Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Im roten Minenfeld

Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan sorgt mit Äußerungen über Zensur für Aufregung. Kritiker werfen ihm liebedienerische Angepasstheit vor.

Dass die Frage kommen würde, war unvermeidlich: Fast zwei Monate hatte Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan Zeit, sich zurechtzulegen, was er vor der Weltpresse zum Thema Zensur sagen wollte (Auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ belegt China Rang 174 von insgesamt 179 Ländern.). Als es dann am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Nobelpreisfeierlichkeiten in Stockholm soweit war, überraschte Mo Yan mit einem Vergleich…

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2012 um 15:25 Uhr

 

Herz in Sojasoße

Mo Yans Romane sind auch eine Liebeserklärung an seine Heimatregion Gaomi. Jetzt ist der Geburtsort des Literaturnobelpreisträgers eine nationale Attraktion.

Sie haben die Rettiche aus dem Boden gerissen, und die Äste von den Bäumen gerupft. Mehrere Dachziegel sind verschwunden, und aus dem Plumpsklo in der Ecke des Hofes stinkt es. „Alles ziemlich verrückt“, brummt Guan Moxin bei seinem täglichen Inspektionsgang durch das kleine Gehöft seines Bruders. Zum Glück lasse sich die Haustür abschließen, meint Guan, sonst hätten die Souvenirjäger sicher auch drinnen geplündert. Nicht, dass in dem verlassenen Bauernhaus etwas Wertvolles zu holen wäre: ein alter Wok, ein paar zerzauste Besen, eingestaubte Bettmatten, zwei kaputte Koffer. Doch seit der ehemalige Bewohner am 11. Oktober den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen hat, ist seine Geburtsstätte im ostchinesischen Landkreis Gaomi eine nationale Attraktion geworden, und sein älterer Bruder zu ihrem unfreiwilligen Verwalter…

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2012 um 08:05 Uhr

 

Tanz den Weltfrieden

Der Youtube-Hit „Gangnam Style“ hat Südkorea in den Fokus der globalen Popkultur gerückt. Nun versucht das Land, damit Kasse zu machen.

Kürzlich während einer internationalen Konferenz in Südkorea: Die Teilnehmer kommen leicht abgeschlafft aus der Mittagspause, und die Veranstalter versuchen deshalb, sie mit etwas Gruppengymnastik wieder in Schwung zu bringen. Das gesetzte Publikum – koreanische und deutsche Politiker, Diplomaten, Professoren und Experten – macht dabei höflich mit, räkelt sich, dehnt sich und kreist sogar mit den Hüften. Dann legen die jungen Vorturnerinnen Musik auf. „Are you ready to shake your body?“, rufen sie fröhlich in die Runde und beginnen, auf imaginären Pferden über die Bühne zu hopsen. Es musste ja kommen: „Gangnam Style“…

Bernhard Bartsch | 23. Oktober 2012 um 06:02 Uhr

 

Der Herr der Halluzinationen

Der chinesische Romancier Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis. Die Kommunistische Partei freut sich mit.

In seinem Roman „Die Schnapsstadt“ beschreibt Mo Yan eine drastische Szene, in der ein Polizist mit einer Gruppe Kleinstadtkader beim Bankett sitzt, als die Kellnerin eine Silberplatte hereinträgt, auf der „ein goldbrauner, unglaublich appetitlich duftender kleiner Junge saß.“ Kann das wirklich ein gebratenes Baby sein, versucht der angetrunkene Ermittler Herr seiner Gedanken zu werden. Er löst im Kopf Rechenaufgaben und kommt zu dem Ergebnis, dass er tatsächlich noch bei Sinnen ist. „Man hat mir ein gebratenes Kind serviert“, stellt er fassungslos fest. „Sie nennen es ‚Der Storch bringt einen Sohn‘.“ Der Polizist zückt seine Pistole und muss sich gleichzeitig eingestehen, dass ihm beim Duft des gesottenen Säuglings das Wasser im Munde zusammenläuft…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2012 um 01:38 Uhr

 

Man backt deutsch

Deutschlands Exportwirtschaft hinterlässt auch linguistische Spuren.

