Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Geklonte Idylle

Kopien westlicher Wahrzeichen und Städte werden in China immer beliebter. Nun wird das Unesco-Weltkulturerbe Hallstatt nachgebaut.

Im Salzkammergut, da ka’mer gut lustig sein“, besingt ein alter Schlager jene österreichische Ferienregion, in der das malerische Hallstatt liegt. Der Text könnte sich bald aber auch genau so gut als Werbespruch für ein chinesisches Immobilienprojekt eignen. In Südchina entsteht derzeit ein Nachbau des 900-Einwohner-Ortes, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und dessen Kopie bald als Wohnanlage für reiche Chinesen dienen soll…

Bernhard Bartsch | 17. Juni 2011 um 02:49 Uhr

 

Der Heilige Ai

Liu Yanping gehört seit zwei Jahren zum engsten Kreis um den verschwundenen Künstler Ai Weiwei. Als erste Mitarbeiterin traut sie sich, über Ais Arbeit und die Umstände seiner Verhaftung zu schreiben. Eine Übersetzung:

Vor zwei Jahren stieß ich in einem Internetforum zufällig auf ein Interview mit Ai Weiwei. Er sprach über die Kinder, die im Mai 2008 beim Sichuan-Erdbeben ums Leben kommen waren. “Erst wenn wir diese Kinder vergessen, sind sie wirklich gestorben”, sagte er. Dann wurde die Video-Übertragung plötzlich unterbrochen. Ich wollte etwas für die Kinder tun und schrieb Ai eine E-Mail. Seitdem war ich fast jede Woche in seinem Studio im Pekinger Galerienviertel Caochangdi. Mehr als zehn Freiwillige waren damals für Ai im Katastrophengebiet unterwegs, um eine Namensliste der getöteten Kinder zusammenzustellen. Ich übertrug die Informationen in eine Datenbank und rief die Eltern an. Nach einigen Monaten hatten wir 5197 Kinder identifiziert…

Bernhard Bartsch | 27. April 2011 um 08:10 Uhr

 

“Am Sturz der Diktatur führt kein Weg vorbei”

Der Autor Ran Yunfei schrieb in einem Blog über den Volksaufstand in Ägypten und die Parallelen zu China. Vier Tage nach Erscheinen wurde er verhaftet.

Die Festnahme des chinesischen Künstlers Ai Weiwei ist der Höhepunkt einer seit Monaten anhaltenden Kampagne der Kommunistischen Partei gegen ihre Kritiker. Auch am Tag nach seiner Verhaftung am Pekinger Flughafen, ist Ais Familie noch im Unklaren darüber, welche Vorwürfe gegen den prominenten Regimekritiker erhoben werden. Eine Razzia in seinem Studio, bei der über zwanzig Computer beschlagnahmt wurden, lässt allerdings vermuten, dass die Behörden eine Anklage vorbereiten, möglicherweise wegen Anstiftung zum Umsturz der Staatsgewalt, dem gleichen Vorwurf, wegen dem Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo derzeit eine elfjährige Haftstrafe verbüßt…

Bernhard Bartsch | 04. April 2011 um 16:05 Uhr

 

Das Salz der Apokalypse

Der Nuklearunfall in Japan hat in China zu panikhaften Salzkäufen geführt. Die Menschen glauben, sich so vor Strahlenschäden schützen zu können.

Treffen sich ein Japaner, ein Koreaner und ein Chinese im Himmel. „Ich bin beim Erdbeben gestorben“, erzählt der Japaner. „Ich bin verstrahlt worden“, sagt der Koreaner. „Und bei welcher Katastrophe bist du umgekommen?“ fragen sie den Chinesen. Der schaut betreten zu Boden und antwortet: „Ich habe zu viel Salz gegessen.“ Um über den Witz, der im chinesischen Internet kursiert, lachen zu können, muss man wohl versucht haben, dieser Tage in einem chinesischen Supermarkt ein Päckchen Speisesalz zu kaufen…

Bernhard Bartsch | 18. März 2011 um 14:29 Uhr

 

Die virtuelle Revolte

Chinas Kommunistische Partei hat im Volk viel Vertrauen verloren. Das spielt den Organisatoren der Jasmin-Proteste in die Hände.

