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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Gesellschaft</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Ein Land geht in die Stadt</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Jul 2010 13:55:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bevölkerung]]></category>
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		<category><![CDATA[Demographie]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Bis 2015 wird Chinas Bevölkerung um weitere 70 Millionen steigen – und erstmals mehrheitlich in der Stadt leben.</h3>
China liebt Superlative, doch sein berühmtester Spitzenwert ist mehr Last als Stolz: Die Chinesen sind das größte Volk der Welt – und ihre Zahl nimmt stetig zu. 2015 werden in der Volksrepublik 1,39 Milliarden Menschen leben, 70 Millionen mehr als heute...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Bis 2015 wird Chinas Bevölkerung um weitere 70 Millionen steigen – und erstmals mehrheitlich in der Stadt leben.</h3>
<p>China liebt Superlative, doch sein berühmtester Spitzenwert ist mehr Last als Stolz: Die Chinesen sind das größte Volk der Welt – und ihre Zahl nimmt stetig zu. 2015 werden in der Volksrepublik 1,39 Milliarden Menschen leben, 70 Millionen mehr als heute, so die neuesten Statistiken der Nationalen Kommission für Bevölkerung und Familienplanung. Jeder fünfte Mensch der Erde ist Chinese. Zum Vergleich: In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, in der Europäischen Union insgesamt 501 Millionen.</p>
<p>Die Zahl der Chinesen steigt, obwohl die Regierung das Bevölkerungswachstum seit dreißig Jahren mit der sogenannten „Ein-Kind-Politik“ beschränkt. Ohne die umstrittene Geburtenplanung müsste das Land heute aber noch 400 Millionen Menschen mehr ernähren, rechnet Peking vor. Chinas gewaltige demographische Herausforderungen wären dann noch schwieriger zu lösen.</p>
<p>Vor allem die Alterung der Gesellschaft und die fortschreitende Urbanisierung stellen das Land vor gewaltige Probleme, warnen Chinas Bevölkerungsforscher. Ab 2015 werde der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter (15-59 Jahre) zu sinken beginnen. Gleichzeitig werde die Zahl der Chinesen jenseits der Sechzig die Marke von 200 Millionen erreichen und dann jährlich um weitere acht Millionen steigen- mehr als doppelt so schnell wie in den vergangenen Jahren. Noch ist das chinesische Durchschnittsalter im internationalen Vergleich zwar eher niedrig ist (35 Jahre gegenüber etwa 44 Jahre in Deutschland). Doch da die Geburtenbeschränkung die Alterung der Bevölkerung stark beschleunigt, ist in China eine Debatte über ihre Abschaffung entbrannt &#8211; zumal Ein-Kind-Politik ursprünglich nur für 30 Jahre geplant war und 2010 hätte auslaufen sollen. Die Regierung will daran aber noch bis mindestens 2020 festhalten.</p>
<p>Nicht weniger gravierend ist Chinas Urbanisierungstrend. 2015 wird die Stadtbevölkerung 700 Millionen erreichen und damit erstmals in der chinesischen Geschichte größer sein als die Landbevölkerung. Die Regierung sieht die Verstädterung unter anderem als Grundvoraussetzung für die dringend benötigte Modernisierung der Landwirtschaft. China fällt es zunehmend schwer, sich selbst zu ernähren. Von einem Hektar Agrarland müssen in China zehn Menschen leben – mehr als doppelt so viel wie der globale Durchschnitt von 4,4.</p>
<p>In Zukunft werden Chinas Ressourcen noch stärker in Anspruch genommen werden. Erst 2033 wird die Bevölkerung mit 1,5 Milliarden ihr Maximum erreichen, erwartet die Regierung. Etwa zur gleichen Zeit dürfte China allerdings den Titel des bevölkerungsreichsten Landes verlieren: an Indien.</p>
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		<title>Tick Siebzehn</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 02:41:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Maid-Cafe]]></category>
		<category><![CDATA[Manga]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Maid-Cafés galten einst als Japans skurrilste Subkultur. Doch seitdem sie zur Popkultur avanciert sind, droht den Fantasiewelten der Ausverkauf.</h3>
Rico feiert Geburtstag. Sie hat den Raum mit Luftschlangen und Konfetti dekoriert, aus Buntpapier die Zahl „17“ ausgeschnitten und mit Fingerfarben „Happy Birthday“ an die Fensterscheiben geschrieben. Für ihre Freunde gibt es rosafarbenen Eistee und Pfannkuchen, die Rico mit Schokoladeneis und Bananenstückchen in Pandabären verwandelt hat. Dazu wird gesungen, getanzt und „Ich packe in mein Köfferchen“ gespielt. Zum Abschied bekommt jeder ein Erinnerungsfoto, auf das Rico mit Glitzerstift Herzchen, Blümchen und Mickeymäuse gemalt hat. Sie macht es ihren Gästen leicht zu glauben, sie seien tatsächlich zu einem Mädchengeburtstag eingeladen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Maid-Cafés galten einst als Japans skurrilste Subkultur. Doch seitdem sie zur Popkultur avanciert sind, droht den Fantasiewelten der Ausverkauf.</h3>
<p>Rico feiert Geburtstag. Sie hat den Raum mit Luftschlangen und Konfetti dekoriert, aus Buntpapier die Zahl „17“ ausgeschnitten und mit Fingerfarben „Happy Birthday“ an die Fensterscheiben geschrieben. Für ihre Freunde gibt es rosafarbenen Eistee und Pfannkuchen, die Rico mit Schokoladeneis und Bananenstückchen in Pandabären verwandelt hat. Dazu wird gesungen, getanzt und „Ich packe in mein Köfferchen“ gespielt. Zum Abschied bekommt jeder ein Erinnerungsfoto, auf das Rico mit Glitzerstift Herzchen, Blümchen und Mickeymäuse gemalt hat. Sie macht es ihren Gästen leicht zu glauben, sie seien tatsächlich zu einem Mädchengeburtstag eingeladen.</p>
<p>Dabei ist die Feier nur ein Spiel. Rico heißt nicht Rico – keiner ihrer Freunde kennt ihren echten Namen. Sie hat auch nicht Geburtstag, schon gar nicht ihren 17., der schon mehrere Jahre hinter ihr liegt. „Die Frage nach der Wirklichkeit hat hier nichts zu suchen“, sagt die Mittzwanzigerin mit strengem Blick und ist dann sofort wieder in ihrer Rolle: Singend rührt dem Gast Zucker in den Kaffee und formt mit den Händen ein Herz, um das Getränk mit guter Laune aufzuladen. Ihre Kleidung ist eine Kreuzung zwischen einer viktorianischen Dienstmädchengarderobe und einem Mickeymauskostüm: weiße Spitzenschürze, rosa Tüllröckchen und auf den braungefärbten Haaren weiße Plüschöhrchen. Es ist die typische Arbeitskleidung in den „Maid-Cafés“ von Tokios Szenestadtteil Akihabara, einer der skurrilsten Subkulturen des japanischen Großstadtlebens. Tokioter gönnen sich hier eine Auszeit vom tristen Alltag und tauchen in Fantasiewelten ab, in denen das Leben so leicht und sorglos ist wie das eines Kindes.</p>
<p>„Unser Job ist, Fröhlichkeit zu verbreiten“, erzählt Rico aus dem Café „MaiDreaming“. Ihre Gäste sind vor allem Angestellte mit Schlips und Anzug, doch sobald sie das kleine Café im zweiten Stock über einem Computergeschäft betreten, lachen und albern sie wie aufgekratzte Teenager. Dabei sind der Feierabendpubertät enge Grenzen gesetzt: Sexuelle Avancen gegenüber den Maids sind streng verboten, auch die private Kontaktaufnahme ist untersagt. Mit dem Dienst- und Schulmädchen-Fetisch, einem festen Genre der florierenden japanischen Pornoindustrie, wollen die Maid-Cafés nichts zu tun haben. „Maid-Cafés sind helle und sichere Orte“, meint Hitomi, die wie alle ihre Kolleginnen für immer 17 Jahre alt ist und auf die Frage nach ihrer Herkunft erzählt, sie sei in einem Blumengarten geboren und in einer Tulpenblüte aufgewachsen. Von ihrem ersten Job einem der ältesten Tokioter Maid-Cafés, „@home“, hat sie es zu nationaler Berühmtheit gebracht – als Sängerin in einer „Maidol-Band“ (Der Name ist eine Mischung aus „Maid“ und „Idol“). „Ich habe immer gute Laune und freue mich, wenn ich andere damit anstecken kann“, beschreibt sie sich selbst. Eine Stunde hat sie dafür Zeit – denn nach genau 60 Minuten muss man im @home-Café zahlen und Platz für die nächsten Gäste machen, die oft schon im Treppenhaus Schlange stehen. Mindestens 2000 Yen (16 Euro) kostet das Vergnügen, doch wer mit den Maids noch Brett- oder Fingerspiele machen oder Karaoke singen will kommt leicht auf 10.000 Yen (80 Euro).</p>
<p>Entstanden ist die Maid-Kultur in einer anderen Tokioter Untergrundszene: den „Otaku“, den leidenschaftlichen Fans japanischer Manga-Comics, die sich mit Kostümspielen in ihre Lieblingsfiguren verwandeln. Seit Jahrzehnten ist der für seine Computer- und Elektronikindustrie bekannte Stadtteil Akihabara ihre Bastion. „Otaku werden vom Rest der Gesellschaft oft als Spinner angesehen, aber in Akihabara haben sie ihre eigene Infrastruktur geschaffen“, erklärt der amerikanische Soziologe Patrick Galbraith, Verfasser einer „Otaku Encyclopedia“ und einer der wenigen Ausländer, die Zugang zu der eng abgeschlossenen Szene gefunden haben – nicht zuletzt, weil er selbst gerne in die Verkleidung des Superhelden Goku schlüpft. „Die meisten Otaku haben im wirklichen Leben ganz normale Jobs, aber daneben tauchen sie immer wieder in ihre Fantasiewelten ab, wo alles möglich ist.“</p>
<p>Da auch Dienstmädchen häufig in Mangas und Anime-Filmen auftauchen, machte eine Gruppe von Fans Ende der Neunziger das erste Café, das sich speziell an Maid-Begeisterte wendete. Ziel war es, die Gäste in jenen Glückszustand zu versetzen, den die Otaku „moe“ nennen. Das Wort klingt genüsslich in die Länge gezogen nicht zufällig nach Katzenschnurren.  Sich „moe“ zu fühlen bedeutet, in Wohlsein zu versinken. „Moe ist, wenn dein Herz von innen rosa ist“, sagt Hitomi. „Aber kein komisches rosa, sondern ein warmes, helles.“</p>
<p>Bald gab es verschiedene Varianten von Maid-Cafés, etwa solche, in denen man beim Teetrinken Katzen streicheln oder sich die Ohren putzen lassen konnte. Auch ein Maid-Friseursalon machte auf. „Viele Besucher lassen sich gar nicht ihre echten Haare schneiden, sondern kommen mit Perücken“, erzählt die Frisiermaid Sayaka. „Häufig wollen sie, dass wir ihnen die Frisur einer bestimmten Comicfigur schneiden.“ Das billigste Angebot ist Shampoonieren und Föhnen für 2100 Yen (19 Euro), wobei die Kunden über einen Deckenspiegel verfolgen können, wie ihnen der Kopf gewaschen wird. Obwohl die Maids alle ausgebildete Friseurinnen sind, geben sie auf Wunsch gerne vor, zum ersten Mal eine Schere in der Hand zu haben und sich ständig zu verschneiden, worauf der Kunde sie dann wahlweise schelten oder trösten kann.</p>
<p>Mehrere Jahre konnte die Otaku ungestört nach „moe“ suchen, doch dann entdeckten um 2005 japanische Medien die Maid-Cafés. Seitdem ist es mit der Ruhe vorbei. Neugierde und die japanische Lust an schräger Unterhaltung machte die Subkultur innerhalb kürzester Zeit zur Popkultur. „Die Zahl der Cafés hat sich in den letzten Jahren vervielfacht“, sagt Galbraith. Über 50 Maid-Etablissements gibt es inzwischen in Akihabara. Sie tragen Namen wie „Pinky Café“, „Pure Heart“ oder „St. Grace Court“, und man muss sie nicht mehr in verborgenen Winkeln suchen, sondern wird auf der Straße von Maids angesprochen. Tokios Tourismusbehörde hat sogar einen Maid-Stadtplan herausgegeben, denn die Regierung hat beschlossen, Akihabara zum Aushängeschild der japanischen Kreativindustrie zu machen.</p>
<p>Doch das kleine Glück in der Nische taugt nicht zur Massenvermarktung. „Viele Otaku sind über die Entwicklung nicht glücklich“, sagt Galbraith. Schließlich lebt die Stimmung in Maid-Cafés davon, dass alle das gleiche Spiel spielen – Schaulustige stören die Illusion. Um ihre Kultur zu schützen, gründeten die Maids 2007 einen Berufsverband, der unter anderem eine Prüfung konzipierte, die kontrollieren soll, ob die hunderten neuen Maids tatsächlich ihre Aufgaben kennen. „Was macht man, wenn ein Kunde sagt: Mein Kaffee ist zu heiß, ich habe mir die Zunge verbrannt?“ lautet eine der Fragen. Die richtige Antwort: „Überprüfe, ob es dem Kunden gut geht, entschuldige dich und tröste ihn so lange, bis der Kaffee abgekühlt ist.“</p>
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		<title>Gefährliche Missionen</title>
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		<pubDate>Tue, 18 May 2010 12:51:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Südkorea]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Südkoreas Christen gelten als die hartnäckigsten Missionare der Welt. Doch die Methoden der Seelensammler sind umstritten und politisch problematisch.</h3>
Vergangenen September schmuggelte Peter Chung neun nordkoreanische Flüchtlinge aus China nach Vietnam. „Ich hatte im Grenzgebiet eine Stelle ausfindig gemacht, die nicht bewacht wird“, erzählt der Südkoreaner. „Trotzdem war es ein gefährliches Unterfangen und wir hatten alle große Angst.“ Nachdem er seine Schützlinge auf vietnamesischer Seite an einen Vertrauensmann übergeben hatte, wanderte er alleine zurück nach China...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Südkoreas Christen gelten als die hartnäckigsten Missionare der Welt. Doch die Methoden der Seelensammler sind umstritten und politisch problematisch.</h3>
<p>Vergangenen September schmuggelte Peter Chung neun nordkoreanische Flüchtlinge aus China nach Vietnam. „Ich hatte im Grenzgebiet eine Stelle ausfindig gemacht, die nicht bewacht wird“, erzählt der Südkoreaner. „Trotzdem war es ein gefährliches Unterfangen und wir hatten alle große Angst.“ Nachdem er seine Schützlinge auf vietnamesischer Seite an einen Vertrauensmann übergeben hatte, wanderte er alleine zurück nach China, um dann auf dem legalen Weg in Vietnam einzureisen und den Nordkoreanern zu helfen, in der dänischen Botschaft politisches Asyl zu beantragen.</p>
<p>Heute leben die neun Überläufer sicher in Südkorea – doch Chung bemüht sich weiterhin um ihre Rettung: jetzt nicht mehr vor der Polizei, sondern vor dem Fegefeuer. Der Mittvierziger ist Missionar und die Desertionshilfe für ihn Mittel zum Zweck. „Wie könnte man Gottes Liebe besser erfahren, als wenn er einem in höchter Not einen Retter schickt?“ meint Chung, der die Nordkoreaner nun in südkoreanische Gemeinden zu integrieren versucht. Die Mehrheit bekennt sich inzwischen zum Christentum. Mission erfüllt.</p>
<p>Riskante Bekehrungsversuche sind in Chungs Kreisen nicht ungewöhnlich. Südkoreas Christen gelten als die hartnäckigsten Missionare der Welt. Mehr als 20.000 Südkoreaner sind in rund 150 Staaten unterwegs, um das Wort Gottes zu verbreiten, schätzt das Außenministerium in Seoul. Nur die USA schicken noch mehr Missionare ins Ausland. Sie sind in Europa, Afrika und Südostasien, doch vor allem sind die Südkoreaner dafür bekannt, in Regionen zu gehen, die anderen Missionaren zu gefährlich sind: nach China oder in islamische Staaten, in denen die Religionswerbung gleichermaßen verboten ist. „Südkoreas Christen nehmen ihren Glauben so ernst, wie man es in Europa zuletzt im 19. Jahrhundert erlebt habe“, sagt der Politologe Andrei Lankov von der Kookmin Universität in Seoul. „Eine größere Ansammlung strenggläubiger Christen findet man heute höchstens noch im Bible Belt in den amerikansichen Südstaaten.“</p>
