Nuckeln gegen die Krise
Die Monchhichis waren ein Kinderzimmerkult der 80er-Jahre. Nun erleben sie ein Revival.
Susumu Yoshida liebt die Krise. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, macht sich seine Arbeit fast von alleine. “Warum das so ist, können wir uns selbst nicht recht erklären”, sagt der Marketingdirektor der japanischen Kuscheltierfirma Sekiguchi. “Vielleicht haben die Menschen in Krisenzeiten ein besonderes Bedürfnis nach etwas Warmem und Weichem.” Sollten Sekiguchis Verkaufszahlen tatsächlich als Index taugen, dann braucht die Welt keine Rettungsschirme, Sparprogramme oder Konjunkturpakete, sondern vor allem eins: Monchhichis…
Die chinesische Weltformel
Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.
“Holt euch professionelle Hilfe”, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: “Wendet euch lieber an einen Namensgeber!”…
Drü Chünüsün…
Ist es rassistisch, ein chinesisches Kindermädchen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ hören zu lassen?
Ist “Drei Chinesen mit dem Kontrabass” ein rassistisches Lied? Die Frage durchzuckte mich kürzlich beim Nachhausekommen. Unser chinesisches Kindermädchen hatte eine deutsche CD eingelegt, mir tönte “Dri Chinisin mit dim Kintribiss” entgegen. “Nur gut, dass sie kein Deutsch versteht”, dachte ich. Dri Chinisin, dro Chonoson, drü Chünüsün – ist das nicht genauso politisch unkorrekt, als würde man eine schwarze Nanny mit “Zehn kleine Negerlein” beschallen?…
Doofe Dämonen
Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?
Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen? Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten – hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen…
Nie mehr Fu Manchu
Viele Chinesen sind überzeugt: Die im Westen achten uns nicht. Und finden auch überall Beweise für ihre These.
Wer erinnert sich an einen Film, in dem die Chinesen die Guten sind? Abgesehen von chinesischen Streifen, natürlich. Viel einfacher ist es, sich auf Filme mit Antihelden aus dem Reich der Mitte zu besinnen. Dr. Fu Manchu war der Vater aller chinesischen Halunken, ein satanischer Meisterkrimineller aus einer Zeit, als der Umgang mit rassistischen Klischees noch unbekümmert und die Warnung vor der “Gelben Gefahr” gesellschaftsfähig war. Seit Fu Manchu in den Dreißigern erstmals auf die Leinwand kam, mussten viele Filmhelden gegen Chinesen antreten, von James Bond (“Der Morgen stirbt nie”) über Ethan Hunt (“Mission Impossible III”) bis Lara Croft (“Tomb Raider II”)…
Wo der Wind weht
Ist es Pflicht oder Wahnsinn, als Journalist in ein Land zu reisen, in dem ein atomarer Super-GAU droht?
Es macht keine Freude, seiner Familie samstagmorgens erklären zu müssen, dass man nicht früh aufsteht, um Croissants zu holen, sondern um in ein Katastrophengebiet zu fliegen. Aber was bedeutet ein Wochenende neben der Erdbebenkatastrophe in Japan? Am Pekinger Flughafen sehe ich, dass ich nicht der einzige Familienenttäuscher bin. Zwei Dutzend internationale Journalisten warten auf den ersten verfügbaren Flug nach Tokio…
Gefärbte Haare – na und?
Schwärzt Barack Obama seine Silberlöckchen? Und was hat Chinas Präsident damit zu tun?
In China versteht man die Aufregung nicht. Ein Foto, das Barack Obama mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao beim Staatsbankett im Weißen Haus zeigt, hat in den USA eine leidenschaftliche Diskussion ausgelöst: Färbt sich der amerikanische Präsident die Haare? Auf Bildern des besagten Tages, dem vergangenen Mittwoch, ist Obama morgens mit vielen Silberlöckchen zu sehen, die am Abend plötzlich verschwunden zu sein scheinen, aber bei einem Fototermin zwei Tage später wieder auftauchen…
Luft! Luft!
Chinakorrespondent ist ein Job mit hohem Gesundheitsrisiko. Schuld ist der Smog.
Meine Tochter hat Husten. Bestimmt ist es bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt, kein Grund, Sie, liebe Leser, damit zu behelligen. Aber wenn Sie in diesem Moment aus meinem Pekinger Bürofenster schauen könnten, würden Sie verstehen, warum mir das häusliche Röcheln und Rasseln auch bei der Arbeit noch in den Ohren klingt. Draußen ist Smog, nicht nur schlechte Luft, sondern einen dicker Drecknebel, den man riechen, schmecken und fühlen kann…
Wicht-Ich
Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.
Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder…
Abwarten und Tee trinken
Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.
Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian…
Döner mit Stäbchen
Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.
Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. “Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch”, sagt Iyad Mansour. “Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.” Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?…
Eierfärben auf Chinesisch
Die sogenannten Tausendjährigen Eier zählen zu Chinas berüchtigtsten Delikatessen.
Sie sind grün, braun und manchmal bläulich: auch Chinesen färben Eier – allerdings nicht von außen, sondern von innen. Die sogenannten Hundert- oder sogar Tausendjährigen Eier gehören zu den berüchtigtsten chinesischen Delikatessen. Für Europäer, die sie auf Chinareisen zum ersten Mal vorgesetzt bekommen, ist der Verzehr in der Regel mehr Mutprobe als Genuss…
Falschgeld online
In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.
Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes…
Morgen kommt der Weihnachtsgreis
Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen – als exotisches Konsumfest.
Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll’s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. “Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden”, erzählt die Floristin. Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht…
Bekenntnisse eines Klimatrampels
Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.
Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen…