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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Gesellschaft</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Chinas Sorgenkinder</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 00:48:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Die Angst chinesischer Eltern um ihren Nachwuchs wächst, seit sich Entführungen, Impfskandale und Unfälle häufen. Der Staat versagt.</h3>
Vierte Stunde. "Ethik und Moral" steht auf dem Unterrichtsplan. Die Achtklässler der Pekinger Chen-Jinglun-Schule springen zackig von ihren Pulten auf und verbeugen sich tief. "Guten Morgen, Frau Lehrerin", rufen sie im Chor, stehen einen Moment lang stramm wie ein Paradebataillon und schnellen dann zurück in die Bänke. "Wir behandeln heute ein sehr aktuelles Thema", verkündet die Lehrerin. "Wie können wir uns vor Gefahren schützen?"...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Angst chinesischer Eltern um ihren Nachwuchs wächst, seit sich Entführungen, Impfskandale und Unfälle häufen. Der Staat versagt.</h3>
<p>Vierte Stunde. &#8220;Ethik und Moral&#8221; steht auf dem Unterrichtsplan. Die Achtklässler der Pekinger Chen-Jinglun-Schule springen zackig von ihren Pulten auf und verbeugen sich tief. &#8220;Guten Morgen, Frau Lehrerin&#8221;, rufen sie im Chor, stehen einen Moment lang stramm wie ein Paradebataillon und schnellen dann zurück in die Bänke. &#8220;Wir behandeln heute ein sehr aktuelles Thema&#8221;, verkündet die Lehrerin. Mit einem Mausklick erscheint ein Video auf einer Leinwand, ein Ausschnitt der Hauptnachrichten von vor wenigen Tagen: In der Provinz Gansu ist ein Minibus mit Kindergartenkindern verunglückt. In dem für neun Personen zugelassenen Fahrzeug befanden sich 62 Kinder, 19 von ihnen starben, die übrigen wurden verletzt. &#8220;Auf Kinder wie euch lauern in der heutigen Gesellschaft viele Gefahren&#8221;, sagt die Lehrerin und wendet sich mit ihrer Kreide der Tafel zu. &#8220;Deshalb diskutieren wir in dieser Stunde die Frage: Wie können wir uns vor Gefahren schützen?&#8221; Die Schüler schlagen im Akkord ihre Notizbücher auf.</p>
<p>Die Achtklässler gehören wohl zu den am besten behüteten Kindern Chinas. Die Shen-Jinglun-Schule ist eine der renommiertesten der Hauptstadt, gelegen in unmittelbarer Nachbarschaft von Ministerien, Botschaften und teuren Büroadressen. Doch auch hier stehen Lehrer, Eltern und Kindern im Bann einer Debatte, die das Land seit einigen Jahren beschäftigt und alle paar Wochen neue Wellen schlägt: Wie sicher sind Chinas Kinder? Dass am Schultor bewaffnete Wachmänner postiert sind, ist das Ergebnis einer Serie von Schulhof-Attentaten, die das Land im vergangenen Jahr in Atem hielten. Die Bauarbeiten in den Gebäuden wiederum sind eine Reaktion auf das verheerende Sichuan-Erdbeben von 2008, bei dem Tausende Kinder in maroden Schulhäusern ums Leben kamen. Und in den Handys, die viele Schüler mit sich herumtragen, sind Polizeihotlines gespeichert, weil immer wieder Entführungen Schlagzeilen machen.</p>
<p>Mit jedem neuen Unglück wächst in der Bevölkerung das Gefühl der Bedrohung und es wächst der Druck auf die Regierung, die Sicherheit der Kinder zu garantieren. Denn obwohl die Chinesen ihren Politikern gewöhnlich mit desillusionierter Anspruchslosigkeit gegenüberstehen – bei ihren Kindern hört die Leidensfähigkeit auf.</p>
<p>&#8220;Was sollte man machen, wenn man in ein Auto gezerrt und entführt wird?&#8221;, fragt die Lehrerin die achte Klasse. Aus dem starren Frontalunterricht wird schnell eine hitzige Diskussion. &#8220;Man sollte laut schreien, damit einen jemand hört&#8221;, sagt ein Mädchen. &#8220;Wer weint und schreit verschwendet seine Energie&#8221;, widerspricht ein Junge, &#8220;man sollte lieber ruhig bleiben und die Entführer beobachten.&#8221; Einer seiner Mitschüler will aus dem fahrenden Auto springen, ein anderer stimmt zu, aber nur, wenn draußen Felder sind, in denen man sich verstecken könnte. Ein Mädchen will mit Klopfzeichen &#8220;SOS&#8221; morsen. Die Klasse lacht.</p>
<p>Um die eigentliche Frage, die chinesische Medien und vor allem die weniger staatlich überwachten Internetforen beschäftigt, macht die Stunde jedoch einen weiten Bogen: Wie kann es sein, dass in China die staatlichen Kontrollmechanismen dort nicht greifen, wo es der Gesellschaft am wichtigsten ist? Denn die Mehrzahl der beunruhigenden Vorfälle sind nicht einfach Unfälle oder alltägliche Tragödien, sondern Skandale, die auf ein krasses Versagen des Staates zurückzuführen sind – was die Kommunistische Partei nach Kräften zu verbergen versucht.</p>
<p>Die Liste der Fälle ist lang. Anfang der Woche berichteten Medien über den Ausbruch von Hepatitis C unter Kindern in den Provinzen Henan und Anhui. Auslöser waren infizierte Injektionsnadeln. 160 Kinder wurden bei einem Schnelltest positiv getestet. Der Fall erinnert an einen Impfskandal im vergangenen Jahr, als in der Provinz Shaanxi mindestens vier Kinder starben und 74 erkrankten, weil sie unsachgemäß gelagerte Impfstoffe gespritzt bekommen hatten. Die Regierung reagierte wie so häufig mit Zensur. Die Berichterstattung über den Fall wurde unterdrückt und die Journalisten der Pekinger Zeitung, die den Skandal aufgedeckt hatten, wurden entlassen. Doch in Internetforen kursiert das Thema weiter. Viele Chinesen sorgen sich seither, wenn ihre Kinder geimpft werden.</p>
<p>Ähnlich verlief der wohl bekannteste Skandal um verseuchtes Milchpulver, bei dem 2008 rund 300 000 Babys erkrankten und mindestens sechs starben. Kriminelle hatten Milchlieferungen mit Wasser gestreckt und die Industriechemikalie Melamin beigemischt, um einen erhöhten Eiweißgehalt vorzutäuschen, was bei Kindern Nierensteine auslöste. Um Chinas internationales Image während der Olympischen Spiele in Peking nicht zu gefährden, vertuschten die Behörden den Fall monatelang. Nachdem eine Zeitung dennoch darüber berichtet hatte, wurden die Verantwortlichen zwar in einem Schauprozess zu hohen Strafen verurteilt. Doch gleichzeitig wurden die Familien daran gehindert, bei Gerichten Schadensersatzklagen einzureichen. Der Vater eines erkrankten Mädchens, der im Internet eine Selbsthilfegruppe betroffener Eltern gründete, wurde wegen „Anstiftung von öffentlichem Aufruhr“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.</p>
<p>Auch der kritische Künstler Ai Weiwei, den Chinas Behörden unter dem Vorwand der Wirtschaftskriminalität mundtot zu machen versuchen, engagierte sich in einem Kinderskandal: Als sich die Regierung nach dem Erdbeben in der Provinz Sichuan weigerte, die Einsturzursachen der zerstörten Schulen transparent zu untersuchen und die Zahl der getöteten Kinder zu veröffentlichen, organisierte er per Internet eine Bürgerinitiative, die ihre eigenen Nachforschungen anstellte. Innerhalb weniger Wochen konnte er den Tod von über 5 000 Kindern nachweisen. Das Internet ist Schlüsselmedium für die öffentliche Sorge um Chinas Kinder geworden. Dass viele Paare wegen der Geburtenplanungspolitik nur ein Kind haben dürfen, schürt die Panik. Das hat nicht nur emotionale Gründe. Ein großer Teil der chinesischen Eltern sind im Alter auf das Einkommen ihres Kindes angewiesen, weil sie keine oder nur wenig Rente bekommen. Die Familie ist in China noch immer das wichtigste Sozialsystem.</p>
<p>Doch auch darüber wird in der achten Klasse nicht gesprochen. Stattdessen zeigt die Lehrerin einen Filmausschnitt, in dem Premier Wen Jiabao verspricht, als Reaktion auf das Minibusunglück in Gansu schnell neue Gesetze zu erlassen. Zum Abschluss der Stunde stellt sie ihren Schülern noch eine Hausaufgabe: Über ihr neu erlerntes Wissen zum Selbstschutz sollen sie einen Aufsatz schreiben. Oder, wenn sie lieber wollen, auch ein Gedicht.</p>
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		<title>Der Tenno geht in Rente</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 01:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Kaiser]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Japans Kaiser Akihito soll in den Ruhestand gehen. Der einst göttliche Tenno schrumpft damit auf das Maß eines Normalbürgers.</h3>
Kaiser sind auch nur Menschen. Sie werden alt, schneller müde und häufiger krank. Warum sollten sie da nicht wie andere Menschen in Rente gehen? In Japan, dem letzten Land mit einem Kaiser als Staatsoberhaupt, ist diese Diskussion nun entbrannt. Der 77-jährige Kaiser Akihito solle die Erlaubnis bekommen, in Pension zu gehen, fordert sein Sohn Akishino...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Japans Kaiser Akihito soll in den Ruhestand gehen. Der einst göttliche Tenno schrumpft damit auf das Maß eines Normalbürgers.</h3>
<p>Kaiser sind auch nur Menschen. Sie werden alt, schneller müde und häufiger krank. Warum sollten sie da nicht wie andere Menschen in Rente gehen? In Japan, dem letzten Land mit einem Kaiser als Staatsoberhaupt, ist diese Diskussion nun entbrannt. Der 77-jährige Kaiser Akihito solle die Erlaubnis bekommen, in Pension zu gehen, fordert sein Sohn Akishino. &#8220;Ab einem gewissen Alter wird es immer schwieriger, sich um eine Vielzahl von Dingen zu kümmern&#8221;, erklärte die Nummer Zwei in der Thronfolge.</p>