<p>In der Überzeugung, dass irdische Leiden himmlische Verdienste sind, sehen viele südkoreanische Verkündiger Bedrohungen als Anreiz statt als Abschreckung. „Ich habe anderthalb Jahren in einem chinesischen Gefängnis verbracht und bin dort schwer misshandelt worden“, erzählt Pastor Chung. „Aber nach meiner Freilassung habe ich mir einen Pass mit einer anderen Schreibweise meines Namens machen lassen und bin wieder nach China gereist.“ Noch größer sind die Gefahren in arabischen Ländern: 2007 wurden in Afghanistan 23 südkoreanische Glaubensbekehrer von den Taliban entführt. Zwei Geiseln wurden ermordet und die restlichen freigelassen, nachdem Seoul den Abzug seiner Truppen aus dem bürgerkriegszerrütteten Land zugesichert und vermutlich ein hohes Lösegeld gezahlt hatte. Bereits 2004 waren im Irak südkoreanische Missionare entführt worden. Vergangenes Jahr wurden fünf Südkoreaner im Jemen ermordet, weil islamische Fundamentalisten sie für Prediger hielten, was allerdings nur bei einem Opfer tatsächlich zutraf.</p>
<p>Und es sind nicht nur die Entführungen, die das fromme Engagement zunehmend zur politischen Belastung machen.  Im Nahen Osten werde fast täglich ein südkoreanischer Missionar ausgewiesen, erklärte das Außenministerium im vergangenen Herbst. Für zusätzlichen Ärger sorgt, dass viele Seelensammler als Studenten, Lehrer oder Hilfsarbeiter reisen. Auch südkoreanische Unternehmen haben mitunter eine Zweitfunktion als Missionsstation, in der Mitarbeiter zum Christentum bekehrt werden sollen. „Viele Missionare haben kein Bewusstsein dafür, dass ihre Arbeit in arabischen Ländern als schweres Vergehen gesehen wird“, sagte ein Außenamtssprecher. „Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Korea Ziel eines Terroranschlags wird.“ Um weitere diplomatische Verwicklungen zu verhindern, plant Seoul ein Gesetz, das Koreanern verbietet, noch einmal in ein Land zu reisen, aus dem sie schon einmal ausgewiesen worden sind. Auch die Medien stehen den Missionaren zunehmend kritisch gegenüber. Eine große Tageszeitung karrikierte die südkoreanischen Wanderprediger als Selbstmordkommando. Im Internet werden die Christen sogar als Hunde beschimpft – ein Wortspiel der ähnlich klingenden Worte „kiddokyo“ (Christentum) und „kaedokkyo“ (Hund).</p>
<p>Experten erklären den Bekehrungseifer der Südkoreaner mit der besonderen Geschichte des Christentums in ihrem Land. Als westliche Missionare Ende des 18. Jahrhunderts begannen, bei Koreas Eliten und Intellektuellen Fuß zu fassen, verschmolzen Modernisierung und Christentum zu einer gemeinsamen Strömung. „Christ zu sein, bedeutete in Korea immer auch, fortschrittlich zu sein“, sagt Lankov. „Koreas große Reformer waren fast alle Christen.“ Pjöngjang, die Hauptstadt des heutigen Nordkorea, galt Anfang des 20. Jahrhunderts sogar als „Jerusalem des Ostens“. Zwar fand die Mission dort nach der kommunistischen Revolution ein promptes Ende, doch im Süden des geteilten Landes ist das Christentum weiter auf dem Vormarsch. 23 der 50 größten Kirchen der Welt stehen heute in Südkorea. Rote Leuchtkreuze sind dort ein dominierender Bestandteil jeder nächtlichen Stadtansicht. 30 Prozent der Südkoreaner sind heute Christen, in den Eliten ist der Anteil noch weitaus höher. Damit ist Südkorea das einzige Land in Ostasien, in dem ein großer Anteil der Bevölkerung christlich ist. Außerdem sind 30 Prozent der Bevölkerung Buddhisten, der Rest ist konfessionslos.</p>
<p>Obwohl der Ferne Osten die letzte Weltgegend war, in der das Christentum Verbreitung fand, finden die Koreaner nichts  das Christentum erst realtiv spät in den Fernen Osten kam, finden die Koreaner nichts Ungewöhnliches dabei, dass sie es nun in Regionen zu verbreiten versuchen, in denen die Geschichte der Kirche weitaus älter ist. Unter dem Motto „Back to Jerusalem“ glauben sie, dass es ihre Aufgabe ist, Gottes Wort wieder dorthin zurückzutragen, wo es einst in die Welt gegeben und dann wieder vergessen wurde. „Die Back-to-Jerusalem-Bewegung hat Südkoreas Kirchen ergriffen wie ein Fieber“, sagt der US-Missionar Tim Peters, der seit über zehn Jahren in Seoul lebt. „Weil Koreaner sehr wettbewerbsorientiert sind, wollen sie nun nicht nur die besten Handys und Fernseher herstellen, sondern auch die meisten Seelen retten.“</p>
<p>Zwar sind die südkoreanischen Bekehrungsmethoden größtenteils eine Kopie amerikanischer und anderer westlicher Missionskorps, doch trotzdem scheinen sie häufiger als diese sie Konflikte auszulösen. Schuld daran sei unter anderem, dass kein zentrales südkoreanisches Missionswerk für einheitliche Standards sorge, sondern über 160 Organisationen mit einander in einem unkontrollierten Wettstreit um Mitglieder und Spenden stehen, glaubt Pavin Chachavalpongpun vom Institut für Südostasiatische Studien in Singapur. „Viele koreanische Missionare benutzen Geld, um den Menschen ihren Glauben abzukaufen“, sagt Chachavalpongpun. „Das ist eine korrupte Praxis, die lokale Kulturen und Bräuche durcheinander bringt.“ So kaufen südkoreanische Missionare in den Philippinen seit Jahren systematisch Land, das in den Lokalreligionen heilig ist, um dort Kirchen zu bauen. Fragwürdig ist auch das Gebaren von vier Missionarinnen, die im April in den Malediven festgenommen wurden: Sie sollen muslimischen Männern vorgegaukelt haben, in sie verliebt zu sein, um ihnen dann bei Rendevouz von Gott zu erzählen.</p>
<p>Doch die Auswirkungen der Mission sind keineswegs nur negativ. In vielen Ländern initiieren südkoreanische Christen humanitäre Hilfsprojekte. Tausende nordkoreanische Flüchtlinge haben es mit Hilfe von Missionaren in den freien Süden des Landes geschafft. Und auch in Südkorea selbst wird ein großer Teil des zivilen Engagements von den Kirchen organisiert. „Südkorea ist traditionell ein sehr autoritäres Land mit beschrenktem Horizont“, sagt der prominente Menschenrechtsaktivist Kim Sang-hun. „Durch die Bemühungen der Kirchen sehen die Menschen mehr von der Welt und Korea fängt an, mehr internationale Verantwortung zu übernehmen.“</p>
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		<title>Die Rache der Verlierer</title>
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		<pubDate>Mon, 17 May 2010 12:44:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialsystem]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>An chinesischen Schulen hat es in zwei Monaten sechs Amokläufe gegeben. Nun rätselt das Land, was hinter der plötzlichen Gewaltbereitschaft steckt.</h3>
Der Polizist will gesehen werden. Demonstrativ marschiert der Beamte in der blauen Uniform vor dem Xinyuanli-Kindergarten im Pekinger Stadtteil Chaoyang auf und ab. "Wir haben jetzt von morgens bis abends Polizeischutz", erklärt eine Erzieherin den Eltern, die an diesem Abend vor dem Tor auf ihre Kinder warten. "Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen." Ein wenig Misstrauen liegt dennoch in der Luft...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>An chinesischen Schulen hat es in zwei Monaten sechs Amokläufe gegeben. Nun rätselt das Land, was hinter der plötzlichen Gewaltbereitschaft steckt.</h3>
<p>Der Polizist will gesehen werden. Demonstrativ marschiert der Beamte in der blauen Uniform vor dem Xinyuanli-Kindergarten im Pekinger Stadtteil Chaoyang auf und ab. &#8220;Wir haben jetzt von morgens bis abends Polizeischutz&#8221;, erklärt eine Erzieherin den Eltern, die an diesem Abend vor dem Tor auf ihre Kinder warten. &#8220;Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.&#8221; Ein wenig Misstrauen liegt dennoch in der Luft. &#8220;Jeder schaut, wen man kennt und wen nicht&#8221;, gesteht eine Mutter. &#8220;Man kann sich gar nicht vorstellen, dass so etwas Schreckliches auch bei uns passieren könnte, aber Angst hat man natürlich trotzdem.&#8221;</p>
<p>Ähnliche Szenen spielen sich dieser Tage quer durch alle Provinzen ab. Denn das &#8220;Schreckliche&#8221; hat sich in letzter Zeit allzu häufig ereignet: In weniger als zwei Monaten hat es an chinesischen Kindergärten und Schulen sechs Amokläufe gegeben. Mindestens 21 Kinder starben, mehr als hundert wurden verletzt. In allen Fällen verwendeten die Täter Messer, Küchenbeile oder Hämmer &#8211; Schusswaffen sind in China schwer erhältlich. Und in keinem Fall waren die Täter vorher auffällig geworden.</p>
<p>Die Vorfälle lösen bei vielen chinesischen Eltern Panik aus. Denn dass die Häufung der Amokläufe kein Zufall sein kann, ist zumindest in der öffentlichen Meinung unumstritten, auch wenn bisher noch niemand die Reihung so recht erklären kann. Begonnen hatte die verhängnisvolle Serie Ende März in der Provinz Fujian, als der 41-jährige Zheng Minsheng acht Kinder erstach und fünf weitere verletzte. Der ehemalige Arzt gab als Grund für seinen Amoklauf familiäre und berufliche Probleme an. Die jüngste Tragödie ereignete sich vergangenen Mittwoch in dem Dorf Linchang in der Provinz Shaanxi. Dort fiel der 48-jährige Wu Huanmin mit einem Küchenbeil in einem Kindergarten ein und tötete sieben Kinder und zwei Erwachsene. Elf weitere Kinder wurden verletzt. Anlass soll ein Streit mit der Kindergartenleiterin gewesen sein, die das Gebäude von Wu gemietet hatte, aber ausziehen wollte. Der Mörder ging nach der Tat nach Hause und beging Selbstmord.</p>
<p>Chinesische Medien sehen die Amokläufen als Zeichen für den psychologischen Stress, den der rapide gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Wandel der Volksrepublik mit sich bringt. Der Soziologe Yu Jianrong von der Akademie für Sozialwissenschaften beschrieb den Tätertypus als &#8220;Verlierer&#8221;, die sich die Unschuldigsten und Schwächsten als Opfer aussuchten. Die Nachrichtenagentur Xinhua nannte sie &#8220;Psychopathen&#8221;, deren Ziel es sei, sich &#8220;an der Gesellschaft zu rächen&#8221;. Premier Wen Jiabao forderte in einem Fernsehinterview, nach den Wurzeln der Probleme zu suchen. &#8220;Zu diesen gehört sicher ein gewisses Maß an sozialen Spannungen&#8221;, erklärte der Regierungschef.</p>
<p>Die Erklärung ist naheliegend &#8211; und die Standardbegründung für alle Ereignisse, die nicht in das Bild der &#8220;harmonischen Gesellschaft&#8221; passen, das die Regierung gern zeichnet. Das Repertoire an Mitteln, um auf soziale Spannungen zu reagieren, ist beschränkt. Häufig dient der Verweis auf den bedrohten sozialen Frieden als Rechtfertigung für ein rabiates Vorgehen der Sicherheits- und Propagandabehörden, sei es beim Militäraufmarsch in Tibet 2008 oder der Uiguren-Region Xinjiang 2009, sei es bei der Vertuschung des jüngsten Skandals um verseuchtes Milchpulver oder bei dem kürzlichen Eklat um verdorbene Impfstoffe.</p>
<p>Auch diesmal sind verschärfte Sicherheitsmaßnahmen Pekings bevorzugter Lösungsansatz. Als erste Reaktion ordneten die Sicherheitsbehörden und das Erziehungsministerium nach einer gemeinsamen Krisensitzung an, die Polizeipräsenz an Schulen und Kindergärten extrem zu verstärken. In Peking soll die Polizei zu Unterrichtsbeginn und -ende vor allen Kindergärten und Schulen patrouillieren. Ein Sprecher des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit erklärte, Polizisten seien berechtigt, Attentäter zu erschießen. Viele Einrichtungen haben zusätzlich privates Wachpersonal angeheuert. Andere Städte kündigten an, dass sich Zivilbeamte unter die wartenden Eltern mischen würden. Im südchinesischen Dongguan sollenLehrerinnen Kampfsportunterricht bekommen und mehr männliche Lehrkräfte eingestellt werden.</p>
<p>Allerdings ist umstritten, wie effektiv diese Maßnahmen sein können. &#8220;China ist einfach zu groß, und es gibt zu viele Schulen&#8221;, sagt Zhuo Liangtuo von chinesischen Kriminalistikverband. &#8220;Es wird sehr schwer, die Schüler zu schützen.&#8221; Auch die Medien werden streng eingeschränkt. Die Propagandabehörden ordneten an, die Berichterstattung zurückzufahren und sich eng an die Vorgaben der zentralen Nachrichtenagentur Xinhua zu halten. Befürworter einer zentralgesteuerten Presse sehen sich im Recht, denn sie sind überzeugt, dass es weniger Nachahmer gegeben hätte, wenn die Medien nicht groß über den ersten Fall berichtet hätten. Seit Anfang Mai sind keine Titelgeschichten zu dem Thema mehr erlaubt &#8211; was allerdings auch damit zu tun hat, dass die Regierung zum Auftakt der Weltausstellung in Schanghai keine negative Berichterstattung wünschte.</p>
<p>&#8220;Ich finde, die Medien sollten ihre Berichte gut kontrollieren und nicht allzu viel über die Methoden und psychischen Umstände der Mörder schreiben&#8221;, zitierte die Rechtszeitung den Direktor des Instituts für Kriminalpsychologie an der Universität für Politikwissenschaften und Recht, Duo Dahua. Zugleich müsse China aber auch über grundlegende soziale Probleme nachdenken. &#8220;Für diese Tragödie trägt unsere Gesellschaft die Verantwortung&#8221;, sagte Duo. Für viele Kommentatoren heißt das, China müsse offener mit gesellschaftlichen Problemen und den psychologischen Folgen umgehen.</p>
<p>&#8220;In China gibt es mehr als hundert Millionen Menschen mit psychischen Problemen&#8221;, sagt Deng Hong von der Akademie der Sozialwissenschaften, &#8220;doch nur ein Bruchteil von ihnen erhält professionelle Hilfe.&#8221; Nach einer 2009 in der britischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Untersuchung, die auf 63 000 Befragungen in vier Provinzen beruht, werden in China nur geschätzte fünf Prozent der Menschen mit psychischen Problemen behandelt. Rund ein Viertel der psychischen Störungen ist der Studie zufolge auf sozialen oder wirtschaftlichen Druck zurückzuführen.</p>
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		<title>Freund Frech</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 04:04:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1744" title="Han_Han" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han-757x1024.jpg" alt="" width="143" height="195" /></a>Der Star mag Steaks. "Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben", sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. "Ist das nicht süß?", sagt er...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1744" title="Han_Han" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han-757x1024.jpg" alt="" width="206" height="281" /></a>Der Star mag Steaks. &#8220;Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben&#8221;, sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. &#8220;Ist das nicht süß?&#8221;, sagt er und zeigt ein liebevoll beklebtes Fotoalbum. &#8220;Wenn ich bloß wüsste, was ich mit dem ganzen Zeug machen soll.&#8221;</p>