Verbessert sich die Menschenrechtslage in China?», fragte Ran Yunfei vor einigen Monaten seine Tischgenossen. «Die sinkende Zahl der Teilnehmer in dieser Runde ist wohl die beste Antwort.» Viele Jahre lang betrieb der prominente Blogger und Regierungskritiker in seiner südwestchinesischen Heimatstadt Chengdu einen Stammtisch, an dem er einmal im Monat mit Gleichgesinnten über die Probleme des Landes und die Möglichkeiten des zivilen Ungehorsams diskutierte. Doch nach und nach lichteten sich die Reihen…

Bernhard Bartsch | 13. März 2011 um 08:25 Uhr

 

Die blauen Ratten von Xintang

Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren – mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.

Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. “Wie ein blauer Alien”, sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro…

Bernhard Bartsch | 17. Februar 2011 um 03:16 Uhr

 

Der Herr der roten Umschläge

Chen Guangbiao will Chinas größter Wohltäter sein – nur seine Familie bekommt nichts ab.

Rote Umschläge gehören zum chinesischen Neujahrsfest wie Feuerwerk und Jahrestiere. Die Kuverts in der Glücksfarbe, in denen Geldgeschenke überreicht werden, nützen nach traditioneller Vorstellung nicht nur dem Empfänger; der Schenker darf erwarten, dass ihm seine Großzügigkeit durch gute Geschäfte vielfach vergolten wird. Ist an diesem Volksglauben tatsächlich etwas dran, dann wird der chinesische Multimillionär Chen Guangbiao im Jahr des Hasen seinen Reichtum weiter vermehren…

Bernhard Bartsch | 03. Februar 2011 um 13:39 Uhr

 

Lebenslügen auf Bestellung

Viele Chinesen besorgen sich vor dem Neujahrsfest gefälschte Zeugnisse und Abschlüsse – um beim Familienbesuch Erfolg vorzutäuschen.

Das kleine Steinmäuerchen am Osttor der Pekinger Volksuniversität ist ein seltsamer Ort für einen Müttertreff. Während Passanten gegen den schneidenden Wind ankämpfen und wartende Studenten sich durch Hüpfen aufzuwärmen versuchen, kauern fünf junge Frauen stoisch in der Kälte und wiegen dick verpackte Babys. Eine hat ihren Säugling unter ihrem wattierten Mantel zum Stillen angelegt, eine andere summt ein Schlaflied. Selbst die beiden Polizisten, die wenige Meter entfernt in ihrem Auto sitzen, scheinen Mitleid zu haben…

Bernhard Bartsch | 30. Januar 2011 um 13:39 Uhr

 

Schenken auf Chinesisch

Was tun mit ungewollten Geschenken? In China gibt es dafür eine eigene Industrie – und das Geschäft mit Gebrauchtpräsenten floriert.

Von China lernen heißt Pragmatismus lernen: Während hierzulande zur Weihnachtszeit viele Menschen mit der Frage ringen, was sie mit all den ungewollten Geschenken anfangen sollen, lösen die Chinesen das Problem mit einer eigenen Industrie. Hässliche, nutzlose oder doppelte Präsente gibt es in China nicht, nur billige und teure…

Bernhard Bartsch | 27. Dezember 2010 um 02:20 Uhr

 

Gott auf der Müllkippe

Unter Chinas Wanderarbeitern findet das Christentum viele Anhänger. Sie wissen, was es bedeutet, ein Kreuz zu tragen.

Das Kreuz ist auf eine Kiste gemalt, die auf einem abgewetzten Tischchen steht. Davor sitzen eng gedrängt zwei Dutzend Menschen in wattierten Wintermänteln. “Glauben findet nicht in prächtigen Gebäuden statt, sondern in unseren Herzen”, erklärt Missionar Jia. “Wir Christen wissen, dass Gott zu uns Menschen kommt – keine andere Religion hat einen solchen Gott.” Die Stimmung ist aufgewühlt, es wird viel geweint, und jedes Amen bricht aus den Gläubigen heraus wie ein Befreiungsschrei…

Bernhard Bartsch | 25. Dezember 2010 um 17:41 Uhr

 

Asiens Elitemaschine

Schüler aus Shanghai und Südkorea belegen in der Pisa-Studie die Spitzenplätze. Das Erfolgsrezept: Lerndisziplin, ehrgeizige Eltern und viel Geld.