<p>Akihito hatte im November drei Wochen mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus verbracht, eine von mehreren schweren Erkrankungen in den vergangenen Jahren. Die Imperiale Haushaltsagentur, die dem japanischen Premier untersteht und das Leben der kaiserlichen Familie regelt, müsse eine flexible Lösung finden, um seinen Vater zu entlasten, bat der Prinz. Sollte der Tenno tatsächlich in Rente gehen, wäre dies ein weiterer Schritt, ihn auf das Maß eines Normalbürgers zu schrumpfen.</p>
<p>Denn ursprünglich waren Japans Kaiser keineswegs Menschen, sondern Göttersöhne. Der Stammbaum der ältesten Herrscherdynastie der Welt beginnt 660 vor Christus, als die Sonnengöttin Amaterasu ihren Sohn Jimmu auf die Erde geschickt haben soll, um dort das &#8220;Reich der aufgehenden Sonne&#8221; zu gründen.´Der heutige Kaiser Akihito gilt als 124. Nachfolger des Sonnensohnes. Allerdings musste schon sein Vater Hirohito nach den japanischen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg auf Druck der USA seiner göttlichen Blutsbande abschwören. Seitdem gilt der Tenno nur noch als &#8220;nationales Wahrzeichen&#8221;. Akihito hatte als erster Kaiser eine Bürgerliche geheiratet.</p>
<p>Mit Kronprinz Naruhito, würde das Kaiserhaus einen weiteren Schritt in Richtung Normalität machen. Das Familienleben des 51-Jährigen ist in Japan ein offen diskutiertes Klatschthema. Seine Frau Masako wurde unter dem öffentlichen Druck, einen männlichen Thronfolger zu gebären, depressiv. Das Paar hat eine Tochter, Aiko. Da lange kein anderer männlicher Nachfolger in Sicht war, wurde diskutiert, ob nicht auch eine Frau auf den Thron kommen könnte. Doch seit Naruhitos jüngerer Bruder Akishino 2006 doch noch einen Sohn bekam, wurde die Gesetzesreform zu den Akten gelegt. Ein Kaiser, der in Rente gehen darf, ist den Japanern vorerst modern genug.</p>
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		<title>Schlagobers in Pjöngjang</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Nov 2011 01:59:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt gibt es jetzt ein Wiener Café – ein Zeichen, dass die Abschottung des Landes Risse bekommt.</h3>
Ein Cappuccino ist kein Politikum, jedenfalls an den meisten Orten der Welt. Doch der Milchschaumkaffee, der neuerdings an Pjöngjangs Kim-Il-Sung-Platz serviert wird, hat einen unverkennbar politischen Beigeschmack – und manche Gäste sagen, dass er gerade deshalb so gut schmeckt. Direkt am Aufmarschfeld im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt hat Ende Oktober ein Wiener Café eröffnet. Ein symbolträchtigeres Gebäude hätte der österreichische Betreiber kaum finden können: das Museum für koreanische Geschichte, ein stalinistischer Repräsentierbau, auf dessen Dach ein zehn Meter hoher Soldat zum Angriff bläst...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt gibt es jetzt ein Wiener Café – ein Zeichen, dass die Abschottung des Landes Risse bekommt.</h3>
<p>Ein Cappuccino ist kein Politikum, jedenfalls an den meisten Orten der Welt. Doch der Milchschaumkaffee, der neuerdings an Pjöngjangs Kim-Il-Sung-Platz serviert wird, hat einen unverkennbar politischen Beigeschmack – und manche Gäste sagen, dass er gerade deshalb so gut schmeckt. Direkt am Aufmarschfeld im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt hat Ende Oktober ein Wiener Café eröffnet – ein Zeichen dafür, dass die Abschottung des erzkommunistischen Regimes allmählich Risse bekommt.</p>
<p>Ein symbolträchtigeres Gebäude hätte der österreichische Betreiber kaum finden können: das Museum für koreanische Geschichte, ein stalinistischer Repräsentierbau, auf dessen Dach ein zehn Meter hoher Soldat zum Angriff bläst. Dass man drinnen neben einem Crashkurs in koreanischer Revolutionsgeschichte auch „Wiener Kaffee mit Schlagobers“ bekommt, erkennt man von außen nur an einem unauffälligen Türschild mit der koreanischen Aufschrift „Café“. Erst dahinter sieht man das gelbe Emblem einer Kaffeekanne, auf der „Helmut Sachers Kaffee“ steht.</p>
<p>„Wir haben dreißig bis vierzig Gäste am Tag“, erklärt die junge Kellnerin. „Die meisten sind Diplomaten und andere Ausländer, die hier leben.“ Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug und wie die meisten Nordkoreaner ist sie im Gespräch mit Fremden kurz angebunden. An einem der elf Tische sitzt ein Paar und betrachtet den Raum, eine eigenwillige Mischung aus österreichischer Gemütlichkeit und nordkoreanischer Trostlosigkeit. Von den hohen, stuckverzierten Decken hängen zwei Ventilatoren mit bunten Lampen, die Wände sind halbhoch mit Holz vertäfelt, rosafarbene Lamellen verhängen die Fenster. Ein großer Flachbildschirm zeigt österreichische Landschaften, im Hintergrund läuft Walzermusik.</p>
<p>Hinter dem Tresen stehen teure Kaffeeautomaten und in einer Vitrine liegen Kuchenschnitten aus: Apfeltorte, Kirsch-Streusel, Mohn-Walnuss-Vanille. In Wien könnte man damit keine Konditorwettbewerbe gewinnen, in Pjöngjang schon. Der Kaffee, das Geschirr und selbst die Zuckerbeutel sind aus Österreich importiert. Zwei Euro kostet ein Cappuccino, bezahlt wird in Devisen. Euro, chinesische Yuan und selbst US-Dollar sind den Koreanern lieber als ihr eigenes Geld. Auf dem Schwarzmarkt muss man für zwei Euro etwa 5 000 koreanische Won bezahlen. Das entspricht in etwa dem Monatslohn, den ein nordkoreanischer Durchschnittsbürger neben den staatlichen Zuteilungen an Lebensmitteln, Kleidung und anderen Notwendigkeiten gezahlt bekommt.</p>
<p>Der Mann, dessen Namen das Café trägt, lebt in Oeynhausen bei Wien. „Wir sind offenbar auf exotische Exportmärkte gepachtet“, erklärt Helmut Sachers, Inhaber einer traditionsreichen familienbetriebenen Kaffeerösterei, die heute in 25 Länder exportiert. „Auch in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator gibt es ein Café Sachers.“ Betrieben werden die Cafés allerdings nicht von Sachers selbst, sondern von Importeuren. Die Dependance in Pjöngjang war die Idee des Wiener Unternehmers Helmut Brammen. „2009 hat er mir erzählt, dass er in sehr ungewöhnlichen Destinationen Geschäfte macht“, sagt Sachers. Zwei Jahre hätten die Verhandlungen gedauert, bevor Sachers und Brammen im März zusammen mit einem österreichischen Bäckermeister nach Nordkorea geflogen seien, um das Personal anzulernen. Sehr gelehrige Männer und Frauen habe er dort getroffen, sagt Sachers. Österreichs Kaffeehauskultur hätten sie aufgesaugt „wie ein nasser Schwamm“.</p>
<p>„Dass in Pjöngjang ein Wiener Café aufmachen kann, zeigt, dass in Nordkorea unter der verkrusteten Oberfläche mehr Bewegung ist, als man von außen erahnt“, sagt ein europäischer Diplomat. „Normale Nordkoreaner kommen hier natürlich nicht hin, aber die Eliten wissen immer besser, wie das Leben außerhalb ihres Landes ist, und wollen davon auch zu Hause etwas mitbekommen.“</p>
<p>Das Wiener Café ist nicht das erste internationale Etablissement in der Stadt. 2009 eröffnete ein Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens eine Pizzeria, bereits die zweite in Pjöngjang, aber die erste mit ausländischer Beteiligung. Die von Schweizer Adventisten geführte Hilfsorganisation Adra eröffnete vor einigen Jahren ein Schweizer Café, in dem Nordkoreaner unter anderem Käsefondue essen können. Darüber hinaus gibt es mehrere Läden mit exklusiven Importwaren. Im „Pyongyang Shop“, wo vor allem die gut hundert Angehörigen internationaler Botschaften und Hilfsorganisationen einkaufen, finden Kunden italienische Pasta, deutsche Marmelade, Schweizer Schokolade und ein großes Angebot an Wein und Whisky. „Wer Geld hat, kann in Nordkorea fast alles finden, was er sich wünscht“, sagt der Diplomat. „Dass zu den Kunden immer mehr Nordkoreaner gehören, ist natürlich bezeichnend.“ Obwohl das kommunistische Land sich gleiche Einkommen für alle auf die Fahnen schreibt, sind die realen Wohlstandsunterschiede krasser als in den meisten kapitalistischen Staaten.</p>
<p>Auch vor dem Wiener Café am Kim-Il-Sung-Platz ist die Kluft unübersehbar. Schulklassen proben in der Kälte für die Feierlichkeiten, mit denen im April 2012 der 100. Geburtstag des Staatsgründers begangen werden soll. Eine gigantische Massengymnastikschau mit Hunderttausenden Teilnehmern soll dann die Einheit des koreanischen Volkes beschwören. Auf Kommando schlagen die Kinder Rad und machen Flickflacks, eine Schülerkapelle übt Marschmusik. Auf der anderen Straßenseite hat eine zum Baudienst abgestellte Armeeeinheit ihre Zelte aufgeschlagen. Auf den Büschen ist Kleidung zum Trocknen ausgelegt, an langen Leinen hängen Kohlblätter, die der Mannschaftskoch später einlegen will, um Kimchi zu machen, das koreanische Nationalgericht.</p>
<p>Die jungen Soldaten sind fast alle kleinwüchsig – eine Folge der Hungersnot in den Neunzigern, die Millionen Nordkoreaner tötete und bei vielen Überlebenden bleibende Schäden hinterließ. „Die Versorgungssituation ist noch immer sehr schlecht, aber eine Katastrophe wie damals kann man sich heute kaum noch vorstellen“, sagt ein westlicher Entwicklungshelfer, der bei Helmut Sachers fast schon Stammkunde ist. „Das Land öffnet sich, und das ist nicht mehr umkehrbar.“</p>
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		<title>China erschrickt über sich selbst</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-erschrickt-uber-sich-selbst/</link>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 08:37:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Das Video einer Zweijährigen, die nach einem Unfall von Passanten ignoriert wurde, hat in China eine Moraldiskussion ausgelöst.</h3>
Auf einmal schauen alle hin: die Öffentlichkeit, die Medien, die Politik. Millionen Menschen sahen in den vergangenen Tagen das schockierende Video, auf dem ein zweijähriges Mädchen von zwei Lastwagen überrollt und von insgesamt 18 Passanten ignoriert wird, bevor ihm nach über sechs Minuten eine Müllsammlerin zu Hilfe kommt. Das Schicksal der kleinen Wang Yue bei seinen Landsleuten eine lebhafte Diskussion ausgelöst: Was läuft falsch in der chinesischen Gesellschaft, dass den Menschen das Mitgefühl mit einem blutenden Kleinkind abhanden gekommen ist?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das Video einer Zweijährigen, die nach einem Unfall von Passanten ignoriert wurde, hat in China eine Moraldiskussion ausgelöst.</h3>
<p>Auf einmal schauen alle hin: die Öffentlichkeit, die Medien, die Politik. Millionen Menschen sahen in den vergangenen Tagen das schockierende Video, auf dem ein zweijähriges Mädchen von zwei Lastwagen überrollt und von insgesamt 18 Passanten ignoriert wird, bevor ihm nach über sechs Minuten eine Müllsammlerin zu Hilfe kommt. Das Schicksal der kleinen Wang Yue aus dem südchinesischen Foshan, das eine Wochen nach dem Unfall als hirntot gilt, hat bei seinen Landsleuten eine lebhafte Diskussion ausgelöst: Was läuft falsch in der chinesischen Gesellschaft, dass den Menschen das Mitgefühl mit einem blutenden Kleinkind abhanden gekommen ist?</p>
<p>In den staatlichen Medien mischt sich Empörung mit Hilflosigkeit. „An diesem Tag ist ganz Foshan mit Schande überzogen worden”, titelt die lokale Parteizeitung „Foshan Ribao”. Das Onlineportal des Fernsehsenders Phoenix bezeichnet die Passanten als „Tiere”. Umgangssprachlich hat sich bereits der Begriff „kaltherzig wie 18 Passanten“ etabliert. „Unser Moralsystem zeigt Risse”, schreibt die Zeitung „Global Times“. „Eine Gesellschaft, in der die Gesetze des Dschungels herrschen, wird kein großes Wachstum oder Wohlstand erreichen.” Chinas Entwicklung habe zu einer Kultur des Egoismus geführt, die von vielen Chinesen sogar gefördert worden sei, weil sich damit die traditionellen Werte des Kollektivismus bekämpfen ließen.  Wenn es allerdings um die Frage geht, was zu tun ist, fallen den Kommentatoren der Staatsmedien meist nur gutmeinende Appelle ein: „Lasst uns alle anfassen, um die unendliche Ausbreitung des Egoismus einzudämmen”, proklamiert die „Global Times“ in bester sozialistischer Kampagnenrhetorik. Die „Yancheng Abendzeitung“ erklärt ihren Lesern: „Wenn wir eine helfende Hand ausstrecken, helfen wir uns selbst”. Ein Kolumnist der Volkszeitung mahnt: „Jeder von uns kann eines Tages einer dieser Passant sein – bitte haltet an!”</p>
<p>In chinesischen Internetforen geht die Debatte dagegen stärker an die Substanz der chinesischen Gesellschaft – und Politik. Kritische Intellektuelle geben der Kommunistischen Partei eine Mitschuld an dem moralischen Verfall. Der bekannte Blogger Lian Yue mahnte an, nicht zu vergessen, „dass wir in einem Land leben, in dem man schon für den Besuch bei einem blinden Mann bestraft werden kann“ – eine Anspielung auf den unter Hausarrest stehenden blinden Bürgerrechtsanwalt Chen Guancheng. „Die Regierung treibt die Kosten für moralisches Handeln bewusst in die Höhe – kein Wunder, dass die Passanten Angst haben.“ Ähnlich argumentiert der Politologe Tang Hao: „Wenn die Öffentlichkeit nicht dazu erzogen wird, sich um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern, wenn Teilhabe an öffentlichen Angelegenheiten nicht ermutigt wird und wenn freie Meinungsäußerung nicht möglich ist, dann werden die Menschen auch keine Verantwortung übernehmen.”</p>
<p>Soziales Engagement, im Großen wie im Kleinen, ist in der Volksrepublik ein heikles Terrain. Obwohl das Schicksal der kleinen Wang Yue der wohl krasseste Fall unterlassener Hilfeleistung ist, der in China für Schlagzeilen sorgt, so ist er doch nicht der erste. Anfang September starb im zentralchinesischen Wuhan ein 88-Jähriger, nachdem er auf einem Markt zusammengebrochen war und über eine Stunde keine Hilfe bekam. Die Passanten hatten offenbar Angst, dass es sich um einen Simulanten handeln könnte, der seinen Retter hinterher für den Unfall verantwortlich machen würde – ein seit mehreren Jahren verbreitetes Betrugsschema. Der Soziologie Gu Xiaoming glaubt, dass den 18 Passanten in Foshan ähnliche Überlegungen durch den Kopf gegangen sein können. „Die Leute denken in einer solchen Situation nur noch darüber nach, ob man sie zur Verantwortung ziehen wird, wenn sie zu helfen versuchen und das Mädchen dann stirbt“, sagt er.</p>
<p>Einige Intellektuelle fordern ein Gesetz, das unterlassene Hilfeleistung unter Strafe stellt. Andere sind allerdings skeptisch, ob sich Chinas moralische Probleme mit rechtlichen Mitteln lösen lassen. Schließlich gilt das Rechtssystem in China kaum als verlässlicher Ordnungsrahmen, sondern ist geprägt von Korruption und politischer Einflussnahme. Als etwa 2008 nach dem Skandal um verseuchte Babynahrung, an der mindestens sechs Kinder starben, Eltern vor Gericht klagen und eine transparente Aufklärung erzwingen wollten, wurden sie von der Polizei daran gehindert. Einer der Initiatoren musste sogar ins Gefängnis. „Wer außerhalb des Regierungsapparats Verantwortung zu übernehmen versucht, lebt gefährlich“, klagt ein Pekinger Bürgerrechtsanwalt, der Anfang des Jahres für mehrere Wochen in Haft war. „Das ist das eigentliche moralische Problem unserer Gesellschaft.“</p>
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		<title>Fremde Landsleute</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2011 01:54:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Südkorea]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Viele Südkoreaner wollen mit den Flüchtlingen aus dem Norden nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihren Wohlstand.</h3>
Die junge Frau muss sich sichtlich überwinden. Kerzengrade steht sie an der Wegkreuzung eines Parks im Herzen von Seoul und hält Ausschau nach Spaziergängern. Kommt einer in ihre Richtung, atmet sie tief durch, holt ein Flugblatt aus der Tasche und streckt es dem Passanten entgegen. „Wussten Sie, dass in Südkorea 23 000 Überläufer aus Nordkorea leben?“, steht darauf, gefolgt von einigen Bitten. „Bieten Sie einem Nordkoreaner ihre Freundschaft an“, lautet eine davon...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Viele Südkoreaner wollen mit den Flüchtlingen aus dem Norden nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihren Wohlstand.</h3>
<p>Die junge Frau muss sich sichtlich überwinden. Kerzengrade steht sie an der Wegkreuzung eines Parks im Herzen von Seoul und hält Ausschau nach Spaziergängern. Kommt einer in ihre Richtung, atmet sie tief durch, holt ein Flugblatt aus der Tasche und streckt es dem Passanten entgegen. „Wussten Sie, dass in Südkorea 23 000 Überläufer aus Nordkorea leben?“, steht darauf, gefolgt von einigen Bitten. „Bieten Sie einem Nordkoreaner ihre Freundschaft an“, lautet eine davon. Eine andere: „Wenn Sie einen Nordkoreaner kennenlernen, fragen sie nicht sofort, auf welchem Weg er nach Südkorea gekommen ist. Viele von uns haben traumatische Erlebnisse hinter sich, über die es nicht leicht ist, zu sprechen.“</p>
<p>Grace, wie sich die junge Frau mit englischem Namen nennt, ist vor sechs Jahren selbst aus Nordkorea geflohen, erst über die Grenze nach China und von dort nach Südkorea. Geschmuggelte DVDs mit südkoreanischen Seifenopern hatten ihr die Augen geöffnet, wie erbärmlich die Situation in ihrer Heimat ist und wie verlogen die Propaganda der nordkoreanischen Regierung, die ihrem Volk weiszumachen versucht, es lebe in einem wohlhabenden und bewunderten Land. Doch kaum in Südkorea angekommen, musste Grace feststellen, dass sie bei ihren dortigen Landsleuten nicht sonderlich willkommen war. „Die meisten Südkoreaner machen keinen Hehl daraus, dass sie mit Nordkoreanern nichts zu tun haben wollen“, erzählt sie. „Die Regierung hat mir zwar Geld, eine Wohnung und einen Ausbildungsplatz gegeben, aber auf der menschlichen Ebene ist es für Nordkoreaner kaum möglich, hier Anschluss zu finden.“ Die Aktion im Park war die Idee ihrer Englischlehrerin, einer amerikanischen Missionarin, die an einer Abendschule für Überläufer unterrichtet. „Mehrere Passanten haben mich gefragt, ob ich selbst aus dem Norden komme“, erzählt Grace. „Dann haben sie mich ganz erstaunt angeschaut und gesagt, dass ich doch eigentlich ganz normal aussehe.“</p>
<p>Die Berührungsängste sind bezeichnend für das schwierige Verhältnis der Südkoreaner zu ihren nordkoreanischen Landsleuten. Offiziell befinden sich die beiden Koreas seit über 60 Jahren im Kriegszustand und erheben jeweils Anspruch auf die Herrschaft über die gesamte Halbinsel. Viele Südkoreaner würden diesen Anspruch gerne aufgeben. „Die Südkoreaner sehen die Nordkoreaner kaum noch als ihre Brüder und Schwestern“, klagt der südkoreanische Menschenrechtsaktivist Kim Sang-hun. „Die humanitäre Katastrophe im Norden ist ihnen egal, denn sie haben Angst, dass eine Wiedervereinigung den Süden seinen Wohlstand kosten würde.“ Dass die Diktatorendämmerung im Nahen Osten den Südkoreanern derzeit eine Ahnung davon verleiht, wie schnell eines Tages auch die Tyrannei von Kim Jong Il ihr Ende finden könnte, vertieft die Kluft noch. Überläufer gelten in der Regel nicht als Opfer eines Unrechtsregimes, sondern als dubiose Subjekte.</p>
<p>Einer Studie der Nichtregierungsorganisation „Crisis Group“ zufolge sehen viele Südkoreaner die Flüchtlinge als „Alkoholiker, tendenziell kriminell, arbeitsfaul und abhängig von Regierungsunterstützung.“ Tatsächlich sind viele Nordkoreaner mehr auf staatliche Hilfe angewiesen, als sie vor ihrer Flucht erwartet haben. Im fortschrittlichen Südkorea mit seinem elitären Bildungssystem gibt es nur wenig Verwendung für Menschen, in deren Schulen ein Großteil der Zeit darauf verwendet wurde, die Weisheiten des Geliebten Führers Kim Jong Il auswendig zu lernen. „Ich hatte immer geglaubt, dass Nordkorea ein modernes Land sei“, erzählt Herr Park, der vor zwei Jahren in den Süden kam. Wie die meisten Überläufer will er nicht seinen vollen Namen verraten, um seine Verwandten im Norden nicht zu gefährden. Hätte ihn seine Frau nicht zur Flucht überredet, wäre er im Norden geblieben, wo er als Mediziner eine privilegierte Position genoss.</p>
<p>Wir gingen davon aus, dass ich im Süden auch als Arzt arbeiten würde, aber hier viel mehr verdiene“, erzählt der Mittvierziger. Doch Park musste schnell feststellen, dass seine Ausbildung im Süden wertlos war. Da in Nordkorea Englisch die Sprache der verhassten Imperialisten ist, beruhte Parks Wissen auf alten Lehrbüchern, die aus dem Russischen übersetzt waren. Während seiner fünfzehnjährigen Karriere als Arzt hatte er noch nicht einmal von der Existenz von Ultraschallgeräten gehört. „Als ich zum ersten Mal sah, was südkoreanische Krankenhäuser für eine Ausstattung haben, war ich schockiert“, sagt Park. Mehr als ein Job als Pflegehelfer ist für ihn in Südkorea nicht drin. Der soziale Abstieg macht ihm schwer zu schaffen. „Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich in Nordkorea geblieben wäre“, gibt er zu.</p>
<p>„Dass viele Nordkoreaner im Süden nicht das Leben finden, das sie erwartet haben, ist für sie schon hart genug“, sagt Aktivist Kim. „Doch dass sie dazu auch noch die Verachtung ihrer neuen Mitmenschen ernten, drängt sie noch zusätzlich ins Abseits.“ Das ist nicht nur ein menschliches Problem. Die Experten der „Crisis Group“ mahnen, Südkorea müsse sich darauf einstellen, dass in den kommenden Jahren noch weitaus mehr Flüchtlinge kommen und dass ihre Integration für die Regierung ein Testfall sein sollte, wie das Land mit einen Zusammenbruch des Nordens umgehen würde: „Die Probleme, die schon der Umgang mit nur gut 20 000 Flüchtlingen bereitet, sollten eine Warnung sein.“</p>
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		<title>Amerikanischer Traum &#8211; Made in China</title>
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		<pubDate>Sat, 15 Oct 2011 00:49:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-16.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2802" title="Martin-Luther-King-Memorial" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-16.jpg" alt="" width="171" height="190" /></a>Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Doch was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben?... ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-161.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2805" title="Martin-Luther-King-Memorial" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-161.jpg" alt="" width="445" height="250" /></a>Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Für den 57-jährigen Künstler wirft die Kontroverse einen dunklen Schatten auf das wichtigste Werk seines Lebens. Denn was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben? Hätte er etwa nein sagen sollen?</p>
<p>Niemand kann Lei vorwerfen, er habe sich aufgedrängt. Im Mai 2006 reiste er mit einer chinesischen Künstlerdelegation zu einem Bildhauerkongress in Minnesota, seiner Frau zuliebe, die gerne einmal ins Ausland wollte. Als Ausstellungsstück hatte er eine zwei Meter hohe Granitskulptur dabei. Die Statue fiel dem Präsident der Martin Luther King Memorial Foundation auf, der auf der Suche nach einem Steinmetz für das neun Meter hohe Denkmal war. Lei verfügte handwerklich und künstlerisch über beste Referenzen: In China hatte er rund 150 große Figuren verwirklicht. Dass dazu auch ein gutes Dutzend Standbilder von Mao Zedong und andere kommunistische Propagandamotive gehörten, schreckte die Findungskommission nicht ab.</p>
<p>Die amerikanische Öffentlichkeit dafür umso mehr. Die Auftragsvergabe entfachte einen Sturm der Entrüstung. Dass kein Afroamerikaner das Denkmal gestalten durfte, war schon schlimm genug, doch dass stattdessen ausgerechnet ein Chinese damit betraut wurde, traf den amerikanischen Zeitgeist an einer wunden Stelle. In weiten Kreisen ist China ein Synonym für Zukunftsangst, der Inbegriff von Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlust. „Das ist ein amerikanisches Monument, kein chinesisches kommunistisches“, monierte der farbige Künstler Gilbert Young und versuchte mit einer Petition unter dem Motto „King is ours“ eine Neuausschreibung zu erzwingen. Sein ebenfalls schwarzer Kollege Ed Dwight, der mehrere Bronzestatuen von King verwirklicht und als aussichtsreicher Chefkünstler gegolten hatte, streute das Gerücht, Chinas Regierung den Auftrag mit einer Spende von 25 Millionen Dollar erkauft (Eine chinesische Beteiligung an den 120 Millionen-Dollar-Projekt ist bis heute nicht bewiesen). Die US-Granit-Industrie beklagte, dass kein einziger Felsblock aus einem amerikanischen Steinbruch stamme.</p>
<p>Lei Yixin hätte allen Grund, sich als Opfer dessen zu fühlen, wogegen Martin Luther King ein Leben lang gekämpft hat: Rassismus. Dabei sei Kings Engagement für Bürgerrechte doch „ein Vorbild für Menschen in aller Welt&#8221; gewesen, versucht er den Amerikanern den Alleinanspruch auf den Friedensnobelpreisträger zu nehmen. Er selbst habe den Text der legendären Rede „Ich habe einen Traum“ als Zehnjähriger von seinem Vater, ein Ingenieur, vorgelesen bekommen und später auswendig gelernt. Das war Mitte der 1960er, kurz vor dem Ausbruch der Kulturrevolution, während der Lei wegen seines „schlechten Klassenhintergrunds“ zur Umerziehung aufs Land geschickt wurde. Er führte ein Tagebuch, in das er auch zeichnete und mit dem er sich nach Ende der Mao-Zeit auf einen Studienplatz in Bildender Kunst bewarb. Er wurde sofort genommen. Nach seinem Abschluss im Jahr 1982 begann er an der Kunsthochschule seiner Heimatstadt Changsha Bildhauerei zu unterrichten und Skulpturen für öffentliche Plätze, Parks oder Regierungsgebäude zu entwerfen. Zu seinen persönlicheren Werken gehört eine Skulpturengruppe, die sich mit der Fremdheit der Chinesen in der modernen Welt auseinandersetzt: Drei chinesische Touristen stehen an der Grenze am Passschalter an. Sie tragen westliche Anzüge, haben jedoch nach ländlicher Sitte die Ärmel und Hosenbeine hochgekrempelt und sich die Taschen mit Wasserflaschen und Zigarettenpäckchen vollgestopft. Großen Ruhm brachte ihm seine Arbeit nicht, aber immerhin ein lebenslanges Stipendium der Regierung.</p>
<p>Leis Kritiker behaupten, seine künstlerische Sozialisierung im chinesischen Staatskunstsystem habe sich auch in seinem King-Denkmal niedergeschlagen. Die „Ernsthaftigkeit des Arbeiterparadieses“ spreche aus der Statue, befindet die „Chicago Tribune“, und ärgert sich, dass der Held der Schwarzen ausgerechnet in weißem Granit verewigt worden sei. Als „seelenlosen Stein-Agitprop“ bezeichnet der britische „Economist“ die Statue und klassifiziert Lei als „politischen Bullshit-Künstler“. Dass Lei den Entwurf, in dem King aus einem großen Felsen, dem „Stein der Hoffnung“, heraustritt, zusammen mit einem Architekturbüro aus San Francisco erarbeitet und mit der mehrheitlich mit Afroamerikanern besetzten Denkmalstiftung abgestimmt hat, will kaum einer mehr wissen. Womöglich ist das die bittere Aktualität dieses Denkmals: Martin Luther King tritt aus seinem „Stein der Hoffnung“ auf eine Welt ohne Rassenunterschiede nicht nur heraus, sondern bleibt auch in ihm gefangen.</p>
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		<title>Helfen auf eigene Gefahr</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Oct 2011 02:17:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialsystem]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Was tun, wenn man einen alten Menschen auf der Straße liegen sieht? In China lautet die Antwort häufig: Liegen lassen – der eigenen Sicherheit wegen.</h3>
