinne kalt oder heiß ist, hat nichts mit der Temperatur zu tun, sondern mit dem Charakter“, belehrte mich Vivian. Grüner Tee ist kalt, ebenso Pu’er oder Oolong, Schwarztee dagegen heiß – selbst wenn alle die gleiche Temperatur haben.</p>
<p>Chinesen können alle ihre Lebensmittel einteilen, und ich frage mich, warum sie nicht gleich ihre Supermärkte danach einrichten: Hier die Yin-Regale mit grünen Bohnen, Wassermelonen, Lotuswurzeln oder Karpfen, dort die Yang-Gestelle mit roten Datteln, Paprika, Frittieröl oder Rindfleisch. Wahrscheinlich sind sie noch nicht auf die Idee gekommen, weil sie sich genaugenommen selbst nicht an ihre alten Weisheiten halten: Die Shanghaier essen im Sommer bevorzugt Flusskrebse mit Chillis, die Pekinger scharfe Mala-Suppe und die Chongqinger Feuertopf – alles yang wie die Hölle.</p>
<p>Vivian beirrt das nicht. Sie braucht ohnehin keine medizinischen Argumente, um ihren Tee zu verkaufen. Dafür ist er viel zu gut, bezogen von chinesischen Bauern der alten Schule, die mit jedem einzelnen ihrer Sträucher per du sind und deren Ernte nach Jahrgängen gehandelt wird wie Grand-Cru-Weine aus dem Bordeaux. Es sind Tees, die süchtig machen und jeden Tantenmord unter die mildernden Umstände der Beschaffungskriminalität fallen lassen. Acht neue Sorten packte Vivian mir nach zwei Stunden ein. Der Sommer kann also noch eine Weile andauern, meine Verteidigung steht: Einfach abwarten und Tee trinken.</p>
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		<title>Döner mit Stäbchen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 05:32:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Palästina]]></category>
		<category><![CDATA[Terrorismus]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1978" title="Iyad_Mansour_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour-241x300.jpg" alt="" width="145" height="180" /></a>Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. "Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch", sagt Iyad Mansour. "Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat." Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour_Copyright_Martin_Gottske.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1981" title="Iyad_Mansour_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour_Copyright_Martin_Gottske-1024x680.jpg" alt="" width="442" height="293" /></a>Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. &#8220;Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch&#8221;, sagt Iyad Mansour. &#8220;Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.&#8221; Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?</p>
<p>Wären da nicht die Stäbchen, könnte sich das &#8220;Green Grass&#8221; genauso gut in einem arabischen Land, in Europa oder Nordamerika befinden. Es ist ein Imbiss, in dem gut zwanzig Leute Platz hätten, wenn denn je so viele kämen. &#8220;Willkommen in Palästina &#8211; im Herzen des Gelobten Landes&#8221;, steht auf dem Poster an der Wand. Daneben hängen eine Palästinenserflagge und ein Arafat-Tuch, Bilder von fröhlichen Menschen in Ölbaum-Hainen, ein Kunstfoto von einem Bett am Strand und die Aufnahme von dem Mann, der sich in Peking auf dem Tiananmen-Platz vor die Panzer stellte.</p>
<p>In einer Ecke laufen die Nachrichten stumm über den Bildschirm &#8211; es sei denn, es gibt wieder Bilder von einem Attentat im Nahen Osten. Dann dreht Mansour den Ton auf und beginnt lauthals zu schimpfen: auf die Amerikaner und die Israelis, auf die Hamas und die Taliban, auf El Kaida und auf die Dänen mit ihren Mohammed-Karikaturen. &#8220;Wenn du uns Muslime ärgern willst, dann nimm unsere Frauen, aber den Propheten lass gefälligst in Ruhe&#8221;, echauffiert er sich in fließendem Japanisch. Seine Gäste schauen ihm zu, nicken still und nippen an ihrem Bier.</p>
<p>Mansour macht sich gerne Gedanken über die ganz großen Zusammenhänge. &#8220;Mein Leben ist ein Beispiel dafür, dass sich alles zum Guten wenden kann&#8221;, sagt der 35-Jährige. &#8220;Und wenn es auf der Welt nicht so viele Arschlöcher gäbe, könnte es allen Menschen so gehen.&#8221; Deshalb soll sein &#8220;Green Grass&#8221; auch mehr sein als bloß ein Lokal. Es soll ein Ort sein, an dem die Welt so funktioniert, wie man sich das wünschen würde. Das ist natürlich reichlich hoch gegriffen, aber wer wollte es Mansour übel nehmen &#8211; bei seiner Geschichte.</p>
<p>Geboren wurde er in Ramallah im Westjordanland. &#8220;Meine Familie ist arm wie alle Palästinenser&#8221;, erzählt Mansour. Ende der Achtziger lernte sein Vater Mitarbeiter einer japanischen Menschenrechtsgruppe kennen, die anboten, eines seiner Kinder zu adoptieren und mit nach Tokio zu nehmen. Die Eltern gaben ihnen Iyad mit, den ältesten ihrer elf Söhne. Er war gerade 14 Jahre alt geworden. &#8220;Die ersten drei Jahre habe ich jeden Tag geweint, weil ich alles so vermisst habe: meine Eltern, meine Familie, mein Land&#8221;, sagt Mansour. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Japan anzupassen. Er wusste, dass es kein Zurück geben würde. Seine Familie erwartete von ihm, dass er erfolgreich sein würde &#8211; erfolgreich genug, um sie in Palästina zu unterstützen.</p>
<p>Nach vier Jahren sprach Mansour Japanisch wie ein Japaner, machte einen Schulabschluss und eine Ausbildung als Automechaniker. Danach begann er, als Kellner zu arbeiten in Restaurants, die ihre Kundschaft gerne von einem fließend Japanisch sprechenden Ausländer bedienen ließen. Durch die Arbeit lernte er einen entscheidenden Unterschied zwischen seinen alten und den neuen Landsleuten kennen. &#8220;Palästinenser sind arm, aber sie verstehen es trotzdem zu feiern&#8221;, sagt Mansour. &#8220;Die Japaner dagegen sind reich, aber sie arbeiten wie verrückt und haben wenig, was ihnen wirklich Freude macht.&#8221;</p>
<p>Aus dieser Erkenntnis ließ sich eine Geschäftsidee ableiten: Mansour begann, an Wochenenden Partys zu organisieren, bei denen es eher wie bei arabischen Hochzeiten zuging als bei erzwungener japanischer Kollegenfröhlichkeit. &#8220;Wenn man den Japanern etwas zeigt, was einfach nur Spaß macht, dann sind sie wirklich glücklich&#8221;, hat Mansour inzwischen herausgefunden. Vor neun Jahren eröffnete er außerdem das &#8220;Green Grass&#8221; in Warabi, einer typischen Schlafstadt im Norden Tokios, wo die Pendler abends rund um die S-Bahn-Station von Spielhöllen, Karaoke-Bars oder den &#8220;Soapland&#8221; genannten Bordellen in Versuchung geführt werden.</p>
<p>Mansour ist hier der bunte Vogel, der inmitten der japanischen Alltagsabgründe eine äußerst un- japanische Unterhaltung bietet. Denn seine Gäste kommen nicht nur wegen des Döners. Sie kommen vor allem seinetwegen und wegen seiner leidenschaftlichen Monologe über Gott und die Welt. Mansour weist minutiös die vermeintliche CIA-Verschwörung am 11. September 2001 nach und bekennt sich emphatisch zu einer Hamas-Mitgliedschaft, nur um diese im nächsten Moment mit dem gleichen Nachdruck zu widerrufen.</p>
<p>Er erzählt von seiner Familie in Ramallah, die fast vollständig von dem Geld lebt, das er zwei Mal im Monat aus Japan überweist und mit der er täglich per Videohandy spricht. &#8220;Zwei von meinen Brüdern sitzen in israelischen Gefängnissen&#8221;, sagt er. &#8220;Für die Israelis sind sie Terroristen, aber für mich sind sie Helden.&#8221; Alle Gäste kennen auch die Geschichten von seiner japanischen Ehefrau, die sich für ihn zum Islam hat bekehren lassen und nun noch häufiger in die Moschee geht als er selbst. Oder die Anekdoten von seinen beiden Söhnen, die er &#8220;Palästinenser mit Schlitzaugen&#8221; nennt, auch wenn sie noch nie in der Heimat ihres Vaters waren. So wie auch er seit seiner Adoption vor 21 Jahren nicht mehr dorthin zurückgekehrt ist.</p>
