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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Leben</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Nuckeln gegen die Krise</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 14:12:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Die Monchhichis waren ein Kinderzimmerkult der 80er-Jahre. Nun erleben sie ein Revival.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_06.jpg"><img class="alignleft  wp-image-2924" title="Monchhichi" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_06-1024x859.jpg" alt="" width="195" height="163" /></a>Susumu Yoshida liebt die Krise. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, macht sich seine Arbeit fast von alleine. "Warum das so ist, können wir uns selbst nicht recht erklären", sagt der Marketingdirektor der japanischen Kuscheltierfirma Sekiguchi. "Vielleicht haben die Menschen in Krisenzeiten ein besonderes Bedürfnis nach etwas Warmem und Weichem." Sollten Sekiguchis Verkaufszahlen tatsächlich als Index taugen, dann braucht die Welt keine Rettungsschirme, Sparprogramme oder Konjunkturpakete, sondern vor allem eins: Monchhichis...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Monchhichis waren ein Kinderzimmerkult der 80er-Jahre. Nun erleben sie ein Revival.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_19.jpg"><img class="alignleft  wp-image-2927" title="Monchhichi" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_19-1024x680.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Susumu Yoshida liebt die Krise. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, macht sich seine Arbeit fast von alleine. &#8220;Warum das so ist, können wir uns selbst nicht recht erklären&#8221;, sagt der Marketingdirektor der japanischen Kuscheltierfirma Sekiguchi. &#8220;Vielleicht haben die Menschen in Krisenzeiten ein besonderes Bedürfnis nach etwas Warmem und Weichem.&#8221;</p>
<p>Sollten Sekiguchis Verkaufszahlen tatsächlich als Index taugen, dann braucht die Welt keine Rettungsschirme, Sparprogramme oder Konjunkturpakete, sondern vor allem eins: Monchhichis. Die daumenlutschenden Affen erleben derzeit ein Revival, das an ihre größten Erfolge vor etwa dreißig Jahren erinnert, als sie auch in deutschen Kinderzimmern Kultstatus erlangten. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise steigen die Verkaufszahlen zweistellig, besonders in krisengeplagten Ländern wie den USA, Japan und vielen EU-Staaten.</p>
<p>Die Firmenzentrale des Familienunternehmens liegt in einem Tokioter Mittelklassewohnviertel. Das schlichte Gebäude war früher eine Autowerkstatt. Die große Halle, in der einst Pkw aufgebockt wurden, dient heute als Präsentationsraum. &#8220;Wir machen nicht nur Monchhichis&#8221;, erklärt Yoshida, während er die Produktpalette zeigt. Sekiguchi hat Lizenzen, um in Japan Kinderzimmer-Ikonen wie den Kleinen Prinz, Snoopy und Pippi Langstrumpf zu vermarkten.</p>
<p>Daneben hat das Unternehmen auch eine Reihe von Eigenentwicklungen, darunter pfirsichfarbene Bärchen und pinkfarbene Hunde. &#8220;Besonders erfolgreich sind die leider nicht&#8221;, gesteht Yoshida ein. &#8220;Seit drei Jahrzehnten versuchen unsere Designer, noch einmal einen Erfolg wie den der Monchhichis zu landen, aber bisher ist es ihnen nicht gelungen.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_11.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-2931" title="Monchhichi" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_11-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>Die Geschichte der Monchhichis gehört zu jenen Erfolgsstorys, die sich zwar nacherzählen, aber nicht wirklich erklären lassen. Ursprünglich stellte das 1918 gegründete Unternehmen billiges Plastikspielzeug für den Export her. &#8220;Japan war damals ein Niedriglohnland, wie es heute China ist&#8221;, erzählt Yoshida. Mit Japans Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg begann Sekiguchi, seine Produktion in andere Länder zu verlagern und sich selbst auf Entwicklung und Vermarktung zu konzentrieren. Anfang der 1970er entwarfen Designer einen Affen mit einem Körper aus Plüschmaterial, während Gesicht, Hände und Füße aus Kunststoff waren. Das weitgehend naturgetreue Äffchen stieß auf wenig Interesse.</p>
<p>Doch dann passten die Designer ihren Entwurf dem Kindchenschema an und verliehen ihm menschlichere Züge: kürzere Extremitäten, einen großen Kopf mit Kulleraugen und babyhaften Zügen, und einen rechten Daumen, der sich in den Mund stecken ließ. Der Name war eine Mischung aus dem englischen Wort für Affe, monkey, und der japanischen lautmalerischen Beschreibung eines Nuckelgeräuschs, chi-chi. Später änderte Sekiguchi die Wortschöpfungsgeschichte und erklärte, die Silbe &#8220;mon&#8221; stamme aus dem Französischen, womit Monchhichi so viel wie &#8220;Mein Genuckel &#8221; bedeutet.</p>
<p>In Japan war das Monchhichi zunächst nicht besonders populär, doch im Ausland wurden die pelzigen Äffchen über Nacht ein Erfolg, besonders in Deutschland. &#8220;Die Monchhichis kamen 1978 auf den deutschen Markt, und die nächsten zwei Jahre waren die besten, die wir je hatten&#8221;, sagt Susumu Yoshida. &#8220;Die Japaner sind erst zu Monchhichi-Fans geworden, als sie die Beliebtheit im Westen bemerkt haben.&#8221; Das war Anfang der 90er-Jahre, kurz nachdem das Platzen der japanischen Immobilienblase den Boom des Landes jäh gestoppt hatte. Allerdings waren es in Japan weniger Kinder als junge Frauen, welche die Nachfrage ankurbelten. Der Trend ist inzwischen von Japan auf China übergesprungen, dessen junge Großstädterinnen inzwischen die wichtigste Kundengruppe sind.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_03.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-2932" title="Monchhichi" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2012/01/Monchhichi_03-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a>Rund 80 Millionen Monchhichis hat das 32-Mitarbeiter-Unternehmen, das noch immer der Gründerfamilie Sekiguchi gehört, seit Ende der 1970er-Jahre abgesetzt. 2010 wurden 1,5 Millionenverkauft, die Hälfte davon in China, 250000 in Deutschland und 100000 in Japan. Die Übermacht des asiatischen Marktes hat dazu geführt, dass Sekiguchis Designer sich zunehmend an der Modebranche orientieren. Viermal im Jahr bringen sie eine neue Kollektion heraus.</p>
<p>In der Firmenzentrale stehen die Muster für den Sommer, wenn die Monchhichis anlässlich der Olympischen Spiele in London Union-Jack-Kleidung tragen werden. &#8220;Wir haben jedes Jahr Hunderte Designs&#8221;, sagt Yoshida. &#8220;Die meisten werden aber nur in kleinen Stückzahlen gefertigt.&#8221; Für Sammler gibt es jährlich mehrere Sondereditionen und eine monatliche Zeitschrift. Auf Youtube hat Sekiguchi einen eigenen Monchhichi-Kanal mit Animationsfilmen eingerichtet.</p>
<p>Die europäischen Kunden haben davon bisher allerdings kaum etwas mitbekommen. &#8220;Unsere Neuentwicklungen sind fast alle für den asiatischen Markt&#8221;, erklärt Yoshida. In Europa seien die Monchhichis ja noch in erster Linie Kinderspielzeuge und die Kunden vor allem Eltern, die Anfang der 80er selbst mit den Äffchen spielten und diese nun auch ihren Kindern schenken wollen. &#8220;Für sie sieht das Monchhichi heute noch genauso aus wie früher.&#8221;</p>
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		<title>Die chinesische Weltformel</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 23:44:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.</h3>
"Holt euch professionelle Hilfe", rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: "Wendet euch lieber an einen Namensgeber!"...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.</h3>
<p>&#8220;Holt euch professionelle Hilfe&#8221;, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: &#8220;Wendet euch lieber an einen Namensgeber!&#8221;</p>
<p>Den fanden wir in einem kleinen Büro in der Nachbarschaft des Pekinger Konfuziustempels. Er war Mitte vierzig, trug ein chinesisches Gelehrtengewand aus blauer Seide und ließ sich mit Meister Chen anreden. An der Wand hing ein gerahmtes Foto vom Jahreskongress der Vereinigung der Namensberater, an dem mehrere Hundert Mitglieder teilgenommen hatten. &#8220;Sehen Sie, ich sitze ganz vorn in der Mitte&#8221;, warf sich Meister Chen in Pose. &#8220;Unsere Familie beschäftigt sich schon in dritter Generation mit der Wissenschaft vom richtigen Namen.&#8221; Die vier dicken Bücher auf seinem Schreibtisch habe er schon als Kind auswendig gelernt, und er lege sie eigentlich nur aus, damit seine Kunden sich davon überzeugen könnten, dass er sich streng an die traditionelle Lehre halte.</p>