Peking Herr Li starb am helllichten Tage vor den Augen Dutzender Menschen. Am 4. September war der 88-Jährige aus dem zentralchinesischen Wuhan wie jeden Morgen auf den Markt gegangen, wo er stolperte und sich am Kopf verletzte. Obwohl reger Betrieb herrschte und viele Passanten den Alten kannten, kam ihm niemand zu Hilfe. Eine Stunde lag er am Boden, bis irgendwann ein Arzt auftauchte und seinen Tod feststellte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Was tun, wenn man einen alten Menschen auf der Straße liegen sieht? In China lautet die Antwort häufig: Liegen lassen – der eigenen Sicherheit wegen.</h3>
<p>Peking Herr Li starb am helllichten Tage vor den Augen Dutzender Menschen. Am 4. September war der 88-Jährige aus dem zentralchinesischen Wuhan wie jeden Morgen auf den Markt gegangen, wo er stolperte und sich am Kopf verletzte. Obwohl reger Betrieb herrschte und viele Passanten den Alten kannten, kam ihm niemand zu Hilfe. Eine Stunde lag er am Boden, bis irgendwann ein Arzt auftauchte und seinen Tod feststellte. Der alte Mann war an seinem eigenen Blut erstickt.</p>
<p>In chinesischen Medien und Internetforen löste Lis Schicksal eine Welle der Betroffenheit aus &#8211; doch den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung erhob kaum einer. In einer Umfrage der Staatszeitung Renmin Ribao erklärten mehr als80 Prozent, dass sie den Verletzten ebenfalls liegengelassen hätten; andere Erhebungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Denn alte Menschen, die Hilfe benötigen, stehen in China unter dem Verdacht, Betrüger zu sein, die ihre Retter hinterher für den Unfall verantwortlich machen wollen, um Schmerzensgeld und Behandlungskosten zu erpressen.</p>
<p>Berichte über derartige Betrugsversuche gibt es derzeit wöchentlich. Nur wenige Tage nach dem Tod von Herrn Li machte ein 90-Jähriger Schlagzeilen, der Passanten um Hilfe anflehte. &#8220;Ich bin wirklich kein Gauner&#8221;, rief er. Als sich schließlich eine junge Frau seiner erbarmte und ihn zum Krankenhaus begleitete, bedankte er sich überschwänglich, nur um gegenüber dem Arzt prompt seine Geschichte zu ändern. Nur mit Hilfe von Zeugen konnte die Frau ihre Unschuld beweisen.</p>
<p>Der angeblich von der Frau verletzte 90-Jährige handelte keineswegs senil, sondern streng nach dem Vorbild einer Rentnerin aus Nanjing, die als Erfinderin der Betrugsmasche gilt. Vor fünf Jahren kam sie im Gedränge an einer Bushaltestelle zu Fall und ließ sich von einem 26-Jährigen ins Krankenhaus begleiten, wo sie prompt die Polizei rufen und ihren Retter festnehmen ließ. Der Fall landete vor Gericht, und obwohl es keinerlei Beweise gab, wurde der Helfer zu einer Zahlung von 45 000 Yuan (rund 5 000 Euro) verurteilt. &#8220;Es entspricht dem gesunden Menschenverstand, dass der Angeklagte die alte Frau nicht ins Krankenhaus begleitet hätte, wenn er sie nicht selbst umgestoßen hätte&#8221;, begründeten die Richter ihre Entscheidung. Mehrere Gerichte haben seitdem ähnliche Entscheidungen getroffen.</p>
<p>Viele Chinesen sehen dies als ein Zeichen für die Willkür des chinesischen Rechtssystems, in dem die Unschuldsvermutung wenig zählt und im Zweifel lieber gegen den Angeklagten entschieden wird. Nicht nur Alte machen mit dieser Masche Kasse, sondern auch Schwangere. Weit verbreitet ist auch die Methode, sich an einer Ampel vor einem Auto auf die Straße zu werfen und zu behaupten, man sei angefahren worden. Aus Angst vor einem Gerichtsverfahren bezahlen viele Fahrer gleich vor Ort. Bekannt wurde der Fall einer Frau, die angeblich &#8220;vor Schreck&#8221; vor einem Fahrzeug zu Boden gegangen war und Schmerzensgeld erhielt, obwohl sie selbst zugab, dass der Wagen noch vier bis fünf Meter entfernt gewesen sei. Medienberichten zufolge statten inzwischen viele chinesische Autofahrer ihre Fahrzeuge mit Frontkameras aus, um im Zweifelsfall ihre Unschuld beweisen zu können.</p>
<p>Die Häufung der Fälle hat eine Debatte darüber ausgelöst, was dies über die chinesische Gesellschaft aussage. &#8220;Vor dreißig Jahren war es genauso selbstverständlich, einem alten Menschen aufzuhelfen wie es selbstverständlich war, ihm im Bus einen Sitzplatz anzubieten&#8221;, kommentierte das Wirtschaftsportal Caixun. &#8220;Was ist passiert, dass wir unser gutes Herz und unsere soziale Moral verloren haben?&#8221; Ein Internetbenutzer meint, China habe &#8220;alle Maßstäbe eines guten menschlichen Miteinanders verloren&#8221;, während ein anderer ironisch empfiehlt: &#8220;Wer anderen helfen will, sollte sein Gesicht verhüllen wie Spiderman, und sich hinterher schnell aus dem Staub machen.&#8221;</p>
<p>Auch die Regierung hat sich inzwischen des Themas angenommen. Anfang September veröffentlichte das Gesundheitsministerium eine 41-seitige Broschüre mit &#8220;Richtlinien für die Vermeidung und Behandlung von Stürzen älterer Menschen&#8221;. Bevor man einem am Boden Liegenden aufhelfe, solle man sich zunächst einen Überblick über die Situation verschaffen, wird darin empfohlen: &#8220;Beobachte erst und frage nach dem Gesundheitszustand &#8211; hilf nicht zu schnell.&#8221;</p>
<p>Wo Hilfeleistung gefährlich ist, können diejenigen, die sie wagen, zu Helden werden. Am 6. September half in der Stadt Yangzhou eine Schülerin einem 80-Jährigen, obwohl die Umstehenden sie lautstark davor warnten. Der Alte schrieb dem Mädchen hinterher einen Dankesbrief, den er auch an die Stadtregierung schickte. Die Schülerin wurde daraufhin als &#8220;Vorbild für die Jugend&#8221; geehrt.</p>
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		<title>Abtreibung mit Studentenrabatt</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Sep 2011 00:59:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Täglich werden in China 35.000 Kinder abgetrieben. Mangelnde Aufklärung und schlechte medizinische Standards machen Millionen Frauen unfruchtbar.</h3>
Die Angst vor dem, was kommt, steht dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Blass und schmal lehnt sie an der Wand, die Augen verheult. Im Arm hält sie eine Puppe, obwohl sie dafür eigentlich schon viel zu alt ist. 14 sei sie, sagt das Mädchen, doch in der einschüchternden Sachlichkeit des Krankenhausflurs fühlt sie sich nicht mehr als Frau, sondern wieder als Kind. Auch der schlaksige Teenager, der verlegen neben ihr steht, ist nicht mehr der junge Mann, der er war, als er seine Mitschülerin vor einigen Wochen zu sich nach Hause lockte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Täglich werden in China 35.000 Kinder abgetrieben. Mangelnde Aufklärung und schlechte medizinische Standards machen Millionen Frauen unfruchtbar.</h3>
<p>Die Angst vor dem, was kommt, steht dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Blass und schmal lehnt sie an der Wand, die Augen verheult. Im Arm hält sie eine Puppe, obwohl sie dafür eigentlich schon viel zu alt ist. 14 sei sie, sagt das Mädchen, doch in der einschüchternden Sachlichkeit des Krankenhausflurs fühlt sie sich nicht mehr als Frau, sondern wieder als Kind. Auch der schlaksige Teenager, der verlegen neben ihr steht, ist nicht mehr der junge Mann, der er war, als er seine Mitschülerin vor einigen Wochen zu sich nach Hause lockte. Die Sommerferien hatten gerade begonnen, seine Eltern waren tagsüber bei der Arbeit, und so konnte aus ihrer Pausenhofneckerei echte Liebe werden. &#8220;Wenn meine Eltern davon erfahren, schlagen sie mich tot&#8221;, klagt das Mädchen. &#8220;Aber wer hätte gedacht, dass gleich so etwas passieren könnte?&#8221; Soll heißen: Wer hätte gedacht, dass man von Sex schwanger werden kann?</p>
<p>In der &#8220;Abteilung für Familienplanung&#8221; des Pekinger Frauenkrankenhauses herrscht das, was die Rezeptionistin als &#8220;Hochsaison&#8221; bezeichnet. &#8220;Viele Mädchen werden im Sommer schwanger und kommen dann zur Abtreibung&#8221;, sagt sie. &#8220;In normalen Zeiten machen unsere Ärzte sieben bis zehn Operationen am Tag, aber jetzt sind es häufig dreimal so viel.&#8221; Das Prozedere ist einfach: Nummer ziehen, warten, abtreiben, bezahlen. 1000 Yuan (108 Euro) kostet der Eingriff. &#8220;Für 2000 Yuan bieten wir auch eine Behandlung mit weniger Schmerzen und geringerem Risiko&#8221;, erklärt die Empfangsdame. &#8220;Aber weil das sehr viele Frauen wollen, geht das nur mit Anmeldung.&#8221; Schwangerschaftsabbrüche gelten in China als medizinische Routinebehandlung.</p>
<p>Einen Termin zu bekommen ist so simpel wie bei einer Zahnsteinentfernung oder einer Warzenvereisung &#8211; und Millionen Chinesinnen machen davon Gebrauch. Über die damit verbundenen Risiken wissen viele von ihnen ebenso wenig Bescheid wie über Verhütung. Die Folgen sind dramatisch: Bleibende Schäden durch mehrfache, oft unter schlechten Bedingungen durchgeführte Abtreibungen sind ein Hauptgrund, weshalb acht bis zehn Prozent aller chinesischen Paare keine Kinder bekommen können, haben Mediziner der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou herausgefunden. Anfang der Achtziger galten maximal drei Prozent als unfruchtbar.</p>