<p>So gleicht das &#8220;Green Grass&#8221; dem Set einer realen Multi-Kulti-Dokusoap. &#8220;Kein Japaner könnte je so aus sich herausgehen, wie es für mich ganz natürlich ist&#8221;, sagt Mansour. Obwohl er inzwischen mehr als sein halbes Leben in Japan verbracht hat und sogar die japanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist ihm die japanische Reserviertheit fremd: Er palavert, gestikuliert und umarmt, wie ihm gerade zumute ist. &#8220;Ich bin halt Araber, und mit uns gehen leicht die Pferde durch&#8221;, sagt Mansour. &#8220;Und siehe da: Die Japaner mögen mich trotzdem, und ich mag sie.&#8221; Wenn das nur überall so einfach wäre, würde das mit dem Weltfrieden vielleicht doch noch etwas werden, sagt Mansour. Und stellt im selben Atemzug gleich fest, dass man dagegen eigentlich nicht viel einwenden kann. Zumindest in seiner Dönerbude widerspricht ihm sowieso niemand.</p>
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		<title>Eierfärben auf Chinesisch</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Apr 2010 13:43:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Essen]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die sogenannten Tausendjährigen Eier zählen zu Chinas berüchtigtsten Delikatessen.</h3>
Sie sind grün, braun und manchmal bläulich: auch Chinesen färben Eier - allerdings nicht von außen, sondern von innen. Die sogenannten Hundert- oder sogar Tausendjährigen Eier gehören zu den berüchtigtsten chinesischen Delikatessen. Für Europäer, die sie auf Chinareisen zum ersten Mal vorgesetzt bekommen, ist der Verzehr in der Regel mehr Mutprobe als Genuss...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die sogenannten Tausendjährigen Eier zählen zu Chinas berüchtigtsten Delikatessen.</h3>
<p>Sie sind grün, braun und manchmal bläulich: auch Chinesen färben Eier &#8211; allerdings nicht von außen, sondern von innen. Die sogenannten Hundert- oder sogar Tausendjährigen Eier gehören zu den berüchtigtsten chinesischen Delikatessen. Für Europäer, die sie auf Chinareisen zum ersten Mal vorgesetzt bekommen, ist der Verzehr in der Regel mehr Mutprobe als Genuss, denn mit Frühstückseiern heimischer Machart haben die &#8220;Tausendjährigen&#8221; wenig gemein. Das Eiweiß ist eher ein Eibraun und hat die Konsistenz von Gelatine. Wo ehemals das gelbe Dotter war, schimmert es tiefgrün. Der Geruch ist eine Mischung aus Pudding und Ammoniak, weswegen die Spezialität gelegentlich auch als verfaultes Ei bezeichnet wird &#8211; oder in Thailand sogar als Pferdeurin-Ei.</p>
<p>Derart abschätzige Bezeichnungen sind aus chinesischer Sicht nur ein weiterer Beleg für die kulinarische Beschränktheit der fremdländischen Barbarenvölker, die in ihrer Küche nur einen Bruchteil der geschmacklichen Möglichkeiten zulassen. Nicht, dass die Chinesen keine Freude an gekochten, gebratenen oder pochierten Eiern hätten. Aber ein echtes Pidan, ein Leder-Ei, wie es wegen der Beschaffenheit seiner Schale in China genannt wird, spielt in einer ganz eigenen Genussliga.</p>
<p>Angesichts der mühsamen Herstellung darf man auch einiges erwarten. Ganz tausend Jahre dauert sie nicht, aber immerhin mehrere Monate, was für verderbliche Lebensmittel bereits ein beachtlicher Zeitraum ist. Zunächst macht man einen Teig aus Asche, Kalk, Salz, Zitronensaft und Wasser. Die Asche sollte möglichst von Piniennadeln stammen, weswegen die Eier auch Pinien-Eier genannt werden. Mit dem Brei werden die frischen Eier, bevorzugt Enteneier, dick umschmiert, dann in einen Tonkrug gestapelt und in einem kühlen Keller, einer Höhle oder einem Erdloch gelagert. Die alkalischen Eigenschaften des Teigmantels führen dazu, dass in den Eiern ein langsamer Konservierungsprozess abläuft. Die empfindlichen Eiweiß- und Fettmoleküle verwandeln sich dabei in beständigere Strukturen mit einem stärkeren Geschmack. 45 bis 90 Tage später ist der Vorgang abgeschlossen.</p>
<p>Danach sind die Eier für weitere Monate haltbar. Chinesische Köche kombinieren den scharfen Geschmack der Eier meist mit Tofu, Frühlingszwiebeln und Sojasoße. Wie zu den meisten chinesischen Rezepten gibt es auch zu den Pinien-Eiern eine kaiserzeitliche Entstehungslegende. Während der Mingdynastie, vor 600 Jahren, soll eine Entenschar auf einer Baustelle ihre Eier in einen Haufen Kalkmörtel gelegt haben. Als der Hausbesitzer sie Monate später entdeckte, erschienen sie ihm offenbar so appetitlich, dass er sie kosten musste. Mit seiner Entdeckung soll er ein Vermögen verdient haben. Die Geschichte ist sicherlich nicht wahr, aber gut erfunden, denn in China und angrenzenden Ländern wird die Methode schon seit Jahrhunderten benutzt, um Eier haltbar zu machen. Da Chinesen ihre Liebe zu gutem Essen gerne hinter medizinischen Vorwänden verstecken, schreiben sie den Pinien-Eiern gesundheitlichen Nutzen zu. Sie sollen den Blutdruck senken, Gefäßkrankheiten heilen und die Sehstärke schärfen. Außerdem wird ihnen nachgesagt, die Leber zu schützen, weswegen sie gerne als Snacks zu Bier und Schnaps gegessen werden.</p>
<p>Und die Moral von der Geschicht? Wer nach der sonntäglichen Eiersuche den Verdacht hat, dass der Osterhase beim Verstecken besser war als die Suchmannschaft beim Finden, der kann sich freuen. In ein paar Monaten hat er vielleicht eine chinesische Delikatesse im Garten. Worauf man guten Gewissens einen trinken darf.</p>
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		<title>Falschgeld online</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Feb 2010 14:40:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.</h3>
Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.</h3>
<p>Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes.</p>
<p>Völlig korrekt ist das natürlich nicht, aber mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen, solange auch die chinesischen Staatsbanken regelmäßig Blüten in Umlauf bringen. Ob die Banken dabei aus den gleichen Motiven handeln wie die Normalbürger, oder ob ihre Prüftechnik versagt, ist Thema wilder Spekulationen. Allerdings achte ich darauf, dass ich die Fälschungen nicht armen Straßenhändlern unterjuble, die sie womöglich nur schwer weitergeben können, sondern lieber der Telefongesellschaft oder dem Steueramt. Da man in China Rechnungen meist alles bar bezahlt und der größte Schein gerade einmal 100 Yuan (10 Euro) wert ist, hantiert man öfter mit dicken Geldstapeln, bei denen kaum auffällt, wenn sie nicht durch und durch echt sind.</p>
<p>Chinesischen Medien zufolge ist der Falschgeldmarkt ein Saisongeschäft, das seinen Höhepunkt in den Wochen vor dem chinesischen Neujahrsfest hat. Viele Wanderarbeiter erhalten dann ihren Jahreslohn und für skrupellose Unternehmer ist es ein leichtes, ihnen dabei ein paar Blüten unterzuschieben. Die Fälschungen werden dafür eigens bezogen – aus dem Internet. In chinesischen Webforen finden sich hunderte Falschgeldanzeigen, oft in den Kommentarspalten versteckt. „Absolute Glaubwürdigkeit“, verspricht etwa ein Herr Long aus dem südchinesischen Guangzhou. „Sicherheit und Ehrlichkeit sind in unserem Geschäft entscheidend.“ Für die Kontaktaufnahme gibt es eine Telefonnummer. Der Wechselkurs zwischen Echt- und Falschgeld richtet sich nach der Qualität, wobei die besten Blüten bis zu einem Drittel des Nennwertes kosten. Einige Firmen werben damit, dass ihr Geld in Taiwan auf modernsten Maschinen gedruckt worden sei. „Exquisite Verarbeitung, Wasserzeichen, Farbe – alles wie bei echtem Geld“, lautet das Angebot. „Selbst das Rascheln von Geldbündel klingt echt.“</p>
<p>Keiner weiß, wie viel Falschgeld in China im Umlauf ist, aber weniger wird es offenbar nicht. Vergangenes Jahr konfiszierte die Polizei innerhalb von zehn Monaten Blüten im Wert von 120 Millionen Euro, mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Ein chinesischer Handyhersteller hat deshalb bereits ein Mobiltelefon mit eingebautem Wasserzeichenprüfer auf den Markt gebracht. Solange ich meine Blüten problemlos ausgeben kann, werde ich aber auf den Kauf verzichten. Einmal habe ich die Fälschung sogar schon am Bankautomat gemerkt und die Beschwerde-Hotline anrufen. „Falschgeld? Kann nicht sein“, sagte die Frau am anderen Ende. Gewissermaßen hatte sie sogar recht. Eine Stunde später hatte ich für den falschen Hunderter köstlich gegessen.</p>
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		<title>Morgen kommt der Weihnachtsgreis</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Dec 2009 16:39:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen - als exotisches Konsumfest.</h3>
Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll's, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. "Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden", erzählt die Floristin. Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen &#8211; als exotisches Konsumfest.</h3>
<p>Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll&#8217;s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. &#8220;Ich habe mich erkundigt und erfahren, dass Ausländer diese Gestecke im Winter gerne kaufen, weil sie irgendwas mit Weihnachten zu tun haben&#8221;, erzählt die Floristin. &#8220;Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden.&#8221;</p>
<p>Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht: Statt vier hatte sie nur drei Lichter aufgesteckt. &#8220;Drei fand ich schöner, und billiger war es auch&#8221;, rechtfertigt sie sich. &#8220;Wie kann man ahnen, dass Ausländer ausschließlich Kränze mit vier Kerzen wollen?&#8221; Seitdem produziert auch Frau Zhou normgerechten Adventsschmuck &#8211; und macht damit in der Weihnachtszeit ein gutes Extrageschäft. So wie die Blumenhändlerin gehen viele Chinesen mit Weihnachten um, sie nehmen es mit, ohne recht zu verstehen, was es damit eigentlich auf sich hat. Traditionell spielt das Weihnachtsfest in China schließlich keine Rolle.</p>
<p>Da in Großstädten westliche Trends gerne imitiert werden, ist das christliche Fest der Liebe für wohlhabende Chinesen ein willkommener Anlass, es sich wieder einmal gut gehen zu lassen. Weihnachten feiern heißt konsumieren. Einkaufszentren drapieren dafür Tannenbäume und Rentierschlitten in die Schaufenster oder setzen ihren Angestellten rotweiße Mützen auf. Liebespaare nutzen Weihnachten als Anlass für romantische Rendezvous bei Kerzenschein, bevorzugt in einem westlichen Lokal oder Coffeeshop. Restaurants werben um Kunden, indem sie Girlanden und Nikoläuse aufhängen oder Kunstschnee an die Scheiben sprühen. Da der Schmuck oft das ganze Jahr über hängen bleibt und je nach Saison um chinesische Neujahrsscherenschnitte, Valentinsherzen und Halloweenmasken ergänzt wird, erscheinen manche Lokale geradezu als Museen einer globalisierten Feiertagskultur. Auch Chinas Staatsfernsehen nimmt im Dezember westliche Weihnachtsfilme ins Programm. Radiosender legen &#8220;Jingle Bells&#8221; auf und klären ihre Hörer darüber auf, was es mit Rudolph, dem rotnasigen Rentier auf sich hat.</p>
<p>Fortschrittliche Kindergärten oder Grundschulen inszenieren sogar eigene Bescherungen, um den Kindern westliche Traditionen nahezubringen. &#8220;Weihnachten ist eine Möglichkeit, den Kindern zu erklären, wie das Leben außerhalb Chinas ist&#8221;, erklärt die Pekinger Kindergärtnerin Mao Hua. Der Schüler Wang Jiayi erzählt, ihm sei Weihnachten zum ersten Mal in einem Zeichentrickfilm begegnet. &#8220;Da kam ein Mann mit rotem Mantel und langem Bart und hat Geschenke unter einen geschmückten Baum gelegt&#8221;, erinnert sich der Achtjährige. &#8220;Shengdanjie Laoren&#8221; nennen die Chinesen den Paten des Spektakels wörtlich: &#8220;Weihnachtsgreis&#8221;.</p>
<p>Dass Weihnachten in der Volksrepublik vor allem als Kauffest wahrgenommen wird, könnte dem Westen zu denken geben: Schließlich machen die Chinesen nur nach, was sie im Ausland sehen. Außerdem bemerken chinesische Unternehmen die weltweite Konsumbereitschaft zur Weihnachtszeit in ihren Auftragsbüchern. China ist längst ein fester Bestandteil in der globalen Christkindindustrie. Ein großer Teil der Geschenke, die unter die Tannenbäume gelegt werden, sind Made in China.</p>
<p>In der vergangenen Woche vermeldete die Nachrichtenagentur Xinhua, China habe allein im Monat Oktober 58 456 Tonnen Weihnachtsartikel im Wert von 157 Millionen Dollar exportiert. Allerdings gibt es auch Chinesen, für die Weihnachten mehr ist als Kitsch und fremdländische Folklore. Obwohl die Kommunistische Partei das Volk seit nunmehr sechzig Jahren zum Atheismus zu erziehen versucht, verzeichnen die Religionen auch in China eine Renaissance. Inzwischen wird die Zahl der chinesischen Christen auf 50 bis 130 Millionen Menschen geschätzt &#8211; und viele von ihnen sind mehr als Christnachtkirchgänger. Die Mehrheit der chinesischen Gläubigen gehören sogenannten Untergrund- oder Hauskirchen an, weil sie sich nicht der offiziellen, streng kontrollierten Staatskirche anschließen wollen.</p>
<p>Dafür nehmen sie oft harte Sanktionen in Kauf. Im vorigen Jahr zählte die christliche Organisation &#8220;China Aid Association&#8221; 2 027 Fälle von Repressionen gegen Christen. 2009 dürfte diese Zahl weiter ansteigen, weil die Regierung ihr Vorgehen gegen inoffizielle Religionsgemeinschaften zuletzt stark verschärft hat. &#8220;Die Partei sieht die Religion grundsätzlich als Feind und hat panische Angst vor Organisationen, die sie nicht kontrollieren kann&#8221;, sagt der Pekinger Menschenrechtsanwalt Li Fangping. &#8220;Deshalb können viele Menschen ihre Religion nur in der Illegalität ausleben.&#8221;</p>
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		<title>Bekenntnisse eines Klimatrampels</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Dec 2009 08:41:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.</h3>
Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.</h3>
<p>Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen.</p>
<p>Mein Wohnsitz ist Peking und mein Berichtsgebiet umfasst China, Korea und Japan. Das sind von Osten nach Westen etwa 6000 Kilometer und von Norden nach Süden 4000. Mit dem Fahrrad ist das nicht abzudecken. Also fliege ich, in den meisten Monaten sogar mehrmals. Dabei gehört Fliegen neben Waldbrandstiftung zum Schlimmsten, was ein Mensch der Erdatmosphäre antun kann. Der Treibhausgaskalkulator auf der Internetseite der Umweltorganisation WWF hat meinen persönlichen Kohlenstoffdioxidausstoß mit 31,52 Tonnen berechnet, dreimal so viel wie der deutsche Durchschnitt. Eine verheerende Bilanz!</p>
<p>Was kann ich da zu meiner Verteidigung vorbringen? Dass ich kein Auto besitze? Dass ich in einer Wohnung mit guten Isolierscheiben lebe? Dass ich ein Kurzduscher bin? Zugegeben: Mehr als ein Feigenblatt ist all das nicht &#8211; mein klimapolitischer Sündenfall lässt sich damit nicht bedecken. Wenn Dante mit seiner mittelalterlichen Höllendarstellung richtig liegt, erwartet mich eine Strafe, in der ich meine Laster von ihrer dunkelsten Seite erleben muss. Wahrscheinlich werde ich bis in alle Ewigkeit in einem engen Flugzeug voller Korrespondenten (bekanntlich die Diven unter den Journalisten) um den Erdball kreisen, auf dem man nicht mehr landen kann, weil alle Flughäfen unter Wasser stehen. Ab und zu kommt die Stewardess mit „chicken oder beef“, aber die eigene Wahl ist immer gerade ausgegangen.</p>
<p>Aber vielleicht kann mir eine andere journalistische Untugend aus der Emissionspatsche helfen: Drehe ich die Geschichte doch einfach so, wie sie mir passt. Womöglich ist folgende Verteidigungsstrategie erfolgreicher: Wir Korrespondenten sind nicht Täter, sondern Opfer! Denn macht nicht gerade das globale Problem des Klimawandels deutlich, wie wichtig es ist, über Ereignisse am anderen Ende der Welt Bescheid wissen. Wie soll das gehen ohne eine globale Berichterstattung? Schließlich fliege ich nicht zum Spaß, sondern für Sie, liebe Leser! Deshalb bitte ich um Ihre Solidarität und schlage vor, dass mein Dienst-CO2 anteilig auf Sie alle umgelegt werden. Der Meeresspiegel wird davon zwar leider nicht sinken. Aber vielleicht komme ich so vor dem Jüngsten Gericht mit einer Bewährungsstrafe davon. Oder erhalte im höllischen Korrespondentenflieger wenigstens einen Platz mit mehr Beinfreiheit.</p>
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		<title>Die Armut der anderen</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Nov 2009 16:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Reisbauernhüte sind ein fester Bestandteil des westlichen Chinabilds. Dabei verraten sie mehr über uns als über die Chinesen.</h3>
In der Abflughalle des Pekinger Flughafens sehe ich häufig ausländische Touristen, die runde, spitze Bambushüte tragen. Die klassische Kopfbedeckung der Reisbauern gehört zu den beliebtesten Chinasouvenirs, und da die sperrigen Dinger in keinen Koffer passen, bleibt den Reisenden meist nichts anderes übrig, als sie aufzusetzen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Reisbauernhüte sind ein fester Bestandteil des westlichen Chinabilds. Dabei verraten sie mehr über uns als über die Chinesen.</h3>