<p>Dann kam er zur Sache: Er fragte nach Datum und Uhrzeit der Geburt und vertiefte sich in ein Buch mit Tabellen. Auf einem Block machte er sich Notizen. Nach einigen Minuten eröffnete er uns seine Diagnose: &#8220;Dem Mädchen fehlt Holz.&#8221; Er schob uns seine Aufzeichnungen hin und rechnete vor: einmal Feuer, zweimal Wasser, einmal Metall, viermal Erde. &#8220;Aber kein einziges Holz &#8211; das müssen wir ins Lot bringen&#8221;, sagte er mit ernster Miene. &#8220;Ihr könnt von Glück reden, dass ihr zu mir gekommen seid.&#8221;</p>
<p>Solche Rechnungen sind in China weitverbreitet: Feuer, Wasser, Metall, Erde und Holz sind die &#8220;Fünf Elemente&#8221;, aus denen nach traditioneller Vorstellung das Universum besteht. Dass Meister Chen acht dieser Elemente gezählt hatte, leitet sich aus den sogenannten &#8220;Acht Trigrammen&#8221; ab, einem alten Orakel, das einst aus Rissen in erhitzten Schildkrötenpanzern oder Rinderknochen gelesen wurde und die Grundlage des auch in Deutschland bekannten Buches der Wandlungen &#8220;I Ging&#8221; bildet. Zusammen ergeben die Fünf Elemente und die Acht Trigramme so etwas wie eine Weltformel, mit der sich zu allen Menschheitsfragen eine Antwort ausrechnen lässt.</p>
<p>Das ist kein Witz. Der Glaube an die traditionellen Wissenschaften spielt für viele Chinesen eine ähnliche Rolle wie in anderen Kulturen die Religion. Dabei vertrauen sie ihr Schicksal nicht unergründlichen Göttern an, sondern stützen sich auf kosmische Gesetzmäßigkeiten, die ihre Vorfahren entdeckt haben und die bis heute mit mathematischer Präzision funktionieren. Wahrsagerei heißt deshalb im Chinesischen &#8220;suan ming&#8221;, wörtlich: &#8220;das Leben berechnen&#8221;.</p>
<p>Doch die Bedeutung der Fünf Elemente und Acht Trigramme geht weit darüber hinaus: Wo immer auf der Welt Menschen ihre Wohnung nach Feng-Shui-Regeln einrichten oder sich mit Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) behandeln lassen, setzen sie auf Weisheiten, die aus den alten Büchern stammen, die Meister Chen auf seinem Tisch liegen hat. &#8220;In der Mao-Zeit wurde unsere Wissenschaft als Aberglaube verfolgt&#8221;, sagte er. &#8220;Aber heute merken viele Menschen wieder, dass unsere Vorfahren mehr von der Welt verstanden, als wir es heute tun.&#8221; Wir hätten gern mit ihm darüber diskutiert, aber ließen es bleiben. Obwohl man mit Chinesen grundsätzlich über alles streiten kann, sollte man Debatten über die chinesische Seinslehre vermeiden und es bei der höflichen Feststellung belassen, dass China eine sehr alte Kultur sei und Europa nur eine junge &#8211; wie könnten wir verstehen, was die Chinesen schon seit Jahrtausenden wissen?</p>
<p>Da die Umrechnung der Geburtsstunde in kosmische Schicksalseinheiten ergeben hatte, dass die Natur unserem Kind kein Holz mit auf den Weg gegeben hatte, machte sich Meister Chen daran, diesen Mangel auszugleichen. Ihr Name müsse aus besonders &#8220;holzhaltigen&#8221; Schriftzeichen bestehen, erklärte er. Die chinesische Schrift beruht auf 214 Zeichenbausteinen, die jeweils einem der fünf Elemente zugeordnet werden können. Feierlich holte Meister Chen eine Urkunde mit dem Siegel der Vereinigung der Namensberater aus der Schublade, mischte in einem Reibstein frische Tinte an und begann mit einem Pinsel zu schreiben. &#8220;Offizieller Name: Linxin&#8221;, trug er ein. Das heißt so viel wie &#8220;Ein Wald aus Gold&#8221;. Mit Spitznamen sollten wir unsere Tochter &#8220;Linlin&#8221; rufen: &#8220;Ein Hain aus Jade&#8221;. Und sollte sie je einen Künstlernamen brauchen, wäre &#8220;Songhua&#8221; passend: &#8220;Pinienpferd&#8221;. Mit diesem Namen werde sie eine große Karriere machen, wahrscheinlich als Pianistin oder Diplomatin.</p>
<p>Goldwald? Jadehain? Pinienpferd? Obwohl wir uns vorgenommen hatten, die Autorität des Gelehrten nicht anzuzweifeln, baten wir, ob er nicht noch ein paar andere Vorschläge habe und ob wir beim Namen unserer Tochter vielleicht sogar mitentscheiden dürften. Selbstverständlich, antwortete der Meister, aber das koste zusätzlich. Bis hierhin habe er uns zum Basistarif von 198 Yuan (23 Euro) beraten. &#8220;Dafür habt ihr Namen bekommen, die ein Vielfaches wert sind&#8221;, versicherte er. Für einen besseren Namen müsse er noch weitere Berechnungen anstellen. Er schob uns eine Preisliste hin. Für 888 Yuan (103 Euro) ließen sich noch ganz andere Schicksalsmanipulationen vornehmen, sagte er. &#8220;Das mag jetzt nach viel Geld klingen, aber eine bessere Investition als in einen guten Namen kann man kaum machen.&#8221;</p>
<p>Wir verabschiedeten uns mit dem Hinweis, dass ein so wichtiger Schritt gut überlegt sein müsse und wir noch eine zweite Meinung einholen wollten. Tatsächlich ließen wir ein weiteres Gutachten erstellen, das ebenfalls zu dem Ergebnis kam, dass unsere Tochter dringend Holz brauche. Aber auch dort sollte ein guter Name viel Geld, ein ausgezeichneter ein Vermögen kosten.</p>
<p>Vor einigen Monaten wurde in Peking unser zweites Kind geboren, ein Junge. Seine große Schwester ist inzwischen zwei und hat noch immer nur einen deutschen Namen. Unsere Freunde finden das seltsam und schütteln den Kopf, wenn wir erzählen, dass wir ihren Fünf-Elemente-Haushalt mit Holzspielzeug ins Gleichgewicht zu bringen versuchen. Aber wenn man mit dem richtigen chinesischen Namen viel gewinnen kann, kann man mit dem falschen auch viel verlieren. Das Risiko ist uns zu groß. Falls unsere Kinder wirklich einmal einen chinesischen Namen wollen, müssen sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. -</p>
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		<title>Drü Chünüsün&#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jul 2011 01:24:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Ist es rassistisch, ein chinesisches Kindermädchen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ hören zu lassen?</h3>
Ist "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" ein rassistisches Lied? Die Frage durchzuckte mich kürzlich beim Nachhausekommen. Unser chinesisches Kindermädchen hatte eine deutsche CD eingelegt, mir tönte "Dri Chinisin mit dim Kintribiss" entgegen. "Nur gut, dass sie kein Deutsch versteht", dachte ich. Dri Chinisin, dro Chonoson, drü Chünüsün - ist das nicht genauso politisch unkorrekt, als würde man eine schwarze Nanny mit "Zehn kleine Negerlein" beschallen?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ist es rassistisch, ein chinesisches Kindermädchen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ hören zu lassen?</h3>
<p>Ist &#8220;Drei Chinesen mit dem Kontrabass&#8221; ein rassistisches Lied? Die Frage durchzuckte mich kürzlich beim Nachhausekommen. Unser chinesisches Kindermädchen hatte eine deutsche CD eingelegt, mir tönte &#8220;Dri Chinisin mit dim Kintribiss&#8221; entgegen. &#8220;Nur gut, dass sie kein Deutsch versteht&#8221;, dachte ich. Dri Chinisin, dro Chonoson, drü Chünüsün &#8211; ist das nicht genauso politisch unkorrekt, als würde man eine schwarze Nanny mit &#8220;Zehn kleine Negerlein&#8221; beschallen?</p>
<p>Mit den &#8220;Drei Chinesen&#8221; ist es wie mit vielen Kinderliedern: Wir kennen sie und kennen sie doch nicht, weil wir sie gelernt haben, bevor wir die Texte verstehen konnten. &#8220;Dri Chinisin mit dim Kintribiss&#8221; klingt so selbstverständlich wie 1&#8230; 2&#8230; 3. Würde ich nicht in China leben, hätte ich wohl nie darüber nachgedacht.</p>
<p>Da stehen also drei Chinesen auf der Straße und spielen Kontrabass. Es ist nicht klar, ob es ein Trio ist oder ob nur einer fiedelt und die anderen faul dabeistehen (wie ich China kenne, tippe ich auf Letzteres, außer ein strenger Vorarbeiter sorgt dafür, dass alle im Akkord geigen). Das ruft die Polizei auf den Plan, und die traut ihren Augen nicht: Drei Chinesen? Mit Kontrabass? Das verstößt offenbar gleich doppelt gegen die Ordnung. Das Lied verrät zwar nicht, ob die Staatsmacht das Ständchen beendet, sie scheint aber nicht als freundlicher Helfer angerückt zu sein.</p>
<p>So weit, so einfach. Aber wer sind die Guten und wer die Bösen? Als meine Tochter im Bett war, habe ich gegoogelt: Entstanden ist das Lied Anfang des 20. Jahrhunderts, also in einer Zeit, in der China ein fernes Land war und wir Europäer fremde Kulturen in &#8220;Völkerschauen&#8221; studierten, bei denen sogenannte Primitive in Käfigen ausgestellt wurden. <!-- p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal { margin: 0cm 0cm 0.0001pt; font-size: 12pt; font-family: "Times New Roman"; }div.Section1 { page: Section1; } --> Die Vorstellung dreier Kontrabass spielender Chinesen muss damals ähnlich absurd gewesen sein wie die Geschichte der Elefanten, die in einem anderen Kinderlied auf einem Spinnennetz balancieren. Kein Wunder, dass die Polizisten, stramme preußische Schutzmänner, nach dem Rechten sehen.</p>