<p>Der 27-Jährige mit der Boygroup-Frisur und den androgynen Zügen gehört zu Chinas Jugendidolen, und das nicht nur, weil er in mehreren Fahrzeugklassen chinesischer Meister ist. Bekannt wurde er als Autor von jugendlicher Popliteratur. Ein Star wurde er, als er vor vier Jahren begann, sich in seinem Blog mit beißendem Spott über die Abgründe der chinesischen Politik herzumachen. Kaum ein anderer wagt sich so nah an die Problemzonen der Kommunistischen Partei, seien es Diktatur, Korruption, Propaganda, Zensur, Nationalismus. &#8220;Han Han gibt der jungen Generation eine Stimme&#8221;, sagt der Künstler Ai Weiwei, selbst ein regimekritischer Blogger. &#8220;Er ist ein sehr, sehr schlauer Junge.&#8221;</p>
<p>Han Hans Webseite zählt bereits mehr als 300 Millionen Besucher, über 300 000 Menschen verfolgen ihn auf Twitter. Vor allem bei Studenten und den jungen städtischen Eliten genießt er Kultstatus. Als das US-Magazin Time ihn kürzlich für seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt nominierte, bescherten ihm die Fans bei der Internetabstimmung über eine Million Stimmen und einen Spitzenplatz. Zwar lassen die Behörden immer wieder Blogeinträge löschen, doch sein Bekanntheitsgrad schütze ihn bisher vor Repressionen, sagt Han Han. &#8220;Ich bin in der glücklichen Situation, es mir leisten zu können, immer wieder an die Grenzen zu gehen. Und wenn ich mich traue, trauen sich auch andere.&#8221;</p>
<p>Im Januar malte er sich aus, wie weit Chinas Internetpolizei die Zensur noch treiben könnte. Der Text wurde prompt vom Blog gelöscht. Wenig später ließ er die Leser abstimmen, ob ein chinesischer Beamter, der innerhalb eines halben Jahres 60 000 Yuan &#8211; umgerechnet 6 600 Euro &#8211; Schmiergeld angenommen hatte, als besonders korrupt oder besonders ehrlich gelten müsse. 200 000 Leser teilten seine Meinung, dass der Beamte für chinesische Verhältnisse ausgesprochen sauber sei und wieder eingestellt werden solle.</p>
<p>Jüngstes Ziel von Han Hans Spott ist die Schanghaier Weltausstellung, die ihm wie alle staatlichen Prestigeprojekte suspekt ist. Als die Stadtväter ihn kürzlich zu einem Symposium zum Expo-Thema &#8220;Bessere Stadt, Besseres Leben&#8221; einluden, sagte er zwar zu &#8211; doch nur, um die Veranstalter vorzuführen. Man habe ihn gebeten, darüber zu sprechen, wie das Leben in der Stadt immer besser werde, eröffnete er seinen Vortrag. &#8220;Aber ich möchte lieber darüber reden, warum das Leben in der Stadt immer schlechter wird.&#8221; Dann erörterte er eine halbe Stunde lang Probleme wie Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, Immobilien-Abzocke und die Zerstörung alter Viertel und schloss mit harscher Kritik an der Regierung. &#8220;Ich finde, Schanghai ist keine echte Metropole&#8221;, sagte er. &#8220;Die Beamten benehmen sich, als sei öffentlicher Dienst so etwas wie Schweine füttern.&#8221;</p>
<p>&#8220;Han Han kann sehr hitzköpfig sein&#8221;, sagt sein Verleger und Freund Lu Jinbo. &#8220;Manchmal muss man ihn ein bisschen vor sich selbst schützen.&#8221; Der Kampf gegen Autoritäten zieht sich wie ein Leitmotiv durch Han Hans Biografie. Der Vater, Titelseitenredakteur bei einer staatlichen Zeitung, sorgte dafür, dass sein Sohn nicht mit der üblichen Propagandaliteratur aufwuchs, sondern mit Werken großer Autoren. Die Saat ging auf: Mit 17 gewann Han Han einen landesweiten Aufsatzwettbewerb. Doch sein eigenwilliger Stil passte nicht zum Drill des chinesischen Schulsystems. &#8220;Ich war ein aufmüpfiger Schüler und konnte einem Schulverweis nur entgehen, indem ich mich vorher selbst abmeldete&#8221;, erzählt er. Statt die Uni-Aufnahmeprüfung zu machen, schrieb er seinen ersten Roman, &#8220;Die dreifache Tür&#8221;, eine Satire auf das chinesische Bildungssystem. Bei Gleichaltrigen traf er damit einen Nerv. Das Buch verkaufte sich zwei Millionen Mal. Auch die dreizehn Werke, die er seitdem verfasst hat, sind Bestseller. &#8220;Han Han ist inzwischen eine Marke geworden&#8221;, sagt Verleger Lu. &#8220;Viele junge Chinesen können sich mit ihm identifizieren.&#8221;</p>
<p>Seine finanzielle Unabhängigkeit nutzte Han Han, um sich einen Kindheitstraum zu verwirklichen: Er begann Autorennen zu fahren. 2003 ging er unter die Profis und wurde in mehreren Wagenklassen chinesischer Meister. Doch den Ehrgeiz, es bis in die Formel 1 zu schaffen, hat er nicht, zumal ihm dann kaum Zeit für andere Projekte bliebe. Er träumt von einer eigenen Zeitschrift. &#8220;Es geht mir nicht darum, Geld zu verdienen, davon habe ich schon genug&#8221;, sagt er. &#8220;Ich will einfach ein Magazin machen, wie ich es selbst gerne lesen würde.&#8221; Eine erste Ausgabe hat er produziert, doch da die Behörden ihm keine weitere Arena geben wollen, verweigern sie die Lizenz.</p>
<p>Han Han hat es nicht eilig. &#8220;Wer mit dem Kopf durch die Wand zu gehen versucht, kann in China nicht gewinnen&#8221;, sagt er. &#8220;Wenn ein Thema nicht geht, schreibe ich über etwas anderes, es gibt ja genügend sensible Bereiche.&#8221; Seine Kritik empfindet er als durchaus patriotisch. &#8220;Sein Land zu lieben, bedeutet, es davor zu schützen, dass es von der Regierung verletzt wird&#8221;, sagt Han Han. Man dürfe ein Volk nicht mit seiner Regierung verwechseln. &#8220;Das Volk bleibt immer gleich, aber die Regierung nicht unbedingt.&#8221; Junge Leute seiner Generation verbinde mit den alten Parteibonzen nur, dass beide Freundinnen in den Zwanzigern haben, scherzt er. Dann geht er noch einmal vor die Tür, um den Fans Autogramme zu geben.</p>
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		<title>Die letzte Expo</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Apr 2010 05:29:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Wer braucht im Zeitalter der Globalisierung noch eine Weltausstellung? Niemand. In Shanghai findet das 159 Jahre alte Konzept ein glorreiches Ende.</h3>
Am 14. April 1900 eröffnete Frankreichs Staatspräsident Émile Loubet die Pariser Weltausstellung. Es war bereits die fünfte „Exposition Universelle“ an der Seine und sie sollte noch spektakulärer werden als die Länderschau von 1889, anlässlich der sich die Stadt den Eiffel-Turm geschenkt hatte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wer braucht im Zeitalter der Globalisierung noch eine Weltausstellung? Niemand. In Shanghai findet das 159 Jahre alte Konzept ein glorreiches Ende.</h3>
<p>Am 14. April 1900 eröffnete Frankreichs Staatspräsident Émile Loubet die Pariser Weltausstellung. Es war bereits die fünfte „Exposition Universelle“ an der Seine und sie sollte noch spektakulärer werden als die Länderschau von 1889, anlässlich der sich die Stadt den Eiffel-Turm geschenkt hatte. Diesmal gehörten zu den Neubauten zwei große Ausstellungshallen, das Grand Palais und das Petit Palais, zwei Bahnhöfe, Gare de Lyon und Gare d’Orsay, die erste Metro-Linie sowie zwei Aufsehen erregende Verkehrsinnovationen:  der weltweit erste Oberleitungsbus und „Fahrende Straßen“ &#8211; unmittelbare Vorgänger der Rolltreppe. Auch die Ausstellung selbst bot reichlich Sensationen: Die Expo-Besucher sahen den ersten Tonfilm und das erste Auto mit Elektromotor. Sie entdeckten Krimsekt und Campbell’s-Fertigsuppen, die beide Preise als beste Produktneuheit erhielten. Sie staunten über lebensgroße Darstellungen von „Primitiven“ aus Madagaskar und diskutierten die amerikanische Hampton-Universität, wo Nachfahren der Sklaven erstmals eine höhere Bildung bekamen. Sportinteressierte besuchten die Olympischen Spiele, die als Teil der Weltausstellung in Paris stattfanden.</p>
<p>Am 30. April wird Chinas Staatspräsident Hu Jintao die Shanghaier Weltausstellung eröffnen. Auch sie soll alle Vorgänger in den Schatten stellen. Sicher sind ihr bereits die Rekorde für die meisten Teilnehmerländer (192), die größte Ausstellungsfläche (5,28 Quadratkilometer) und die höchsten Investitionen (schätzungsweise 45 Milliarden Euro). Und mit mindestens 70 Millionen erwarteten Besuchern wird die Expo 2010 das größte Massenereignis aller Zeiten werden.</p>
<p>Es scheint, als habe China einen Dinosaurier wieder zum Leben erweckt. Denn eigentlich galt das Konzept der Expo längst als Auslaufmodell, als Fossil aus einer Zeit, als die Welt noch groß und „Made in China“ etwas Exotisches war. Während sich die größten Metropolen um die Olympischen Spiele reißen, ist die Weltausstellung zunehmend zu einer B-Attraktion geworden. Lange Jahre lang nahm die Zahl der teilnehmenden Länder beständig ab, und die Gastgeber blieben meist auf hohen Schulden sitzen. Denn im Zeitalter von Flugverkehr, Massenmedien und Internet braucht sich die Menschheit nicht mehr alle paar Jahre zu verabreden, um zu erfahren, wie es am anderen Ende des Planeten aussieht. Auch die Ära, in der große Innovationen zuerst bei Expos präsentiert wurden, ist längst Vergangenheit. So wurde aus dem Markt der Neuigkeiten ein staatlich subventioniertes Zwitterwesen aus Industrie- und Tourismusmesse, notdürftig verpackt als globales Selbstlernzentrum. „Bessere Stadt, besseres Leben“ lautet das Shanghaier Motto, von dem Impulse für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ausgehen sollen. Dabei sind die vorgestellten Rezepte altbekannt.</p>
<p>Trotzdem ist in Shanghai alles anders. Denn genau genommen stellen die Länder diesmal nicht für einander aus – sondern für ihren Gastgeber. 95 Prozent der Besucher werden Chinesen sein, erwarten die Organisatoren – auch das ist ein Rekord. Die Welt präsentiert sich China, der neuen Supermacht und bald zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Kein Land kann es sich leisten, hier keinen repräsentativen Auftritt hinzulegen – selbst die USA, die der Expo längst den Rücken gekehrt hatten, sind wieder dabei. Die Welt ist vereint in der Hoffnung, mit China noch besser ins Geschäft zu kommen.</p>
<p>Für die Chinesen lohnt sich die Expo – und das nicht nur, weil Immobilienunternehmen einmal Milliarden zahlen werden, um auf dem prominent gelegenen Ausstellungsgelände neue Wohnsiedlungen bauen zu können. Die Kommunistische Partei zelebriert die Veranstaltung als Beweis chinesischer Stärke – Tributgaben fremder Länder hatten schließlich schon am Kaiserhof Tradition. Dabei kommt ihr besonders zupass, dass die Expo, anders als die Olympischen Spiele 2008, politisch kaum nicht aufgeladen ist. Was westliche Menschenrechtsgruppen kritisieren, kann bei der Völkerverständigung durchaus hilfreich sein. Viele chinesische Besucher sehen die Expo – ganz im Sinne ihrer Erfinder &#8211; als Ersatz für unerschwingliche Weltreisen und kommen in Shanghai mit den Ländern ihrer Träume trotzdem direkt in Kontakt. Umgekehrt kann sich auch das Ausland erstmals ganz unmittelbar den Chinesen darstellen, ohne den Filter des regierungskontrollierten Medienapparats.</p>
<p>So hat die Shanghai der Weltausstellung einen neuen Sinn gegeben. Doch welche Standorte wären geeignet, um die Expo weiterzuentwickeln? Yeosu in Südkorea, wo 2012 die nächste Weltausstellung stattfindet, wohl eher nicht, und auch nicht Mailand, die Expo-Stadt des Jahres 2015. Womöglich werden danach große Schwellenländer wie Russland, Indien, Indonesien oder Brasilien die Chance ergreifen und sich um Weltausstellungen bemühen. Allerdings dürfte es ihnen kaum gelingen, an die chinesischen Superlative heranzureichen und die Welt dazu zu bewegen, noch einmal ähnlichen Aufwand zu betreiben. Betrachten wir die Expo 2010 deshalb als glorreiche Abschiedsvorstellung des großen Wanderzirkus der Globalisierung.</p>
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		<title>Rummelplatz der Globalisierung</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Apr 2010 05:12:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Am 1. Mai beginnt in Schanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten. Sie ist ein Spiel nationale Klischees, Identitäten und Wunschbilder.</h3>
Bei den Rumänen übt ein Blasorchester, die Holländer arrangieren Keramikschafe. Japan simuliert einen Feueralarm, in Marokko werden Türen geschnitzt, pakistanische Teppichhändler packen ihre Waren aus. Die Kasachen probieren traditionelle Trachten an, die Österreicher putzen Fliesen und die Schweizer erklären chinesischen Kellnern, was ein Rösti ist. Zwei Tage vor der Eröffnung geht es auf dem Gelände der Schanghaier Weltausstellung zu wie auf einem Zirkusplatz kurz vor der ersten Vorstellung...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Am 1. Mai beginnt in Schanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten. Sie ist ein Spiel nationale Klischees, Identitäten und Wunschbilder.</h3>
<p>Bei den Rumänen übt ein Blasorchester, die Holländer arrangieren Keramikschafe. Japan simuliert einen Feueralarm, in Marokko werden Türen geschnitzt, pakistanische Teppichhändler packen ihre Waren aus. Die Kasachen probieren traditionelle Trachten an, die Österreicher putzen Fliesen und die Schweizer erklären chinesischen Kellnern, was ein Rösti ist. Die USA bekommen Besuch vom Schanghaier Bürgermeister und die Neuseeländer suchen fieberhaft nach einem neuen &#8220;L&#8221; für ihren Namenszug, weil das alte zerbrochen am Boden liegt.</p>
<p>Zwei Tage vor der Eröffnung geht es auf dem Gelände der Schanghaier Weltausstellung zu wie auf einem Zirkusplatz kurz vor der ersten Vorstellung. Tausende Handwerker und Helfer aus aller Herren Länder mühen sich, die Miniaturen ihrer Heimat rechtzeitig fertig zu stellen.</p>
<p>Lennart Wiechell steht kopfschüttelnd vor aufgerissenen Bodenplanken. &#8220;Als wir beim ersten Probelauf nicht pünktlich geöffnet hatten, haben die Besucher einfach die Barrikaden niedergerissen&#8221;, sagt der Architekt des deutschen Pavillons. Er wagt sich kaum auszumalen, was passieren könnte, wenn in den kommenden sechs Monaten mal nicht alles wie am Schnürchen läuft. Schließlich will Chinas Expo alle ihre Vorgänger in den Schatten stellen und bis zu 100 Millionen Menschen auf das Ausstellungsgelände am Huangpu-Fluss locken &#8211; ein logistisches Extremprojekt, weitaus komplexer als die Organisation von Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften.</p>
<p>&#8220;Wir rechnen damit, dass die Menschen bei jedem Pavillon zwischen einer und drei Stunden anstehen müssen&#8221;, sagt der stellvertretende Expo-Leiter Huang Jianzhi. Selbst die größten Attraktionen sind nur für einen Bruchteil der Besucherzahl ausgelegt. Von den 400 000 Menschen, die an einem durchschnittlichen Tag erwartet werden, können höchstens 50 000 den chinesischen Pavillon sehen, bis zu 40 000 die Ausstellung im deutschen Haus. Wer alle 192 beteiligten Länder besuchen wollte, müsste mehr als einen Monat auf der Expo verbringen. Kein Wunder, dass die meisten Länder ihre Kernbotschaften architektonisch verpackt haben, von außen für alle zu sehen.</p>
<p>Zentrum der Anlage ist der mächtige rote Nationaltempel der Chinesen, die sich das Recht vorbehalten, mehr als dreimal so hoch zu bauen wie alle anderen Länder. In seinem Innern verbirgt sich eine Ausstellung chinesischer Kunstschätze. Auf einer über hundert Meter langen Projektionswand lassen Animationen das alte China auferstehen, in kleinen Wagen durchfahren die Besucher die Baugeschichte. &#8220;Hier kann man erleben, was für ein großes und mächtiges Land China ist&#8221;, sagt ein Handwerker, der an riesigen Pappmascheebäumen letzte Farbtupfer anbringt.</p>