<p>In der Abflughalle des Pekinger Flughafens sehe ich häufig ausländische Touristen, die runde, spitze Bambushüte tragen. Die klassische Kopfbedeckung der Reisbauern gehört zu den beliebtesten Chinasouvenirs, und da die sperrigen Dinger in keinen Koffer passen, bleibt den Reisenden meist nichts anderes übrig, als sie aufzusetzen.</p>
<p>Bei dem Anblick muss ich daran denken, wie ich in der Grundschule einmal selbst einen Chinahut bastelte &#8211; aus gelber Pappe, verziert mit Fantasieschriftzeichen. Unsere Klasse führte damals zu Fasching einen Chinesentanz auf. An die Details kann ich mich nicht erinnern, aber wahrscheinlich haben wir Schlitzaugen geschminkt bekommen, kleine Trippelschritte gemacht und einen albernen Tsching-tschang-tschung-Text gesungen, der heutzutage einen diplomatischen Zwischenfall auslösen würde. Doch Anfang der Achtziger war China ja noch ein weit entferntes, fremdes Land.</p>
<p>Inzwischen lebe ich seit zehn Jahren dort und reise viel durchs Land. Die Reisbauernhütebegegnen mir allerdings fast ausschließlich bei Touristen. Die meisten chinesischen Bauern tragen heutzutage lieber Baseballkappen oder geflochtene Cowboyhüte. Trotzdem ist der spitze Hut ein fester Bestandteil des westlichen Chinabilds. In ihm manifestiert sich unsere romantische Vorstellung, dass es erfüllend sein muss, ein Leben lang mit einem Wasserbüffel ein Reisfeld zu pflügen und dabei Furche für Furche übers Werden und Vergehen zu meditieren. Solche Ideen verdanken wir der europäischen Chinoiseriebegeisterung des 19. Jahrhunderts und Brechts berühmtem Schulbuchgedicht &#8220;Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration&#8221;. Brecht war eben nie in China. Und außerdem Idealist, nicht Journalist.</p>
<p>Seit einiger Zeit sehe ich die spitzen Hüte am Flughafen übrigens auch in der Ankunftshalle &#8211; auf den Köpfen von chinesischen Touristen. Sie kommen aus Vietnam, Kambodscha oder Laos zurück und haben in den noch unterentwickelteren Nachbarländern offenbar die gleiche Rückständigkeitsidylle genossen, die Westler in China suchen. Armut kann so schön sein &#8211; solange es die Armut der anderen ist.</p>
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		<title>Länger leben mit Paranoia</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Aug 2009 15:16:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Lieber paranoid als tot. Denn wer unter Angstzuständen leidet, stirbt nie den Tod, vor dem er sich fürchtet.</h3>
Allmählich werde ich paranoid. Jedenfalls gebe ich mir Mühe. Denn es ist doch so: Wer Angstzustände hat, erleidet nie das Unglück, vor dem er sich fürchtet. Das passiert immer nur den anderen. Deshalb sind Paranoide ja so komisch. Aber das Gelächter meiner Mitmenschen nehme ich gerne in Kauf...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lieber paranoid als tot. Denn wer unter Angstzuständen leidet, stirbt nie den Tod, vor dem er sich fürchtet.</h3>
<p>Allmählich werde ich paranoid. Jedenfalls gebe ich mir Mühe. Denn es ist doch so: Wer Angstzustände hat, erleidet nie das Unglück, vor dem er sich fürchtet. Das passiert immer nur den anderen. Deshalb sind Paranoide ja so komisch. Aber das Gelächter meiner Mitmenschen nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dafür nicht einen der schrecklichen Tode sterben muss, die in China überall lauern.</p>
<p>Zum Beispiel im Flugzeug. Neulich bin ich mit Air China geflogen und bei der Landung setzte der Pilot so hart auf, dass über mir die Sauerstoffmasken aus der Decke fielen. Allerdings fielen sie nicht bis zu mir herab, sondern blieben über meinem Kopf hängen. Jemand hatte sie nämlich mit Draht in der Halterung festgebunden, offenbar weil die Klappe häufiger aufgeht. Im Ernstfall wäre ich also kläglich erstickt, lange bevor ich nach einer Kneifzange hätte fragen können. „Passiert schon nichts“, meinte die Stewardess, als ich sie darauf aufmerksam machte. Das wäre bis vor kurzem auch meine Meinung gewesen, aber diesmal habe ich &#8211; wie Paranoide eben so sind &#8211; eine ordentliche Szene gemacht.</p>
<p>Auch mit Taxifahrern streite ich mich regelmäßig, weil der Sitzgurt fast nie zugängig ist. Zwar gilt auch in China Anschnallpflicht, aber diese Regel hat eher rechtskosmetischen Charakter. Es muss schon ein Polizist durchs Fenster schauen, damit ein chinesischer Autofahrer auf die Idee kommt, sich den Gurt wenigstens locker über den Schoß zu legen. Ich referiere dann Unfallstatistiken und ernte Blicke, als sei ich nicht ganz dicht.</p>
<p>Daraus schließe ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Also weiter: Wenn ich demnächst erstickt oder durch eine Frontscheibe gedonnert bin, wird die Autopsie sicher ergeben, dass ich ohnehin nicht mehr lange gehabt hätte. Krebs! Gemessen an Pekings Luft ist jedes Raucherzimmer ein Luftkurort. Und in vielen Gerichten kann man Pestizide und Wachstumshormone regelrecht schmecken. Wenn man nur will.</p>
<p>Ich will. „Lieber paranoid als tot!“ habe ich mir auf einen Merkzettel geschrieben. Gestern hat ihn ein Freund entdeckt und mich für verrückt erklärt. „Das Leben ist ein Hund“, sagte er. „Wer keine Angst zeigt, wird auch nicht gebissen.“ Hm. Leuchtet auch irgendwie ein.</p>
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		<title>Zur Sache, Kätzchen</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 05:34:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Popkultur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Sie hat keinen Mund und spricht trotzdem zu Millionen: Die japanische Comic-Katze Hello Kitty feiert zum 35. Mal ihren fünften Geburtstag.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1426" title="Hello Kitty" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/08/hello-kitty-color-300x267.gif" alt="Hello Kitty" width="140" height="125" />Liebe Katzen tanzen Walzer, böse Rock’n’Roll. Das ist die Erkenntnis, mit der die kleine Midori aus dem Märchen vom „Nussknacker“ kommt. „Die Bösen sind immer so wild“, sprudelt die Fünfjährige und schüttelt sich, dass ihre Zöpfe fliegen. „Aber Kitty tanzt gaaanz schön.“ Dann trippelt und kreiselt sie mit verzücktem Blick um ihre Kindergärtnerin und stellt sich vor, sie wäre ein weißes Kätzchen mit rosa Haarband...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sie hat keinen Mund und spricht trotzdem zu Millionen: Die japanische Comic-Katze Hello Kitty feiert zum 35. Mal ihren fünften Geburtstag.</h3>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1426" title="Hello Kitty" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/08/hello-kitty-color-300x267.gif" alt="Hello Kitty" width="237" height="212" />Liebe Katzen tanzen Walzer, böse Rock’n’Roll. Das ist die Erkenntnis, mit der die kleine Midori aus dem Märchen vom „Nussknacker“ kommt. „Die Bösen sind immer so wild“, sprudelt die Fünfjährige und schüttelt sich, dass ihre Zöpfe fliegen. „Aber Kitty tanzt gaaanz schön.“ Dann trippelt und kreiselt sie mit verzücktem Blick um ihre Kindergärtnerin und stellt sich vor, sie wäre ein weißes Kätzchen mit rosa Haarband.</p>
<p>Showtime im Freizeitpark „Puroland“ (Japanisch für „pures Land“), dem Vergnügungshauptquartier von Japans beliebtester Comicfigur: Hello Kitty. Eine Stunde westlich von Tokio öffnet die Katze ihren Fans ihr pinkes Reich: Kittys Haus steht hier und Kittys „Zeitmaschine der Träume“. Es gibt ein Kitty-Hotel, ein Kitty-Fotostudio und eine Kitty-Kapelle, in der wöchentlich dutzende Paare Hochzeit feiern. Fünfmal täglich zur vollen Stunde tritt Kitty in Klassikern der Bühnenkultur auf, im „Nussknacker“, im „Zauberer von Oz“ oder in „Schneewittchen und die sieben Kätzchen“. „Unser Firmengründer Shintaro Tsuji hat persönlich die Drehbücher geschrieben“, sagt Makoto Sato, Vorstand für Entertainment und Medien des Unterhaltungskonzerns Sanrio. „Und natürlich hat er sie auf unsere Stars zugeschnitten.“ Zu Sanrios globalem Comic-Imperium gehören neben Hello Kitty nämlich noch dutzende weitere Figuren: etwa das singende Häschen „My Melody“ (Slogan: „Lass mich noch ein wenig verharren in meinen Träumen von Erdbeerfeldern.“) und das Kaninchen-Duo Sugarbunnies („Ein Musikgeschenk ist so süß wie Kuchen“). Oder der Hund Cinnamoroll, der ursprünglich Cinnamonroll – wörtlich: Zimtschnecke &#8211; hieß, bis Sanrio bemerkte, dass man auf den Namen eines Gebäcks kein Copyright anmelden kann und das letzte „n“ von Cinnamon (Zimt) kurzerhand wegließ. Die meisten Japaner bemerken den Unterschied ohnehin nicht, Hauptsache ihre Kuscheltiere kommen halbwegs poliglott daher.</p>