<p>Im Zeitalter der Globalisierung stellt sich der Sachverhalt natürlich anders da. Inzwischen sind die Chinesen überall, nicht nur auf unseren Straßen, auch in unseren Musikkonservatorien und Orchestern. Wer sich über Chinesen mit Kontrabass wundert, ist von gestern. Die Witzfiguren des Liedes sind damit die Polizisten.</p>
<p>Ein Lied über chinesische Musiker und tölpelhafte deutsche Polizisten, die glauben, dass &#8220;Dri Chinisin mit dim Kintribiss&#8221; Chinesisch klingt &#8211; das darf unser Kindermädchen ruhig hören. Aber gefällt es mir, dass sie unserer Tochter das Kinderlied &#8220;Liang zhi laohu &#8221; beigebracht hat, über zwei Tiger ohne Schwanz und Ohren? Ich muss überlegen. Verstümmelte Tiger &#8211; ist das nicht Tierquälerei?</p>
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		<title>Doofe Dämonen</title>
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		<pubDate>Thu, 19 May 2011 00:58:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?</h3>
Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen? Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten - hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?</h3>
<p>Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen?</p>
<p>Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten &#8211; hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen. Die diversen Hausgeister zum Beispiel: Um Familien ins Verderben zu stürzen, wie es nun einmal ihre Art ist, müssen sie zunächst ins Haus gelangen, und das fällt ihnen gar nicht so leicht. Manche Geister können nämlich die Füße nicht heben und damit auch nicht über Schwellen steigen. Andere können nicht um die Ecke gehen und scheitern an verwinkelten Gängen. Mit ein paar einfachen Baumaßnahmen wird also jedes Haus zum dämonenfreien Hochsicherheitstrakt.</p>
<p>Noch einen weiteren Defekt haben die chinesischen Geister: Sie sind für den Schrecken, den sie verbreiten, selbst sehr empfänglich. Hängt an einer Haustür ein Spiegel, in dem die Spukwesen ihr eigenes Gesicht erblicken, suchen sie schreiend das Weite.</p>
<p>Jene Geister, die schlau genug sind, den Blick in den Spiegel zu meiden, haben wiederum eine andere Schwäche: Sie lösen liebend gerne Labyrinthrätsel. Traditionell findet man deshalb an vielen chinesischen Häusern kleine Plättchen mit einem aufgemalten Irrgarten, in dessen Mitte dann besagter Spiegel hängt. Das hat noch jeden Dämon in die Flucht geschlagen.</p>
<p>Außerdem sind Geister leichtgläubig. Sie nehmen einem alles ab, was man ihnen erzählt. Deshalb lassen sich Neugeborene vor Unheil schützen, indem man ihnen Kosenamen gibt, bei denen Dämonen der Appetit vergeht, etwa Goudan &#8211; wörtlich: Hundeei &#8211; oder Shadan, zu Deutsch: dummes Ei. Man stelle sich das bildhaft vor: Ein Geist sieht ein leckeres Baby, steuert hungrig darauf zu &#8211; und schreckt dann im letzten Moment zurück, weil jemand den kleinen Braten &#8220;dummes Ei&#8221; nennt. Ich bitte Sie!</p>
<p>Nicht nur in China nehmen jene höheren Wesen, die von frommen Menschen verehrt oder auch gefürchtet werden, seltsame Formen an. Religionen, an die man selbst nicht glaubt, können absurd erscheinen, doch auch sie widerspiegeln Vorstellungen davon, was die Welt im Innersten zusammen hält. Wie schön wäre es doch, wenn die Chinesen recht hätten und sich jedes Unheil abwenden ließe, indem man dem Schicksal den Spiegel vorhält!</p>
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		<title>Nie mehr Fu Manchu</title>
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		<pubDate>Mon, 02 May 2011 06:18:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Viele Chinesen sind überzeugt: Die im Westen achten uns nicht. Und finden auch überall Beweise für ihre These.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/05/Fumanchu.gif"><img class="alignleft size-full wp-image-2544" title="Fu_Manchu" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/05/Fumanchu.gif" alt="" width="160" height="190" /></a>Wer erinnert sich an einen Film, in dem die Chinesen die Guten sind? Abgesehen von chinesischen Streifen, natürlich. Viel einfacher ist es, sich auf Filme mit Antihelden aus dem Reich der Mitte zu besinnen. Dr. Fu Manchu war der Vater aller chinesischen Halunken, ein satanischer Meisterkrimineller aus einer Zeit, als der Umgang mit rassistischen Klischees noch unbekümmert und die Warnung vor der "Gelben Gefahr" gesellschaftsfähig war. Seit Fu Manchu in den Dreißigern erstmals auf die Leinwand kam, mussten viele Filmhelden gegen Chinesen antreten, von James Bond ("Der Morgen stirbt nie") über Ethan Hunt ("Mission Impossible III") bis Lara Croft ("Tomb Raider II")...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Viele Chinesen sind überzeugt: Die im Westen achten uns nicht. Und finden auch überall Beweise für ihre These.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/05/Fumanchu.gif"><img class="alignleft size-full wp-image-2544" title="Fu_Manchu" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/05/Fumanchu.gif" alt="" width="160" height="190" /></a>Wer erinnert sich an einen Film, in dem die Chinesen die Guten sind? Abgesehen von chinesischen Streifen, natürlich. Viel einfacher ist es, sich auf Filme mit Antihelden aus dem Reich der Mitte zu besinnen. Dr. Fu Manchu war der Vater aller chinesischen Halunken, ein satanischer Meisterkrimineller aus einer Zeit, als der Umgang mit rassistischen Klischees noch unbekümmert und die Warnung vor der &#8220;Gelben Gefahr&#8221; gesellschaftsfähig war. Seit Fu Manchu in den Dreißigern erstmals auf die Leinwand kam, mussten viele Filmhelden gegen Chinesen antreten, von James Bond (&#8220;Der Morgen stirbt nie&#8221;) über Ethan Hunt (&#8220;Mission Impossible III&#8221;) bis Lara Croft (&#8220;Tomb Raider II&#8221;).</p>
<p>Eigentlich geht es zwar nur um leichte Unterhaltung, doch weil Popkultur mächtig ist, löst jeder neue Leinwandbösewicht chinesischer Herkunft in Chinas Medien und Chat-Räumen einen Aufschrei aus. Für die Chinesen ist die Rollenfestlegung Teil eines größeren Plots, der sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Die Welt verweigert uns den Respekt. Seit dem 19. Jahrhundert, als sich die westlichen Kolonialmächte den Zugang zum chinesischen Markt freischossen, gehört die Ablehnung durch das Ausland zum nationalen Selbstbild.</p>
<p>Die Beweise dafür finden sich nicht nur im Kino. In westlichen Medien ist Kritik an China allgegenwärtig. Egal, ob es um das politische System, den Schutz geistigen Eigentums oder die Achtung der Menschenrechte geht &#8211; nur selten bekommen die Chinesen gute Noten. Pekings staatlicher Medienapparat sorgt seinerseits dafür, dass möglichst viele Chinesen die Vorwürfe persönlich nehmen. &#8220;Warum könnt ihr uns nicht einfach in Ruhe lassen?&#8221;, sagt ein Pekinger Bekannter, ein Satz, den man in Variationen von Wanderarbeitern ebenso hört wie von Spitzenpolitikern. &#8220;Einige Ausländer mit vollen Bäuchen haben nichts Besseres zu tun, als mit dem Finger auf uns zu zeigen&#8221;, empörte sich Chinas Vizepräsident und designierter nächster Staatschef, Xi Jinping. &#8220;China exportiert erstens keine Revolutionen, zweitens exportieren wir keinen Hunger, und drittens machen wir niemandem Ärger &#8211; was beschwert ihr euch also?&#8221;</p>
<p>Der Anspruch, im Ausland geschätzt zu werden, gehört gewissermaßen zu Chinas kultureller DNA. Mehr als tausend Jahre lang waren die Chinesen die fortschrittlichste Zivilisation, und die Tributgaben, zu denen der Kaiserhof seine Nachbarn zwang, ließen sich leicht als Huldigungsgeschenke deklarieren. Auch innerhalb der konfuzianischen Gesellschaft war Respekt ein zentraler Begriff. Auf Chinesisch bedeutet er &#8220;zun-zhong&#8221;, wobei der erste Wortteil &#8220;ehren&#8221; bedeutet und der zweite &#8220;ernst nehmen&#8221;, zusammen also in etwa: &#8220;Ehre, wem Ehre gebührt.&#8221;</p>
<p>Wer geehrt werden sollte, schrieb Konfuzius genau vor: Die Jungen mussten die Alten respektieren, die Frauen die Männer, das Volk seine Herrscher und die Ungebildeten die Gelehrten. Der gesellschaftliche Rang hing davon ab, wem man Respekt schuldete und von wem man ihn bekam. Während am anderen Ende des eurasischen Kontinents das Jesuswort &#8220;Liebe deinen Nächsten wie dich selbst&#8221; humane Verhältnisse beschwor, lehrte die chinesische Leitkultur, dass man nur diejenigen zu lieben brauchte, die es verdient hatten.</p>
