Das Hasenkomplott
Wer im chinesischen Jahr des Hasen geboren wurde, sollte zurzeit etwas Rotes am Körper tragen – das schützt vor Unheil.
Am Wochenende hat mir ein Taschendieb mein Portemonnaie geklaut, im Gedränge eines Pekinger Cafés, dem mein sechster Sinn nicht gewachsen war. Er erbeutete einen Batzen Geld, Bankkarten, Presseausweis und andere Papiere. Muss ich erwähnen, dass ich mich sehr geärgert habe? Muss ich wohl. Denn als ich einer chinesischen Freundin von meinem Erlebnis erzählte, klärte sie mich auf, dass ich erstens selbst schuld sei und zweitens Glück im Unglück gehabt habe…
Mr. Softpower
Pianist Lang Lang ist Chinas erster globaler Superstar – er verbindet die Träume der chinesischen Jugend mit den Wünschen ihrer Eltern.
Aufstehen um zehn Uhr ist für Lang Lang eigentlich zu früh. Normalerweise schläft er bis mittags, nach einem Konzertabend sowieso. Doch an diesem Morgen steht er schon um kurz nach elf in der Hotellobby, die Haare frisch in den Himmel gegelt. Er trägt eine weiße Jacke über einem orangefarbenen T-Shirt, dazu eine schwarze Anzughose und Lackschuhe, ein passender Stilmix für den Starpianisten, der Klassik in China zur Popmusik gemacht hat. „Schöner Tag“, sagt er, als er aus dem Hotel tritt, wo ein Konvoi aus vier Autos wartet. Der Smog der südchinesischen Industriestadt Guangzhou klebt wie ein Schmierfilm vor der Sonne, aber Lang Lang denkt vermutlich in Werbebildern. Für Porträtfotos ist das gebrochene Licht perfekt, und nur dafür ist er so früh aufgestanden…
“Wer könnte Ai Weiwei nicht lieben?”
Der chinesische Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou, 41, über seine Freundschaft mit Ai Weiwei, die Ursprünge von Ais Regimekritik und den symbolträchtigen Ort, an dem sich Ai sein Grab gekauft hat. Eine Übersetzung:
Ai Weiwei ist so gut wie der einzige chinesische Künstler mit einem politischen Kopf. Dafür bewundere ich ihn. Egal, was man von seinen politischen Ideen halten mag – sein Mut und seine persönliche Integrität sind im heutigen China einzigartig. Viele seiner prominenten Freunde lassen seit seiner Verhaftung keinen Pups mehr von sich hören. Ai Weiwei hat vielen Menschen geholfen, aber die meisten von ihnen schweigen jetzt, aus Angst, ihr angenehmes Leben in diesem Land zu verlieren. Ich fürchte, mit Ais Fall ist eine Grenze überschritten worden. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden sich immer weniger Menschen trauen, die Wahrheit zu sagen…
Von Aufklärung keine Spur
Die „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum sollte ein Zeichen deutsch-chinesischer Freundschaft werden. Nun ist sie ein diplomatischer Problemfall.
Wer aufgeklärt werden will, muss Zeit mitbringen. Anderthalb Stunden stehen die Besucher an diesem Morgen Schlange, um in Pekings Nationalmuseum zu gelangen. Beim Warten können sie über den Platz des Himmlischen Friedens schauen. Am Eingang herrschen Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen. Der Eintritt ist kostenlos. Die Ausstellung, deretwegen die Massen anstehen, ist keineswegs die “Kunst der Aufklärung”…
“Fünf-Sterne-Lakai des Westens”
Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.
Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den “Verräter des Mutterlandes” und “Fünf-Sterne-Lakai des Westens”. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals “Fortschrittliche Gesellschaft” (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: “Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt”, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel…
Wie die Zeiten sich ändern
The Times They Are a-Changin’: Bob Dylan singt erstmals in China – nach einvernehmlicher Rücksprache mit den Zensoren.
Bob Dylans Stellenwert für die Musikgeschichte ist unbestritten, seine Position als gesellschaftsrevolutionäre Ikone dafür umso mehr. Wer schon immer enttäuscht war, dass Dylan in der Öffentlichkeit nicht die politische Rolle spielen wollte, die viele ihm gerne gegeben hätten, ist nun um eine Desillusionierung reicher: Am Mittwoch trat der Barde erstmals in China auf und stimmte seine Liederliste brav mit den chinesischen Zensoren ab…
Widerstand als Gesamtkunstwerk
Wie Ai Weiwei zum schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei wurde.