<p>Hello Kitty hat ihr ulkiger Name schließlich auch nicht im Weg gestanden, in den 35 Jahren ihres virtuellen Lebens zu Japans erfolgreichster Kunstfigur zu werden und ein weltweites Kätzchenimperium zu begründen. Über eine Milliarde Dollar verdient Sanrio jährlich mit den über 20.000 Produkten, auf denen das Bild der kleinen Katze prangt. „Der größte Teil sind Geschenkartikel, die nicht viel kosten“, erklärt Sato. „Unsere Philosophie ist: Kleiner Preis, großes Lachen.“ Doch neben Plüschtieren, Bleistiften, Haarspangen und Handyhüllen gibt es Kitty auch für kaufkräftigere Kunden. Frauen wie Männer können sich von oben bis unten in Kittymode kleiden. Es gibt komplette Kitty-Küchenausstattungen, elektrische Geräte, Fahrräder, Surfbretter und in Japan sogar Kitty-Kleinwagen. Dutzende Markenunternehmen vertreiben eigene Kitty-Linien, darunter die Uhrenfirma Seiko oder die Modeketten Zara und H&amp;M. Selbst McDonalds wirbt seit Jahren mit Kitty für den Burgerverzehr. „Solange Produkte nichts mit Sex, Drogen und Gewalt zu tun haben, sind wir für eine Lizenzvergabe offen“, erläutert Sato. „Für viele Menschen sind Waren mit Kitty einfach mehr Wert.“ Kitty zu drucken bedeutet, Geld zu drucken. Gerne erzählt man bei Sanrio, dass Microsoft-Gründer Bill Gates vor einigen Jahren durch einen Mittelsmann 5,6 Milliarden Dollar für die Markenrechte an Kitty geboten habe. Tsuji war aber nicht zum Verkauf bereit, nicht nur weil Kitty dem 82-Jährigen so sehr am Herzen liegt, dass er seinen weißen Benz innen und außen in Kätzchenoptik gestaltet hat, sondern weil er ihren Marktwert weitaus höher einschätzt. In der Rangliga der wertvollsten Comicfiguren gilt Kitty schließlich als die Nummer Drei hinter den Disney-Charakteren und Snoopy.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1430" title="Yuko Yamaguchi (Copyright: Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/08/IMG_18431-300x210.jpg" alt="Yuko Yamaguchi (Copyright: Bernhard Bartsch)" width="300" height="210" />Dabei ist Kitty unternehmerisch betrachtet das genaue Gegenteil der Mickey Mouse. Denn während die Disney-Figuren in Bildergeschichten zur Welt kamen und erst später den Weg auf Kaffeetassen und Badehosen fanden, führte Kitty von Geburt an ein Aufdruck-Dasein, das sich nur allmählich mit Leben füllte. „Ursprünglich wurde Kitty erfunden, um Geschenkartikel zu verzieren“, erzählt Yuko Yamaguchi, seit drei Jahrzehnten Hello Kittys Chefsdesignerin. „Aber damit eine Figur über Jahre Kunden an sich bindet, muss sie auch eine Geschichte bekommen.“</p>
<p>Geboren wurde Kitty aus einer Marktstudie – und der Erkenntnis, dass Menschen, die Erdbeeren mögen, nicht unbedingt auch auf Kirschen stehen. 1960 gründete Shintaro Tsuji  ein Seidenwarenunternehmen, aus dem später Sanrio hervorging. Japan erholte sich damals gerade von den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und die Menschen waren wieder bereit, für Kleidung mit einem hübschen Muster ein wenig mehr auszugeben. Tsuji bedruckte seine Produkte mit Erdbeermustern und war innerhalb kurzer Zeit Millionär. Doch der Versuch, den Erfolg mit Kirschmotiven zu wiederholen, floppte. Daraufhin probierte Tsuji es mit Kunstfiguren und sicherte sich unter anderem die japanischen Rechte an Snoopy und Barbie. Bald blühte sein Geschäft mit Geschenkartikeln. Doch die Lizenzkosten fraßen einen großen Teil seiner Gewinne auf, weshalb Tsuji eigene Charaktere entwerfen ließ. Er stellte eine Gruppe junger Kunstabsolventen ein und legte ihnen Umfrageergebnisse über japanische Konsumgewohnheiten vor. Daraus ließ sich unter anderem ableiten, dass kleine Mädchen Katzen und die Farbkombination weiß-rot lieben. Die Jungdesignerinn Yuku Shimizu malte daraufhin eine weiße Katze mit roter Haarschleife. Kätzchen rot-weiß &#8211; hallo Kitty.</p>
<p>Im September 1974 erschien das Motiv erstmals  auf einem Kindergeldbeutel in Sanrios Läden und wurde prompt ein Renner. Zusammen mit Figuren wie „My Melody“ oder „Little Twin Stars“ bescherte Hello Kitty Sanrio innerhalb von drei Jahren eine Versiebenfachung seines Umsatzes. Sanrios Kundenzeitschrift „Strawberry Shimbun“ (Erdbeerzeitung) stattete die Charaktere mit einer Minimalidentität aus: Demnach heißt Hello Kitty genaugenommen Kitty White, ist fünf Jahre alt und wurde in England geboren. Ansonsten entspricht sie dem Idealbild braver japanischer Mädchen: Sie geht gerne zur Schule, macht gewissenhaft Hausaufgaben, übt mit Freude Klavier und ist allseits beliebt. „Man kann nie zu viele Freunde haben“, lautete einer der ersten Sprüche auf einer Kitty-Tasse.</p>
<p>Doch so schnell die Japaner die Katze ins Herz geschlossen hatten, so schnell wurden sie ihrer auch wieder überdrüssig. So war es alles andere als ein Traumposten, als Yuko Yamaguchi 1980 die Verantwortung für die Kitty-Produktlinie bekam. „ Aus Katzen hatte ich mir noch nie etwas gemacht“, erzählt die Endfünfzigerin, die aussieht wie eine verlebte japanische Pippi Langstrumpf „Ich fand Snoopy viel besser.“ Bei Interviews in Sanrios Läden kam sie schnell darauf, dass die Kinder sich unter Kitty nicht genug vorstellen konnten, um dauerhaft interessiert zu sein. So ließ sie ihre Designs Geschichten erzählen: Sie setzte Kitty nicht nur in Flugzeuge und Rennautos, sondern gönnte ihr auch zunehmend Gesellschaft: von ihrer Zwillingsschwester Mimmy, ihren Eltern George und Mary, ihren Großeltern Anthony und Margaret, und ihrem Haustier – einer Katze namens Charmmy Kitty. Auf einen Freund &#8211; Dear Daniel &#8211; musste sie aus Rücksicht auf die japanische Prüderie bis Ende der Neunziger warten. Da hatte sich das rotweiße Farbschema dem Zeitgeist entsprechend längst in rosa aufgelöst.</p>
<p>Allmählich zogen Kittys Verkäufe wieder an – doch ihren zweiten Frühling erlebte Kitty erst, als Yamaguchi das Kätzchen aus der Welt der kleinen Mädchen befreite. „Eines Tages bekam ich einen Brief von einer Mittelschülerin, die mir schrieb, dass ihre Eltern ihr keine Kitty-Sachen mehr kaufen wollen, weil sie dafür inzwischen zu groß sei“, erzählt die Designerin. „Sie bat mich, auch Kitty-Produkte für Ältere zu entwerfen.“ Also begann Kitty, mit ihren Fans zu wachsen, auch wenn sie selbst immer fünf Jahre alt blieb. Ende der Achtziger erschien Kitty erstmals in schwarz-weiß und schaffte damit den Sprung in die Teenagermode. Einige Jahre später expandierte Kitty auf Kleidung für junge Frauen, dann in seriöse Geschäftskostüme. „Als die Kundinnen, die seit ihrer Kindheit Kitty lieben, Kinder kriegten, kam noch eine Babylinie dazu“, erzählt Yamaguchi. „Und ihren Männern können sie inzwischen auch Kitty-Produkte schenken.“ Damit das Kätzchen nicht beliebig wird und in Mode bleibt, entwirft ihr Team von 40 Designern jährlich eine an aktuellen Trends orientierte neue Kollektion. Zu ihrem 35. Geburtstag tritt Kitty erstmals im Schottenrock auf, und bekommt außerdem in limitierter Auflage blaue Augen.</p>
<p>Doch Marketinggeschick allein reicht nicht aus, um Kittys Aufstieg zum internationalen Superstar zu erklären. „Bestimmt hat ihre Beliebtheit etwas mit dem sehr simplen Design zu tun“, glaubt Sanrio-Vorstand Sato. „Aber obwohl wir in den vergangenen Jahrzehnten hunderte Figuren entwickelt haben, um den Erfolg zu wiederholen, bleibt Kitty einmalig.“ Teilweise sei Kitty auch als Symbol einer sozialen Revolution zu verstehen: Junge Frauen sind zunehmend unwillig, auf ihre Karriere zu verzichten, um sich in das noch immer enge japanische Ehekorsett zwängen zu lassen. Deshalb laden sie ihr Geld und ihre Emotionen bei Kitty ab. Dass die Katze keinen Mund hat, macht sie zu einer idealen Produktionsfläche, denn sie kommt nie in Verlegenheit, sich zu den Schwierigkeiten des Lebens äußern zu müssen – und damit ihre Schuldlosigkeit aufs Spiel zu setzen. Zwar hat Sanrio in den vergangenen Jahren mehrere Zeichentrickfilme mit seiner Superkatze herausgebracht, aber eingeschlagen haben sie nicht. Yamaguchi ist sicher, dass Kitty gerade deswegen erfolgreich ist, weil sie nur in Produkten lebt. „Die Fans haben gelernt, Kittys Geschichte in den Designs zu verfolgen“, findet sie. Wer sie weiter verfolgen will, muss auch weiter kaufen.</p>
