Klappern als Handwerk
Lebensläufe chinesischer Jobbewerber sind oft voller Erfindungen. Lange galt Schummeln als Volkssport – bis 200 Piloten mit Falschangaben erwischt wurden.
Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Sind Kellner Customer Manager? Und dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben– und warum sollten Jobsuchende auch bescheidener auftreten als ihre Arbeitgeber, die nach außen oft ebenso gerne übertreiben? Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China…
Der Osten isst rot
Seit viele Chinesen im Wohlstand leben, wollen sie vor allem eines: Fleisch. Die Folgen sind unappetitlich. Eine Recherche an den Grenzen des Wachstums.
Was tun, wenn man Geschäfte machen will und vom Geschäftemachen doch eigentlich keine Ahnung hat? Vor diese Frage sah sich Zhao Huaiwei gestellt, als er erkannte, dass es für ihn im Gefängnis keine Zukunft geben würde. Lange genug war er den sicheren Weg gegangen: mit 18 zur Armee, danach als Wächter in Pekings legendärer Haftanstalt Qincheng, Chinas Knast der Reichen, Mächtigen und Kritischen. “Irgendwann merkte ich, dass das Leben dort an mir vorbeigeht – als Soldaten durften wir ja nicht einmal das Internet benutzen”, sagt der 28-Jährige. “Ich wollte mein eigener Chef sein.” Zhao versuchte sich vorzustellen, welche Branche in Zukunft wohl so stark boomen würde, dass man selbst ohne viel Erfahrung und Kapital auf der Welle mitreiten und reich werden könnte. “Immer mehr Chinesen werden wohlhabend, und wer wohlhabend ist, will gut essen”, kalkulierte Zhao und beschloss, Fleischhändler zu werden…
Ein Land geht in die Stadt
Bis 2015 wird Chinas Bevölkerung um weitere 70 Millionen steigen – und erstmals mehrheitlich in der Stadt leben.
China liebt Superlative, doch sein berühmtester Spitzenwert ist mehr Last als Stolz: Die Chinesen sind das größte Volk der Welt – und ihre Zahl nimmt stetig zu. 2015 werden in der Volksrepublik 1,39 Milliarden Menschen leben, 70 Millionen mehr als heute…
Tick Siebzehn
Maid-Cafés galten einst als Japans skurrilste Subkultur. Doch seitdem sie zur Popkultur avanciert sind, droht den Fantasiewelten der Ausverkauf.
Rico feiert Geburtstag. Sie hat den Raum mit Luftschlangen und Konfetti dekoriert, aus Buntpapier die Zahl „17“ ausgeschnitten und mit Fingerfarben „Happy Birthday“ an die Fensterscheiben geschrieben. Für ihre Freunde gibt es rosafarbenen Eistee und Pfannkuchen, die Rico mit Schokoladeneis und Bananenstückchen in Pandabären verwandelt hat. Dazu wird gesungen, getanzt und „Ich packe in mein Köfferchen“ gespielt. Zum Abschied bekommt jeder ein Erinnerungsfoto, auf das Rico mit Glitzerstift Herzchen, Blümchen und Mickeymäuse gemalt hat. Sie macht es ihren Gästen leicht zu glauben, sie seien tatsächlich zu einem Mädchengeburtstag eingeladen…
Gefährliche Missionen
Südkoreas Christen gelten als die hartnäckigsten Missionare der Welt. Doch die Methoden der Seelensammler sind umstritten und politisch problematisch.
Vergangenen September schmuggelte Peter Chung neun nordkoreanische Flüchtlinge aus China nach Vietnam. „Ich hatte im Grenzgebiet eine Stelle ausfindig gemacht, die nicht bewacht wird“, erzählt der Südkoreaner. „Trotzdem war es ein gefährliches Unterfangen und wir hatten alle große Angst.“ Nachdem er seine Schützlinge auf vietnamesischer Seite an einen Vertrauensmann übergeben hatte, wanderte er alleine zurück nach China…
Die Rache der Verlierer
An chinesischen Schulen hat es in zwei Monaten sechs Amokläufe gegeben. Nun rätselt das Land, was hinter der plötzlichen Gewaltbereitschaft steckt.