<p>Neben der chinesischen Wuchtigkeit wirken die Gebäude der anderen Länder wie ein großes Spiel mit nationalen Klischees, Identitäten und Wunschbildern. Nepal hat einen Tempel nachgebaut, Katar eine Burg, der Iran einen persischen Palast. Die Vereinigten Arabischen Emirate präsentieren sich in der Form von Sanddünen. Nordkorea hat seinen Pavillon in Bilder von blauem Himmel gehüllt und verpackt seine wirtschaftliche Rückständigkeit als ökologischen Fortschritt. Bei den Schweizern fährt man mit dem Sessellift aufs Dach und schwebt über eine Alpenlandschaft. Dänemark hat die Meerjungfrau aus dem Kopenhagener Hafen nach Schanghai transportiert und ins Zentrum eines spiralförmigen Gebäudes gesetzt. Auf dem Dach kann man Fahrrad fahren.</p>
<p>&#8220;Wir wollen bei den Besuchern einerseits die Bilder abrufen, die sie schon im Kopf haben, und ihnen andererseits viele neue mit auf den Weg geben&#8221;, sagt Peter Redlin, Geschäftsführer der Stuttgarter Ausstellungsagentur Milla und Partner, die das Konzept für die Präsentation im deutschen Pavillon entwickelt hat. &#8220;Unser Auftraggeber, das Bundeswirtschaftsministerium, hat uns eine unendlich lange Liste von Themen gegeben, die im Pavillon vorkommen sollen&#8221;, erzählt Redlin. &#8220;Wir haben dann in China recherchiert, wie man Inhalte für das hiesige Publikum verpacken muss, und waren sehr überrascht, dass Chinesen oft viel neugieriger und unbefangener an eine Ausstellung herangehen als Deutsche.&#8221;</p>
<p>Das Ergebnis der dreijährigen Arbeit sind zehn Themenräume mit über hundert interaktiven Spielen. Über Stadtentwicklung, Umweltschutz und Innovationen lernt man ebenso etwas wie über Karneval, Literatur und Schrebergärten. Am Ende des Parcours steht eine siebenminütige Live-Show in einem runden Theater, bei der das Publikum mit einer tonnenschweren hängenden Bildschirmkugel interagiert, die auf Geräusche mit Projektionen und Bewegungen reagiert. &#8220;Wenn die Besucher, am Ende von Deutschland das Bild eines sehr spielerischen und kreativen Landes mitnehmen, haben wir unser Ziel erreicht&#8221;, sagt Redlin.</p>
<p>Nicht alle Länder leisten sich einen eigenen Pavillon. Sie präsentieren sich in Gemeinschaftshallen, teils mit finanzieller Unterstützung der Chinesen, denen es wichtig war, einen Teilnehmerrekord aufzustellen. Selbst den USA, die seit Jahren bei keiner Expo mehr waren, trotzten Chinas Diplomaten einen Pavillon ab. Gemeinsame Klammer aller Auftritte ist neben der nationalen Selbstdarstellung das Expo-Motto &#8220;Bessere Stadt, Besseres Leben&#8221;. Ein treffender Slogan: Schanghai symbolisiert den Fortschrittstraum des bevölkerungsreichsten Landes der Erde &#8211; doch von &#8220;Gute Stadt, gutes Leben&#8221; ist die 20-Millionen-Einwohner-Metropole weit entfernt. Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, hässliche Hochhausschluchten dominieren das Stadtbild.</p>
<p>&#8220;Bei Nacht ist Schanghai schön, weil es ein Lichtermeer ist, aber unsere Herausforderung besteht darin, es auch bei Tag schön zu machen&#8221;, sagt Wu Zhiqiang, Chefplaner des über fünf Quadratkilometer großen Expogeländes, eines ehemaligen Industriegebiets. Viele seiner Ideen bezog Wu aus Deutschland, wo er studiert hat. Er wandelte mehrere der alten Fabrikhallen in Ausstellungszentren um, legte Parks an, sorgte für erstklassigen öffentlichen Verkehr. &#8220;Wir haben absichtlich keine Parkplätze gebaut. Die Besucher sollen nicht mit dem Auto kommen, sondern mit U-Bahn oder Bus&#8221;, sagt Wu. Man wolle ein Beispiel für moderne, menschenfreundliche Stadtplanung zeigen und hoffe auf einen Nachahmungseffekt im ganzen Land. &#8220;Immerhin wird jeder chinesische Bürgermeister persönlich zur Expo kommen.&#8221;</p>
<p>Es ist leicht, Wus Optimismus zu widersprechen. Kritiker monieren, die Expo sei ein Prestigeprojekt, das sich Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, aber eigentlich für das Gegenteil stehe. Was ist schon nachhaltig an einer temporären Millionenstadt? Fast alle Gebäude müssen nach sechs Monaten abgerissen werden. Die meisten Pavillons sind nicht dafür geplant, ab- und anderswo wieder aufgebaut zu werden, der deutsche eingeschlossen. In Sachen Umweltschutz steht eher die Show im Vordergrund.<br />
Schon für die Eröffnung haben die Chinesen eine Öko- und Klimasünde der Superlative geplant: Am Freitagabend soll das größte Feuerwerk- und Lichtspektakel aller Zeiten stattfinden, mit über 100 000 Feuerwerkskörpern und mehr als tausend computerkontrollierten 7 000-Watt-Scheinwerfern.</p>
<p>Doch Zynismus ist nicht Trumpf in Schanghai. &#8220;Die Expo ist eine Chance, bei vielen ein Umdenken über die Zerstörung unserer Welt zu bewirken&#8221;,sagt Lutz Engelke. Seine Berliner Projektagentur Triad hat die Ausstellung &#8220;Urbaner Planet&#8221; gestaltet, einen von fünf Themen-Pavillons, die das Expo-Motto mit Inhalt füllen sollen. Wie durch eine Geisterbahn führt Engelke durch die Exzesse der menschlichen Zivilisation. In großen Becken teilen sich Fische das Wasser mit Müll und Ölschlick. Von einem Bildschirm verliest ein Avatar die Namen der Tiere, die bald aussterben werden: Blauwal, afrikanischer Elefant, großer Hai, Pandabär. Knappe, plakativ aufbereitete Fakten lehren die Besucher das Grausen: Nur drei Prozent des Wassers der Welt ist trinkbar, über die Hälfte davon verschmutzt. 500 Jahre dauert es, bis ein Autoreifen verrottet ist.</p>
<p>Am Ende der Horrorszenarien lässt Engelke die Besucher auf eine riesige Weltkugel von fast hundert Meter Durchmesser schauen, auf der gezeigt wird, was es heißt, wenn Kontinente verwüsten und Meeresspiegel steigen. &#8220;Viele Menschen kümmern sich nicht um die Welt, weil sie sie nicht als Ganzes sehen&#8221;, erklärt Engelke, der sich mit dem Konzept gegen 150 internationale Wettbewerber durchsetzte. &#8220;Wir wollen sinnlich und emotional erfahrbar machen, was es bedeutet, auf dieser Welt zu leben.&#8221;</p>
<p>Doch so sehr die Expo die Welt zusammenschweißen will, so deutlich zeigt sie auch, wie unterschiedlich die Völker sind. So wird sich der Höhepunkt des pakistanischen Pavillons wohl nur Pakistanern voll erschließen: Es ist eine lebensgroße Figur der ermordeten Ex-Premierministerin Benazir Bhutto. Ihr Gesicht wird mittels projizierter Originalaufnahmen zum Leben erweckt. &#8220;Wir sind alle sehr bewegt, wenn wir das sehen&#8221;, sagt ein Pavillon-Angestellter. Bhuttos Witwer, Präsident Asif Ali Zardari, habe die Installation gut geheißen. Er freue sich, seine Frau in Schanghai wiederzusehen.</p>
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		<title>Das Netz lebt</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Mar 2010 02:24:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.</h3>
Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.</h3>
<p>Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre, und auch nicht Hans einzige. Sechs Gespielinnen leistete sich der Kader, der seine Eskapaden mit Schmiergeldern finanzierte, die dank seines einflussreichen Postens reichlich flossen. Seine Erlebnisse notierte er täglich in knappen Sätzen auf seinem Computer – bis das 500seitige Dokument vor wenigen Wochen plötzlich im Internet auftauchte und in Chatforen eine Welle von Spott und Entrüstung auslöste. „So leben also unsere Beamten“, mokierte sich ein Blogger. „Die denken, sie können sich einfach alles erlauben.“</p>
<p>Wie Hans Tagebuch an die Öffentlichkeit kam, ist bisher unklar, aber sicher ist, dass der 53-Jährige der jüngste Antiheld eines in China weit verbreiteten Webgenres ist: Korruptionsenthüllungen. Obwohl die chinesische Regierung mit ihrer sogenannten „Great Firewall“ aus Zensursoftware und Cyberpolizei den Informationsfluss im Internet zu kontrollieren versucht, scheitert der Gleichschaltungsapparat immer wieder an der ungestümen Netzgemeinde. Dutzende Fälle von Amtsmissbrauch sind in den vergangenen Jahren in Onlineforen bloßgestellt worden und wurden schneller weiterkopiert, als die Zensoren eingreifen konnten. Oft erregen die Skandale so viel Furore, dass sich auch die Behörden damit befassen und die offiziellen Medien darüber berichten müssen, wenn sie nicht ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen wollen. So wurde Han Mitte März verhaftet und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Hunderte Beamte der Tabakmonopolverwaltung bangen nun um ihre Jobs und Privilegien.</p>
<p>Optimisten sehen in derartigen Fällen den Beweis für die Theorie, dass das Internet in der autoritär regierten Volksrepublik eine demokratisierende Wirkung haben kann. „Chinas Internetbenutzer sind die größte Nichtregierungsorganisation der Welt“, sagt etwa der Künstler Ai Weiwei, der in der Volksrepublik weniger für seine Werke als für seine regierungskritischen Onlineaktionen bekannt ist. „Die nächste chinesische Revolution wird sicherlich aus dem Internet kommen.“ Diese Hoffnung geben Ai und seine Gleichgesinnten auch nach dem Aufsehen erregenden Abzug von Google. Der weltgrößte Suchmaschinenbetreiber leitet seit vergangener Woche alle Anfragen an seine chinesische Seite „Google.cn“ nach Hongkong weiter, wo politisch sensible Begriffe wie „Tiananmen“, „Tibet“ oder „Falungong“ nicht gefiltert werden müssen. Zwar können Chinas Zensoren unliebsame Inhalte mit ihrer eigenen Software weiterhin blockieren oder den Google-Zugang für Chinesen bei Bedarf auch ganz abstellen. Doch nichtsdestotrotz ist der Fall für Peking eine Blamage, hat er doch vielen Internetbenutzern vor Augen geführt, welche Bemühungen ihre Regierung unternimmt, um ihnen online verfügbares Wissen vorzuenthalten.</p>
<p>Trotzdem dürften kritische Diskussionen sich auch in Zukunft kaum leichter kontrollieren lassen als vorher. „Viele von Chinas 384 Millionen Internetbenutzern engagieren sich in leidenschaftlichen Debatten über die Probleme ihrer Gemeinschaften, öffentliche Anliegen und die Zukunft des Landes“, erklärt die Internetforscherin Rebecca MacKinnon. In einer Studie fand sie heraus, wie unsicher die Behörden im Umgang mit sensiblen Inhalten sind: MacKinnon erstellte Accounts bei allen großen chinesischen Internetportalen und veröffentlichte in deren Chatforen identische Texte zu heiklen Themen wie Korruption oder ethnischen Minderheiten. „Überraschenderweise war die Reaktion der Zensoren überall unterschiedlich“, beobachtete die US-Amerikanerin. „Bei einigen Seiten wurden die Beiträge sofort gelöscht, bei anderen erst nach einiger Zeit und bei einigen gar nicht.“ MacKinnon schließt daraus, dass es bei der Zensur große menschliche Ermessensspielräume gibt: Was der eine Zensor löscht, lässt der andere durchgehen. Da die Internetpolizei grundsätzlich nicht auffallen will, wägt sie stets ab, ob ein Beitrag das Potential hat, große Aufmerksamkeit zu erregen, oder ob er nur vom Verfasser und wenigen Freunden beachtet wird. Doch obwohl die Zahl der Zensoren auf mehrere zehntausend geschätzt wird, sind sie der Datenflut des Internets nicht gewachsen und bemerken viele Texte erst, wenn es zu spät ist und die Links vielfach weiterkopiert worden sind.</p>
<p>So wird durch Blogs immer wieder bekannt, was die Staatsmedien eigentlich verschweigen würden. Als kürzlich während des Nationalen Volkskongresses der Gouverneur der Provinz Hubei, Li Hongzhong, einer Reporterin ihr Diktiergerät wegnahm, weil sie ihm eine unangenehme Frage gestellt hatte, tauchte die Nachricht wenig später im Internet auf. Dort sorgte sie für so viel Wirbel, dass auch die Staatsmedien die Meldung aufgriffen, und Li in Bedrängnis brachten. Dabei bezog sich die Frage, der er auszuweichen versucht hatte, ausgerechnet auf einen weiteren Internetskandal in seiner Provinz: Vergangenes Jahr war dort eine Hotelangestellte namens Deng Yujiao wegen des Mordes an einem hohen Beamten festgenommen worden. Erst durch die Recherchen von Bloggern kam heraus, dass Deng in Notwehr gehandelt hatte, weil der Kader sie vergewaltigen wollte. Per Internet formierte sich auch der Protest gegen die mangelnde Aufklärung nach dem verheerenden Erdbeben im Mai 2008, als tausende Kinder in marode gebauten Schulgebäuden umkamen. Der Künstler Ai Weiwei organisierte über seinen Blog eine Gruppe von Freiwilligen, die auf eigene Faust erforschten, was die Behörden verschweigen wollten. Auch nach den ethnischen Unruhen in Xinjiang und Tibet verbreiteten sich im Internet Bilder und Berichte über das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte. Peking wusste sich nicht anders zu helfen, als das Internet in den Provinzen zeitweise abzustellen.</p>
<p>Wie nervös die Regierung auf den Protest aus dem Netz reagiert, zeigt ein internes Papier das im vergangenen Jahr alle Behörden anmahnte, ein besonderes Augenmerk auf Onlineberichte zu legen. „Fehlverhalten von Beamten, das im Netz offengelegt und verbreitet wird, kann gewaltige Kritik von Internetbenutzern hervorrufen“, hieß es darin. „Die öffentliche Meinung über die Partei und Regierung könnte sich damit radikal verändern.“ Diejenigen, die auf eine Demokratisierung des Internets hoffen, sehen darin ein Signal, dass sie an der richtigen Front kämpfen. So warb Internetforscherin MacKinnon kürzlich in einer Anhörung des US-Kongresses zum Google-Fall dafür, Chinas Internetbenutzer bewusst zu unterstützen. „Eine demokratische Alternative zu Chinas Internet-Autoritarismus wird es nur geben, wenn die Chinesen sie selbst entwickeln und aufbauen“, ist MacKinnon überzeugt. Was sie damit meint? Nicht etwa die Rückkehr von Google, sondern die Verbreitung von Software, mit der sie die „Great Firewall“ umgehen oder die Identität von Internetbenutzern verschleiern lässt.</p>
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		<title>Chinas grüne Welle</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Mar 2010 13:25:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensmittel]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Immer mehr Chinesen sorgen sich um die gesundheitlichen Folgen der verheerenden Umweltprobleme - und entwickeln ein Bewusstsein für ökologische Lebensmittel.</h3>
Am Wochenende macht Familie Wang Großeinkauf. In ihrem Kleinwagen fährt sie quer durch Peking, passiert die großen Shoppingzentren am Stadtrand und lässt die letzten Wohnblocks hinter sich, bis nur noch Felder und kleine Bauernhäuser zu sehen sind. Eine Viertelstunde geht es über die Landstraße, dann sind die Wangs am Ziel: «Willkommen im grünen Dorf Liuminying», empfängt sie ein großes Banner...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Immer mehr Chinesen sorgen sich um die gesundheitlichen Folgen der verheerenden Umweltprobleme &#8211; und entwickeln ein Bewusstsein für ökologische Lebensmittel.</h3>