<p>13 Millionen Abtreibungsoperationen werden in China jährlich vorgenommen, mehr als 35 000 am Tag, so die offizielle Statistik. Da sich viele Frauen allerdings in nicht registrierte Arztpraxen oder Privatkliniken begeben, sei die wahre Zahl noch weitaus höher, glaubt Wu Shangchun vom Forschungsinstitut der Nationalen Kommission für Bevölkerungs- und Familienplanung. Da die 1000 Yuan für die einfache Abtreibung in einem offiziellen Krankenhaus in China viel Geld sind, für viele Arbeiter rund ein Monatslohn, gibt es auch eine Fülle von illegalen Privatärzten, die in Hinterzimmern operieren, häufig unter schlechtesten hygienischen Bedingungen.</p>
<p>Die weite Verbreitung von Abtreibungen ist eine Begleiterscheinung der 1980 eingeführten Geburtenplanungspolitik, die das Bevölkerungswachstum drosseln wollte. Ein Kind sei genug, wurde den Eltern verordnet. Unerlaubte Schwangerschaften wurden in Folge gezielt medizinisch beendet, oft unter Zwang und zur Not auch in den letzten Schwangerschaftswochen. Ethische oder religiöse Vorbehalte gegen die Tötung von ungeborenem Leben gibt es in China nicht.</p>
<p>Gerade weil Abtreibungen Routine sind, ist die Sexualaufklärung in China stecken geblieben. Wissen über Sexualität würde Jugendliche nur auf dumme Ideen bringen, lautet die verbreitete Begründung, mit der sich das unangenehme Thema vermeiden lässt. Eine Untersuchung des Shanghaier Armeekrankenhauses 411, das eine Beratungshotline für ungewollt Schwangere betreibt, fand heraus, dass nur ein Drittel über die richtige Art der Verhütung Bescheid wissen &#8211; und dass die Anruferinnen immer jünger werden.</p>
<p>Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. &#8220;Was wir über Sex wissen, kommt zum größten Teil von Pornoseiten im Internet&#8221;, sagt Xiaoxia, eine 21-jährige Studentin, die ebenfalls in der Pekinger Frauenklinik auf ihren Abtreibungstermin wartet. Ihre Eltern hätten nie mit ihr über Sex gesprochen, und auch in der Schule habe sie keinerlei Sexualkundeunterricht erhalten, erzählt sie. &#8220;An der Uni mussten wir uns einmal einen Vortrag dazu anhören, aber da hat kaum jemand zugehört.&#8221;</p>
<p>Viele Frauen trifft die Schwangerschaft deshalb völlig unvorbereitet. &#8220;Als ich das herausgefunden habe, hatte ich große Angst&#8221;, sagt eine andere Studentin in der Warteschlange. &#8220;Meine Eltern dürfen das nie mitbekommen, deshalb bin ich heimlich hier.&#8221; Die meisten Frauen sind ohne Begleitung gekommen, einige aber auch mit Freundinnen oder ihren Müttern.</p>
<p>Ihre Geschichten zeichnen das Bild einer Jugend, in der Sex unter Schülern und Jugendlichen ein Tabu ist, das täglich millionenfach gebrochen wird. Eine 17-Jährige erzählt, dass sie nicht wisse, wer der Vater ihres Kindes sei. Deshalb habe sie die vier möglichen Kandidaten zusammengerufen und gezwungen, gemeinsam für die Kosten aufzukommen. Eine 20-Jährige berichtet, dass sie bereits zum dritten Mal in acht Monaten hier sei. Beim letzten Mal habe der Arzt ihr dringend empfohlen, künftig zu verhüten, aber sie habe den Rat nicht beachtet. &#8220;Abtreibungen sind eine gute Art abzunehmen: Vor meiner ersten Abtreibung wog ich 60 Kilogramm, aber nach der zweiten nur noch 47&#8243;, sagt sie und meint das offenbar ernst.</p>
<p>Tatsächlich sind Mehrfachabtreibungen alles andere als selten. Eine Untersuchung in zehn Krankenhäusern kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Patientinnen innerhalb eines halben Jahres noch eine zweite Abtreibung vornehmen lassen und 17 Prozent vor dem Ablauf von sechs Monaten sogar drei Abtreibungen haben. Die Hälfte von ihnen gab an, noch nie verhütet zu haben.</p>
<p>Der laxe Umgang mit Abtreibungen hat dazu geführt, dass Schwangerschaftsabbrüche ein großes Geschäft geworden sind, für das offen geworben wird und dessen Anbieter aggressiv um Kunden werben. An Universitäten und vor Berufsschulen finden sind häufig Plakate, die Privatpraxen anpreisen. &#8220;Um eine harmonische Campuskultur zu fördern und die Sexualaufklärung zu verbessern, bieten wir allen Kommilitoninnen Discount an&#8221;, steht auf einem Flugblatt geschrieben, das eine Klinik an Universitäten verteilen lässt.</p>
<p>Und weiter heißt es dort: &#8220;Schwangerschaftsuntersuchung kostenlos. Abtreibung ohne Schmerzen 600 Yuan, für Studenten 300 Yuan. Bewahre diese Karte gut auf. Sie ist nur in Verbindung mit einem Studentenausweis gültig.&#8221;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wettrüsten der Vorbilder</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 01:38:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Mit einer Armada staatlich geprüfter Vorzeige-Chinesen will die Kommunistische Partei ihre Autorität untermauern. Doch das Volk sucht sich seine eigenen Helden.</h3>
Der Parteisekretär Niu Yuru starb, wie er gelebt hatte - als Beamter durch und durch. "Wir waren 25 Jahre verheiratet, aber davon höchstens fünf wirklich zusammen", berichtete seine Frau Xie Li nach seinem Tod. "Die anderen 20 Jahre verbrachte er im Büro und auf Dienstreisen." Auf dem Sterbebett sei Niu zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen - außer, seine Frau flüsterte ihm ins Ohr, es sei halb neun, Zeit für die Sitzung. "Da hat er noch einmal die Augen geöffnet und aufmerksam geschaut, bevor er sie für immer schloss." Die Geschichte mag wahr sein oder nicht, aber sie hat den 2004 verstorbenen Parteisekretär der nordchinesischen Stadt Hohhot posthum zu einer nationalen Legende gemacht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit einer Armada staatlich geprüfter Vorzeige-Chinesen will die Kommunistische Partei ihre Autorität untermauern. Doch das Volk sucht sich seine eigenen Helden.</h3>
<p>Der Parteisekretär Niu Yuru starb, wie er gelebt hatte &#8211; als Beamter durch und durch. &#8220;Wir waren 25 Jahre verheiratet, aber davon höchstens fünf wirklich zusammen&#8221;, berichtete seine Frau Xie Li nach seinem Tod. &#8220;Die anderen 20 Jahre verbrachte er im Büro und auf Dienstreisen.&#8221; Auf dem Sterbebett sei Niu zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen &#8211; außer, seine Frau flüsterte ihm ins Ohr, es sei halb neun, Zeit für die Sitzung. &#8220;Da hat er noch einmal die Augen geöffnet und aufmerksam geschaut, bevor er sie für immer schloss.&#8221;</p>
<p>Die Geschichte mag wahr sein oder nicht, aber sie hat den 2004 verstorbenen Parteisekretär der nordchinesischen Stadt Hohhot posthum zu einer nationalen Legende gemacht. Sein Leben zwischen Schreib- und Konferenztisch kam auf Plakate, ins Kino und als Fernsehserie in jedes chinesische Wohnzimmer. &#8220;Lernt von Niu Yuru&#8221;, fordert Präsident Hu Jintao seine Landsleute in Reden immer wieder auf. Wären sie alle so, wie Niu angeblich war, hätten Chinas Kommunisten keine Sorgen.</p>
<p>Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Die allmächtige Partei steht vor einem Image-Problem &#8211; und zwar vor einem, von dem sie nicht einmal genau weiß, wie es aussieht. In einem System ohne Pressefreiheit hat die Führung schließlich nur begrenzte Möglichkeiten, in den Spiegel der öffentlichen Meinung zu schauen. Fest steht: Unter den Vorbildern, die ihr Volk sich ohne ihr Zutun sucht, sind fast nie Beamte, dafür aber viele, die der Partei die Stirn bieten. Vor allem im Internet hat sich eine Gegenkultur zur staatlichen Propaganda entwickelt, und wie in einem Schachspiel versuchen beide Seiten, ihre Heldenfiguren gegeneinander in Position zu bringen.</p>
<p>Dieses Kräftemessen der Vorbilder ist neu. Unter Mao konnte die Kommunistische Partei ihre Helden noch nach Belieben in der Presse platzieren. Der einzige Lebenszweck dieser Vorzeige-Arbeiter und -Soldaten bestand darin, Planziele zu übertreffen. Der berühmteste war der Genosse Lei Feng, dessen angebliches Tagebuch während der Kulturrevolution eines der wenigen erlaubten Bücher war. So schrieb er etwa am 15. Februar 1961, dem ersten Tag des chinesischen Neujahrsfestes: &#8220;Alle meine Kollegen gingen fröhlich ins Kino. Und ich? Ich wollte den Festtag nutzen, um etwas Gutes für das Volk tun. Also nahm ich nach dem Frühstück meinen Korb, um Kuhfladen einzusammeln. Insgesamt habe ich 150 Kilogramm gefunden, die ich alle dem Kollektiv übergeben habe.&#8221; Seine Hilfsbereitschaft wurde Lei schließlich zum Verhängnis: Er starb 1962 im Alter von 21 Jahren, als er von einem Pfahl erschlagen wurde, den er übersehen hatte, als er einen Lastwagen einweisen wollte.</p>
<p>Zwar ist Leis Tagebuch bis heute Schullektüre, doch für die moderne Jugend braucht die Partei andere Idole. Deshalb kürt sie heute zeitgeistgemäße Vorbilder, die ihren Landsleuten vorleben sollen, dass Parteitreue, Patriotismus und Privatwirtschaft problemlos zusammenpassen. Einer dieser Mustermenschen ist die Reiseleiterin Wen Huazhi, die 2005 ein Bein verlor, weil sie nach einem Busunfall mit einer Touristengruppe erst auf die Rettung sämtlicher Gäste bestand, bevor sie sich selbst helfen ließ. Ihre Selbstlosigkeit begründete die damals 22-Jährige mit einem Mao-Zitat: Sie habe &#8220;dem Volke dienen&#8221; wollen. Die Geschichte machte sie zur perfekten Vorzeigebürgerin, und so wurde sie im Schnellverfahren in die Partei aufgenommen und in den Nationalen Volkskongress befördert, wo sie seitdem die Rolle von &#8220;Chinas schönster Parlamentarierin&#8221; spielt.</p>