Auf der Suche nach einem Café landete ich kürzlich in der „Bäckerei Mainz Dom“. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte ich mich in Mainz befunden, oder zumindest in Deutschland. Ich war aber in Südkorea, in einer populären Restaurantmeile von Seoul. Über der Ladentür prangte ein Wappen mit zwei Löwen, die eine Brezel halten. Die Gebäcktüten waren mit deutschen Flaggen bedruckt, die zwar falsch herum wehten, aber das passte gewissermaßen zu den Backwaren, die ebenfalls nur fast authentisch waren. Außer mir dürfte das an diesem Nachmittag allerdings niemandem aufgefallen sein. Was kümmert es Koreaner, ob ihr Kuchen echt deutsch ist, solange er schmeckt?…

Bernhard Bartsch | 24. August 2012 um 06:06 Uhr

 

Unbeirrbarer Chronist

Der regimekritische Schriftsteller Liao Yiwu, der seit seiner Flucht aus China in Berlin lebt, erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

In den vergangenen Wochen hat Liao Yiwu viel geschrieben. Nicht nur Literatur, sondern vor allem Briefe und Emails an Freunde, Kollegen und Journalisten. Darin berichtete der Autor vom Schicksal seines Freundes Li Bifeng, einem erfolgreichen Geschäftsmann und Untergrunddichter aus seiner Heimatstadt Chengdu, der Liao finanziell unterstützt hatte, bevor dieser im Juli vergangenen Jahres nach Deutschland floh. „Vor kurzem habe ich aus mehreren Kanälen erfahren, dass die Polizisten Li Bifeng meinetwegen verhaftet haben“, schrieb Liao. Die Behörden hätten seinen Freund im Verdacht, Liaos Flucht ermöglicht zu haben und wollten sich deshalb an ihm rächen…

Bernhard Bartsch | 21. Juni 2012 um 16:15 Uhr

 

„Die Polizei darf bei mir einziehen“

Ai Weiwei hofft, Ende des Jahres als Gastprofessor in Berlin antreten zu können. Im Interview spricht er über das Leben nach seiner Festnahme, neue Formen des Protests und den Dokumentarfilm „Never Sorry“, der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt.

Ai Weiwei lebt idyllisch. Im Garten seines Wohnstudios im Norden Pekings sprießen Bambus und Kiefern. Dichtes Efeu rankt die Hauswände empor. Ein Dutzend Katzen und mehrere Hunde tollen über den Rasen. Ai Weiwei sitzt in der Morgensonne und isst Kirschen. Die Kerne landen in einem gläsernen Aschenbecher, der die Form des Pekinger Olympiastadions hat. Ein Spucknapf mit hohem Symbolwert: Vor zehn Jahren wurde Ai durch seine Mitarbeit am Design des sogenannten „Vogelnests“ weltberühmt und zu einem der bestverkauften chinesischen Künstler. Doch noch vor den Olympischen Spielen 2008 distanzierte er sich von dem Projekt, weil er das Sportfest als geschmacklose Machtdemonstration der Kommunistischen Partei sah. Seitdem gilt er als Chinas prominentester und mutigster Regimekritiker…

Bernhard Bartsch | 04. Juni 2012 um 09:53 Uhr

 

Kulturkampf im Kino

Chinesische Kinoplakate sind häufig Kopien von Hollywood-Postern. Dabei soll Chinas Filmindustrie den kulturellen Einfluss des Westens eigentlich bekämpfen.

Wenn chinesische Filmplakate ein Maßstab sind, wie gut sich Chinas eigene Kultur gegenüber westlichen Einflüssen behauptet, kann Pekings Führung nicht glücklich sein. Denn die Poster, die Besucher in die Kinos locken sollen, sind überwiegend von den Werbungen für Hollywoodblockbustern inspiriert und häufig sogar direkte Kopien. So etwa das Plakat für „Jingtian dongdi“ („Als Himmel und Erde bebten“), ein Epos über den heldenhaften Einsatz der Armee nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008. Das Bild zeigt eine Gruppe von Soldaten, die Chinas rote Flagge in den Boden rammen, eine imposante Szene, die patriotische Gefühle wecken soll…

Bernhard Bartsch | 26. April 2012 um 02:51 Uhr

 

Ein Traum in Rosa

Die Japaner feiern die Kirschblüten-Saison – einen botanischen Karneval, der die Zwänge des Alltags außer Kraft setzt.

Die teure Kamera musste sein. „Vier Jahre bin ich mit der gleichen Ausrüstung unterwegs gewesen“, sagt Frau Tani. „Jedes Foto, das man damit machen konnte, habe ich gemacht.“ Diesmal ist die Mittvierzigerin ausgestattet wie ein Profi. Mit schwerem Rucksack marschiert sie durch den Zoo von Kyoto. Affen und Tiger streift sie mit flüchtigem Blick. Was sie interessiert, steht zwischen den Gehegen: Kirschbäume. Wie große Blumensträuße wiegen sie sich im Frühlingswind, jeder Ast bedeckt von Tausenden Blüten, strahlend weiß mit einem Hauch von Rosa…

Bernhard Bartsch | 23. April 2012 um 05:56 Uhr

 

Das Hasenkomplott

Wer im chinesischen Jahr des Hasen geboren wurde, sollte zurzeit etwas Rotes am Körper tragen – das schützt vor Unheil.