<p>Am Wochenende macht Familie Wang Großeinkauf. In ihrem Kleinwagen fährt sie quer durch Peking, passiert die großen Shoppingzentren am Stadtrand und lässt die letzten Wohnblocks hinter sich, bis nur noch Felder und kleine Bauernhäuser zu sehen sind. Eine Viertelstunde geht es über die Landstraße, dann sind die Wangs am Ziel: «Willkommen im grünen Dorf Liuminying», empfängt sie ein großes Banner. Herr Wang parkt, öffnet die Tür und atmet demonstrativ durch. «Das nenne ich gute Luft», verkündet er etwas pathetisch, worauf seine Tochter die Augen verdreht, weil er das jedes Wochenende sagt. «Hier kann man noch einkaufen, ohne Angst zu haben, sich zu vergiften.»</p>
<p>«Grünes Dorf» bedeutet, dass in Liuminying ökologische Landwirtschaft betrieben wird. Man sieht dem Ort leicht an, dass hier keine gewöhnlichen Bauern leben: Die Häuser sind großzügig gebaut und weiss gekachelt. An der Straße wartet ein breiter Parkstreifen auf den Wochenendansturm von Großstädtern wie den Wangs. Rund drei Dutzend Kunden begutachten an diesem Samstagmorgen in der Markthalle die Ernte: Kohl und Kartoffeln, Bohnen und Tomaten, Auberginen und Zuckerschoten, auch Eier und eingelegtes Gemüse. Überall sichtbar hängt das grüne Logo des staatlichen Ökosiegels, das garantieren soll, dass hier nur auf natürliche Weise gedüngt und gespritzt wird.</p>
<p>Wer darauf besteht, darf auch ins Gewächshaus gehen und seine Ware selbst ernten. «Auf einem Gemüsefeld zu sein erinnert mich an meine Jugend, denn früher wussten auch wir Stadtkinder, wie es auf dem Land aussieht», erzählt Herr Wang mit Blick auf seine Tochter, die wieder das Gesicht verzieht. Der 48jährige Immobilienmakler geht durch die Reihen mit Pak-Choi-Pflanzen, inspiziert Kürbisse und Bittermelonen, wählt Schlangengurken und Kirschtomaten aus. 274 Yuan (28 Euro) blättert er am Ende seiner Tour für eine Wochenration Gemüse hin. Auf einem normalen Pekinger Markt hätte er für die gleiche Menge weniger als die Hälfte bezahlt.</p>
<p>Die Wangs sind Angehörige von Chinas neuer städtischer Mittelschicht, die 100 Millionen zählt und die es sich leisten kann, für ihr Essen mehr auszugeben als unbedingt notwendig. Oder eher: Sie gehören zu der privilegierten Minderheit, die sich gesunde Ernährung leisten will, weil ihr die Folgen der chinesischen Umweltverschmutzung zunehmend Angst bereiten. Es ist nicht zu ignorieren, dass in China drei Jahrzehnte ungestümen Wirtschaftswachstums verheerende Auswirkungen auf Luft, Wasser und Erde gehabt haben. Immer mehr Chinesen entwickeln deshalb ein Bewusstsein für ökologisch hergestellte Lebensmittel.</p>
<p>Noch ist es zwar nur ein kleiner Trend – der Anteil von Bioprodukten liegt deutlich unter einem Prozent –, aber ein schnell wachsender. Machte bis vor wenigen Jahren noch niemand einen Unterschied zwischen normalen und sogenannten grünen Lebensmitteln, so haben in den Metropolen nun viele Supermärkte eigene Regale für Gemüse und Obst aus kontrolliert biologischem Anbau. In Peking und Schanghai gibt es sogar schon erste Reformhäuser wie «Lohao City» oder «Organic Farm», und rund um die Städte bieten Dutzende Ökodörfer Direktverkauf oder Lieferservice an. Laut offiziellen Statistiken gibt es in China bereits über 3000 Biofarmen, meist Kollektivbetriebe, deren Bauern darauf setzen, mit dem grünen Siegel mehr zu verdienen als mit herkömmlichem Anbau.</p>
<p>«Ernährungstechnisch steckt China in einer Krise», sagt Wen Tiejun, Agrarwissenschaftler an der Pekinger Volksuniversität und Berater des chinesischen Umweltministeriums. «Den Menschen wird zunehmend bewusst, dass ihre Lebensmittel nicht mehr von Bauern stammen, sondern von Konzernen, für die nur der Profit zählt.» Eine ganze Reihe von Lebensmittelskandalen haben in den vergangenen Jahren das Vertrauen erschüttert, darunter Gammelfleisch, gebleichter Reis und radioaktiv belastete Meeresfrüchte.</p>
<p>Als vor den Olympischen Spielen eine staatliche Schweinefarm damit Werbung machte, dass das Fleisch für die Sportler ohne Wachstumshormone hergestellt werde, damit die Athleten nicht fälschlich bei Dopingtests durch fielen, gab es in der Öffentlichkeit einen Aufschrei der Entrüstung, weil sich die Chinesen fragten, nach welchen Standards eigentlich das Fleisch für die normale Bevölkerung hergestellt werde. Eine Greenpeace-Studie stellte kürzlich fest, dass in handelsüblichen Gurken oft bis zu zehn schädliche Chemikalien nachgewiesen werden können.</p>
<p>Zum Symbol der chinesischen Lebensmittelsorgen ist jedoch der Fall um verseuchte Milchprodukte geworden, der im September 2008 aufflog. Skrupellose Händler hatten Molkereien gepanschte Milch verkauft, in der die Industriechemikalie Melamin bei Eiweißtests über den starken Verdünnungsgrad der Milch hinwegtäuschen sollte. Rund 300 000 Kleinkinder erkrankten daraufhin an Nierensteinen, sechs Babies starben. Für besonderen Unmut sorgte die Enthüllung, dass die Behörden die Missstände über Monate gedeckt hatten, um Chinas Ansehen in der Welt während der Olympischen Spiele nicht zu beschädigen.</p>
<p>Zwar kündigte die Regierung eine Verschärfung der Lebensmittelüberwachung an, doch wie es um die Ergebnisse steht, zeigte sich, als Anfang 2010 erneut melaminverseuchtes Milchpulver auf den Markt kam und wochenlang unbemerkt verkauft wurde. Experten warnen, dass in China Prüfmechanismen nicht greifen würden, solange Konsumentenschutzgruppen und Medien dabei keine aktive Rolle zugeschrieben bekämen. «Es ist wichtig, dass die Kontrolle nicht nur von oben, sondern auch von unten kommt», sagt Ben Embarek, Spezialist für Lebensmittelsicherheit bei der Weltgesundheitsorganisation in Peking. «Wirkliche Veränderungen können nur die Konsumenten erzwingen.» Doch bisher gibt es keinen Platz für Konsumentendemokratie im zentralgesteuerten System der Kommunistischen Partei.</p>
<p>Betrügereien wie im Fall von Melamin sind allerdings nur ein Teil des Problems. Mindestens genauso gravierend sind die Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf die Nahrungskette. Laut internen Schätzungen des Pekinger Umweltministeriums gehen in der Volksrepublik jährlich 400 000 Todesfälle auf Umwelteinflüsse zurück.</p>
<p>Von den 20 Städten mit der schlechtesten Luft der Welt liegen 16 in China. Auch der größte Teil der Binnengewässer ist verseucht. Experten wie der streitbare Vize-Umweltminister Pan Yue warnen bereits davor, dass die ökologische Katastrophe die Chinesen in die Armut zurückstoßen werde, bevor sie ihr richtig entkommen seien.</p>
<p>Die volkswirtschaftlichen Folgekosten durch die Zerstörung der Natur könnten Chinas Wirtschaftswachstum bei weitem übersteigen, zeigen interne Daten des Umweltministeriums. Über hundert Milliarden Yuan (10 Milliarden Euro) soll allein die Säuberung des 2007 gekippten zentralchinesischen Tai-Sees kosten, in den 1300 Fabriken jahrelang ungeklärte Abwässer leiteten, obwohl er Millionen Menschen als Trinkwasserquelle diente und Tausende Fisch- und Krabbenfarmen beherbergte.</p>
<p>«Wenn die Menschen solche Nachrichten lesen, verwundert es nicht, dass viele das Vertrauen in die Lebensmittelindustrie verlieren», sagt Pan Wenjing, Leiterin des Projekts Lebensmittel und Landwirtschaft bei Greenpeace in China. «Deswegen finden immer mehr, dass sie sich ­aktiv darum kümmern sollten, was sie essen.»</p>
<p>In einer Studie fand Pan Wenjing heraus, dass nur eine Minderheit der chinesischen Supermarktbetreiber ein Qualitätsprogramm für ihre Lebensmittel hat und dies für die Kunden auch transparent darstellt. Führend ist dabei die französische Ladenkette Carrefour, an letzter Stelle befindet sich der amerikanische Konkurrent Walmart. Von den Versäumnissen der Großen profitieren kleine Biofarmen wie im Dorf Liuminying. Allerdings stand dort am Anfang der Ökobewegung kein neues Lebensgefühl oder kritisches Bewusstsein, sondern reine landwirtschaftliche Vernunft.</p>
<p>«Vor wenigen Jahrzehnten waren Chinas Bauern noch alle Ökobauern, denn es gab gar keinen Kunstdünger und keine Pestizide», sagt Zhang Guanghua, Parteisekretärin des grünen Dorfs Liuminying. «Erst die Modernisierung hat uns dazu gebracht, unsere bewährten Anbautechniken aufzugeben.» Die Endfünfzigerin empfängt ihre Gäste in dem leicht überproportioniert wirkenden Sitzungssaal des Rathauses. Zum Gespräch serviert sie Wassermelonen, von denen sie stolz erzählt, sie würden auf einem abgesperrten Feld angebaut, weil sie eigentlich exklusiv für die Küchen des Pekinger Regierungsviertels Zhongnanhai und nicht zum Verkauf bestimmt seien. «Unsere Führung isst ausschließlich grüne Lebensmittel», sagt Zhang. Doch daran war noch nicht zu denken, als die Bauern von Liuminying Ende der 1970er Jahre begannen, den Weg in Richtung Ökolandwirtschaft zu beschreiten.</p>
<p>Am Anfang waren kalte nordchinesische Winternächte. «In unserer Gegend gibt es nicht viel Brennmaterial, so dass wir teure Kohle kaufen mussten», erinnert sich Zhang, die damals die Frauenbeauftragte des Dorfkollektivs war. Zufällig erfuhr sie von der Möglichkeit, mit Agrarabfällen Faulgasanlagen zu betreiben und damit Gas zum Kochen und Strom für Glühbirnen zu generieren. Mit Hilfe von Ingenieuren der Pekinger Landwirtschaftsuniversität installierte sie eine Versuchsanlage. Bald folgten ein zweiter und ein dritter Biogasgenerator. «Es zeigte sich, dass wir damit ein grundlegendes Versorgungsproblem unserer Region gelöst hatten», erzählt sie. Die Initiative fand politische Beachtung. 1987 erhob das Pekinger Amt für Umweltschutz und Energie Liuminying zu einem Modellprojekt und befahl den örtlichen Parteikadern, weitere Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.</p>
<p>Als nächstes kam das Dorfkomitee auf die Idee, nach der weitgehenden Unabhängigkeit von externen Energielieferungen auch bei Düngemitteln autark zu werden. So wurde ein beträchtlicher Teil des Getreides, das auf den Feldern des Ortes wuchs, eingesetzt, um eine Hühnerzucht mit über 200 000 Hennen aufzubauen. Ihre Eier liessen sich gut verkaufen, und der Mist wurde als Dünger eingesetzt. Das war einigermaßen profitabel, wenn auch nur zufällig ökologisch; und hätte nicht der Status als Modelldorf die Bauern dazu gezwungen, ihre Standards aufrechtzuerhalten, hätten sie in den 1990ern womöglich auch zu den immer billigeren Landwirtschaftschemikalien gegriffen.</p>
<p>Doch dann begann um die Jahrtausendwende das Thema Umweltschutz in der Öffentlichkeit breite Beachtung zu finden. Wohlhabende aus der Pekinger Mittelschicht machten sich auf die Suche nach Lebensmitteln, auf deren Qualität Verlass war; und in Liuminying wurden sie fündig. Da das Land seit Jahren nur natürlich gedüngt worden war, sich in der Nähe keine Fabriken befinden und das Wasser zur Bewässerung aus einem eigenen, angeblich besonders tiefen Brunnen bezogen wird, konnte sich das Dorf schnell nach internationalen Standards zertifizieren lassen.</p>
<p>Auch Chinas Regierung erließ damals eigene Ökostandards. «Wir haben ein Gewächshaus nach dem anderen gebaut und mussten sogar Arbeitskräfte von außerhalb anheuern, weil wir die Arbeit nicht allein bewältigen können», erzählt die Parteisekretärin. «Weil die Stadtbewohner für Gemüse mit grünem Zertifikat doppelt bis dreimal so viel zahlen wie für normales, ist unsere Landwirtschaft zu einem profitablen Geschäft geworden.»</p>
<p>Chinesische Ökovordenker wie der Agrarwissenschaftler Wen denken weiter und glauben, dass China gute Chancen habe, sich international als großes Exportland für kontrolliert biologische Produkte zu etablieren. Denn Obst- und Gemüseanbau ohne chemische Dünge- oder Pflanzenschutzmittel ist arbeitsaufwendig und deshalb wie geschaffen für die 750 Millionen Landbewohner Chinas, die bisher meist nur als Wanderarbeiter in den Städten ein anständiges Einkommen verdienen können.</p>
<p>«Chinas Bauern werden von vielen als Belastung für unser Land gesehen», sagt Wen, «dabei stellen sie in Wahrheit ein grosses Potential dar.» In einem offiziellen Weißbuch der Regierung wird dem «Aufbau nationaler Produktionsbasen für ökologische Lebensmittelproduktion» bereits «hohe Priorität» eingeräumt, und auch der Internationale Fonds für Landwirtschaft und Entwicklung (IFAD) der Vereinten Nationen sieht in China einen künftigen Großproduzenten von Bioprodukten.</p>
<p>Rund drei Millionen Hektaren Land sind in China für Biolandwirtschaft ausgewiesen – nur Australien hat flächenmäßig mehr. 2008 führte China immerhin schon ökologisch produzierte Waren im Wert von über 700 Millionen Franken aus, wobei es sich grösstenteils um Rohstoffe wie Sonnenblumenkerne oder Sojabohnen handelte. Doch leicht haben es die chinesischen Exporteure nicht. Denn wer will garantieren, dass in chinesischen Biolieferungen auch tatsächlich Bio drin ist?</p>
<p>«Die Zertifizierung ist in China ein gewaltiges Problem», heißt es deshalb bei IFAD. «Die ökologische Landwirtschaft steht technisch, intellektuell und kulturell vor großen Herausforderungen.» Zwar verfügt auch China über Zertifikate, deren Standards zumindest auf dem Papier internationalen Vergleichen standhalten. Doch das Image der chinesischen Produktkontrolleure ist schlecht – selbst bei chinesischen Konsumenten. «Letztlich ist man in China vor Betrug und Korruption nie sicher», sagt der Liuminying-Kunde Wang. «Aber da ich jede Woche sehe, wie die Bauern hier arbeiten, glaube ich ihnen einfach, etwas anderes bleibt mir nicht übrig.»</p>
<p>Ausländische Importeure können es dagegen nicht beim Vertrauen lassen und sehen sich deswegen häufig gezwungen, selbst nach europäischen Standards zu testen. «China hat als Ökostandort großes Potential, aber bis das ausgeschöpft wird, ist es noch ein weiter Weg», sagt der für China zuständige Einkäufer einer französischen Reformhauskette. «Wir beziehen zwar schon einiges aus China, aber wir haben immer Angst, dass dabei etwas schiefgeht.»</p>
<p>Trotzdem steigen erste internationale Unternehmen ins Ökogeschäft ein. So hat etwa der japanische Lebensmittel- und Brauereikonzern Asahi in der Provinz Shandong 100 Hektar Land gepachtet, um dort Bioprodukte herzustellen. Auch die Provinz Heilongjiang, die mit 1,59 Millionen Hektar mehr als die Hälfte des chinesischen Ökolandes aufweist, hofft auf ausländische Investoren. «Heilongjiang hat gute Umweltbedingungen und ist sehr wettbewerbsfähig», wirbt das Büro für die Entwicklung von Ökolandwirtschaft in der Provinzregierung. Auch chinesische Konzerne streben die Großproduktion an, etwa Chaoda Modern Agriculture, einer der größten chinesischen Ökolandwirtschaftskonzerne, der über 30 000 Hektar Land verfügt.</p>
<p>Obwohl ehrgeizige Großunternehmen helfen könnten, Chinas Ökoindustrie auf ein höheres und professionelleres Niveau zu heben, sind die Projekte nicht jedem geheuer. Biologisch ausgerichtete Landwirtschaftskonzerne würden zu den gleichen Fehlern neigen wie herkömmliche, fürchtet etwa Shi Yan. «Wenn die Menschen den Überblick über die Lebensmittel behalten wollen, die sie essen, müssen wir lokal denken, nicht global», meint die Pekinger Agrarwissenschafterin. Zwar sei der Aufbau einer großen Lebensmittelindustrie unvermeidlich. Immerhin muss die Volksrepublik mehr als einen Fünftel der Weltbevölkerung ernähren, obwohl sie nur über sieben Prozent des global vorhandenen Ackerlands verfügt.</p>