<p>Daran änderte auch der Kommunismus mit all seinen christlichen Wurzeln nichts. Er war ohnehin nur eine Übergangsideologie hin zu einer Welt, in der endgültig das Geld regiert. &#8220;Wie viel Respekt man bekommt, hängt heute davon ab, wie reich man ist&#8221;, sagt eine Pekinger Freundin. &#8220;Ohne Geld ist ein Mensch nichts wert.&#8221;</p>
<p>Auch der verbreitete Unmut über mangelnde Wertschätzung des Westens hat materielle Gründe. Die trotz allen Fortschritts noch immer weitverbreitete Armut ist vielen Chinesen peinlich. Und sie suchen und finden überall Anzeichen für mangelnde Anerkennung. Ein Chinese, der kürzlich von einer deutschen Stiftung zu einer Delegationsreise nach Frankfurt eingeladen worden war, beschwerte sich, dass man ihm das billigstmögliche Ticket gebucht und einen Zwischenstopp in Istanbul zugemutet hatte, statt ihn mit der Lufthansa direkt fliegen zu lassen. Ein Schulleiter, der mit einer Klasse zum Austausch nach Niedersachsen gereist war, monierte, dass er im Gästezimmer eines deutschen Kollegen schlafen musste statt in einem Hotel. Ein Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin warf ausländischen Medizinern Arroganz vor, weil sie die alte Heilmethode in Zweifel zogen. Ein Pekinger Philosophieprofessor fühlte sich nicht ernst genommen, weil ein Berliner Kollege glaubte, er verstehe Kant ein wenig besser. Wer so denkt und entsprechend reagiert, provoziert am Ende eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.</p>
<p>Mitunter werden unorthodoxe Methoden bemüht, sich Respekt zu verschaffen. Für ein internationales Schülerfußballturnier lieh sich eine Schule in Tianjin Jungprofis aus und gewann haushoch. Doch der Betrug flog auf, als Schüler sich verplapperten und den Ausländern erzählten, sie hätten die Spieler noch nie gesehen. Statt Beifall bekamen die Chinesen den Vogel gezeigt.</p>
<p>Dabei dürfte der Ärger über mangelnde Anerkennung weitgehend auf einem Missverständnis beruhen: Welches Volk wird von anderen schon so bewundert, wie es sich das selbst wünscht? Doch da das Thema in China heikel ist, wartet inzwischen jeder Ratgeber mit dem Tipp auf, man müsse Chinesen unbedingt auf Augenhöhe begegnen. Diesen Hinweis haben offenbar auch die Bosse des Hollywood-Studios MGM gelesen, die in Chinas Kinos einen Wachstumsmarkt sehen. Anfang des Jahres kamen sie zu dem Schluss, dass es wohl keine gute Idee gewesen sei, eine Neuverfilmung des Kalte-Krieg-Dramas &#8220;Die Rote Flut&#8221; dahingehend zu modernisieren, dass aus den bösen Russen böse Chinesen wurden. In der Postproduktion entschied man sich, die Identität der Antihelden mit digitaler Bildnachbearbeitung zu verändern: Die Welt muss nun nicht mehr vor Chinesen gerettet werden, sondern vor Nordkoreanern.</p>
<p>Erschienen in: brand eins 5/2011</p>
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		<title>Wo der Wind weht</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Mar 2011 14:45:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Ist es Pflicht oder Wahnsinn, als Journalist in ein Land zu reisen, in dem ein atomarer Super-GAU droht?</h3>
Es macht keine Freude, seiner Familie samstagmorgens erklären zu müssen, dass man nicht früh aufsteht, um Croissants zu holen, sondern um in ein Katastrophengebiet zu fliegen. Aber was bedeutet ein Wochenende neben der Erdbebenkatastrophe in Japan? Am Pekinger Flughafen sehe ich, dass ich nicht der einzige Familienenttäuscher bin. Zwei Dutzend internationale Journalisten warten auf den ersten verfügbaren Flug nach Tokio...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ist es Pflicht oder Wahnsinn, als Journalist in ein Land zu reisen, in dem ein atomarer Super-GAU droht?</h3>
<p>Es macht keine Freude, seiner Familie samstagmorgens erklären zu müssen, dass man nicht früh aufsteht, um Croissants zu holen, sondern um in ein Katastrophengebiet zu fliegen. Aber was bedeutet ein Wochenende neben der Erdbebenkatastrophe in Japan?</p>
<p>Am Pekinger Flughafen sehe ich, dass ich nicht der einzige Familienenttäuscher bin. Zwei Dutzend internationale Journalisten warten auf den ersten verfügbaren Flug nach Tokio – und fragen sich, ob es Pflicht oder Wahnsinn ist, in eine Region zu fliegen, in der ein Atomkraftwerk kurz vor der Kernschmelze stehen könnte. Wir googeln Wetterberichte und Windrichtungen und versuchen uns zu erinnern, wie das damals mit der Wolke von Tschernobyl war. Ich erzähle, wie mein Vater damals in unserem Garten eine Erdprobe genommen und im Keller mit einem Geigerzähler überprüft hat. Jahre später war die Strahlung immer noch erhöht. Die Anekdote kommt nicht gut an. Tschernobyl ist von Niedersachsen 1300 Kilometer entfernt, Tokio vom AKW Fukushima nur 200. Einige Journalisten drehen kurz vor der Passkontrolle wieder um, doch die meisten verlassen sich auf die Vorhersage, dass der Wind in den kommenden Tagen nicht Richtung Tokio blasen würde. Oder geht es einfach nicht in unsere Köpfe, dass es tatsächlich einen Super-GAU geben könnte und was die Folgen wären? Die Grenze zwischen Schwarmintelligenz und Herdentrieb verschwimmt.</p>
<p>Im Flugzeug werden Pläne geschmiedet, um ins Tsunamigebiet zu gelangen. Wir hoffen, dass es am Flughafen Taxis gibt, bilden Fahrgemeinschaften, zählen Bargeldbestände und überprüfen die Limits unserer Kreditkarten. Doch kaum haben die Handys wieder Empfang, verbreitet sich die Meldung, dass die Nachrichtenagentur Kyodo über den Beginn der Kernschmelze berichtet. Wenig später wird eine Explosion gemeldet. Ich fluche auf meinen chinesischen Handyanbieter, der mir in Japan keinen Internetempfang gewährt. Alle Roaminggebühren wären mir recht, wenn ich noch einmal überprüfen könnte, dass sich an den Windrichtungsvorhersagen nichts geändert hat. Einige Kollegen sind noch immer fest entschlossen, so nah wie möglich an die Evakuierungszone zu kommen. Dort winken die besten Geschichten und dramatischsten Bilder. Wenn sie sicher zurückkommen, werde ich sie gewiss beneiden. Aber auch bewundern?</p>
<p>Fünf Stunden dauert es, um vom Flughafen Narita mit einem Vorortzug in die Tokioer Innenstadt zu gelangen. An den Bahnhöfen steht alle fünf Meter ein Uniformierter und dirigiert die Menschenströme. Die Japaner haben den Ausnahmezustand im Griff. Ihre scheinbare Normalität beruhigt und man trägt gerne dazu bei. Im Hotel haben Stromschwankungen die meisten Fernseher zerstört, aber das Internet funktioniert. An den Windrichtungen hat sich nichts geändert, aber im Umkreis von Fukushima werden hunderttausende  angewiesen, in ihren Häusern zu bleiben und Türen und Fenster geschlossen zu halten. Die Hochhausfenster meines Hotelzimmers lassen sich ohnehin nicht öffnen. Ab und zu lassen Nachbeben den Turm wackeln. Per Skype beruhige ich meine Familie, dass sie sich um mich keine Sorgen zu machen braucht, und hoffe, dass das auch stimmt.</p>
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		<title>Gefärbte Haare &#8211; na und?</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Jan 2011 11:42:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Schwärzt Barack Obama seine Silberlöckchen? Und was hat Chinas Präsident damit zu tun?</h3>
In China versteht man die Aufregung nicht. Ein Foto, das Barack Obama mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao beim Staatsbankett im Weißen Haus zeigt, hat in den USA eine leidenschaftliche Diskussion ausgelöst: Färbt sich der amerikanische Präsident die Haare? Auf Bildern des besagten Tages, dem vergangenen Mittwoch, ist Obama morgens mit vielen Silberlöckchen zu sehen, die am Abend plötzlich verschwunden zu sein scheinen, aber bei einem Fototermin zwei Tage später wieder auftauchen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwärzt Barack Obama seine Silberlöckchen? Und was hat Chinas Präsident damit zu tun?</h3>
<p>In China versteht man die Aufregung nicht. Ein Foto, das Barack Obama mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao beim Staatsbankett im Weißen Haus zeigt, hat in den USA eine leidenschaftliche Diskussion ausgelöst: Färbt sich der amerikanische Präsident die Haare? Auf Bildern des besagten Tages, dem vergangenen Mittwoch, ist Obama morgens mit vielen Silberlöckchen zu sehen, die am Abend plötzlich verschwunden zu sein scheinen, aber bei einem Fototermin zwei Tage später wieder auftauchen.</p>
