Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Nichts tun – aber richtig!

Chinesen gelten als fleißig. Das ist ein Missverständnis. Denn wenn Chinesen die Wahl haben, tun sie lieber: nichts.

Eine meiner nützlichsten Erkenntnisse über China verdanke ich der Direktorin Zhang, einem Verwaltungsdrachen der Pekinger Filmhochschule, an der ich Ende der Neunzigerjahre studiert habe. Einmal im Monat musste ich in ihr Büro, ein Zimmer voller Gerümpel, mit einem schmalen Schreibtisch und einem wuchtigen Sofa, um meine Stipendiumsrate abzuholen. Den Antrittsbesuch stattete ich ihr an einem der ersten Tage kurz nach Mittag ab. Auf mein Klopfen gab es zunächst keine Antwort, dann ein Grunzen, und als ich lauter pochte, blickte ich plötzlich in ein vom Schlaf zerknautschtes Gesicht mit derangierter Frisur. „Von elf bis zwei ist Pause“, fauchte Zhang. „Merk dir das!“…

Bernhard Bartsch | 27. März 2013 um 08:32 Uhr

 

Pekinger Husten

Darf ein Lungenleiden nach Chinas Hauptstadt benannt sein?

Heute müssen wir, ich bitte um Verständnis, über meinen Husten sprechen. Anfang November war er wieder da, pünktlich wie eh und je. Seitdem kratzt er im Hals, rumpelt durch meine Lungen und ärgert mich beim Treppensteigen. Obwohl ich nicht erkältet bin, wird er mich bis zum Frühling begleiten. Der Katarrh ist ein alter Bekannter: der berüchtigte „Pekinger Husten“. Seit 14 Jahren verbringen wir den Winter zusammen…

Bernhard Bartsch | 01. Februar 2013 um 07:54 Uhr

 

Und täglich grüßt der Klingelbeutel

Chinesische Firmen haben soziales Engagement als Marketinginstrument entdeckt.

Pekinger Bekannte haben mich zu ihrer Firmeneröffnung eingeladen. Ich müsse auf jeden Fall kommen, steht auf der Karte, sonst breche ich ihnen das Herz. Meine Bekannten wollen ihre eigene Marke für Kinderkleidung vorstellen, doch das soll angeblich nur Nebensache sein, denn eigentlich handele es sich um eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Einladung ist mit einem „Spendenvorschlag“ von 200 Yuan, 26 Euro, verbunden. Darüber hinaus ist jeder Gast gehalten, sich an der Versteigerung der Musterkollektion zu beteiligen. Mit dem Erlös wollen die Bekannten einen Fonds gründen, mit dem sie soziale Projekte in China unterstützen. Und auch in Zukunft soll im Verkaufspreis ihrer Kleider eine Spende enthalten sein. Je erfolgreicher ihre Marke einmal wird, umso wohltätiger könne sie wirken. Klingt gut? Ich weiß nicht so recht…

Bernhard Bartsch | 17. Oktober 2012 um 02:48 Uhr

 

Geschmacklose Delikatesse

Chinas Regierung will bei Staatsbanketten keine Haifischflossensuppe mehr servieren. Das Abschlachten der Haie in den Weltmeeren wird das nicht bremsen.

Im Tanjia-Restaurant des Peking-Hotels ist auf Diskretion Verlass. Die Gäste des legendären Staatsgästehauses nahe dem Platz des Himmlischen Friedens speisen in privaten Zimmern. Paravents vor den Türen stoppen neugierige Blicke, dicke rote Teppiche verschlucken die Schritte. Wer hier isst, will sich in der Regel nicht so prominent zeigen wie die berühmten Gäste, deren Bilder die Wände zieren: Mao Zedong dinierte hier mit dem vietnamesischen Genossen Ho Chi Minh, sein Premier Zhou Enlai gab im Tanjia ein Bankett für US-Präsident Richard Nixon. „Das Menü ist damals wie heute das gleiche“, versichert Zhao Yanfei, die Marketingmanagerin des Traditionsrestaurants. „Unsere Gäste kommen vor allem wegen unserer berühmten Haifischflossengerichte.“…

Bernhard Bartsch | 07. Juli 2012 um 10:16 Uhr

 

Nuckeln gegen die Krise

Die Monchhichis waren ein Kinderzimmerkult der 80er-Jahre. Nun erleben sie ein Revival.

Susumu Yoshida liebt die Krise. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, macht sich seine Arbeit fast von alleine. „Warum das so ist, können wir uns selbst nicht recht erklären“, sagt der Marketingdirektor der japanischen Kuscheltierfirma Sekiguchi. „Vielleicht haben die Menschen in Krisenzeiten ein besonderes Bedürfnis nach etwas Warmem und Weichem.“ Sollten Sekiguchis Verkaufszahlen tatsächlich als Index taugen, dann braucht die Welt keine Rettungsschirme, Sparprogramme oder Konjunkturpakete, sondern vor allem eins: Monchhichis…

Bernhard Bartsch | 07. Januar 2012 um 16:12 Uhr

 

Die chinesische Weltformel

Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.