Wer im Pekinger Kreativenviertel Caochangdi das Haus von Chinas bekanntestem Künstler und schärfstem Regierungskritiker sucht, erkennt es an den beiden Überwachungskameras. Die eine ist an einen Laternenmast montiert und auf die Stahltür eines grau ummauerten Gebäudekomplexes gerichtet. Diese Kamera hat die Polizei installiert. Die andere ragt von innen hinter der Mauer hervor und zielt auf die erste Kamera. Dieses Gerät hat Ai Weiwei angebracht. “Wenn die Polizei mich überwachen darf, darf ich auch die Polizei überwachen”, erklärte Ai bei einem Studiobesuch im vergangenen Herbst…
Pekinger Dachschaden
Der Architekt Meinhard von Gerkan entwarf den Umbau von Chinas Nationalmuseum. Doch nun verschweigen die Chinesen den ausländischen Designlieferanten.
Mit Dächern hat Meinhard von Gerkan wenig Glück. Der Hamburger Architekt, der sich mit der Deutschen Bahn einen langen Rechtsstreit um die Dachkonstruktion des Berliner Hauptbahnhofs lieferte, ist in Peking abermals Opfer von Designbanausen geworden: Ein spektakuläres Bronzedach brachte von Gerkan zwar vor sieben Jahren den Sieg in einem internationalen Wettbewerb um die Neugestaltung des chinesischen Nationalmuseums ein. „Aber dann gab es ziemlich schnell Widerstand dagegen, dass Chinas wichtigstes Museum von einem Ausländer entworfen wird, noch dazu von einem Deutschen“, erzählt von Gerkan…
Aufklärer am Werk
Eine Ausstellung zeigt in China die „Kunst der Aufklärung“. Doch um sich ihres Verstandes zu bedienen, brauchen chinesische Intellektuelle keine Nachhilfe.
Heinrike soll höher hängen. “Zehn Zentimeter sind zu viel, probiert mal fünf”, dirigiert Michael Eissenhauer die Arbeiter im Pekinger Nationalmuseum. Der Berliner Museumsdirektor hat eines seiner wertvollsten Werke in die chinesische Hauptstadt verliehen: das “Porträt der Heinrike Danneker” von Gottlieb Schick, gemalt 1802, eine Bildikone der Aufklärung, der Emanzipation und des gymnasialen Geschichtsunterrichts. Die junge Frau in den Farben der französischen Revolution soll den Chinesen die “Kunst der Aufklärung” vermitteln…
Ai Weiwei wird ein Berliner
Chinas berühmtester Künstler baut angesichts harter Repressionen in seiner Heimat ein Studio in Deutschland.
Er ist der größte Star des chinesischen Kunstbetriebs und einer der schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei. Doch angesichts wachsender Repressionen in seiner Heimat plant Ai Weiwei nun einen Teil-Umzug nach Deutschland. Im Berliner Stadtteil Oberschöneweide will der 53-Jährige ein Studio kaufen und trifft derzeit Vorbereitungen, um mit seinem Team künftig dort arbeiten zu können…
Chinas verbotene Bücher
Der Hongkonger Verleger Bao Pu veröffentlicht Enthüllungsbücher über die Kommunistische Partei. Leser sind vor allem Chinas Eliten.
Der Bucheinband landet gleich im Papierkorb. Er zeigt einen älteren Herren mit einer mächtigen Hornbrille und einem Gesichtsausdruck, der zwischen Spott und Sorge liegt. Die Kundin weiß, dass sie mit seinem Bild lieber nicht im chinesischen Zoll auffallen sollte. Also schnell weg damit…
Flug in die Freiheit
Der regimekritische Autor Liao Yiwu durfte erstmals aus China ausreisen. Unser Korrespondent hat ihn von Chengdu nach Berlin begleitet.
Der Gang durch die Passkontrolle ist so einfach, dass es geradezu an Spott grenzt. Mit einem kurzen Blick vergleicht die junge Polizistin das Foto mit dem Mann, der an ihrem Schalter steht und versucht, die Ruhe selbst zu sein. “So viele Auslandsvisa, aber noch nie ausgereist”, bemerkt die Beamtin, während sie durch den Ausweis blättert. “Keine Zeit gehabt”, entgegnet Liao Yiwu und lacht. Die Polizistin zückt ihren Stempel und eine blinkende Leuchtanzeige fragt den Reisenden, ob er mit der Bearbeitungsgeschwindigkeit zufrieden ist. “Sehr zufrieden”, drückt Liao. Dabei hat seine Abfertigung mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Es ist ein Uhr nachts, nur noch wenige Passagiere schleichen müde durch die Hallen des Pekinger Flughafens. Nur einer scheint sich keinen Ort vorstellen zu können, wo er jetzt lieber wäre…
“Wer schweigt, wird Teil des Systems”
Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.
Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über “Politik und Kunst” diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?
Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen – aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt…
Die Rebellion des Zuhörens
Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.
Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. “Hier kommen nicht viele Taxis her”, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. “Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.” Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte…
Glorreiche Zeiten
Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.
China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen “glorreichen Zeitalters”. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?…