<p>US-Medien widmeten der Präsidentenfrisur Tausende von Beiträgen, und obwohl unaufgeregtere Kommentatoren schnell zu dem Ergebnis kamen, dass das vermeintliche Beweisfoto ganz einfach unterbelichtet war, bleibt von dem Vorwurf übertriebener Eitelkeit trotzdem etwas an Obama hängen &#8211; ganz wie am Exbundeskanzler Gerhard Schröder, der gegen eine ähnliche Unterstellung vor gut acht Jahren sogar gerichtlich vorging.</p>
<p>Aber warum sollten sich Staatsmänner eigentlich nicht die Haare färben? &#8220;Wahrscheinlich ist Obamas Haarfarbe auf dem Foto echt, aber Hu Jintaos ist ganz bestimmt falsch&#8221;, kommentierte ein Benutzer des populären chinesischen Internetforums Sohu das Bild. &#8220;Chinas Politiker tönen sich doch alle die Haare.&#8221;</p>
<p>Tatsächlich entdeckt man weder bei Chinas 68-jährigem Präsidenten noch bei den anderen Mitgliedern des Ständigen Politbüroausschusses, einem neunköpfigen Gremium aus Männern zwischen 55 und 70 Jahren, auch nur ein einziges weißes Haar. Dass Spitzenpolitiker aber auch prominente Manager in China weitaus seltener zu ergrauen scheinen als normale Menschen, ist eine Art optischer Potenzbeweis. Selbst Mao Tse-tung, der 82 Jahre alt wurde und zuletzt an vielen Gebrechen litt, trug bis zuletzt schwarze Haare &#8211; und hat sie noch heute, da seine einbalsamierte Leiche in einem Glassarg auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens ausgestellt ist.</p>
<p>Kritische Stilfragen stellt deshalb niemand &#8211; und das nicht etwa, weil sie verboten wären. Nachgeschwärzte Haare sind in China, wie in vielen ostasiatischen Ländern, kein Tabu, bei Männern ebenso wenig wie bei Frauen. Färbemittel gehören zum Standardsortiment jedes Supermarkts. Durchschnittliche Geschäfte haben rund zehn verschiedene Produkte in den Regalen. Ein günstiges der Marke Wenya, die sich auf Englisch Youngrace (&#8220;Junge Rasse&#8221;) nennt, kostet 17,90 Yuan (zwei Euro), teurere rund das Zehnfache. In der Branche wird das Geschäft mit Schwarzfärberei auf jährlich mehr als 300 Millionen Euro geschätzt.</p>
<p>Chinesen, die das regelmäßige Nachschwärzen zu lästig finden, wagen häufig einen noch radikaleren Schritt: Sie tragen Perücken. Auch diese sind in China weithin erhältlich und allgemein akzeptiert. &#8220;Das ständige Tönen mit chemischen Mitteln kann nicht gesund sein&#8221;, sagt He Sulan, eine Pekinger Kleinunternehmerin, die sich mit Mitte fünfzig die grauen Haare raspelkurz geschoren und eine Auswahl von Haarteilen zugelegt hat. &#8220;An manchen Tagen trage ich eine seriöse Dauerwelle, an anderen eine jugendliche Rastafrisur &#8211; es ist kein Geheimnis, dass beide nicht echt sind.&#8221; Wie viele chinesische Politiker Perücken tragen, ist unbekannt. In jedem Fall wird der Anteil aber auch hier höher sein als in den USA. Das dort ausgerechnet der Besuch des chinesischen Staatschefs eine haarige Debatte ausgelöst hat, die in der Volksrepublik niemand versteht, beweist einmal mehr, dass die Differenzen zwischen den beiden Großmächten gewaltig sind.</p>
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		<title>Luft! Luft!</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Oct 2010 08:28:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinakorrespondent ist ein Job mit hohem Gesundheitsrisiko. Schuld ist der Smog.</h3>
Meine Tochter hat Husten. Bestimmt ist es bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt, kein Grund, Sie, liebe Leser, damit zu behelligen. Aber wenn Sie in diesem Moment aus meinem Pekinger Bürofenster schauen könnten, würden Sie verstehen, warum mir das häusliche Röcheln und Rasseln auch bei der Arbeit noch in den Ohren klingt. Draußen ist Smog, nicht nur schlechte Luft, sondern einen dicker Drecknebel, den man riechen, schmecken und fühlen kann...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinakorrespondent ist ein Job mit hohem Gesundheitsrisiko. Schuld ist der Smog.</h3>
<p>Meine Tochter hat Husten. Bestimmt ist es bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt, kein Grund, Sie, liebe Leser, damit zu behelligen. Aber wenn Sie in diesem Moment aus meinem Pekinger Bürofenster schauen könnten, würden Sie verstehen, warum mir das häusliche Röcheln und Rasseln auch bei der Arbeit noch in den Ohren klingt.</p>
<p>Draußen ist Smog, nicht nur schlechte Luft, sondern einen dicker Drecknebel, den man riechen, schmecken und fühlen kann. Dass ich nicht übertreibe, können Sie im Internet nachprüfen: Googeln Sie „Beijing AQI“, den Pekinger Luftqualitätsindex, den eine Messstation auf dem Dach der US-Botschaft ermittelt und stündlich ins Netz speist. Die Skala reicht von 1 bis 500, wobei Werte bis 50 als „gut“ gelten und bei Messungen über 100 eine Gesundheitswarnung ausgegeben wird, was in New York, einer der amerikanischen Smoghochburgen, in heißen Sommern durchschnittlich sechs Mal vorkommt. Werte über 300 gelten als „gefährlich“, doch solche Belastungen werden in den USA nur in Waldbrandgebieten gemessen. Während ich dies schreibe, liegt der Wert in Peking bei 438, was immerhin schon besser ist als heute morgen. Da waren es 472.</p>
<p>Natürlich ist das Problem nicht neu. Ich lebe seit elf Jahren in Peking und habe den Smog immer akzeptiert als einen schlechten Charakterzug einer ansonsten sympathischen Stadt. Eine zeitlang versprachen Pekings Olympiavorbereitungen eine Verbesserung, doch die schöne Illusion wurde unter der täglich wachsenden Lawine von Autos begraben.</p>
<p>Trotzdem ist es mir bisher einigermaßen gelungen, meine Gesundheitsskrupel zu ignorieren – bis ich kürzlich von einer Studie las, der zufolge Kinder, die in der Nähe von großen Straßen oder Kreuzungen aufwachsen, einen messbar niedrigeren Intelligenzquotienten haben. Hoppla! Offenbar können nämlich Ruß- und Schadstoffpartikel bis ins Gehirn vordringen. Eine andere Unersuchung hat ergeben, dass sich Luftschadstoffe über das Blut der Mutter sogar auf den Embryo übertragen und dort Erbgutveränderungen verursachen können. Mögliche Folgen sind eine Beeinträchtigung der geistigen und motorischen Entwicklung, Asthma, Stoffwechselerkrankungen oder Krebs. Solchen Aussichten sind meine Verdrängungskünste nicht gewachsen.</p>
<p>Was also tun? Als Chinakorrespondent kommt man ja nicht ohne weiteres darum herum, in China zu sein, genauso wenig wie es einem Dachdecker erspart bleibt, auf Dächer zu steigen, oder einem Taucher, ins Wasser zu gehen. Eine gute Idee hatte der Arzt der deutschen Botschaft: Deren Mitarbeiter bekommen jeden Monat einen Smogtag, an dem sie nicht arbeiten müssen, sondern aus der Stadt fahren und ihre Lungen auslüften dürfen. Wenn also demnächst Außerirdische in Peking landen und Sie, liebe Leser, am folgenden Tag in ihrer Zeitung kein Interview mit ihnen finden, wissen sie, wo ich war, und werden mir hoffentlich verzeihen. Allerdings scheue ich Fahrten aus der Stadt, weil man dabei immer im Stau steht. Also warte ich erst einmal auf den nächsten Wetterumschwung. Übermorgen soll es regnen, dann wird die Luft über Peking reingewaschen und meine Tochter darf endlich wieder auf den Spielplatz. Vorausgesetzt, ihr Husten ist bis dahin abgeklungen, aber wahrscheinlich ist es ja ohnehin bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt.</p>
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		<title>Wicht-Ich</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 13:31:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.</h3>
Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.</h3>
<p>Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder. Einmal essen gehen oder einkaufen reicht, und schon wird man beim Bezahlen in den Konsumadel erhoben, der Anrecht auf Prozente, Geschenke und Werbung hat. In der vergangenen Woche habe ich neun Anrufe von Clubs oder Hotels bekommen, die mich als VIP gewinnen wollten &#8211; solche Angebote gehen mit dem VIP-Status bei meinem Handyanbieter einher, der mit den Telefonnummern zahlungskräftiger Kunden gute Geschäfte macht. Selbst meine einjährige Tochter hat bereits diverse VIP-Zugehörigkeiten: In ihrem Geburtskrankenhaus ist sie „VIP auf Lebenszeit“, und Jade-Mitglied beim Lieferdienst für Windeln und Babymilch.</p>
<p>Soweit ist es mit dem Sozialismus also gekommen. Von wegen kleine Rädchen oder blaue Ameisen – im modernen China will jeder wichtiger sein als der andere. Klassenlose Gesellschaft war gestern, heute sind die Chinesen ein Volk der VIPs. Zwar gehört es noch immer zum chinesischen Selbstverständnis, dass die eigene Kultur weniger individualistisch sei als die westliche. Doch auch wenn Chinas Größe und Armut dem Einzelnen tatsächlich oft weniger Spielräume lassen – glücklich ist darüber niemand. Denn das Leben ist keine Fankurve, und statt im Rausch des Kollektivs sind die Chinesen die meiste Zeit auf sich allein gestellt. Wer will da nicht ein wenig wichtig sein?</p>
<p>Chinas größte VIPs sind die Kleinsten: Aufgrund der Geburtenplanung gibt es fast nur noch Einzelkinder, denen die Aufmerksamkeit der ganzen Familie gehört. „Kleine Kaiser“ werden sie im Chinesischen genannt. Ohnehin sollte man lieber mehr chinesische Bezeichnungen benutzen, hat die Regierung kürzlich gefordert und verordnet, dass die auch in China gebräuchliche englische Abkürzung „VIP“ künftig durch „guibin“ ersetzt werden sollte – „teurer Kunde“. Durchgesetzt hat sich das bisher aber nicht, denn „teuer“ hat im Chinesischen die gleiche Doppelbedeutung wie im Deutschen: Wenn ich jemandem teuer bin, kommt mich das häufig teuer zu stehen. Dann schon lieber wichtig.</p>
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		<title>Abwarten und Tee trinken</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 11:15:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.</h3>
Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.</h3>
<p>Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian und war schon mit ihren Kännchen zu Gange. „Gegen die Hitze muss man nicht nur von außen ankämpfen, sondern vor allem von innen.”</p>
<p>Es ist das typische chinesische Sommergespräch: Man stellt die Kühlung auf 17 Grad und redet dann darüber, wie der Hitze mit traditionellen Mitteln viel besser beizukommen wäre. Man muss sich nur ein wenig mit Yin und Yang auskennen, jener universalgültigen Zweifaltigkeit, die alle Weisheit der alten Chinesen auf den Punkt bringt. Yang bedeutet Hitze, und wer unter zu viel Yang leidet, kann durch Aufnahme von Yin – Kälte &#8211; die Harmonie wieder herstellen. Mit Yin sind aber keineswegs Eis oder kalte Limonade gemeint. „Ob etwas im chinesischen Sinne kalt oder heiß ist, hat nichts mit der Temperatur zu tun, sondern mit dem Charakter“, belehrte mich Vivian. Grüner Tee ist kalt, ebenso Pu’er oder Oolong, Schwarztee dagegen heiß – selbst wenn alle die gleiche Temperatur haben.</p>
<p>Chinesen können alle ihre Lebensmittel einteilen, und ich frage mich, warum sie nicht gleich ihre Supermärkte danach einrichten: Hier die Yin-Regale mit grünen Bohnen, Wassermelonen, Lotuswurzeln oder Karpfen, dort die Yang-Gestelle mit roten Datteln, Paprika, Frittieröl oder Rindfleisch. Wahrscheinlich sind sie noch nicht auf die Idee gekommen, weil sie sich genaugenommen selbst nicht an ihre alten Weisheiten halten: Die Shanghaier essen im Sommer bevorzugt Flusskrebse mit Chillis, die Pekinger scharfe Mala-Suppe und die Chongqinger Feuertopf – alles yang wie die Hölle.</p>
<p>Vivian beirrt das nicht. Sie braucht ohnehin keine medizinischen Argumente, um ihren Tee zu verkaufen. Dafür ist er viel zu gut, bezogen von chinesischen Bauern der alten Schule, die mit jedem einzelnen ihrer Sträucher per du sind und deren Ernte nach Jahrgängen gehandelt wird wie Grand-Cru-Weine aus dem Bordeaux. Es sind Tees, die süchtig machen und jeden Tantenmord unter die mildernden Umstände der Beschaffungskriminalität fallen lassen. Acht neue Sorten packte Vivian mir nach zwei Stunden ein. Der Sommer kann also noch eine Weile andauern, meine Verteidigung steht: Einfach abwarten und Tee trinken.</p>
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		<title>Döner mit Stäbchen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 05:32:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
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		<category><![CDATA[Terrorismus]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1978" title="Iyad_Mansour_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour-241x300.jpg" alt="" width="145" height="180" /></a>Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. "Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch", sagt Iyad Mansour. "Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat." Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour_Copyright_Martin_Gottske.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1981" title="Iyad_Mansour_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour_Copyright_Martin_Gottske-1024x680.jpg" alt="" width="442" height="293" /></a>Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. &#8220;Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch&#8221;, sagt Iyad Mansour. &#8220;Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.&#8221; Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?</p>
<p>Wären da nicht die Stäbchen, könnte sich das &#8220;Green Grass&#8221; genauso gut in einem arabischen Land, in Europa oder Nordamerika befinden. Es ist ein Imbiss, in dem gut zwanzig Leute Platz hätten, wenn denn je so viele kämen. &#8220;Willkommen in Palästina &#8211; im Herzen des Gelobten Landes&#8221;, steht auf dem Poster an der Wand. Daneben hängen eine Palästinenserflagge und ein Arafat-Tuch, Bilder von fröhlichen Menschen in Ölbaum-Hainen, ein Kunstfoto von einem Bett am Strand und die Aufnahme von dem Mann, der sich in Peking auf dem Tiananmen-Platz vor die Panzer stellte.</p>
<p>In einer Ecke laufen die Nachrichten stumm über den Bildschirm &#8211; es sei denn, es gibt wieder Bilder von einem Attentat im Nahen Osten. Dann dreht Mansour den Ton auf und beginnt lauthals zu schimpfen: auf die Amerikaner und die Israelis, auf die Hamas und die Taliban, auf El Kaida und auf die Dänen mit ihren Mohammed-Karikaturen. &#8220;Wenn du uns Muslime ärgern willst, dann nimm unsere Frauen, aber den Propheten lass gefälligst in Ruhe&#8221;, echauffiert er sich in fließendem Japanisch. Seine Gäste schauen ihm zu, nicken still und nippen an ihrem Bier.</p>
<p>Mansour macht sich gerne Gedanken über die ganz großen Zusammenhänge. &#8220;Mein Leben ist ein Beispiel dafür, dass sich alles zum Guten wenden kann&#8221;, sagt der 35-Jährige. &#8220;Und wenn es auf der Welt nicht so viele Arschlöcher gäbe, könnte es allen Menschen so gehen.&#8221; Deshalb soll sein &#8220;Green Grass&#8221; auch mehr sein als bloß ein Lokal. Es soll ein Ort sein, an dem die Welt so funktioniert, wie man sich das wünschen würde. Das ist natürlich reichlich hoch gegriffen, aber wer wollte es Mansour übel nehmen &#8211; bei seiner Geschichte.</p>
<p>Geboren wurde er in Ramallah im Westjordanland. &#8220;Meine Familie ist arm wie alle Palästinenser&#8221;, erzählt Mansour. Ende der Achtziger lernte sein Vater Mitarbeiter einer japanischen Menschenrechtsgruppe kennen, die anboten, eines seiner Kinder zu adoptieren und mit nach Tokio zu nehmen. Die Eltern gaben ihnen Iyad mit, den ältesten ihrer elf Söhne. Er war gerade 14 Jahre alt geworden. &#8220;Die ersten drei Jahre habe ich jeden Tag geweint, weil ich alles so vermisst habe: meine Eltern, meine Familie, mein Land&#8221;, sagt Mansour. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Japan anzupassen. Er wusste, dass es kein Zurück geben würde. Seine Familie erwartete von ihm, dass er erfolgreich sein würde &#8211; erfolgreich genug, um sie in Palästina zu unterstützen.</p>
<p>Nach vier Jahren sprach Mansour Japanisch wie ein Japaner, machte einen Schulabschluss und eine Ausbildung als Automechaniker. Danach begann er, als Kellner zu arbeiten in Restaurants, die ihre Kundschaft gerne von einem fließend Japanisch sprechenden Ausländer bedienen ließen. Durch die Arbeit lernte er einen entscheidenden Unterschied zwischen seinen alten und den neuen Landsleuten kennen. &#8220;Palästinenser sind arm, aber sie verstehen es trotzdem zu feiern&#8221;, sagt Mansour. &#8220;Die Japaner dagegen sind reich, aber sie arbeiten wie verrückt und haben wenig, was ihnen wirklich Freude macht.&#8221;</p>
<p>Aus dieser Erkenntnis ließ sich eine Geschäftsidee ableiten: Mansour begann, an Wochenenden Partys zu organisieren, bei denen es eher wie bei arabischen Hochzeiten zuging als bei erzwungener japanischer Kollegenfröhlichkeit. &#8220;Wenn man den Japanern etwas zeigt, was einfach nur Spaß macht, dann sind sie wirklich glücklich&#8221;, hat Mansour inzwischen herausgefunden. Vor neun Jahren eröffnete er außerdem das &#8220;Green Grass&#8221; in Warabi, einer typischen Schlafstadt im Norden Tokios, wo die Pendler abends rund um die S-Bahn-Station von Spielhöllen, Karaoke-Bars oder den &#8220;Soapland&#8221; genannten Bordellen in Versuchung geführt werden.</p>
<p>Mansour ist hier der bunte Vogel, der inmitten der japanischen Alltagsabgründe eine äußerst un- japanische Unterhaltung bietet. Denn seine Gäste kommen nicht nur wegen des Döners. Sie kommen vor allem seinetwegen und wegen seiner leidenschaftlichen Monologe über Gott und die Welt. Mansour weist minutiös die vermeintliche CIA-Verschwörung am 11. September 2001 nach und bekennt sich emphatisch zu einer Hamas-Mitgliedschaft, nur um diese im nächsten Moment mit dem gleichen Nachdruck zu widerrufen.</p>