<p>Dass die Chinesen in den Städten innerhalb nur einer Generation das Gefühl dafür verloren haben, woher ihre Lebensmittel kommen, ist für Shi ein Problem – eines, dass ihr in seiner ganzen Tragweite allerdings erst bewusst wurde, als sie 2008 als Promotionsstudentin in die USA ging. Dort lernte sie das Konzept der «Community-supported agriculture» kennen, bei der Landwirte und Konsumenten eine enge Gemeinschaft bilden. «Die Verbraucher geben den Bauern eine Abnahmegarantie und haben dafür vollen Einblick in die Produktion», erklärt Shi. «Es ist darum we niger ein Kunden-Hersteller-Verhältnis als eine Partnerschaft.»</p>
<p>Zurück in Peking, machte sie sich auf die Suche nach einem Dorf, dessen Bauern zu einem vergleichbaren Projekt bereit waren, und eröffnete im Frühjahr 2009 in den Phönix-Bergen am nördlichen Stadtrand eine Gemeinschaftsfarm mit dem Namen «Kleiner Esel». Stadtbewohner können sich hier für rund 2500 Yuan (250 Euro) eine Parzelle von dreißig Quadratmetern mieten und entweder selbst beackern oder gegen eine Gebühr von den Bauern betreuen lassen. Alle Beteiligten sind verpflichtet, sich an die Standards für Ökolandwirtschaft zu halten.</p>
<p>Über hundert Familien aus der Stadt sind bereits Anteilseigner bei der Kleinen-Esel-Farm. Insgesamt ist für rund 300 Parteien Platz. «Viele Leute kommen am Wochenende und genießen es, auf ihrem eigenen Feld arbeiten und ernten zu können», sagt Shi. «Und sie haben absolute Sicherheit, dass sie hier beste Qualität bekommen.» Rund 200 Kilogramm Gemüse kann jeder Anteilseigner im Jahr mitnehmen, wobei Shi die Farm nur in den Monaten Mai bis Oktober bewirtschaften lässt. «Wir sind gegen antizyklische Landwirtschaft», sagt sie. «In Nordchina kann man im Winter nun einmal nichts anbauen.» So werde den Teilnehmern des Projekts bewusst, wie sehr die moderne Gesellschaft von Lebensmitteln abhängig sei, die von weither geliefert würden.</p>
<p>«Ökologische Lebensmittel herzustellen ist nur eine Seite der Medaille», sagt Jiao Shoutian, Leiter des Pekinger Zentrums für Landwirtschaftsforschung. «Die andere Seite ist, dass Lebensmittel heute über weite Strecken transportiert werden, was an sich schon eine Umweltbelastung darstellt.» Zusammen mit Shi arbeitet Jiao derzeit an Konzepten, das Gemeinschaftsfarmkonzept in anderen chinesischen Städten zu verbreiten. «Der Ansatz hat einen hohen pädagogischen Wert», findet Jiao. Selbst wenn er das Problem, in China gesunde und umweltfreundliche Lebensmittel zu bekommen, nicht lösen kann, so kann er wenigstens deutlich machen, wo die Probleme liegen.</p>
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		<title>Saison der Schicksalsingenieure</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Feb 2010 14:31:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.</h3>
Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.</h3>
<p>Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte. &#8220;Wir sind gemeinnützig und arbeiten nicht für Geld, sondern nur, um den Menschen zu helfen&#8221;, versucht der Mitfünfziger zu erklären, warum das Büro nicht zu dem Eindruck passt, den er eigentlich von sich und seiner Arbeit vermitteln will. &#8220;Seit 32 Generationen ist es die heilige Aufgabe unserer Familie, Chinas alte Wissenschaften zu bewahren&#8221;, sagt er.</p>
<p>&#8220;Großmeister&#8221; steht als Berufsbezeichnung auf Peis Visitenkarte. Zur langen Liste seiner Ämter gehören der Vorsitz des Chinesischen I-Ging-Verbands, des Globalen Verbands für I-Ging-Kultur und des Globalen Feng-Shui-Verbands. Alle firmieren unter der gleichen Adresse. Wer nur die Internetauftritte kennt oder den wortgewandten Großmeister außerhalb seines Büros trifft, könnte tatsächlich denken, dass es sich bei den Verbänden um gewichtige Organisationen handelt. Denn Feng-Shui ist Chinas traditionelle Wissenschaft vom Wind und Wasser, die den Menschen helfen soll, sich in ihren Häusern im Einklang mit den Kräften der Natur einzurichten. Beim &#8220;I Ging&#8221; (wörtlich: &#8220;Buch der Wandlungen&#8221;) handelt es sich um einen jahrtausendealten philosophischen Text, der auch als Orakelbuch gedeutet wird und mit dem viele Chinesen bis heute in die Zukunft zu blicken hoffen. Doch der Besuch macht deutlich, dass hinter den scheinbar gemeinnützigen Verbänden eine Firma steckt, die für Feng-Shui-gläubige Bauherren die Kraftfelder der Erde vermisst oder I-Ging-überzeugten Chinesen ihr Schicksal auslegt &#8211; gegen eine &#8220;Aufwandspauschale&#8221;, wie Pei es nennt.</p>
<p>Egal, was man von Pei und seinen Geschäften hält, &#8220;Aufwandspauschalen&#8221; konnte er in den letzten Tagen jedenfalls viele kassieren, wie auch Tausende andere &#8220;Großmeister&#8221;, die in China ihre Dienste als Kenner traditioneller Wissenschaften anbieten. Denn am gestrigen 14. Februar haben die Chinesen ihr nach dem Mondkalender festgelegtes Neujahrsfest gefeiert. Viele versuchten vorher mit Hilfe von Feng-Shui-Meistern oder I-Ging-Auslegern gute Vorzeichen zu schaffen. &#8220;Wir helfen den Menschen, die Potenziale zu nutzen, die in ihrer Natur veranlagt sind&#8221;, erklärt Meister Ma, der sich als Taoist und I-Ging-Kenner bezeichnet. Traditionell glauben Chinesen nämlich, dass der Lauf des Schicksals nicht fest ist, sondern sich steuern lässt. Ihre Götter und Geister wandern nicht auf unergründlichen Pfaden, sondern gleichen eher Geschäftspartnern, mit denen man kooperieren kann. Je nach Aufwand kostet eine Götterbeschwichtigung bei Meister Ma monatlich bis zu 1000 Yuan (100 Euro).</p>
<p>Die Mehrheit der Chinesen ist allerdings mit weitaus geringerem finanziellem Aufwand ins neue Jahr gestartet, wenn auch nicht ohne Beachtung Dutzender Glücksregeln, die in China zum Neujahrsfest gehören wie im Westen der Tannenbaum zu Weihnachten. Am chinesischen Silvesterabend werden traditionell Teigtaschen gefüllt, und zwar unbedingt eine gerade Anzahl. Außerdem müssen in der Neujahrsnacht neue Unterwäsche und Socken getragen werden. Vor die Türen werden fünf Tage lang rote Laternen gehängt.</p>
<p>Landesweit feierten Menschen mit gewaltigem Feuerwerk den Jahreswechsel. Das soll böse Geister vertreiben und am besten so viel Rauch produzieren, dass noch bei Sonnenaufgang die Schwaden über den Städten hängen. &#8220;Nach der Böllerei zu urteilen, wird es ein gutes Jahr&#8221;, sagt ein Pekinger Feuerwerksverkäufer. Sehr große Bedeutung hat auch der zwölfjährige Tierzyklus: Nach dem Ochsenjahr kommen die Chinesen nun ins Tigerjahr. Für Menschen, die im Jahr des Tigers geboren sind, beginnen damit zwölf gefährliche Monate, denn das eigene Jahr ist nach traditionellem Glauben stets das schlimmste. Um Unglück von sich abzuwenden, sollten sie deshalb am Neujahrsmorgen zwischen sieben und neun Uhr etwas Rotes anziehen und fortan für den Rest des Jahres stets etwas Rotes am Leibe tragen.</p>
<p>Vor allem rote Unterhosen haben deshalb derzeit reißenden Absatz. Auch der Bewegungsradius der ersten Tage des Jahres ist streng geregelt. Weite Reisen sollten vermieden werden. Außerdem sollte man im ersten Monat nicht zum Friseur gehen, denn damit könnte man den Tod eines Verwandten bewirken. Am zweiten Tag des zweiten Mondmonats haben die Friseurläden dafür dann Hochbetrieb, weil an diesem Tag &#8220;der Drache den Kopf hebt&#8221; &#8211; und damit auch die Menschen sich eine neue Frisur zulegen sollten. Häufig werden Neujahrsausflüge genutzt, um den Göttern konkrete Wünsche zu übermitteln. So besuchen Pekinger den Lingguang-Tempel, um dort eine Karriere zu erbitten, oder den Guanji-Tempel, wenn es Eheprobleme gibt. Im Fayuan-Tempel kann man sich Kinder wünschen und im Tempel des Weißen Turms Gesundheit &#8211; weswegen es nebenan reihenweise Apotheken gibt, die auch an Feiertagen öffnen.</p>
<p>Kaum einer weiß noch, woher diese Bräuche kommen, doch viele Chinesen beachten sie, zumindest am Jahresanfang. Und die professionellen Glücksingenieure sorgen dafür, dass die Bräuche aufrechterhalten werden. &#8220;Ich weiß, dass nicht alle Menschen uns ernst nehmen&#8221;, sagt Ma. Aber schon die Existenz der Branche sei ein Beweis dafür, dass sie den Menschen praktischen Nutzen bringe. &#8220;Bei mir bekommen sie die Gewissheit, dass ihr Schicksal in guten Händen ist&#8221;, sagt er.</p>
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		<title>Mord im Namen des Volkes</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 03:26:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1761" title="Petition für Zhang Xuping (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping-221x300.jpg" alt="" width="106" height="144" /></a>"Es war ein guter Stich", sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1766" title="Zhang Xupings Eltern mit Bild (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>&#8220;Es war ein guter Stich&#8221;, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken.</p>
<p>Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro). Das ist nicht wenig Geld für einen armen Tagelöhner und Kleinkriminellen wie Zhang Xuping, und doch stand der finanzielle Anreiz für den Teenager nicht im Vordergrund. Zhang hasste Li Shiming nicht weniger als sein Auftraggeber, ein alter Bekannter. Jahrelang hatten die Familien der beiden unter der Tyrannei des Parteisekretärs gelitten, so wie die meisten der tausend Einwohner von Xiashuixi, einem Dorf in der zentralchinesischen Provinz Shanxi.</p>
<p>Mehrfach hatte die Bevölkerung versucht, Lis Machenschaften anzuzeigen, doch die Beamten stellten sich taub &#8211; schließlich profitierten sie von den korrupten Geschäften des Parteisekretärs. Wer dagegen aufbegehrte, bekam es mit Lis Schlägertrupps zu tun &#8211; bis Zhang Xuping am 23. September 2008 die Bestrafung selbst in die Hand nahm. Deshalb gilt er heute als Held, in Xiashuixi und weit über die Grenzen der Stadt hinaus.</p>
<p>&#8220;Wenn die Regierung und die Partei nicht in ihren eigenen Reihen aufräumen, muss das Volk es selbst tun&#8221;, sagt Zhangs älterer Bruder. &#8220;Es sollte eine Warnung an alle korrupten Beamten sein.&#8221; Er zeigt einen Stapel von Papieren: 20 699 Bewohner von Xiashuixi und der nahen Kreisstadt Lishi haben mit ihren Namen und Fingerabdrücken eine Petition unterzeichnet, die Zhang Xupings Leben retten soll. &#8220;Die Menschen hier wissen, dass es ein gerechter Mord an einem bösen Beamten war&#8221;, sagt der Bruder.</p>
<p>Als Zhang Xuping im Oktober der Prozess gemacht werden sollte, demonstrierten vor dem Gericht mehr als tausend Menschen. Die nervösen Behörden ließen das Gebäude von bewaffneten Polizisten abriegeln und sagten das Verfahren ab. Doch Anfang Januar wurde der Prozess nachgeholt und Zhang Xuping &#8211; ebenso wie sein Auftraggeber &#8211; zum Tode verurteilt. Nur das Oberste Gericht in Peking kann ihn noch retten. Eine Revision des Urteils wäre für die Kommunistische Partei eine Chance, bei Tausenden Menschen ein wenig Vertrauen in ihr System zurückzugewinnen. Denn die Geschichte des Mordes von Xiashuixi ist die Geschichte eines staatlichen Totalversagens.</p>
<p>&#8220;Mein Sohn hat die Menschen in unserem Dorf vor einem schlimmen Mann befreit&#8221;, sagt die Mutter des Täters, Wang Houe. &#8220;Selbst wenn er hingerichtet wird, war sein Leben nicht umsonst.&#8221; Sie sitzt auf dem Bett unter dem geschwungenen Dach ihres Bauernhauses. An den gekalkten Wänden hängen Bilder von Ahnen und Glückszeichen aus rotem und goldenem Glitzerpapier. &#8220;Wir haben immer auf Glück gehofft, aber von denen dort wird es nicht kommen&#8221;, sagt sie und deutet auf die Chinakarte über dem Bett und auf die Hauptstadt Peking. Dann holt sie ein Bild von Zhang Xuping, dem jüngsten ihrer drei Kinder. Es ist in einem Internetcafé aufgenommen worden und zeigt einen Jungen mit frecher Frisur und ernsten Augen. Eigentlich habe sie sich für ihn eine gute Ausbildung gewünscht, sagt die 48-Jährige. Aber so wie es gekommen ist, sei sie trotzdem stolz auf ihn.</p>
<p>Auch von Parteisekretär Li Shiming hat Wang ein Foto. Darauf sieht man einen lächelnden Mann mit fleischigem Gesicht. Es sind die gut genährten und selbstbewussten Züge vieler chinesischer Beamter. Sie werden im Volk spöttisch &#8220;naoman changfei&#8221; genannt: &#8220;Der Kopf ist genauso gefüllt wie der Darm.&#8221;</p>
<p>Hinter Ausdrücken wie diesen versteckt sich vielerorts der Hass auf das System, der offen nicht ausgesprochen werden darf. Denn so sehr sich die Kommunistische Partei als Kraft der Armen und Unterdrückten darzustellen versucht, so sehr ist ihr vielerorts die Kontrolle über ihr Selbstbild entglitten. Korruption im Staatsapparat ist nicht die Ausnahme, sondern die Norm, insbesondere auf dem Land, wo 55 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen leben. Da keine Gewaltenteilung die Macht lokaler Kader begrenzt, plündern sie häufig die Ressourcen ihrer Region, ohne dass die Menschen sich dagegen wehren könnten.</p>
<p>In Xiashuixi begann der Konflikt Ende der 90er-Jahre, als Li Shiming in großem Maßstab Bauern enteignete. Rund 27 Hektar Land soll er befreundeten Bauunternehmern zugeschanzt haben. Entschädigungen wurden nicht gezahlt. Das rückständige Xiashuixi erhielt Geschäfte und mehrstöckige Gebäude und ist heute schon mit der 500 000-Einwohner-Kreisstadt Lishi zusammengewachsen. Es ist die Art Fortschritt, den die Regierung in ihren Entwicklungsstatistiken sehen wollte, der jedoch den Bauern die Lebensgrundlage entzog. Als diese sich zu beklagen begannen, schlug der Parteisekretär hart zurück. &#8220;Schwarze Bande&#8221; nannten die Bewohner die Schlägertrupps, mit denen Li die Bürger im Schach zu halten versuchte.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1768" title="Zhangs Bruder mit Petitionen (Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>2002 beschlossen 24 Bewohner, in der Provinzhauptstadt Taiyuan eine Petition einzureichen, doch Li konnte sie stoppen. Wenige Tage später wurden neun von ihnen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine von ihnen war Zhang Xupings Mutter Wang Houe. Jeden dritten Tag sei sie von den Wärtern malträtiert worden, erzählt sie. &#8220;So wollte Li uns zum Schweigen bringen&#8221;, sagt sie. Weil sie sich nicht einschüchtern ließ, sei sie in den Folgejahren noch mehrfach inhaftiert worden. &#8220;Einmal hat die Schwarze Bande sogar unser Haus verwüstet.&#8221; An dem Ort, wo die Familie einst ihre Obstbäume pflegte, steht heute ein Hotel. &#8220;Das ist alles Lis kleines Reich&#8221;, sagt Wang Houe.</p>