Am Wochenende hat mir ein Taschendieb mein Portemonnaie geklaut, im Gedränge eines Pekinger Cafés, dem mein sechster Sinn nicht gewachsen war. Er erbeutete einen Batzen Geld, Bankkarten, Presseausweis und andere Papiere. Muss ich erwähnen, dass ich mich sehr geärgert habe? Muss ich wohl. Denn als ich einer chinesischen Freundin von meinem Erlebnis erzählte, klärte sie mich auf, dass ich erstens selbst schuld sei und zweitens Glück im Unglück gehabt habe…

Bernhard Bartsch | 29. November 2011 um 06:24 Uhr

 

Mr. Softpower

Pianist Lang Lang ist Chinas erster globaler Superstar – er verbindet die Träume der chinesischen Jugend mit den Wünschen ihrer Eltern.

Aufstehen um zehn Uhr ist für Lang Lang eigentlich zu früh. Normalerweise schläft er bis mittags, nach einem Konzertabend sowieso. Doch an diesem Morgen steht er schon um kurz nach elf in der Hotellobby, die Haare frisch in den Himmel gegelt. Er trägt eine weiße Jacke über einem orangefarbenen T-Shirt, dazu eine schwarze Anzughose und Lackschuhe, ein passender Stilmix für den Starpianisten, der Klassik in China zur Popmusik gemacht hat. „Schöner Tag“, sagt er, als er aus dem Hotel tritt, wo ein Konvoi aus vier Autos wartet. Der Smog der südchinesischen Industriestadt Guangzhou klebt wie ein Schmierfilm vor der Sonne, aber Lang Lang denkt vermutlich in Werbebildern. Für Porträtfotos ist das gebrochene Licht perfekt, und nur dafür ist er so früh aufgestanden…

Bernhard Bartsch | 25. Mai 2011 um 03:38 Uhr

 

„Wer könnte Ai Weiwei nicht lieben?“

Der chinesische Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou, 41, über seine Freundschaft mit Ai Weiwei, die Ursprünge von Ais Regimekritik und den symbolträchtigen Ort, an dem sich Ai sein Grab gekauft hat. Eine Übersetzung:

Ai Weiwei ist so gut wie der einzige chinesische Künstler mit einem politischen Kopf. Dafür bewundere ich ihn. Egal, was man von seinen politischen Ideen halten mag – sein Mut und seine persönliche Integrität sind im heutigen China einzigartig. Viele seiner prominenten Freunde lassen seit seiner Verhaftung keinen Pups mehr von sich hören. Ai Weiwei hat vielen Menschen geholfen, aber die meisten von ihnen schweigen jetzt, aus Angst, ihr angenehmes Leben in diesem Land zu verlieren. Ich fürchte, mit Ais Fall ist eine Grenze überschritten worden. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden sich immer weniger Menschen trauen, die Wahrheit zu sagen…

Bernhard Bartsch | 09. Mai 2011 um 03:13 Uhr

 

Von Aufklärung keine Spur

Die „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum sollte ein Zeichen deutsch-chinesischer Freundschaft werden. Nun ist sie ein diplomatischer Problemfall.

Wer aufgeklärt werden will, muss Zeit mitbringen. Anderthalb Stunden stehen die Besucher an diesem Morgen Schlange, um in Pekings Nationalmuseum zu gelangen. Beim Warten können sie über den Platz des Himmlischen Friedens schauen. Am Eingang herrschen Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen. Der Eintritt ist kostenlos. Die Ausstellung, deretwegen die Massen anstehen, ist keineswegs die „Kunst der Aufklärung“…

Bernhard Bartsch | 20. April 2011 um 09:01 Uhr

 

„Fünf-Sterne-Lakai des Westens“

Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.

Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den „Verräter des Mutterlandes“ und „Fünf-Sterne-Lakai des Westens“. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals „Fortschrittliche Gesellschaft“ (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: „Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt“, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel…

Bernhard Bartsch | 19. April 2011 um 08:36 Uhr

 

Wie die Zeiten sich ändern

The Times They Are a-Changin‘: Bob Dylan singt erstmals in China – nach einvernehmlicher Rücksprache mit den Zensoren.

Bob Dylans Stellenwert für die Musikgeschichte ist unbestritten, seine Position als gesellschaftsrevolutionäre Ikone dafür umso mehr. Wer schon immer enttäuscht war, dass Dylan in der Öffentlichkeit nicht die politische Rolle spielen wollte, die viele ihm gerne gegeben hätten, ist nun um eine Desillusionierung reicher: Am Mittwoch trat der Barde erstmals in China auf und stimmte seine Liederliste brav mit den chinesischen Zensoren ab…

Bernhard Bartsch | 07. April 2011 um 02:41 Uhr