<p>Er erzählt von seiner Familie in Ramallah, die fast vollständig von dem Geld lebt, das er zwei Mal im Monat aus Japan überweist und mit der er täglich per Videohandy spricht. &#8220;Zwei von meinen Brüdern sitzen in israelischen Gefängnissen&#8221;, sagt er. &#8220;Für die Israelis sind sie Terroristen, aber für mich sind sie Helden.&#8221; Alle Gäste kennen auch die Geschichten von seiner japanischen Ehefrau, die sich für ihn zum Islam hat bekehren lassen und nun noch häufiger in die Moschee geht als er selbst. Oder die Anekdoten von seinen beiden Söhnen, die er &#8220;Palästinenser mit Schlitzaugen&#8221; nennt, auch wenn sie noch nie in der Heimat ihres Vaters waren. So wie auch er seit seiner Adoption vor 21 Jahren nicht mehr dorthin zurückgekehrt ist.</p>
<p>So gleicht das &#8220;Green Grass&#8221; dem Set einer realen Multi-Kulti-Dokusoap. &#8220;Kein Japaner könnte je so aus sich herausgehen, wie es für mich ganz natürlich ist&#8221;, sagt Mansour. Obwohl er inzwischen mehr als sein halbes Leben in Japan verbracht hat und sogar die japanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist ihm die japanische Reserviertheit fremd: Er palavert, gestikuliert und umarmt, wie ihm gerade zumute ist. &#8220;Ich bin halt Araber, und mit uns gehen leicht die Pferde durch&#8221;, sagt Mansour. &#8220;Und siehe da: Die Japaner mögen mich trotzdem, und ich mag sie.&#8221; Wenn das nur überall so einfach wäre, würde das mit dem Weltfrieden vielleicht doch noch etwas werden, sagt Mansour. Und stellt im selben Atemzug gleich fest, dass man dagegen eigentlich nicht viel einwenden kann. Zumindest in seiner Dönerbude widerspricht ihm sowieso niemand.</p>
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		<title>Eierfärben auf Chinesisch</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Apr 2010 13:43:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Essen]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die sogenannten Tausendjährigen Eier zählen zu Chinas berüchtigtsten Delikatessen.</h3>
Sie sind grün, braun und manchmal bläulich: auch Chinesen färben Eier - allerdings nicht von außen, sondern von innen. Die sogenannten Hundert- oder sogar Tausendjährigen Eier gehören zu den berüchtigtsten chinesischen Delikatessen. Für Europäer, die sie auf Chinareisen zum ersten Mal vorgesetzt bekommen, ist der Verzehr in der Regel mehr Mutprobe als Genuss...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die sogenannten Tausendjährigen Eier zählen zu Chinas berüchtigtsten Delikatessen.</h3>
<p>Sie sind grün, braun und manchmal bläulich: auch Chinesen färben Eier &#8211; allerdings nicht von außen, sondern von innen. Die sogenannten Hundert- oder sogar Tausendjährigen Eier gehören zu den berüchtigtsten chinesischen Delikatessen. Für Europäer, die sie auf Chinareisen zum ersten Mal vorgesetzt bekommen, ist der Verzehr in der Regel mehr Mutprobe als Genuss, denn mit Frühstückseiern heimischer Machart haben die &#8220;Tausendjährigen&#8221; wenig gemein. Das Eiweiß ist eher ein Eibraun und hat die Konsistenz von Gelatine. Wo ehemals das gelbe Dotter war, schimmert es tiefgrün. Der Geruch ist eine Mischung aus Pudding und Ammoniak, weswegen die Spezialität gelegentlich auch als verfaultes Ei bezeichnet wird &#8211; oder in Thailand sogar als Pferdeurin-Ei.</p>
<p>Derart abschätzige Bezeichnungen sind aus chinesischer Sicht nur ein weiterer Beleg für die kulinarische Beschränktheit der fremdländischen Barbarenvölker, die in ihrer Küche nur einen Bruchteil der geschmacklichen Möglichkeiten zulassen. Nicht, dass die Chinesen keine Freude an gekochten, gebratenen oder pochierten Eiern hätten. Aber ein echtes Pidan, ein Leder-Ei, wie es wegen der Beschaffenheit seiner Schale in China genannt wird, spielt in einer ganz eigenen Genussliga.</p>
<p>Angesichts der mühsamen Herstellung darf man auch einiges erwarten. Ganz tausend Jahre dauert sie nicht, aber immerhin mehrere Monate, was für verderbliche Lebensmittel bereits ein beachtlicher Zeitraum ist. Zunächst macht man einen Teig aus Asche, Kalk, Salz, Zitronensaft und Wasser. Die Asche sollte möglichst von Piniennadeln stammen, weswegen die Eier auch Pinien-Eier genannt werden. Mit dem Brei werden die frischen Eier, bevorzugt Enteneier, dick umschmiert, dann in einen Tonkrug gestapelt und in einem kühlen Keller, einer Höhle oder einem Erdloch gelagert. Die alkalischen Eigenschaften des Teigmantels führen dazu, dass in den Eiern ein langsamer Konservierungsprozess abläuft. Die empfindlichen Eiweiß- und Fettmoleküle verwandeln sich dabei in beständigere Strukturen mit einem stärkeren Geschmack. 45 bis 90 Tage später ist der Vorgang abgeschlossen.</p>
<p>Danach sind die Eier für weitere Monate haltbar. Chinesische Köche kombinieren den scharfen Geschmack der Eier meist mit Tofu, Frühlingszwiebeln und Sojasoße. Wie zu den meisten chinesischen Rezepten gibt es auch zu den Pinien-Eiern eine kaiserzeitliche Entstehungslegende. Während der Mingdynastie, vor 600 Jahren, soll eine Entenschar auf einer Baustelle ihre Eier in einen Haufen Kalkmörtel gelegt haben. Als der Hausbesitzer sie Monate später entdeckte, erschienen sie ihm offenbar so appetitlich, dass er sie kosten musste. Mit seiner Entdeckung soll er ein Vermögen verdient haben. Die Geschichte ist sicherlich nicht wahr, aber gut erfunden, denn in China und angrenzenden Ländern wird die Methode schon seit Jahrhunderten benutzt, um Eier haltbar zu machen. Da Chinesen ihre Liebe zu gutem Essen gerne hinter medizinischen Vorwänden verstecken, schreiben sie den Pinien-Eiern gesundheitlichen Nutzen zu. Sie sollen den Blutdruck senken, Gefäßkrankheiten heilen und die Sehstärke schärfen. Außerdem wird ihnen nachgesagt, die Leber zu schützen, weswegen sie gerne als Snacks zu Bier und Schnaps gegessen werden.</p>
<p>Und die Moral von der Geschicht? Wer nach der sonntäglichen Eiersuche den Verdacht hat, dass der Osterhase beim Verstecken besser war als die Suchmannschaft beim Finden, der kann sich freuen. In ein paar Monaten hat er vielleicht eine chinesische Delikatesse im Garten. Worauf man guten Gewissens einen trinken darf.</p>
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		<title>Falschgeld online</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Feb 2010 14:40:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.</h3>
Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.</h3>
<p>Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes.</p>
<p>Völlig korrekt ist das natürlich nicht, aber mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen, solange auch die chinesischen Staatsbanken regelmäßig Blüten in Umlauf bringen. Ob die Banken dabei aus den gleichen Motiven handeln wie die Normalbürger, oder ob ihre Prüftechnik versagt, ist Thema wilder Spekulationen. Allerdings achte ich darauf, dass ich die Fälschungen nicht armen Straßenhändlern unterjuble, die sie womöglich nur schwer weitergeben können, sondern lieber der Telefongesellschaft oder dem Steueramt. Da man in China Rechnungen meist alles bar bezahlt und der größte Schein gerade einmal 100 Yuan (10 Euro) wert ist, hantiert man öfter mit dicken Geldstapeln, bei denen kaum auffällt, wenn sie nicht durch und durch echt sind.</p>
<p>Chinesischen Medien zufolge ist der Falschgeldmarkt ein Saisongeschäft, das seinen Höhepunkt in den Wochen vor dem chinesischen Neujahrsfest hat. Viele Wanderarbeiter erhalten dann ihren Jahreslohn und für skrupellose Unternehmer ist es ein leichtes, ihnen dabei ein paar Blüten unterzuschieben. Die Fälschungen werden dafür eigens bezogen – aus dem Internet. In chinesischen Webforen finden sich hunderte Falschgeldanzeigen, oft in den Kommentarspalten versteckt. „Absolute Glaubwürdigkeit“, verspricht etwa ein Herr Long aus dem südchinesischen Guangzhou. „Sicherheit und Ehrlichkeit sind in unserem Geschäft entscheidend.“ Für die Kontaktaufnahme gibt es eine Telefonnummer. Der Wechselkurs zwischen Echt- und Falschgeld richtet sich nach der Qualität, wobei die besten Blüten bis zu einem Drittel des Nennwertes kosten. Einige Firmen werben damit, dass ihr Geld in Taiwan auf modernsten Maschinen gedruckt worden sei. „Exquisite Verarbeitung, Wasserzeichen, Farbe – alles wie bei echtem Geld“, lautet das Angebot. „Selbst das Rascheln von Geldbündel klingt echt.“</p>