<p>Während solche offiziellen Heroen im Scheinwerferlicht der großen Staatsmedien strahlen, stehen die Idole der Internetgemeinde verführerisch im Halbdunkel. Mao-Zitate benutzen sie nur zum Spaß. &#8220;Ich will auch dem Volke dienen&#8221;, sagt etwa Han Han, Chinas populärster Blogger. Er führt seine Leser mit spöttischen Kolumnen an Chinas moralische Abgründe, mokiert sich über korrupte Kader und plumpe Propaganda.</p>
<p>Als er 2009 ein Magazin gründete, kündigte er eine Rubrik namens &#8220;Hirntot&#8221; an, in der die absurdesten Beiträge aus staatlichen Medien abgedruckt werden sollten. &#8220;Die Texte können dumm, unmenschlich, unvernünftig, unanständig oder unfreiheitlich sein&#8221;, warb er um Einsendungen. Den Autoren wolle er ein Honorar von 250 Yuan überweisen &#8211; die Zahl 250 ist in China eine umgangssprachliche Bezeichnung für &#8220;Idiot&#8221;. Zwar wurde Han Hans Magazin schnell verboten &#8211; doch Millionen Lacher auf Kosten der Partei hatte er bereits geerntet.</p>
<p>Auch der Künstler Ai Weiwei gehört ins Pantheon der chinesischen Internet-Ikonen. Bevor er im April verhaftet und unter dem Vorwurf der Steuerhinterziehung mundtot gemacht wurde, organisierte er per Blog und Twitter jahrelang zivilen Ungehorsam. Nachdem 2008 beim Erdbeben in Sichuan Tausende Kinder in schlampig gebauten und deshalb maroden Schulen umgekommen waren und die Regierung eine unabhängige Untersuchung verweigerte, rief Ai eine Bürgerinitiative ins Leben, die dem Problem selbst auf den Grund ging.</p>
<p>2009 rief er zum 60. Jahrestag der Volksrepublik dazu auf, Fotos einzusenden, auf denen die Bürger den Herrschaftssymbolen der Partei den Stinkefinger zeigen. Und als 2010 die Schanghaier Behörden sein dortiges Studio abreißen wollten, organisierte er ein öffentliches Bankett mit Flusskrebsen, deren chinesischer Name ähnlich klingt wie das Wort &#8220;Harmonie&#8221;, ein Schlagwort von Präsident Hu Jintao. &#8220;Harmonisieren&#8221; ist in China zum Spottwort für alle Versuche geworden, das Internet zu zensieren.</p>
<p>Zwar ist die Harmonisierungsmacht der Partei groß, doch die Möglichkeiten der Internetgemeinde, zu entharmonisieren, sind auch nicht zu verachten. Eines ihrer Opfer war kürzlich Xie Li, die Witwe des braven Beamten Niu Yuru. In Chat-Foren wurde die Nachricht verbreitet, sie sei festgenommen worden, weil sie mit einem Koffer voller Schmiergeld das Land habe verlassen wollen. Ob das stimmt? Niemand weiß es. Sicher ist: Wo in China ein Held fällt, steht ein neuer auf &#8211; auf beiden Seiten. -</p>
<p>Erschienen in: brand eins 8/2011</p>
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		<title>Sexistischer Ritterschlag</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Aug 2011 01:56:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Nichts für Alice Schwarzer: Wie Frauen in China zum Mann werden können.</h3>
Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Einladung zum 70.Geburtstag von "Herrn Dai Qing". Ich habe mich gefreut - und gewundert. Denn bisher kannte ich Dai Qing nur als Frau. Dai Qing ist Chinas bekannteste kritische Intellektuelle. Als Adoptivtochter des einflussreichen Generals und späteren Staatsoberhaupts Ye Jianying wuchs sie im Kreis der Nomenklatura auf. Doch statt den Weg des geringsten Widerstands und sicheren Erfolges zu wählen, wagte sie es, ihre eigene Meinung zu haben und sich gegen das System zu stellen. In den 80ern wurde sie Chinas erste Umweltaktivistin...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Nichts für Alice Schwarzer: Wie Frauen in China zum Mann werden können.</h3>
<p>Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Einladung zum 70.Geburtstag von &#8220;Herrn Dai Qing&#8221;. Ich habe mich gefreut &#8211; und gewundert. Denn bisher kannte ich Dai Qing nur als Frau.</p>
<p>Dai Qing ist Chinas bekannteste kritische Intellektuelle. Als Adoptivtochter des einflussreichen Generals und späteren Staatsoberhaupts Ye Jianying wuchs sie im Kreis der Nomenklatura auf. Doch statt den Weg des geringsten Widerstands und sicheren Erfolges zu wählen, wagte sie es, ihre eigene Meinung zu haben und sich gegen das System zu stellen. In den 80ern wurde sie Chinas erste Umweltaktivistin und machte gegen den Drei-Schluchten-Staudamm mobil (Ihre damaligen Befürchtungen sind inzwischen alle Realität geworden). Dass die Tiananmen-Demonstranten Dai Qing zu ihrer Heldin kürten, brachte ihr zehn Monate Haft und ein Veröffentlichungsverbot ein. Seitdem erscheinen ihre aufrüttelnden Texte nur noch im Ausland oder im Internet. Als die Frankfurter Buchmesse sie 2009 auf Druck aus Peking von einer Podiumsdiskussion auslud, reiste sie auf eigene Kosten an und löste damit eine weltweite Debatte darüber aus, wie viel Duckmäuserei vor Chinas Kommunistischer Partei sich der Westen leisten darf.</p>
<p>Die ganze Zeit war Dai Qing eine Frau. Doch nun steht auf der Einladung in schwungvoller Kalligrafie &#8220;Dai Qing Xiansheng&#8221;. Das chinesische Wörterbuch kennt dafür keine andere Übersetzung als &#8220;Herr Dai Qing&#8221;. Hat sie sich auf die alten Tage etwa &#8230;? Nein, Dai Qing hat sich keiner Geschlechtsumwandlung unterzogen, klärte mich eine chinesische Freundin auf. Es sei im Chinesischen üblich, große und verdiente Frauen ehrfurchtsvoll &#8220;Herr&#8221; zu nennen. Es ist eine Art sexistischer Ritterschlag: Die Frau wird in den Stand eines Mannes erhoben.</p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass Frauen sich nicht selbst adeln können. Die Einladung zu Dai Qings Geburtstag stammt von einem bekannten Menschenrechtsanwalt, der die Feier in einem Pekinger Teehaus für sie ausrichtet und der Jubilarin mit der Bezeichnung &#8220;Herr&#8221; schon vorab die größtmögliche Ehre erweist. Nur sehr wenige Frauen erhalten diesen Titel, und ausschließlich Intellektuelle, die sich den &#8220;Männern der Schrift&#8221; als ebenbürtig erwiesen haben. Politikerinnen oder Managerinnen können noch so erfolgreich sein &#8211; sie bleiben immer nur die &#8220;Frau&#8221; oder &#8220;Genossin&#8221;.</p>
<p>Noch Fragen zum Stand der Emanzipation in China? Mir drängt sich vorerst allerdings eine ganz andere Frage auf: Was schenkt man einem weiblichen Herrn zum Geburtstag &#8211; Blumen oder Rotwein?</p>
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		<title>Sieben Tage Bitternis</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 14:23:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Viele chinesische Eltern schicken ihre Kinder in den Sommerferien in Militärcamps. Sie sollen leiden lernen.</h3>
Die Ohrfeige erträgt der Knabe mit Fassung. Keuchend hat er sich über das Klettergerüst gequält, sein Camouflage-T-Shirt klebt ihm am Körper. Im Schatten sind dreißig Grad und hier in der Sonne noch mehr. „Nächstes Mal geht das schneller“, blafft ihn der Soldat an, haut ihm eine runter und wendet sich dem nächsten zu. Der Teenager stellt sich ohne Protest zu seinen Kameraden. Das ist der Ernst des Lebens. Deshalb sind sie hier...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Viele chinesische Eltern schicken ihre Kinder in den Sommerferien in Militärcamps. Sie sollen leiden lernen.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_9985.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2691" title="Kinder_im_Chinesischen_Weltraumstützpunkt_(Copyright_Bernhard_Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_9985-1024x682.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Die Ohrfeige erträgt der Knabe mit Fassung. Keuchend hat er sich über das Klettergerüst gequält, sein Camouflage-T-Shirt klebt ihm am Körper. Im Schatten sind dreißig Grad und hier in der Sonne noch mehr. „Nächstes Mal geht das schneller“, blafft ihn der Soldat an, haut ihm eine runter und wendet sich dem nächsten zu. Der Teenager stellt sich ohne Protest zu seinen Kameraden. Das ist der Ernst des Lebens. Deshalb sind sie hier.</p>
<p>Es sind Sommerferien in China, und Tausende Schüler verbringen einen Teil der Zeit im „Militärischen Jugendlager“. Die Anlage im Süden Pekings nennt sich „Chinesischer Weltraumstützpunkt“ und begrüßt Besucher mit einer von Raketenmodellen flankierten Toreinfahrt, die zu einer kleinen Kasernenanlage führt. Unter grünen Netzen sind in langen Reihen Mannschaftszelte aufgebaut, daneben beginnt ein Hindernisparcours. „Ihr seid hier, um Disziplin zu lernen“, schreit ein Soldat eine Gruppe Neuankömmlinge an, die in drei Reihen vor ihm strammstehen, so gut sie können. Die Jüngsten sind acht, die ältesten achtzehn. Vielen steht der Schreck über die ruppige Begrüßung ins Gesicht geschrieben, einige kichern. „Niemand lacht, ich will hier keine Zähne sehen“, bellt der Soldat. „Und wehe, ich höre einen Mucks.“ Ein kleines Mädchen beginnt zu weinen. „Da müssen sie durch“, sagt ein Vater, der das Geschehen mit anderen Eltern verfolgt. „Kinder wachsen heute viel zu verwöhnt auf und wissen gar nicht mehr, was es bedeutet, Bitternis zu ertragen.“</p>