Der Polizist will gesehen werden. Demonstrativ marschiert der Beamte in der blauen Uniform vor dem Xinyuanli-Kindergarten im Pekinger Stadtteil Chaoyang auf und ab. “Wir haben jetzt von morgens bis abends Polizeischutz”, erklärt eine Erzieherin den Eltern, die an diesem Abend vor dem Tor auf ihre Kinder warten. “Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.” Ein wenig Misstrauen liegt dennoch in der Luft…
Freund Frech
Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.
Der Star mag Steaks. “Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben”, sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. “Ist das nicht süß?”, sagt er…
Die letzte Expo
Wer braucht im Zeitalter der Globalisierung noch eine Weltausstellung? Niemand. In Shanghai findet das 159 Jahre alte Konzept ein glorreiches Ende.
Am 14. April 1900 eröffnete Frankreichs Staatspräsident Émile Loubet die Pariser Weltausstellung. Es war bereits die fünfte „Exposition Universelle“ an der Seine und sie sollte noch spektakulärer werden als die Länderschau von 1889, anlässlich der sich die Stadt den Eiffel-Turm geschenkt hatte…
Rummelplatz der Globalisierung
Am 1. Mai beginnt in Schanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten. Sie ist ein Spiel nationale Klischees, Identitäten und Wunschbilder.
Bei den Rumänen übt ein Blasorchester, die Holländer arrangieren Keramikschafe. Japan simuliert einen Feueralarm, in Marokko werden Türen geschnitzt, pakistanische Teppichhändler packen ihre Waren aus. Die Kasachen probieren traditionelle Trachten an, die Österreicher putzen Fliesen und die Schweizer erklären chinesischen Kellnern, was ein Rösti ist. Zwei Tage vor der Eröffnung geht es auf dem Gelände der Schanghaier Weltausstellung zu wie auf einem Zirkusplatz kurz vor der ersten Vorstellung…
Das Netz lebt
Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.
Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre…
Chinas grüne Welle
Immer mehr Chinesen sorgen sich um die gesundheitlichen Folgen der verheerenden Umweltprobleme – und entwickeln ein Bewusstsein für ökologische Lebensmittel.
Am Wochenende macht Familie Wang Großeinkauf. In ihrem Kleinwagen fährt sie quer durch Peking, passiert die großen Shoppingzentren am Stadtrand und lässt die letzten Wohnblocks hinter sich, bis nur noch Felder und kleine Bauernhäuser zu sehen sind. Eine Viertelstunde geht es über die Landstraße, dann sind die Wangs am Ziel: «Willkommen im grünen Dorf Liuminying», empfängt sie ein großes Banner…
Saison der Schicksalsingenieure
In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.
Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte…
Mord im Namen des Volkes
In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.
“Es war ein guter Stich”, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)…
Westerwelle und Mr. Gay
Chinas Polizei stoppt schwule Schönheitsparade – just am gleichen Tag, als Premier Außenminister Westerwelle mit Partner empfängt.
Es war spät am Freitagabend, Guido Westerwelle und sein Partner Michael Mronz dinierten im Kreis von Diplomaten, Geschäftsleuten und Journalisten im edlen Pekinger China Club, als Außenministeriumssprecher Andreas Peschke seinem Chef eine pikante Handynachricht zu lesen gab: In einer nahegelegenen Bar haben Polizisten gerade Chinas ersten Schönheitswettbewerb für homosexuelle Männer verhindert…
Strafpunkte für Spucker
Die chinesische Stadt Guangzhou will unkultiviertes Verhalten hart bestrafen – bis hin zum Verlust der Wohnung.
Die Chinesen sind ein großes Kulturvolk – nur benehmen sie sich nicht immer so: Spucken ist in der Volksrepublik so weit verbreitet, dass die Unsitte zu den festen Bestandteilen des weltweiten Chinabilds gehört. Weil den Chinesen ihr unappetitlich beflecktes Image peinlich ist und das öffentliche Rachenputzen die Ausbreitung gefährlicher Krankheiten beschleunigt, versucht die Regierung immer wieder, mit Kampagnen die gute Kinderstube zu ersetzen…