<p>Keiner weiß, wie viel Falschgeld in China im Umlauf ist, aber weniger wird es offenbar nicht. Vergangenes Jahr konfiszierte die Polizei innerhalb von zehn Monaten Blüten im Wert von 120 Millionen Euro, mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Ein chinesischer Handyhersteller hat deshalb bereits ein Mobiltelefon mit eingebautem Wasserzeichenprüfer auf den Markt gebracht. Solange ich meine Blüten problemlos ausgeben kann, werde ich aber auf den Kauf verzichten. Einmal habe ich die Fälschung sogar schon am Bankautomat gemerkt und die Beschwerde-Hotline anrufen. „Falschgeld? Kann nicht sein“, sagte die Frau am anderen Ende. Gewissermaßen hatte sie sogar recht. Eine Stunde später hatte ich für den falschen Hunderter köstlich gegessen.</p>
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		<title>Morgen kommt der Weihnachtsgreis</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Dec 2009 16:39:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen - als exotisches Konsumfest.</h3>
Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll's, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. "Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden", erzählt die Floristin. Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen &#8211; als exotisches Konsumfest.</h3>
<p>Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll&#8217;s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. &#8220;Ich habe mich erkundigt und erfahren, dass Ausländer diese Gestecke im Winter gerne kaufen, weil sie irgendwas mit Weihnachten zu tun haben&#8221;, erzählt die Floristin. &#8220;Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden.&#8221;</p>
<p>Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht: Statt vier hatte sie nur drei Lichter aufgesteckt. &#8220;Drei fand ich schöner, und billiger war es auch&#8221;, rechtfertigt sie sich. &#8220;Wie kann man ahnen, dass Ausländer ausschließlich Kränze mit vier Kerzen wollen?&#8221; Seitdem produziert auch Frau Zhou normgerechten Adventsschmuck &#8211; und macht damit in der Weihnachtszeit ein gutes Extrageschäft. So wie die Blumenhändlerin gehen viele Chinesen mit Weihnachten um, sie nehmen es mit, ohne recht zu verstehen, was es damit eigentlich auf sich hat. Traditionell spielt das Weihnachtsfest in China schließlich keine Rolle.</p>
<p>Da in Großstädten westliche Trends gerne imitiert werden, ist das christliche Fest der Liebe für wohlhabende Chinesen ein willkommener Anlass, es sich wieder einmal gut gehen zu lassen. Weihnachten feiern heißt konsumieren. Einkaufszentren drapieren dafür Tannenbäume und Rentierschlitten in die Schaufenster oder setzen ihren Angestellten rotweiße Mützen auf. Liebespaare nutzen Weihnachten als Anlass für romantische Rendezvous bei Kerzenschein, bevorzugt in einem westlichen Lokal oder Coffeeshop. Restaurants werben um Kunden, indem sie Girlanden und Nikoläuse aufhängen oder Kunstschnee an die Scheiben sprühen. Da der Schmuck oft das ganze Jahr über hängen bleibt und je nach Saison um chinesische Neujahrsscherenschnitte, Valentinsherzen und Halloweenmasken ergänzt wird, erscheinen manche Lokale geradezu als Museen einer globalisierten Feiertagskultur. Auch Chinas Staatsfernsehen nimmt im Dezember westliche Weihnachtsfilme ins Programm. Radiosender legen &#8220;Jingle Bells&#8221; auf und klären ihre Hörer darüber auf, was es mit Rudolph, dem rotnasigen Rentier auf sich hat.</p>
<p>Fortschrittliche Kindergärten oder Grundschulen inszenieren sogar eigene Bescherungen, um den Kindern westliche Traditionen nahezubringen. &#8220;Weihnachten ist eine Möglichkeit, den Kindern zu erklären, wie das Leben außerhalb Chinas ist&#8221;, erklärt die Pekinger Kindergärtnerin Mao Hua. Der Schüler Wang Jiayi erzählt, ihm sei Weihnachten zum ersten Mal in einem Zeichentrickfilm begegnet. &#8220;Da kam ein Mann mit rotem Mantel und langem Bart und hat Geschenke unter einen geschmückten Baum gelegt&#8221;, erinnert sich der Achtjährige. &#8220;Shengdanjie Laoren&#8221; nennen die Chinesen den Paten des Spektakels wörtlich: &#8220;Weihnachtsgreis&#8221;.</p>
<p>Dass Weihnachten in der Volksrepublik vor allem als Kauffest wahrgenommen wird, könnte dem Westen zu denken geben: Schließlich machen die Chinesen nur nach, was sie im Ausland sehen. Außerdem bemerken chinesische Unternehmen die weltweite Konsumbereitschaft zur Weihnachtszeit in ihren Auftragsbüchern. China ist längst ein fester Bestandteil in der globalen Christkindindustrie. Ein großer Teil der Geschenke, die unter die Tannenbäume gelegt werden, sind Made in China.</p>
<p>In der vergangenen Woche vermeldete die Nachrichtenagentur Xinhua, China habe allein im Monat Oktober 58 456 Tonnen Weihnachtsartikel im Wert von 157 Millionen Dollar exportiert. Allerdings gibt es auch Chinesen, für die Weihnachten mehr ist als Kitsch und fremdländische Folklore. Obwohl die Kommunistische Partei das Volk seit nunmehr sechzig Jahren zum Atheismus zu erziehen versucht, verzeichnen die Religionen auch in China eine Renaissance. Inzwischen wird die Zahl der chinesischen Christen auf 50 bis 130 Millionen Menschen geschätzt &#8211; und viele von ihnen sind mehr als Christnachtkirchgänger. Die Mehrheit der chinesischen Gläubigen gehören sogenannten Untergrund- oder Hauskirchen an, weil sie sich nicht der offiziellen, streng kontrollierten Staatskirche anschließen wollen.</p>
<p>Dafür nehmen sie oft harte Sanktionen in Kauf. Im vorigen Jahr zählte die christliche Organisation &#8220;China Aid Association&#8221; 2 027 Fälle von Repressionen gegen Christen. 2009 dürfte diese Zahl weiter ansteigen, weil die Regierung ihr Vorgehen gegen inoffizielle Religionsgemeinschaften zuletzt stark verschärft hat. &#8220;Die Partei sieht die Religion grundsätzlich als Feind und hat panische Angst vor Organisationen, die sie nicht kontrollieren kann&#8221;, sagt der Pekinger Menschenrechtsanwalt Li Fangping. &#8220;Deshalb können viele Menschen ihre Religion nur in der Illegalität ausleben.&#8221;</p>
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		<title>Bekenntnisse eines Klimatrampels</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Dec 2009 08:41:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.</h3>
Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.</h3>
<p>Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen.</p>
<p>Mein Wohnsitz ist Peking und mein Berichtsgebiet umfasst China, Korea und Japan. Das sind von Osten nach Westen etwa 6000 Kilometer und von Norden nach Süden 4000. Mit dem Fahrrad ist das nicht abzudecken. Also fliege ich, in den meisten Monaten sogar mehrmals. Dabei gehört Fliegen neben Waldbrandstiftung zum Schlimmsten, was ein Mensch der Erdatmosphäre antun kann. Der Treibhausgaskalkulator auf der Internetseite der Umweltorganisation WWF hat meinen persönlichen Kohlenstoffdioxidausstoß mit 31,52 Tonnen berechnet, dreimal so viel wie der deutsche Durchschnitt. Eine verheerende Bilanz!</p>
<p>Was kann ich da zu meiner Verteidigung vorbringen? Dass ich kein Auto besitze? Dass ich in einer Wohnung mit guten Isolierscheiben lebe? Dass ich ein Kurzduscher bin? Zugegeben: Mehr als ein Feigenblatt ist all das nicht &#8211; mein klimapolitischer Sündenfall lässt sich damit nicht bedecken. Wenn Dante mit seiner mittelalterlichen Höllendarstellung richtig liegt, erwartet mich eine Strafe, in der ich meine Laster von ihrer dunkelsten Seite erleben muss. Wahrscheinlich werde ich bis in alle Ewigkeit in einem engen Flugzeug voller Korrespondenten (bekanntlich die Diven unter den Journalisten) um den Erdball kreisen, auf dem man nicht mehr landen kann, weil alle Flughäfen unter Wasser stehen. Ab und zu kommt die Stewardess mit „chicken oder beef“, aber die eigene Wahl ist immer gerade ausgegangen.</p>
<p>Aber vielleicht kann mir eine andere journalistische Untugend aus der Emissionspatsche helfen: Drehe ich die Geschichte doch einfach so, wie sie mir passt. Womöglich ist folgende Verteidigungsstrategie erfolgreicher: Wir Korrespondenten sind nicht Täter, sondern Opfer! Denn macht nicht gerade das globale Problem des Klimawandels deutlich, wie wichtig es ist, über Ereignisse am anderen Ende der Welt Bescheid wissen. Wie soll das gehen ohne eine globale Berichterstattung? Schließlich fliege ich nicht zum Spaß, sondern für Sie, liebe Leser! Deshalb bitte ich um Ihre Solidarität und schlage vor, dass mein Dienst-CO2 anteilig auf Sie alle umgelegt werden. Der Meeresspiegel wird davon zwar leider nicht sinken. Aber vielleicht komme ich so vor dem Jüngsten Gericht mit einer Bewährungsstrafe davon. Oder erhalte im höllischen Korrespondentenflieger wenigstens einen Platz mit mehr Beinfreiheit.</p>
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