Falschgeld online
In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.
Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes…
Morgen kommt der Weihnachtsgreis
Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen – als exotisches Konsumfest.
Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll’s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. “Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden”, erzählt die Floristin. Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht…
Bekenntnisse eines Klimatrampels
Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.
Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen…
Die Armut der anderen
Reisbauernhüte sind ein fester Bestandteil des westlichen Chinabilds. Dabei verraten sie mehr über uns als über die Chinesen.
In der Abflughalle des Pekinger Flughafens sehe ich häufig ausländische Touristen, die runde, spitze Bambushüte tragen. Die klassische Kopfbedeckung der Reisbauern gehört zu den beliebtesten Chinasouvenirs, und da die sperrigen Dinger in keinen Koffer passen, bleibt den Reisenden meist nichts anderes übrig, als sie aufzusetzen…
Länger leben mit Paranoia
Lieber paranoid als tot. Denn wer unter Angstzuständen leidet, stirbt nie den Tod, vor dem er sich fürchtet.
Allmählich werde ich paranoid. Jedenfalls gebe ich mir Mühe. Denn es ist doch so: Wer Angstzustände hat, erleidet nie das Unglück, vor dem er sich fürchtet. Das passiert immer nur den anderen. Deshalb sind Paranoide ja so komisch. Aber das Gelächter meiner Mitmenschen nehme ich gerne in Kauf…
Zur Sache, Kätzchen
Sie hat keinen Mund und spricht trotzdem zu Millionen: Die japanische Comic-Katze Hello Kitty feiert zum 35. Mal ihren fünften Geburtstag.
Liebe Katzen tanzen Walzer, böse Rock’n’Roll. Das ist die Erkenntnis, mit der die kleine Midori aus dem Märchen vom „Nussknacker“ kommt. „Die Bösen sind immer so wild“, sprudelt die Fünfjährige und schüttelt sich, dass ihre Zöpfe fliegen. „Aber Kitty tanzt gaaanz schön.“ Dann trippelt und kreiselt sie mit verzücktem Blick um ihre Kindergärtnerin und stellt sich vor, sie wäre ein weißes Kätzchen mit rosa Haarband…
Eine Welt, eine Träumerei
Vor einem Jahr begannen in Peking die Olympischen Spiele. Während Chinas Regierung den Mythos am Leben zu erhalten versucht, wollen ihre Kritiker ihn zerstören.
Rekorde sind zum Brechen da. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen von Peking, dem größten Sportfest aller Zeiten, strebt Chinas Regierung nach dem nächsten athletischen Superlativ: Auf die Riesenshow des Spitzensports soll die weltweit größte Breitensportbewegung folgen. Der 8. August, das Jubiläum der Olympiaeröffnung, soll in der Volksrepublik künftig als „Nationaler Fitnesstag“ an die Spiele erinnern – und der Kommunistischen Partei ermöglichen, den Olympiamythos weiter zu instrumentalisieren. Pekings Kritiker wollen den Tag dagegen nutzen, um der Welt in Gedächtnis zu rufen, dass viele Hoffnungen – etwa Fortschritte in Sachen Menschenrechte, Demokratie oder Pressefreiheit – enttäuscht wurden…
Die besten Bomben
In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.
In meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino…
Die Buddha-Bar
Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.
Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen…
Das letzte Geschäft
Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.
Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche kürzlich in Hongkong aus, bei der Asiatischen Bestattungsmesse…
Pizza Pjöngjang
In Nordkorea hat erstmals eine Pizzeria eröffnet. Sie dürfte vor allem die kulinarischen Gelüste von Diktator Kim Jong-il befriedigen.
Kein Land verweigert sich der Globalisierung konsequenter als Nordkorea, doch nun ist ein Hauch weite Welt durch den Panzer des interkommunistischen Staates geweht: In Pjöngjang hat erstmals eine Pizzeria eröffnet. Das Lokal soll auf Anweisung der obersten Führung eröffnet worden sein, die den kulinarischen Fortschritt als Geschenk an ihr Volk verstanden wissen möchte. Diktator Kim Jong-il persönlich habe sich entschlossen, den Nordkoreanern „Zugang zu den berühmten Gerichten dieser Erde zu erlauben“…
Man lebt nur zweimal
Wie ist das Leben nach dem Tod? Ganz ähnlich wie das davor, glaubt man in China.
Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Auch nicht vom Tod. Zumindest glauben das offenbar viele Chinesen. Denn warum sollten sie sonst ihre Ahnen mit neuen Errungenschaften versorgen, die zu ihren Lebzeiten gar nicht existierten: mit Computern und Handys, mit Digitalkameras und Kreditkarten, mit Vitaminpräparaten und Potenzpillen?…
„Ratte schmeckt süßlich“
Er benutzt nie ein Kochbuch und isst gerne seltene Tiere: Chan Yan Tak, Chinas erster Drei-Sterne-Gastronom.
Der Auftritt erinnert an alte Herzblatt-Sendungen. „Koch Chan kümmert sich noch um die Küche“, flüstert die Dame aus der PR-Abteilung, huscht durch den Speisesaal, wo die letzten Mittagsgäste bei Obst und Grüntee sitzen, und bittet in ein stilles Separee. Vor der Fensterfront erstreckt sich das Panorama des Hongkonger Hafens, Fähren ziehen weiße Linien ins glitzernde Wasser, am Überseekai sticht ein Kreuzfahrtschiff in See. Der Meister lässt auf sich warten…
Der Stolz der Pekinger
Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.
Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren…
Kulinarische Botschaften
Fusion-Küche ist eine Pekinger Erfindung. Wie in keiner anderen Stadt verschmelzen in Peking seit acht Jahrhunderten die Kochtraditionen eines Riesenreichs.
Im Morgengrauen steht Li Shanlin im Innenhof seines kleinen Hauses und macht Taiqi. Für den 87-jährigen ist es einzige stille Stunde des Tages. Seine Tochter ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Markt, prüft Karotten, Lauchstangen und Pilze, kratzt an Gurkenschalen, riecht an Lotuswurzeln, reibt Tomaten auf Hochglanz, inspiziert Fleisch und Fisch. Einen Einkaufszettel braucht sie nicht…