<p>Dutzende Bewohner können ähnliche Geschichten von vergeblichem Widerstand erzählen. Zwanzig von ihnen haben durch Lis Misshandlungen bleibende Gesundheitsschäden davongetragen, heißt es. Einer von ihnen ist der 42 Jahre alte Bauer Li Haiting. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Beim Laufen stützt seine Frau seine linke Seite. Das rechte Bein zieht er mit einem Band nach, das an seinem Handgelenk befestigt ist. &#8220;In der Haft wurde er immer wieder geschlagen&#8221;, sagt seine Frau. &#8220;Eines Tages kam er aus dem Gefängnis und sah so aus.&#8221; Ärztliche Behandlung kann sich das Paar nicht leisten, und da die Pflege des Mannes eine Vollzeitbeschäftigung ist, leben die beiden von Almosen ihrer Verwandten. &#8220;Parteisekretär Li hatte ein schwarzes Herz, er hatte nichts anderes als den Tod verdient&#8221;, sagt Li Haitings Frau.</p>
<p>Dabei war der Tyrann einst einer von ihnen, ein Kind armer Bauer und ein enger Jugendfreund des heute behinderten Li Haiting. Auch Wang Houe kannte den Mann, den ihr Sohn einmal töten sollte, von klein auf. Weil Li zu den wenigen gehörte, die den Oberschulabschluss schafften, eröffnete sich ihm die Möglichkeit einer Karriere in der Kommunistischen Partei. &#8220;Das System hat ihn zu dem gemacht, was er war&#8221;, sagt die 68-jährige Bäuerin Liang Yingzheng. &#8220;Ich habe in meinem Leben viele Kader gesehen und ihre Geldgier und Willkür sind immer gleich.&#8221;</p>
<p>Um Wang Houes Widerstand zu brechen, ließ Li 2003 seinen Einfluss spielen und ihren damals 13-jährigen Sohn Zhang Xuping aus der Schule werfen. Der Junge wurde zum Kleinkriminellen. Als er bei einem Einbruch beim Schmiere Stehen erwischt wurde, bekam er eine ungewöhnlich harte Haftstrafe von einem Jahr. Seine Mutter sagt, er sei im Gefängnis geschlagen worden und habe drei Monate eine 18 Kilogramm schwere Eisenkette tragen müssen. Mit 14 Jahren versuchte Zhang sich umzubringen, indem er sich die Pulsadern aufschnitt.</p>
<p>Trotz dieser Vorgeschichte interessierte sich das Gericht nicht für die Motive des Mörders. Da Zhang geständig ist, sahen die Richter keinen Anlass, sich ausführlich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Zwar hat die Regierung inzwischen einigen von Lis Opfern nachträglich Entschädigungen gezahlt. Doch eine vollständige Aufklärung gibt es bisher nicht. Auch in chinesischen Medien wurde nur wenig über den Fall berichtet &#8211; obwohl Zhang Xuping in vielen Internetforen zum Star geworden ist.</p>
<p>Da es kaum im Interesse der Regierung sein kann, einen Präzedenzfall von Strafminderung für Selbstjustiz gegen Parteikader zu schaffen, erwarten die Bürger von Xiashuixi, dass Pekings Oberstes Gericht das Todesurteil in den kommenden Monaten bestätigen und dann vollstrecken lassen wird. Nur eines könnte ihren Sohn retten, sagt Wang Houe: Geld. &#8220;Wenn wir reich oder einflussreich wären, könnten wir die Richter kaufen.&#8221; Li Shiming habe das selbst gesagt, als er einst seinem heute behinderten Jugendfreund einen Job in seiner Schwarzen Bande anbot. &#8220;Mach dir keine Gedanken darüber, jemanden zu töten&#8221;, soll der Parteisekretär gesagt haben. &#8220;Wer zu mir gehört, dem kann nichts passieren.&#8221;</p>
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		<title>Westerwelle und Mr. Gay</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Jan 2010 02:48:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Polizei stoppt schwule Schönheitsparade – just am gleichen Tag, als Premier Außenminister Westerwelle mit Partner empfängt.</h3>
Es war spät am Freitagabend, Guido Westerwelle und sein Partner Michael Mronz dinierten im Kreis von Diplomaten, Geschäftsleuten und Journalisten im edlen Pekinger China Club, als Außenministeriumssprecher Andreas Peschke seinem Chef eine pikante Handynachricht zu lesen gab: In einer nahegelegenen Bar haben Polizisten gerade Chinas ersten Schönheitswettbewerb für homosexuelle Männer verhindert...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Polizei stoppt schwule Schönheitsparade – just am gleichen Tag, als Premier Außenminister Westerwelle mit Partner empfängt.</h3>
<p>Es war spät am Freitagabend, Guido Westerwelle und sein Partner Michael Mronz dinierten im Kreis von Diplomaten, Geschäftsleuten und Journalisten im edlen Pekinger China Club, als Außenministeriumssprecher Andreas Peschke seinem Chef eine pikante Handynachricht zu lesen gab: In einer nahegelegenen Bar haben Polizisten gerade Chinas ersten Schönheitswettbewerb für homosexuelle Männer verhindert. Die zufälligerweise zeitgleich zum Besuch des deutschen Außenministers angesetzte Wahl zum „Mr. Gay China“ war auch in der Delegation Gesprächsthema gewesen. Schließlich waren Westerwelle und Mronz noch am Nachmittag gemeinsam von Chinas Premier Wen Jiabao empfangen worden – offenbar das erste Mal, dass Pekings Regierungschef bei einem Staatsbesuch ein schwules Paar begrüßte.</p>
<p>Das überraschende Verbot der Schwulenshow ist ein herber Schlag im Kampf chinesischer Homosexueller um Gleichberechtigung. Zwar ist die gleichgeschlechtliche Liebe in der Volksrepublik seit 1997 nicht mehr illegal und wird seit 2001 auch nicht mehr als „mentale Störung“ eingestuft. Doch in der Öffentlichkeit wird das Thema weiterhin stark tabuisiert.</p>
<p>Umso positiver überrascht waren Chinas Schwule, als die Wahl zum „Mr Gay China“ in den Tagen vor der Veranstaltung Unterstützung von höchster Stelle zu erhalten schien. Zahlreiche offizielle Medien schrieben über das Event. „Mr. Gay braucht Verständnis“, kommentierte die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Die konservative Global Times bemerkte stolz, wie sehr die wachsende Toleranz Chinas internationalem Ansehen nütze: „Die ausländischen Medien zeigen großes Interesse an Chinas erstem Mr. Gay Schönheitswettbewerb.“ Der Sieger sollte im Februar zum weltgrößten schwulen Schönheitswettbewerb nach Oslo reisen.</p>
<p>Doch daraus wird nun nichts. Nur eine Stunde vor Beginn des Programms übernahm die Polizei des Kommando in der edlen Lan-Bar, einer der vornehmsten Adressen der chinesischen Hauptstadt. Organisatoren und Teilnehmer wurden zum Teil stundenlang verhört. Offiziell erklärten die Beamten ihre Intervention damit, dass Bühnenvorführungen gesonderte Genehmigungen benötigten. Doch das dürfte nur ein Vorwand sein: In Pekings Bars und Clubs finden jedes Wochenende hunderte Shows statt, ohne spezielle Lizenz.</p>
<p>Schwulenaktivisten berichten von regelmäßigen Repressalien der Behörden. So bekam die Pekinger Nichtregierungsorganisation Aizhixing, die sich für Aids-Patienten und die Rechte von Homosexuellen einsetzt, am Samstag mitgeteilt, sie müsse eine Feier zu ihrem 16jährigen Bestehen absagen. Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, war auch die Eröffnung der ersten, mit chinesischen Regierungsgeldern finanzierten Schwulenbar im südchinesischen Dali überraschend abgesagt worden. Drei Wochen später nahm sie dann allerdings doch den Betrieb auf. Unklar ist, inwieweit der Druck der Staatsmacht gezielt gegen Homosexuelle gerichtet ist, oder ob die Verbote Teil einer allgemeinen Kampagne gegen illegale und unerwünschte Organisationen sind.</p>
<p>Während die offiziellen Medien das Aus von „Mr Gay China“ nur kurz und unkommentiert vermeldeten, äußerten im Internet tausende Benutzer ihr Unverständnis. In einer Umfrage des Internetportals QQ nannten 57 Prozent der Teilnehmer das Verbot „unsinnig“. Zwölf Prozent gaben an, ärgerlich zu sein, elf Prozent äußerten ihr Mitgefühl. „Die Welt ist verrückt und die Entscheidung leider allzu chinesisch“, lautete ein Eintrag in einem Blogforum. „Es ist einfach nur ekelhaft.“ Ein anderer Benutzer kommentierte: „Ich verstehe nichts von Homosexualität, aber ich habe auch nichts dagegen. Es stört mich nicht, und solange sie damit glücklich sind, sollen sie das machen.“ Ein weiterer Kommentar wird noch deutlicher: „Für diese Sache muss man die Regierung kritisieren. China sollte einfach toleranter sein.“</p>
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		<title>Strafpunkte für Spucker</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Jan 2010 08:08:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hygiene]]></category>
		<category><![CDATA[Schweinegrippe]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die chinesische Stadt Guangzhou will unkultiviertes Verhalten hart bestrafen - bis hin zum Verlust der Wohnung.</h3>
Die Chinesen sind ein großes Kulturvolk - nur benehmen sie sich nicht immer so: Spucken ist in der Volksrepublik so weit verbreitet, dass die Unsitte zu den festen Bestandteilen des weltweiten Chinabilds gehört. Weil den Chinesen ihr unappetitlich beflecktes Image peinlich ist und das öffentliche Rachenputzen die Ausbreitung gefährlicher Krankheiten beschleunigt, versucht die Regierung immer wieder, mit Kampagnen die gute Kinderstube zu ersetzen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die chinesische Stadt Guangzhou will unkultiviertes Verhalten hart bestrafen &#8211; bis hin zum Verlust der Wohnung.</h3>
<p>Die Chinesen sind ein großes Kulturvolk &#8211; nur benehmen sie sich nicht immer so: Spucken ist in der Volksrepublik so weit verbreitet, dass die Unsitte zu den festen Bestandteilen des weltweiten Chinabilds gehört. Weil den Chinesen ihr unappetitlich beflecktes Image peinlich ist und das öffentliche Rachenputzen die Ausbreitung gefährlicher Krankheiten beschleunigt, versucht die Regierung immer wieder, mit Kampagnen die gute Kinderstube zu ersetzen. Die jüngste Initiative haben nun die Stadtväter des südchinesischen Guangzhou gestartet: Spucker müssen mit harten Strafen rechnen &#8211; bis zum Verlust ihrer Wohnung.</p>
<p>Wie aus einem Gesetzesentwurf auf der Internetseite des Büros für Landressourcen und Management hervorgeht, soll unkultiviertes Verhalten künftig mit einem Eintrag in ein städtisches Sündenregister geahndet werden. Wer auf die Straße spuckt, erhält drei Strafpunkte, ebenso wer falsch parkt, Zigarettenstummel wegwirft, an Hauswände pinkelt oder an einem öffentlichen Zaun seine Wäsche aufhängt. Wie hoch die damit verbundenen Geldbußen sein sollen, ist noch offen, aber zumindest die Höchststrafe ist bereits formuliert: Bewohner von öffentlich subventionierten Gebäuden, die sich als renitente Wiederholungstäter erweisen und innerhalb von zwei Jahren 20 Punkte ansammeln, könnten das Dach über ihrem Kopf verlieren. Mit dem System hofft man, eine &#8220;zivilisierte, hygienische, sichere und harmonische Umgebung zu schaffen&#8221;.</p>
<p>Bevor das Gesetz in Kraft tritt, soll noch die Öffentlichkeit nach ihrer Meinung zu dem Entwurf befragt werden. Nach den Erfahrungen in anderen Städten zu urteilen, sind die Erfolgsaussichten allerdings gering. So wurden 2003 in Peking, als die Lungenkrankheit Sars die Hauptstadt lahmlegte, schon einmal Strafzettel für Spucker verteilt. Doch kaum war die Krise überwunden, verschwanden die Hygienewächter und die Kleckse auf der Straße tauchten wieder auf. Zu den Olympischen Spielen 2008 schickte die Pekinger Regierung Benimmpolizisten auf die Straße, doch ihre Bemühungen beschränkten sich ausschließlich auf die Touristenattraktionen und Sportstätten. Im Rest der Stadt kamen die Spucker ungeschoren davon. Zwar behaupten chinesische Medien, die Maßnahmen hätten zu einer Verbesserung der Hauptstadthygiene geführt, doch belegen lässt sich das nicht, und die Alltagserfahrung vieler Pekinger spricht eher dagegen. Allen Strafen zum Trotz.</p>
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		<title>Hampelmanns Heimat</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Dec 2009 15:22:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Handel]]></category>
		<category><![CDATA[Produktsicherheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1688" title="Arbeiterin in der Firma Hexin" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/Arbeiterin-in-der-Firma-Hexin1-200x300.jpg" alt="Arbeiterin in der Firma Hexin" width="101" height="151" />Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. "Den hat meine Mama für mich geklaut", verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen - und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1682" title="Schleifer von Schaukeltierkufen bei der Firma Yifa" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/Schleifer-von-Schaukeltierkufen-bei-der-Firma-Yifa1-1023x726.jpg" alt="Schleifer von Schaukeltierkufen bei der Firma Yifa" width="393" height="279" />Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. &#8220;Den hat meine Mama für mich geklaut&#8221;, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen &#8211; und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas.</p>
<p>Diandian und ihre Eltern, die vor drei Jahren aus der armen Provinz Anhui in die südchinesische Industriestadt gezogen sind, haben kaum eine Vorstellung davon, welche Reise das Spielzeug aus ihrer Fabrik vor sich hat &#8211; ebenso wenig wie man sich am anderen Ende der Welt groß Gedanken über dessen Herkunft macht. Dabei stammen Hunderttausende Geschenke, die bald unter deutschen Weihnachtsbäumen liegen, aus Yunhe. Allerdings laufen hier nicht die billigen Plastikpuppen oder Stofftiere vom Band, die &#8220;Made in China&#8221; seinen zweifelhaften Ruf eingebracht haben. Yunhe fabriziert die Kinderzimmerausstattung der wirtschaftlich Privilegierten, ökologisch Aufgeklärten und pädagogisch Bewussten: Holzspielzeug.</p>
<p>Mindestens jedes zweite Bauklötzchen, Holzauto oder Schachspiel stammt aus Yunhe, schätzt man in der Branche. &#8220;Unser Weltmarktanteil liegt sicher bei fünfzig Prozent&#8221;, sagt Gao Jun, Vizedirektor von Yunhes Industriebehörde. &#8220;Es könnten aber auch zwei Drittel sein &#8211; so genau weiß das niemand.&#8221; So gut wie alle internationalen Spielzeugmarken lassen in Yunhe von chinesischen Unternehmen produzieren, auch die aus Deutschland, wo mehr Holzspielsachen verkauft werden als in jedem anderen Land.</p>
<p>In den Musterregalen der Hersteller finden sich Brettspiele von Ravensburger oder Stecksets von Coppenrath und Die Spiegelburg. Auch in Deutschland verkaufte Marken wie Sevi aus Italien oder Boikido aus Frankreich beziehen die Waren aus Yunhe, ebenso Großkonzerne wie Ikea und Toys &#8216;r&#8217; us.</p>
<p>Selbst die hölzernen Engelsfiguren, Pyramiden und Krippen, die derzeit hunderttausendfach auf deutschen Weihnachtsmärkten verkauft werden, sind zum großen Teil in den heißen Sommermonaten in Yunhes Akkordschnitzereien gefertigt worden. Verheimlichen lässt sich die chinesische Herkunft zwar nicht, aber oft wird sie verschleiert.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1685" title="He Bin, Besitzer der Firma Hexin" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/He-Bin-Besitzer-der-Firma-Hexin-300x263.jpg" alt="He Bin, Besitzer der Firma Hexin" width="300" height="263" />&#8220;Bei in Deutschland gefertigten Waren drucken die Hersteller ganz groß ,Made in Germany&#8217; auf die Packung, aber bei ihren chinesischen Auftragsprodukten kann man das Ursprungsland kaum finden&#8221;, sagt He Bin, Geschäftsführer von Hexin, einem der größten Unternehmen der Stadt. &#8220;Einige Marken behandeln es geradezu als schmutziges Geheimnis, dass sie in China produzieren lassen.&#8221; Dabei hätten Qualitätsskandale um vergiftetes oder unsicheres Spielzeug aus China, die in den vergangenen Jahren die Branche erschütterten und das Vertrauen in Namen wie Fisher Price oder Disney beschädigten, bisher nie Holzspielsachen betroffen. &#8220;Unsere Qualität steht der deutschen in nichts nach&#8221;, behauptet He, &#8220;und das zu einem Bruchteil des Preises&#8221;.</p>
<p>Obwohl Yunhe sich heute als &#8220;Heimatstadt des Holzspielzeugs&#8221; bezeichnet, ist der Ort keineswegs eine traditionelle Handwerkshochburg, sondern verdankt seine Berufung einer planwirtschaftlichen Ad-hoc-Entscheidung. Anfang der 70er-Jahre reiste der Leiter der lokalen Wirtschaftsbehörde nach Schanghai und besuchte unter anderem eine Holzspielzeugfabrik. An die üppigen Wälder seiner Heimat denkend, kam er auf die Idee, den Standortfaktor Holz zum Kern seiner Industrialisierungspolitik zu machen. Schon zwei Jahre später produzierten in Yunhe zehn kommunale Betriebe Spielzeug, Abakusse und Klappstühle, die von einer staatlichen Handelsfirma vertrieben wurden.</p>
<p>Als China sich dann Anfang der 80er dem Ausland öffnete, profitierte auch Yunhe. Die Stadt hat 200 000 Einwohner. Rund 150 000 Menschen sind in der Holzindustrie beschäftigt, etwa die Hälfte sind Wanderarbeiter aus anderen Provinzen. &#8220;Bei uns gehören mehr als 700 Unternehmen in der Holzspielzeugindustrie&#8221;, sagt Gao. Das sind neben den großen Fabriken auch Werkzeughersteller, Sägewerke und Holzhändler. Der Rohstoff wird heute größtenteils aus Russland importiert &#8211; die Bergwälder der Region sind längst abgeholzt.</p>
<p>Doch selbst wenn Produkte aus Yunhe europäische Normen erfüllen &#8211; die Herstellungsbedingungen tun es keineswegs. Die meisten Angestellten arbeiten zu Minimallöhnen, ohne Verträge und soziale Absicherung. &#8220;Wir kommen vom Land und haben nichts gelernt, deshalb können wir auch nicht viel verdienen&#8221;, sagt Diandians Mutter Liu Xiaoying. &#8220;Aber im Dorf gibt es für uns keine Perspektive, und wenig Geld ist besser als gar keins.&#8221; Zehn Stunden lang malt sie täglich mit einem spitzen Pinsel Pupillen in das Gesicht von Hampelmännern. Für jedes Auge erhält sie 1,7 chinesische Fen (0,17 Cent). An guten Tagen schafft sie bis zu 2 500 Farbtupfer &#8211; macht etwas über vier Euro. Das reicht gerade, um Diandian zur Grundschule zu schicken. &#8220;Wir können ihr nicht bei den Hausaufgaben helfen, wir können ja selbst nicht lesen und schreiben&#8221;, sagt die Mutter. &#8220;Sie muss das alleine schaffen.&#8221;</p>
<p>Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken beschränken sich meistens auf ein paar Schilder, die pro forma an der Wand hängen, aber kaum beachtet werden. So sind etwa die Arbeiter der Firma Yifa, die sich auf Schaukeltiere spezialisiert hat, Staub und Lackdämpfen völlig ungeschützt ausgesetzt. &#8220;Am Anfang hatte ich ständig Husten, aber man gewöhnt sich daran&#8221;, sagt ein 60-Jähriger, der mit einer einfachen elektrischen Schleifmaschine die runden Kufen glättet. Eine Zeit lang habe er versucht, mit Mullmaske zu arbeiten, doch damit ließ sich kaum atmen. Professioneller Lungenschutz ist nicht nur ihm, sondern auch den Fabrikbesitzern zu teuer. Wenn er nach einer Elf-Stunden-Schicht staubbedeckt zu seiner Familie zurückfährt, hat er fünf Euro verdient. In der Hauptsaison von August bis Oktober kommt er mit Überstunden auf bis zu neun Euro.</p>
<p>Fabrikbesitzer He Bin kennt die Vorwürfe, die im Westen gegen derartige Produktionsbedingungen erhoben werden. &#8220;Wir wissen, dass die Situation bei uns alles andere als optimal ist&#8221;, gibt er unumwunden zu. Zwar schicken einige Markenunternehmen wie sein Großauftraggeber Trudi aus Italien regelmäßig Inspektoren, um die Produktionsqualität und bestimmte ethische Mindeststandards zu kontrollieren. Aber auch die prominentesten Kunden scheuen sich nicht, ihre Zulieferer in einen gnadenlosen Preiskampf zu zwingen. &#8220;Die Hersteller unterbieten sich gegenseitig&#8221;, sagt He. &#8220;Wir sind das schwächste Glied in der Kette.&#8221;</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1692" title="Arbeiterin in der Firma Hexin" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/Arbeiterin-in-der-Firma-Hexin-300x243.jpg" alt="Arbeiterin in der Firma Hexin" width="300" height="243" />Durch die Finanzkrise, die auch in Yunhe zeitweise zu einem dramatischen Auftragseinbruch führte, sei die Lage noch schwieriger geworden. &#8220;Die Marken geben ihren Druck an uns weiter&#8221;, sagt He. &#8220;Wenn unsere Gewinnmargen sinken, steigen automatisch die Profite der Händler. Am Preis für die Endkunden ändert sich ja nichts.&#8221; Der deutsche Ladenpreis betrage in der Regel das Zehnfache der Herstellungskosten. Einige Marken schaffen es, ihre Produkte für das Zwanzigfache zu verkaufen.</p>
<p>Entsprechend gering ist der Wohlstand, der in Yunhe zurückbleibt. Glaubt man offiziellen Statistiken, erwirtschafteten die Fabriken 2008 zusammen 200 Millionen Euro. Das entspricht für die Beschäftigten einem Durchschnitts-Jahresverdienst von 1 300 Euro. In Wahrheit verdient das Gros der Arbeiter weitaus weniger, während den Besitzern der großen Fabriken Millioneneinkünfte bleiben. Wie dünn die Schicht derer ist, die mit Holzspielzeug gutes Geld verdienen, lässt sich an Yunhes Stadtbild ablesen. Nichts deutet darauf hin, dass der Ort Knotenpunkt einer globalen Industrie ist. Während in anderen chinesischen Industriestädten längst US-Fastfoodketten und internationale Markenläden um die besten Standorte konkurrieren, gibt es modernen Lifestyle in Yunhe nur als billige Kopie: Burger isst man im chinesischen Restaurant &#8220;Tigergeneral&#8221;, die besten Anzüge hat die Marke &#8220;Chairman&#8221; und ein Teehaus hat sich den scheinbar fortschrittlichen Namen &#8220;Original Espresso&#8221; gegeben. Während die technisierte Kunststoffbranche eine Vielzahl von Ingenieuren und geschulten Arbeitern braucht, kommen in der Holzverarbeitung größtenteils ungelernte Tagelöhner zum Einsatz. Das Spielzeug der deutschen Besserverdiener stammt also aus einer Armeleute-Industrie.</p>
<p>He Bin, dessen Vater Mitte der 80er-Jahre Yunhes erste Privatfabrik eröffnete, will das ändern und Holzspielzeug auch in China bekanntmachen &#8211; unter seiner eigenen Marke Benho. Bisher hat der chinesische Markt dafür nur ein Volumen von vier Millionen Euro, obwohl die Familien der städtischen Mittelschicht für die Förderung ihres &#8211; in der Regel einzigen &#8211; Kindes tief in die Tasche greifen. 18 eigene Läden hat He Bin schon. Als Werbung hat er einen Animationsfilm mit Holzspielzeugen produziert, der Kindern Umweltbewusstsein beibringen soll. 2010 soll daraus eine Fernsehserie werden. &#8220;Wenn Holzspielzeug in China ein ähnliches Image bekommt wie in Deutschland, sind unsere Probleme gelöst&#8221;, sagt He Bin. &#8220;Aber leider sind die Konsumgewohnheiten noch völlig umgekehrt: Holz gilt in China als altmodisch und Plastik als modern.&#8221;</p>
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		<title>Sichere Siege im 1+2+1-System</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Nov 2009 03:15:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.</h3>
Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.</h3>
<p>Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides? &#8220;Wir können für jede Spielsituation eine Wette anbieten&#8221;, sagt Zhang. &#8220;Aber bevor ich mehr erkläre, richten sie bitte erst ein Konto bei uns ein.&#8221;</p>
<p>Zhang Jie ist Agent der Internetwettplattform 888Crown.com. Wer genau hinter dem Forum steckt, ist ebenso dubios wie Zhangs wahre Identität, die hinter einer Handynummer verborgen bleibt. Doch sicher ist, dass er einer von tausenden chinesischen Wettvermittlern ist, die Millionen- und womöglich sogar Milliardensummen auf den internationalen Markt für Sportwetten schleusen. Kein Wunder, dass die Ermittler davon ausgehen, dass es im größten europäischen Fußballskandal eine Verbindung nach Asien und insbesondere nach China geben könnte. Dort sind Spielmanipulationen seit Jahren ein offenes Geheimnis, und auch wenn die Verbindung bisher noch nicht bewiesen ist, so scheint sie angesichts der hohen Einsätze zumindest eine gute Wette zu sein.</p>
<p>Im Oktober hatte Chinas Vizepräsident Xi Jinping während eines Besuchs bei Bayer in Leverkusen, wo er als Geschenk ein T-Shirt der Werksmannschaft erhielt, eingestanden, dass die Korruption für Chinas Fußball ein ernstes Problem darstelle. Die grassierenden Spielmanipulationen gelten als Hauptgrund, warum das bevölkerungsreichste Land der Erde trotz seiner großen Fußballbegeisterung auf der Weltrangliste der Fifa nur auf Platz 102 liegt, direkt hinter den Kap-Verde-Inseln. Erst vergangenen Freitag hob die chinesische Polizei einen illegalen Wettring aus und verhaftete fünfzehn Verdächtige, darunter den Trainer des Zweitligisten Qingdao Hailifeng und mehrere Spieler.</p>
<p>Für zahlreiche chinesische Fußballklubs sind die Gelder aus Wettmanipulationen eine der wichtigsten Einnahmequellen, glaubt der Journalist Yang Ming, Autor des Enthüllungsbuchs &#8220;Schwarze Pfeife&#8221;. So wie Fußballtrainer setzen auch die Manipulatoren auf unterschiedliche Aufstellungen. Mit &#8220;einem Mann&#8221; zu spielen bedeutet, den Schiedsrichter zu bestechen. Rund 10 000 Euro kostet es, um aus einem Unparteiischen einen Parteiischen zu machen. Doch da die Macht der Pfeife begrenzt ist, gilt die Konstellation &#8220;1+2&#8243; als verlässlicher, womit in der Regel der Torwart und zwei Verteidiger gemeint sind.</p>
<p>Die sicherste Wette erhält man mit der Aufstellung &#8220;1+2+1&#8243;, bei der man neben dem Tormann und der Abwehr noch eine weitere Schlüsselposition besetzt, wahlweise den Spielmacher, den Stürmer, den Trainer oder einen Spieler des anderen Teams. 60 000 Euro muss man dafür investieren. Der damit zu erzielende Gewinn dürfte den Einsatz um ein Vielfaches übersteigen.</p>
<p>Welche Summen durch die Hände der chinesischen Buchmacher gehen, lässt sich nur schwer abschätzen. Die Spekulationen liegen allgemein im ein- bis zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich und beruhen auf Fällen wie dem des Untergrundwettpaten Qian Baochun. Der 41-Jährige soll rund 660 Millionen Euro mit Fußballwetten im Internet umgesetzt haben, insbesondere während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006. Anfang des Jahres wurden Qian mit 18 Komplizen zu einer langen Haftstrafe verurteilt.</p>
<p>Denn Wett- und Glücksspiele sind in China illegal. Dabei haben sie eine lange Tradition, vom Mah-Jongg-Spiel bis zum Grillenkampf. Doch als die Kommunisten 1949 die Volksrepublik gründeten, de- kretierten sie, dass das sozialistische Paradies auf ehrlicher Arbeit aufgebaut sein solle, nicht auf glücklichem Kapitaleinsatz. Zwar rückte die Regierung in den Achtzigern von ihren marxistischen Maximalforderungen ab und gründete im Zuge der Marktwirtschaftsreformen auch zwei staatliche Lotterien.</p>
<p>Die vom Ministerium für Zivile Angelegenheiten sowie der Allgemeinen Sportverwaltung betriebenen Losbuden setzen im Jahr über vier Milliarden Euro um und zeigen, wie groß die Bereitschaft der Chinesen ist, ihr Geld gelegentlich dem Zufall zu überlassen.</p>
<p>Doch diese Ausnahmen dienen der Bestätigung der Regel &#8211; und der Bereicherung der verantwortlichen Beamten, wie der chinesische Rechnungshof bereits mehrfach feststellte.</p>
<p>Trotzdem hat sich das Wettgeschäft inzwischen im Internet seine eigenen Plattformen geschaffen. Tausende Webseiten bieten dort Sportwetten an. Gestaltet sind sie nach dem Muster internationaler Vorbilder, bei denen man sich ein Wettguthaben einrichten und dann online auf hunderte Sportereignisse in China und aller Welt setzen kann. Auch Live-Wetten während des Spiels sind möglich, etwa auf den Halbzeitstand oder die Zahl der Ecken.</p>
<p>Allerdings handelt es sich bei den meisten Internetseiten um die Angebote von chinesischen Vermittlern, die mit internationalen Buchhaltern kooperieren. So wie Zhang Jie. &#8220;Weil Wetten in China offiziell verboten sind, ist unsere Hauptseite 888Crown.com seit einiger Zeit gesperrt&#8221;, sagt er am Telefon. &#8220;Über unsere Webseite kann man die Angebote aber immer noch in Anspruch nehmen.&#8221;</p>
<p>88756.com heißt Zhangs Spiegelseite, und sollte sie ebenfalls blockiert werden, hat er schon Ausweichadressen parat. Die Wettkonten &#8211; Mindesteinsatz 200 Euro &#8211; bleiben in jedem Fall gültig, behauptet er. Das Geld läuft über Konten bei großen staatlichen Geldhäusern wie der Bank of China. Wer dem Onlinebroker nicht vertraut, kann ihn auch persönlich treffen. &#8220;Die meisten meiner Kunden kenne ich direkt&#8221;, sagt Zhang. Einige haben bei ihm sogar eine Kreditlinie. &#8220;Jeder weiß, dass ich Möglichkeiten habe, mein Geld zurückzufordern, wenn jemand mich betrügen will&#8221;, spielt er auf seine Kontakte in der Unterwelt an.</p>
<p>Doch auch in der Polizei und in anderen Behörden muss die chinesische Wettmafia über beste Kontakte verfügen. Schließlich macht sie aus ihren Aktivitäten kein Geheimnis, sondern wirbt offen im Internet um Agenten. So bietet das Forum Wewbet.com, das offiziell von den Philippinen aus operiert, von dort aber eine chinesischsprachige Telefonhotline betreibt, sein Konzept als Franchising an.</p>
<p>Regionale Vermittler müssen einmalig einen Wetteinsatz von 300 000 Euro vorweisen und danach täglich mindestens 10 000 Euro umsetzen. Dafür bekommen sie die notwendige Software mit Anschluss an die umfangreichen Datenbanken, auf denen die Wahrscheinlichkeitsberechnungen beruhen. Am Gewinn werden sie je nach Umsatz mit fünf bis 15 Prozent beteiligt. Einige Buchmacher sollen an Wochenenden für ihre Kunden ganze Internetcafés mieten, damit sie ihre Wetten platzieren können, will der Blogger Wang Suixue beobachtet haben.</p>
<p>Denn Wetten macht süchtig, und die Szene sucht sich ihre Kunden in allen Gesellschaftsschichten. So flog vergangenes Jahr ein Wett-Netzwerk an chinesischen Mittelschulen auf. Hunderte Schüler setzten dort per SMS auf Fußball- und Basketballspiele. Der Geldverkehr lief über mehrere Schüler, die dafür von den Hintermännern eine Kommission erhalten. Bekannt wurden die illegalen Transaktionen erst, als ein Schüler und seine Eltern nach Verlusten von mehreren hunderttausend Euro bei den Behörden Schutz vor den gewalttätigen Schuldeneintreibern suchten.</p>
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