<p>Damit das auch in Zukunft so bleibt, hat Sanrio-Chef Tsuji vor einigen Jahren angeordnet, dass Kitty bei ihren Auftritten in Puroland Tänzerinnen zur Seite gestellt werden, die kurze Röcke und tiefe Ausschnitte tragen und sich freizügig bewegen sollen. So sollen auch Väter und Großväter das liebe Kätzchen ins Herz schließen.</p>
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		<title>Eine Welt, eine Träumerei</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Aug 2009 22:08:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
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		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Vor einem Jahr begannen in Peking die Olympischen Spiele. Während Chinas Regierung den Mythos am Leben zu erhalten versucht, wollen ihre Kritiker ihn zerstören.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1380" title="Huanhuan" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/08/mascot.02.jpg" alt="Huanhuan" width="160" height="177" />Rekorde sind zum Brechen da. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen von Peking, dem größten Sportfest aller Zeiten, strebt Chinas Regierung nach dem nächsten athletischen Superlativ: Auf die Riesenshow des Spitzensports soll die weltweit größte Breitensportbewegung folgen. Der 8. August, das Jubiläum der Olympiaeröffnung, soll in der Volksrepublik künftig als „Nationaler Fitnesstag“ an die Spiele erinnern – und der Kommunistischen Partei ermöglichen, den Olympiamythos weiter zu instrumentalisieren. Pekings Kritiker wollen den Tag dagegen nutzen, um der Welt in Gedächtnis zu rufen, dass viele Hoffnungen – etwa Fortschritte in Sachen Menschenrechte, Demokratie oder Pressefreiheit – enttäuscht wurden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vor einem Jahr begannen in Peking die Olympischen Spiele. Während Chinas Regierung den Mythos am Leben zu erhalten versucht, wollen ihre Kritiker ihn zerstören.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1384" title="mascot.03" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/08/mascot.031.jpg" alt="mascot.03" width="269" height="296" />Rekorde sind zum Brechen da. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen von Peking, dem größten Sportfest aller Zeiten, strebt Chinas Regierung nach dem nächsten athletischen Superlativ: Auf die Riesenshow des Spitzensports soll die weltweit größte Breitensportbewegung folgen. Der 8. August, das Jubiläum der Olympiaeröffnung, soll in der Volksrepublik künftig als „Nationaler Fitnesstag“ an die Spiele erinnern – und der Kommunistischen Partei ermöglichen, den Olympiamythos weiter zu instrumentalisieren. Pekings Kritiker wollen den Tag dagegen nutzen, um der Welt in Gedächtnis zu rufen, dass viele Hoffnungen – etwa Fortschritte in Sachen Menschenrechte, Demokratie oder Pressefreiheit – enttäuscht wurden.</p>
<p>Seit Wochen laufen im Pekigner Olympiapark die Vorbereitungen für ein dreitägiges Gala-Spektakel, an dem über 200.000 Menschen teilnehmen und das im ganzen Land übertragen wird. Schon seit Montag strahlt der Zentralsender CCTV ein zehntägiges Sonderprogramm aus, das mit Sendungen wie „Chinas Stolz“ oder „Die olympische Geschichte kehrt zurück“ die kollektive Euphorie des vergangenen Sommers wieder aufleben lassen soll. Dabei werden nicht nur Chinas Medaillenträger gefeiert, sondern vor allem auch die Organisatoren. Die Botschaft: Wer derart spektakuläre Spiele auf die Beine stellen kann, der ist auch Herausforderungen wie der Wirtschaftskrise oder sozialen Spannungen gewachsen.</p>
<p>Auf allen Kanälen verbreiten Stars und Sternchen ihre persönlichen Olympiaerinnerungen. „Olympia war ungeheuer wertvoll“, sagt etwa der Kungfu-Star Jackie Chan. „Diese Tage haben mir wahnsinnig viel gegeben.“ Der Schauspieler soll am Samstagabend im Vogelnest das Olympialied „Ich und du“ singen – als Auftakt zu einem Fußballspiel der italienischen Clubs Inter Mailand und Lazio Rom. Es ist das erste Mal seit vergangenem Herbst, dass in dem Stadion eine Sportveranstaltung stattfindet. Nach den Paralympischen Spielen war das „Vogelnest“ für die Allgemeinheit geöffnet worden und entwickelte sich seitdem zum beliebtesten Touristenziel des Landes – noch vor der Großen Mauer und der Verbotenen Stadt.</p>
<p>Neben derartigen Medienspektakeln soll der Jubiläumstag aber vor allem für Massenveranstaltungen genutzt werden, bei denen die Chinesen sich und ihr Land feiern können. Die Zentralregierung hat Behörden und Unternehmen im ganzen Land aufgerufen, entsprechende Aktionen zu planen. Dutzende Städte veranstalten noch einmal Fackelläufe, von Pekings Nachbarstadt Tianjin bis zur südchinesischen Urlaubsmetropole Sanya. Per SMS wurden im ganzen Land Botschaften wie „Bewahrt den Traum“ verbreitet – eine Erinnerung an den Olympia-Slogan „Eine Welt, ein Traum“. In Peking sollen 34.000 Schattenboxer gleichzeitig ihren Zeitlupensport betreiben und China damit einen weiteren Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde sichern. Laut „Volkszeitung“ beteiligen sich daran Mitarbeiter von 28 städtischen Behörden, 30 Unternehmen und zehn Universitäten – sowie 200 Behinderte. Die Provinzregierung von Gansu plakatierte ihre Städte mit dem Slogan: „Spazieren, rennen, hüpfen – sportlicher Fortschritt bringt tausenden Familien Gesundheit und Glück“. In Fujian sorgen die Behörden dafür, dass am 8. August „tausende Menschen schwimmen und zehntausende Berge besteigen“, heißt es auf der Webseite der Provinzregierung. In der Inneren Mongolei entwickelten die Beamten sogar besondere Sportspiele mit Namen wie „Giraffenlauf“ oder „Gemeinsam zum kleinen Wohlstand springen“.</p>
<p>Kritische Töne werden in China kaum zu hören sein. Öffentliche Unzufriedenheit mit den als nationales Erweckungserlebnis inszenierten Spielen in tabu. Dabei ist die Euphorie bei vielen Chinesen schneller verflogen, als die Regierung es wahrhaben will. „Olympia war eine tolle Vorstellung, aber unser Land braucht keine Show, sondern echte Reformen“, sagt ein prominenter Pekinger Intellektueller. „Die Partei versteht es meisterhaft, die Probleme des Landes hinter Spektakeln und Kampagnen verschwinden zu lassen.“ Seinen Namen möchte der Kritiker derzeit nicht in der Zeitung sehen, denn die Regierung befindet sich derzeit auf einem gnadenlosen Feldzug gegen Dissidenten und Querdenker. Zahlreiche einflussreiche Intellektuelle und Aktivisten sind in den vergangenen Monaten verhaftet worden oder einfach spurlos verschwunden. Dazu gehören etwa der Juraprofessor Xu Zhiyong, der eine Nichtregierungsorganisation namens „Initiative Offene Verfassung“ gegründet hatte, die Bürger in Rechtsfragen beriet, oder der Umweltschützer Tang Zuoren, der sich vergangenes Jahr nach dem Erdbeben von Sichuan für Familien einsetzte, deren Kinder in schlecht gebauten Schulen starben. Der internationale Protest gegen derartige Staatswillkür ist allerdings gering. Auch das ist das Erbe von Olympia: Die Partei hat jegliche Scheu verloren und der Westen jegliches Druckmittel. Denn womit sollte die internationale Gemeinschaft China drohen, jetzt wo man Olympia nicht mehr boykottieren kann?</p>
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		<title>Die besten Bomben</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Jul 2009 13:35:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Essen]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1261" title="Windbeutel" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/creme_puff2-300x237.jpg" alt="Windbeutel" width="162" height="128" />In meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.</h3>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1261" title="Windbeutel" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/creme_puff2-300x237.jpg" alt="Windbeutel" width="162" height="128" />In meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino.</p>