Das ostasiatische Bildungssystem ist der Gewinner der jüngsten Pisa-Studie. Die Schüler aus Shanghai, Hongkong und Südkorea belegten die Spitzenplätze, auch Japan und das chinesisch geprägte Singapur liegen weit über dem OECD-Durchschnitt. Damit brilliert im internationalen Leistungsvergleich wieder einmal ein System, das im Ausland vor allem mit Druck und Drill in Verbindung gebracht wird…

Bernhard Bartsch | 08. Dezember 2010 um 03:21 Uhr

 

Büffeln für Mamas Rente

Chinas Eltern investieren viel in die Ausbildung ihrer Kinder und sorgen damit für sich selber vor. Denn die Familie ist noch immer das wichtigste Sozialsystem.

Song Le schläft seit Monaten maximal fünf Stunden pro Nacht. Mehr ist nicht drin für einen chinesischen Schüler im letzten Jahr vor der Hochschulaufnahmeprüfung. «Ich bin von acht bis fünf in der Schule, und wenn ich nach Hause komme, habe ich Nachhilfestunden und Hausaufgaben bis nach Mitternacht», erzählt der 17-Jährige. «Natürlich ist das anstrengend, aber meinen Klassenkameraden geht es ja allen genauso, also kann ich mich nicht beschweren.» Für jede Förderstunde bezahlt seine Mutter 220 Yuan (33 Franken), eigentlich unerschwinglich für die alleinerziehende Pekingerin, die als Kindermädchen gerade 2500 Yuan (373 Franken) im Monat verdient. Aber die Mittvierzigerin hat lange gespart, und die Verwandten geben dazu, was sie erübrigen können. Denn Song Le soll es an nichts fehlen, nicht jetzt, wo sich die Weichen für sein weiteres Leben stellen – und den Wohlstand der ganzen Familie…

Bernhard Bartsch | 23. November 2010 um 03:47 Uhr

 

Bessere Menschen

China könnte so schön sein – wenn sein Volk nur von höherer Qualität wäre. Klingt rassistisch? Ist aber offizielle chinesische Politik.

Neulich erst wieder, beim Tee mit Cui Weiping. Cui ist eine feinfühlige Pekinger Kulturwissenschaftlerin, die in ihrer Freizeit einen furchtlosen Blog über Chinas soziale Missstände schreibt. Wir hatten über die Macht des Internets gesprochen, durch das heute jeder Chinese alles Wissen der Welt mit den Fingerspitzen erreichen kann. “Es ist relativ einfach, die staatliche Zensur auszutricksen”, sagte Cui. “Man braucht nicht einmal besondere Computerkenntnisse – man muss es nur wollen.” Aber wollen die Chinesen es denn?…

Bernhard Bartsch | 27. September 2010 um 16:33 Uhr

 

Gesund schlemmen

Die OECD legt eine neue Studie vor und konstatiert: Fettleibigkeit ist zur Volkskrankheit geworden. Fast jeder Zweite ist zu dick, jeder Sechste adipös.

Japaner müsste man sein, oder Südkoreaner: Dann würde man sich gesund ernähren, ohne auf etwas zu verzichten zu müssen. Diesen Schluss legt die Übergewichtsstudie “Fit not fat” der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahe. In keinem der 33 OECD-Staaten findet man weniger übergewichtige Menschen als in Ostasien…

Bernhard Bartsch | 23. September 2010 um 16:22 Uhr

 

Der Vorträumer

China feiert einen behindrten jungen Mann, der mit den Füßen Klavier spielt – weil er sich von der Realität nicht seine Träume verderben ließ.

In China geht es derzeit zu wie während der Fußball-WM. „Wo schaust du die nächste Runde“, fragen sich sie Leute, „zu Hause oder in einer Bar?“ Gemeint ist der kommende Sonntagabend, die neue Folge von „China’s Got Talent“ und der zweite Auftritt von Chinas neuestem Volkshelden: Liu Wei. Der Held ist 23, schmal und trägt eine breitrandige Brille. Er hat die Strubbelfrisur chinesischer Popstars und auch das dazugehörige Lachen…

Bernhard Bartsch | 10. September 2010 um 03:23 Uhr