„Holt euch professionelle Hilfe“, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: „Wendet euch lieber an einen Namensgeber!“…

Bernhard Bartsch | 29. Oktober 2011 um 01:44 Uhr

 

Drü Chünüsün…

Ist es rassistisch, ein chinesisches Kindermädchen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ hören zu lassen?

Ist „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ ein rassistisches Lied? Die Frage durchzuckte mich kürzlich beim Nachhausekommen. Unser chinesisches Kindermädchen hatte eine deutsche CD eingelegt, mir tönte „Dri Chinisin mit dim Kintribiss“ entgegen. „Nur gut, dass sie kein Deutsch versteht“, dachte ich. Dri Chinisin, dro Chonoson, drü Chünüsün – ist das nicht genauso politisch unkorrekt, als würde man eine schwarze Nanny mit „Zehn kleine Negerlein“ beschallen?…

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2011 um 03:24 Uhr

 

Doofe Dämonen

Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?

Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen? Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten – hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen…

Bernhard Bartsch | 19. Mai 2011 um 02:58 Uhr

 

Nie mehr Fu Manchu

Viele Chinesen sind überzeugt: Die im Westen achten uns nicht. Und finden auch überall Beweise für ihre These.

Wer erinnert sich an einen Film, in dem die Chinesen die Guten sind? Abgesehen von chinesischen Streifen, natürlich. Viel einfacher ist es, sich auf Filme mit Antihelden aus dem Reich der Mitte zu besinnen. Dr. Fu Manchu war der Vater aller chinesischen Halunken, ein satanischer Meisterkrimineller aus einer Zeit, als der Umgang mit rassistischen Klischees noch unbekümmert und die Warnung vor der „Gelben Gefahr“ gesellschaftsfähig war. Seit Fu Manchu in den Dreißigern erstmals auf die Leinwand kam, mussten viele Filmhelden gegen Chinesen antreten, von James Bond („Der Morgen stirbt nie“) über Ethan Hunt („Mission Impossible III“) bis Lara Croft („Tomb Raider II“)…

Bernhard Bartsch | 02. Mai 2011 um 08:18 Uhr

 

Wo der Wind weht

Ist es Pflicht oder Wahnsinn, als Journalist in ein Land zu reisen, in dem ein atomarer Super-GAU droht?

Es macht keine Freude, seiner Familie samstagmorgens erklären zu müssen, dass man nicht früh aufsteht, um Croissants zu holen, sondern um in ein Katastrophengebiet zu fliegen. Aber was bedeutet ein Wochenende neben der Erdbebenkatastrophe in Japan? Am Pekinger Flughafen sehe ich, dass ich nicht der einzige Familienenttäuscher bin. Zwei Dutzend internationale Journalisten warten auf den ersten verfügbaren Flug nach Tokio…

Bernhard Bartsch | 12. März 2011 um 16:45 Uhr

 

Gefärbte Haare – na und?

Schwärzt Barack Obama seine Silberlöckchen? Und was hat Chinas Präsident damit zu tun?

In China versteht man die Aufregung nicht. Ein Foto, das Barack Obama mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao beim Staatsbankett im Weißen Haus zeigt, hat in den USA eine leidenschaftliche Diskussion ausgelöst: Färbt sich der amerikanische Präsident die Haare? Auf Bildern des besagten Tages, dem vergangenen Mittwoch, ist Obama morgens mit vielen Silberlöckchen zu sehen, die am Abend plötzlich verschwunden zu sein scheinen, aber bei einem Fototermin zwei Tage später wieder auftauchen…

Bernhard Bartsch | 21. Januar 2011 um 13:42 Uhr

 

Luft! Luft!

Chinakorrespondent ist ein Job mit hohem Gesundheitsrisiko. Schuld ist der Smog.

Meine Tochter hat Husten. Bestimmt ist es bloß ein gewöhnlicher Kleinkindinfekt, kein Grund, Sie, liebe Leser, damit zu behelligen. Aber wenn Sie in diesem Moment aus meinem Pekinger Bürofenster schauen könnten, würden Sie verstehen, warum mir das häusliche Röcheln und Rasseln auch bei der Arbeit noch in den Ohren klingt. Draußen ist Smog, nicht nur schlechte Luft, sondern einen dicker Drecknebel, den man riechen, schmecken und fühlen kann…

Bernhard Bartsch | 08. Oktober 2010 um 10:28 Uhr

 

Wicht-Ich

Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.

Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder…

Bernhard Bartsch | 27. Juli 2010 um 15:31 Uhr

 

Abwarten und Tee trinken

Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.

Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian…

Bernhard Bartsch | 13. Juli 2010 um 13:15 Uhr

 

Döner mit Stäbchen

Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.

Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. „Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch“, sagt Iyad Mansour. „Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.“ Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?…

Bernhard Bartsch | 07. Juni 2010 um 07:32 Uhr