<p>Vermutlich bezahlen sie ihren Kaffeeklatsch von den internationalen Hilfsgeldern, die ihr „Geliebter Führer“ mit seinen Atomwaffen erpresst. Aber beim Bäcker ist mir das egal. Dort sehe ich die Nordkoreaner als Leidensgenossen und Verbündete – als Männer, die wie ich gerne Kuchen essen, und damit in China einen schweren Stand haben.</p>
<p>Chinesen halten männliche Süßmäuler für degeneriert. Wenn ich mir nach dem Essen die Frage nach einem Nachtisch nicht verkneifen kann, muss ich mir anhören, ich ernähre mich wie ein kleines Mädchen. In der Regel ist der Blick auf die Dessertkarte in China ohnehin vergeblich. Obwohl die Chinesen sicherlich über die vielseitigste und raffinierteste Küche der Welt verfügen, ist ihre Zivilisation in Bezug auf Süßspeisen kurz nach der Steinzeit stecken geblieben.</p>
<p>Natürlich sehen Chinesen das vollkommen anders. Als ich seinerzeit in Peking studierte und mir in der Pause gelegentlich einen Schokoriegel genehmigte, fragte mich die Dozentin besorgt, ob alles in Ordnung sei. „Wenn Männer Süßigkeiten essen, ist das ein Zeichen für psychische Probleme“, erklärte sie mir. Ich entgegnete, in Deutschland äßen alle Männer Süßes, worauf sie mitleidig nickte. In den folgenden Monaten schnitt mir die Dozentin in regelmäßigen Abständen Zeitungsartikel zu „meinem Problem“ aus. Darin argumentierten Mediziner und Psychologen, Appetit auf Süßes sei bei Männern ein Symptom für eine traumatische Kindheit, mangelnde Zuneigung oder ein zerrüttetes Privatleben. Auf meine Feststellung, die Häufigkeit der Beiträge lege den Schluss nah, dass zuckerinduzierte Männerpsychosen in China offenbar ein besorgniserregender Trend sei, seufzte die Dozentin und murmelte etwas Trauriges über die „Einflüsse des Westens“.</p>
<p>Kann es wirklich sein, dass Süßigkeiten ein Volk seiner Seele berauben und eine Kultur in die Knie zwingen können? In Hinblick auf Nordkorea wäre das eigentlich wünschenswert. Würden die Herrscher weniger die harten Männer markieren und mehr wie kleine Mädchen fühlen, wäre der Atomkonflikt gelöst. Womöglich ist die Bäckerei ja ein Geniestreich französischer Geheimagenten, die Nordkoreas Betonköpfe mit Baisers und Eclairs verweichlichen (und nebenbei die Hilfsgelder einsacken). Jedenfalls wirken die Nordkoreaner im Café wie nette Kerle, die längst kapiert haben, dass französische Kalorienbomben die einzigen Bomben sind, für die man wirklich sterben möchte.</p>
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		<title>Die Buddha-Bar</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Jun 2009 02:50:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Buddhismus]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1237" title="Gugan Gaguchi (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/06/gugan_taguchi-250x300.jpg" alt="Gugan Gaguchi (Copyright: Martin Gottske)" width="150" height="180" />Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1239" title="Gugan_Taguchi_(Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/06/vowz_bar_1-1024x680.jpg" alt="Gugan_Taguchi_(Copyright Martin Gottske)" width="430" height="286" />Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen.</p>
<p>Der Buddha ist hier nicht Dekoration, sondern der Hausherr. „Bar und Buddha sind für mich kein Widerspruch&#8221;, sagt der Vowz-Gründer Gugan Taguchi, der blinde Mönch. „Ich finde, sie passen sogar ziemlich gut zusammen.&#8221; Warum gehen Menschen in den Tempel?, fragt er. „Weil sie nach Glück suchen.&#8221; Und in die Kneipe? Aus dem gleichen Grund. „Warum sollte man das also nicht verbinden?&#8221;</p>
<p>Auf den ersten Blick scheint Taguchi mit seinen Gästen wenig gemein zu haben. Während die Kundschaft mit Anzug und geöffnetem Krawattenknoten Bier trinkt, trägt Taguchi eine schwarze Robe und eine Gebetskette. Dabei war er früher selbst ein Salaryman, ein Gehaltsempfänger, dessen Leben nach dem gleichen Muster ablief wie das der meisten Japaner: früh ins Büro, spät in den Feierabend, auf dem Heimweg ein paar Drinks. Doch dann riss ihn eine Augenkrankheit aus seinem Trott. Mit Ende 20 war er arbeitsunfähig, heute ist es um ihn fast vollkommen dunkel. Der Schlag zwang ihn zur inneren Einkehr, und so wandte er sich dem Buddhismus zu.</p>
<p>„Ich begann, in meinem neuen Leben auch gute Seiten zu sehen&#8221;, sagt Taguchi. „Viele Menschen suchen nach Spiritualität, aber ihnen fehlt die Zeit, um zur Ruhe zu kommen.&#8221; Wo es in der modernen Welt noch Religion gebe, da werde sie mehr konsumiert als wirklich gelebt, findet er. In Japan sei dieser Trend besonders stark, weil sich die Glaubensrichtungen nie so exklusiv gegeneinander abgegrenzt haben wie in anderen Kulturen. Umfragen zufolge bezeichnen sich 80 Prozent der Japaner als Anhänger der traditionellen Shinto-Religion, aber gleichzeitig sehen sich 75 Prozent als Buddhisten.</p>
<p>Zusammen mit Christen, Atheisten und anderen Glaubensrichtungen verschreibt jeder Japaner seine Seele statistisch gesehen gleich zwei Religionen. Doch mehr als ein paar Rituale zu Feiertagen oder Beerdigungen bekommen sie davon kaum noch mit. „Ich kann verstehen, warum junge Leute sich nicht mehr für den Buddhismus interessieren&#8221;, sagt Taguchi. „Deswegen wollte ich einen neuen Zugang schaffen.&#8217;</p>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1242" title="vowz_bar_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/06/vowz_bar_2-1024x680.jpg" alt="vowz_bar_2" width="491" height="326" />Als er sich vor fünf Jahren entschied, eine Bar zu eröffnen, erntete er zunächst Unglauben. Doch schon bald erkannten auch andere Buddhisten, dass es nicht schaden kann, zurück in die Gesellschaft zu gehen, statt zu warten, bis diese wieder in den Tempel kommt. Immerhin leiden viele von Japans 75 000 buddhistischen Gebetsstätten unter finanziellen Schwierigkeiten. Nebengeschäfte sind da höchstwillkommen. So eröffnete Tokios Baijozan Komyoji Tempel vor seiner Haupthalle ein Café. Der Zendoji-Tempel in Kyoto betreibt einen Schönheitssalon, und im Tokioer Jazz-Club Chippie treten neben Saxofonisten auch Mönche auf, die in Sanskrit Sutren singen.</p>
<p>Taguchi findet das nur natürlich. „Früher sind die Menschen nicht nur in spirituellen Fragen zum Tempel gegangen, sondern wegen aller möglicher Anliegen&#8221;, sagt er. „Heute ist das halt eher eine Bar.&#8221; Er unterhalte sich mit den Menschen nicht nur über Spirituelles. Je nach Gemütslage hält sein Barmann für sie besondere Cocktails bereit, die er mit der Sorgfalt eines Apothekers mixt. „Liebe ist die Hölle&#8221; heißt eine Spezialität des Hauses, andere nennen sie „Heiße Hölle&#8221;. „Man muss durch die Hölle gehen, um ihr zu entkommen&#8221;, sagt Taguchi und lässt offen, ob das eine buddhistische Weisheit oder ein Stammtischwitz ist. Im Zweifel beides.</p>
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		<title>Das letzte Geschäft</title>
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		<pubDate>Mon, 18 May 2009 23:32:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.</h3>
Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche kürzlich in Hongkong aus, bei der Asiatischen Bestattungsmesse...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.</h3>
<p>Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche dieser Tage in Hongkong aus, bei der Asiatischen Begräbnismesse. Da reiche Chinesen, Japaner oder Koreaner für ihre Beerdigungen mehr bezahlen als diesseitsorientierte Europäer oder Amerikaner, gilt die Messe als eines der wichtigsten Treffen des Totengewerbes. Schon der Rahmen machte deutlich, dass die Industrie weiß Gott kein Schattendasein führen will: Das Hongkonger Ausstellungszentrum gehört zu den teuersten der Welt. In den Räumlichkeiten, in denen kürzlich noch Sothebys seine Frühjahrsauktion für exquisite Kunst und Antiquitäten abhielt, stehen nun Särge, Urnen und Grabsteine – oder so sieht es zumindest aus, wenn man nicht weiß, dass auch das Bestattungswesen von technologischem Fortschritt, innovativem Design und kundenfreundlichen Dienstleistungen lebt.</p>
<p>„Die Konsumenten werden immer anspruchsvoller“, erklärt Fred Liu, Geschäftsführer der chinesischen Firma „Dingcheng Religionsbedarf“, einem der über 150 Aussteller. An seinem Stand hängen Kruzifixe, Davidssterne, Allah-Schriftzüge und Buddhafiguren einträchtig nebeneinander. „In einem modernen Begräbnis müssen Tradition, Fortschritt und Individualität vereint sein“, sagt Liu. Zu seinen Messeneuheiten gehören Geldscheine aus Bambuspapier, das beim Verbrennen – ein wichtiger Bestandteil chinesischer Beerdigungszeremonien – keinen hässlichen Rauch produziert und vollständig weiße Asche hinterlässt. Mit solchen grünen Produkten liegt Liu voll im Trend. „Umweltfreundliche Begräbnisse sind sehr angesagt“, meint Allen Chu, Manager von Lunen Handicraft, einem Unternehmen für Särge aus Pappe oder Korbgeflecht. „So entstehen beim Verbrennen weniger Schadstoffe.“ Gleich mehrere Firmen versuchen sich dem Trend anzuschließen, etwa mit biologisch abbaubaren Urnen, die in der Erde zu Dünger werden.</p>
<p>Da nicht nur Fachleute, sondern auch interessierte Laien &#8211; und künftige Kunden – zur Messe kommen, haben die Veranstalter einen Infosarg aufgebaut, in dem ein Film die Besucher darüber aufklärt, welchen Aufwand der Tod nach sich zieht. Für die Warteschlange sind Bänke aufgestellt, denn viele der Interessenten sind schon lange nicht mehr gut zu Fuß. „Kannst gleich liegen bleiben“, lautet der Standardwitz bei der Sarganprobe. Dabei sollen Besucher vor allem mit dem Bewusstsein nach Hause gehen, dass sie ihr Restleben nutzen sollten, um ihren Tod im Detail vorzubereiten, schon um zu verhindern, dass die Nachfahren dann bei einigen der teuren Extras sparen, beim letzten Make-up etwa, oder beim Parfüm, das den Leichengeruch verschwinden lässt.</p>
<p>Zu den Hauptattraktionen gehört der Stand der Schweizer Firma Algordanza, die aus der Asche von Toten Diamanten presst. „Jeder Mensch ist einmalig“, heißt es in einem emotionalen Werbeclip voller Klaviermusik und Lebensfreude. Großeltern toben darin mit ihren Enkeln durch einen Garten, bis die Stimme aus dem Off ihnen die Frage stellt, für wen sie noch da sein werden, wenn sie einmal nicht mehr sind. Eine Reinkarnation als Edelstein, den die Nachkommen als Ring oder an einer Kette tragen können, soll das Problem lösen: „Ein Juwel, so individuell wie ich“, endet die Präsentation. Auf Nachfrage erfährt man, dass das Verfahren die Kosten für die Leichenendlagerung um rund 15.000 Euro erhöht.</p>
<p>Ähnliche Summen muss man einplanen, wenn man sich von der taiwanesischen Firma SKEA ein Haus fürs Jenseits bauen lässt. Nach chinesischem Brauch werden für Tote oft Modelle von allen lebensnotwendigen Gegenständen verbrannt. Nicht nur seinen Namen hat SKEA beim schwedischen Möbelhaus IKEA abgekupfert, sondern auch viele Designs. Die Nachbildungen werden in minutiöser Handarbeit eingerichtet. Möbel, Bettwäsche und Gardinen kann man ebenso auswählen wie die Speisen auf dem Esstisch, das Handymodell oder die Ausstattung der Golftasche. Technikfans können sich sogar einen Hochgeschwindigkeitszug durch ihren Garten fahren lassen. Das hat zwar seinen Preis, aber anders als die vergängliche Bausubstanz des Diesseits wird das Papierhaus schließlich für die Ewigkeit errichtet. „Make it happen“ lautet der Werbespruch, mit dem SKEA seine Kunden ermutigt, sich auch nach dem Tod noch Träume zu erfüllen. Eine Kopie des IKEA-Slogans hätte ebenfalls funktioniert und könnte sogar für die gesamte Messe stehen: Lebst du noch, oder wohnst du schon?</p>
<p>ZUKUNFTSINDUSTRIE TOD</p>
<p>Das Geschäft mit dem Tod ist ein Wachstumsmarkt. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Menschen sterben. Derzeit segnen in Deutschland jährlich rund 820.000 Menschen das Zeitliche, 2050 werden es ein Viertel mehr sein. Rund 25.000 Menschen arbeiten in Deutschland in den etwa 50 Berufsgruppen, die sich mit dem Ableben beschäftigen, von Kranzbindern und Friedhofsgärtnern über Leichenwäscher und Bestatter bis zu Herstellern von Krematorienöfen und den Herausgebern von Fachmedien. Nach einer Berechnung der Zeitschrift „Friedhofskultur“ machte das Totengewerbe 2006 einen Umsatz von 16 Milliarden Euro. Allerdings ist der Preisdruck auch in der Bestattungsindustrie angekommen. Einer Studie der Verbraucherinitiative Aeternitas zufolge gaben die Deutschen im Jahr 2000 für einen Todesfall noch rund 7500 Euro aus. Im Jahr 2004 waren es nur noch 5800 Euro.</p>
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		<title>Pizza Pjöngjang</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Mar 2009 04:27:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Hunger]]></category>
		<category><![CDATA[Kim Jong-il]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Restaurant]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>In Nordkorea hat erstmals eine Pizzeria eröffnet. Sie dürfte vor allem die kulinarischen Gelüste von Diktator Kim Jong-il befriedigen.</h3>
Kein Land verweigert sich der Globalisierung konsequenter als Nordkorea, doch nun ist ein Hauch weite Welt durch den Panzer des interkommunistischen Staates geweht: In Pjöngjang hat erstmals eine Pizzeria eröffnet. Das Lokal soll auf Anweisung der obersten Führung eröffnet worden sein, die den kulinarischen Fortschritt als Geschenk an ihr Volk verstanden wissen möchte. Diktator Kim Jong-il persönlich habe sich entschlossen, den Nordkoreanern „Zugang zu den berühmten Gerichten dieser Erde zu erlauben“...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In Nordkorea hat erstmals eine Pizzeria eröffnet. Sie dürfte vor allem die kulinarischen Gelüste von Diktator Kim Jong-il befriedigen.</h3>
<p>Kein Land verweigert sich der Globalisierung konsequenter als Nordkorea, doch nun ist ein Hauch weite Welt durch den Panzer des interkommunistischen Staates geweht: In Pjöngjang hat erstmals eine Pizzeria eröffnet. Wie die in Japan erscheinende Zeitung „Choson Sinbo“ berichtet, soll das Lokal auf Anweisung der obersten Führung eröffnet worden sein, die den kulinarischen Fortschritt als Geschenk an ihr Volk verstanden wissen möchte. Diktator Kim Jong-il persönlich habe sich entschlossen, den Nordkoreanern „Zugang zu den berühmten Gerichten dieser Erde zu erlauben“.</p>
<p>Doch wie viele nordkoreanische Modernisierungsprojekte dürfte auch dieses vor allem die Bedürfnisse der Eliten befriedigen, die zunehmend Zugang zu internationalen Produkten haben, während ein Großteil des 24-Millionen-Volkes an Mangelernährung leidet. Laut „Choson Sinbo“ habe Kim schon vor Jahren Köche nach Neapel und Rom geschickt, um dort aus erster Hand das Pizza- und Pasta-Handwerk zu erlernen. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen scheinen die Küchenchefs nun den Geschmack des „Geliebten Führers“ getroffen zu haben. Mehl, Butter, Käse und andere Zutaten würden aus Italien eingeflogen sein.</p>
<p>Der 67-Jährige Herrscher steht im Ruf, ein ausgesprochener Gourmet zu sein. Jahrelang soll er einen japanischen Koch beschäftigt haben, der ihn mit Sushi versorgen musste. Nachdem dieser zurück in seine Heimat floh, versorgte er die Welt mit Indiskretionen über Kims Genusssucht. So verfüge der Diktator über einen großen Weinkeller mit edlen Bordeaux-Flaschen und exquisitem Cognac, berichtete er. Auch einen italienischen Küchenchef soll Kim schon einmal in seinen Diensten gehabt haben und außerdem regelmäßig Köche in alle Welt aussenden, um ihn mit den besten Lebensmitteln aus aller Herren Länder zu versorgen.</p>
<p>Sein eigenes Volk scheint dagegen im vergangenen Winter knapp an einer Hungersnot entkommen zu sein. Mehrere internationale Organisationen hatten davor gewarnt, dass die Versorgungslage der Nordkoreaner ähnlich schlecht sein könnte wie Ende der Neunziger, als zehntausende verhungerten. Auf der Flucht Armut und Unterdrückung fliehen jährlich tausende Nordkoreaner über die wilde Grenze nach China. 2007 hatte Flüchtling angegeben, er habe sich zur Desertion entschlossen, nachdem er eine südkoreanische Nudelpackung gesehen habe. Das Bild des appetitlichen Fertigessens habe ihn von der Überlegenheit des Kapitalismus überzeugt.</p>
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