<p>Bitternis ertragen (auf Chinesisch „chi ku“ – wörtlich: „Bitternis essen“) ist in der Volksrepublik zu einer pädagogischen Obsession geworden. Eltern, Lehrer und Medien klagen gleichermaßen über die verweichlichte Jugend, die in Wohlstand aufwachse wie keine chinesische Generation vor ihr und die schweren Zeiten nur noch aus Erzählungen kenne. Dabei sehen die Chinesen gerade ihre Leidensfähigkeit als eine ihrer wertvollsten Charaktereigenschaften. Das chinesische Wirtschaftswunder gilt vielen als Resultat jahrzehntelanger Armut, die das Volk gestählt habe. Auch die Kommunistische Partei stützt ihre Legitimation auf die Erinnerung an Entbehrungen und Erniedrigungen. Viele Eltern halten es deshalb für notwendig, ihre Kinder den Ernst des Lebens erfahren zu lassen, und wo könnte man auf patriotischere Art leiden lernen als in der Armee?</p>
<p>Das militärische Sommercamp im „Chinesischen Weltraumstützpunkt“ ist eines von vielen im ganzen Land. Zwar ist das Raumfahrt-Ambiente nur Attrappe, doch Kinder, die für mindestens zehn Tage bleiben, verbringen einen Teil der Zeit in einer echten Kaserne der Volksbefreiungsarmee, fahren Panzer und schießen mit Gewehren. „Unser Konzept ist von Pädagogen und Psychologen erarbeitet worden“, wirbt Zhao Heshan von der Veranstalterfirma Shidai Chuanqi. Sein Büro ist in einem heruntergekommenen Gebäudekomplex im Pekinger Stadtteil Haidian. In dem engen Raum, haben gerade einmal vier kleine Schreibtische mit Sichtschutzwänden und zwei Sessel Platz. Auf den Arbeitsflächen stehen Pappbecher mit altem Tee und Zigarettenstummeln, unter einem der Tische schaut ein lebensgroßer Plastikschäferhund hervor. An den Wänden hängen Poster mit Bildern, auf denen das Camp deutlich eindrucksvoller aussieht als in Wirklichkeit. Die gleichen Fotos sind auch auf der Webseite, über die das Unternehmen die meisten Kunden gewinnt.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_9974.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2694" title="Ausbilder_im_Chinesischen_Weltraumstützpunkt_(Copyright_Bernhard_Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/08/IMG_9974-1024x681.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>„Die Jugendlichen lernen bei uns Durchhaltevermögen und Selbständigkeit, und darüber hinaus entwickeln sie Verständnis und Respekt für unsere Soldaten“, sagt Zhao. Die Ausbilder seien von einer Abteilung der Militärpolizei abkommandiert und speziell für den Umgang mit Jugendlichen geschult worden. „Wir bringen ihnen bei, dass man Kinder nicht schlagen, anschreien, schikanieren oder bestrafen darf“, versichert Zhao. Von Ohrfeigen im Camp will er nichts wissen, doch der raue Ton sei Teil des Programms. „Die Kinder sollen es ja nicht so bequem haben wie zu Hause», argumentiert Zhao. Wie genau sein Unternehmen mit der Volksbefreiungsarmee zusammenarbeitet, will er nicht verraten. Offiziell darf das chinesische Militär keine kommerziellen Geschäfte betreiben, doch dass Zhao für die Kursgebühr keine Quittungen ausstellt, lässt darauf schließen, dass seine Firma im rechtlichen Graubereich agiert.</p>
<p>2180 Yuan (240 Euro) bezahlen Eltern, um ihr Kind für sieben Tage bei Zhao unterzubringen, viele buchen gleich mehrere Wochen. Die Familien kommen aus dem ganzen Land. „Auch viele Prominente schicken ihre Kinder zu uns“, sagt Zhao, „sogar der Urenkel von Mao Zedong war schon bei uns.“</p>
<p>Die meisten Kinder merken schnell, dass die Sache mit der Bitternis nicht metaphorisch gemeint ist. „Ich hatte mir etwas ganz anderes vorgestellt“, klagt ein Zehnjähriger. Aus dem Fernsehen kennt er westliche Pfadfindercamps, doch statt Lagerfeuerromantik ist Drill angesagt. Viele klagen über das schlechte Essen. Zum Mittagessen müssen sie in Zweierreihen in einen großen Saal marschieren. Das Essen wird auf Blechtellern verteilt, etwas eingelegter Rettich, ein wenig Gemüse, ein paar kleine Fleischstücke in öliger Sauce, ein Stück Wassermelone. Auf dem Tisch stehen eine Schale Reis, eine lauwarme Kohlsuppe und ein Teller mit drei Hefebällchen, die für zehn Kinder reichen sollen. Wer mehr haben will, kann zu einem Ausschank gehen, an dem das Küchenpersonal so lustlos steht, wie es gekocht hat. Nur wenige Kinder trauen sich, um einen Nachschlag zu bitten, denn der Weg zum Ausschank führt an den Ausbildern vorbei, die ihre Kommandantenrolle sichtlich genießen.</p>
<p>Einige Eltern, die ihre Kinder im Sommerlager zurücklassen, fragen sich , ob es mit der Bitternis nicht zu viel des Guten ist. Eine Mutter macht sich Sorgen, ob ihre Tochter auf der engen Pritsche wird schlafen können, zusammen mit zehn anderen Kindern und einem Betreuer in einem heißen, stickigen Zelt. „Vielleicht suchen wir für nächstes Jahr doch etwas anderes“, überlegt sie. Schließlich gibt es noch reichlich andere Sommerprogramme. Zum Beispiel „Rote Jugendreisen“ an die wichtigsten Stätten der kommunistischen Revolution.</p>
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		<title>Murdochs Tarantel</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Aug 2011 11:21:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet - bis sie ihren Gatten verteidigte.</h3>
Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen - bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet &#8211; bis sie ihren Gatten verteidigte.</h3>
<p>Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen &#8211; bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot: Eine Frau, die ihren Mann wie eine Löwin verteidigt &#8211; könnten da etwa doch edlere Gefühle im Spiel sein?</p>
<p>Chinas Fernsehzuschauer waren live dabei, als Murdoch am 19. Juli im britischen Parlament zum Abhörskandal um seine Zeitung News of the World Rede und Antwort stehen musste. Für Chinas Propaganda ist der Fall ein gefundenes Fressen, um ihrem Volk die, wie die Agentur Xinhua schreibt, &#8220;Scheinheiligkeit und die legalen und moralischen Probleme der westlichen Presse&#8221; vorzuführen. Die Übertragung wurde in chinesischen Mikroblogforen mit dem üblichen Spott über Deng begleitet, die in ihrem rosa Blazer und kurzen Rock noch immer aussehe &#8220;wie eine Zweitfrau, obwohl sie doch längst die Erstfrau ist&#8221;. Doch dann ging der Komödiant Jonathan May-Bowles mit einem Teller voller Rasierschaum auf Murdoch los, worauf Deng instinktiv aufsprang, weit ausholte und den Angreifer direkt am Kopf traf. Das Video wurde zur Internetsensation und veränderte Dengs Image in ihrer Heimat &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes &#8211; schlagartig.</p>
<p>&#8220;Wendi Deng lehrt die Welt chinesisches Kungfu&#8221;, jubelt die Internetgemeinde. Manche benennen sie nach dem Film &#8220;Crouching Tiger, Hidden Dragon&#8221; andere raten: &#8220;Hol dir eine Frau wie Wendi Deng.&#8221; Die Zeitung ihrer Heimatstadt Xuzhou in der Provinz Jiangsu porträtierte prompt Dengs ehemaligen Sportlehrer Jiang Limo, der für sich in Anspruch nimmt, ihr den richtigen Schlag beim Volleyball beigebracht zu haben. &#8220;Das war ein astreiner Schmetterball&#8221;, sagt Jiang. &#8220;Im entscheidenden Moment ist ihr Schlag so schön und hart, wie er immer war.&#8221;</p>
<p>In Onlineumfragen avanciert Deng geradezu zur Volksheldin. Zwei Drittel der Benutzer klickten auf: &#8220;Bewundernswert &#8211; in der Krise ist sie aufgesprungen und ihrem Mann mutig zu Hilfe gekommen.&#8221; Ein Fünftel gab an, sie früher nicht gemocht, seit ihrem Schlag aber eine völlig neue Meinung zu haben. Nur noch 14 Prozent erklärten: &#8220;Ich mag solche kalkulierenden Frauen nicht.&#8221; Dabei war dies bisher die allgemeine Meinung. &#8220;Im chinesischen Sprachgebrauch ist Wendi Dengs Name ein Synonym dafür, wie man mit Ehrgeiz, Opportunismus und Skrupellosigkeit seine Ziele erreicht&#8221;, schreibt der Blogger Hecaitou. &#8220;Allgemein gehen alle davon aus, dass Murdoch das stärkste Sprungbrett war, das Wendi Deng sich erträumen konnte, doch in Wahrheit liebt sie nur sich selbst, wie eine weibliche Tarantel.&#8221;</p>
<p>Die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, wussten schon Dengs Eltern, die ihre Tochter 1968 nach der politischen Stimmung des Moments &#8220;Wenge&#8221; nannten &#8211; &#8220;Kulturrevolution&#8221;. Nach Maos Tod wurde daraus Wendi, was so viel wie &#8220;kultiviert und strahlend&#8221; bedeutet. Obwohl Deng später häufig von der Armut ihrer Kindheit erzählen sollte, stammte sie aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen. Dengs Vater, Parteikader und Leiter eines Staatsbetriebs, konnte seiner Tochter Möglichkeiten eröffnen, die anderen nicht offen standen &#8211; so etwa den Umzug nach Guangzhou, Chinas Wirtschaftswundermetropole der ersten Stunde. Dort lernte die 16-Jährige die amerikanische Familie Cherry kennen, die dem intelligenten Mädchen etwas Gutes tun wollte und es mit nach Los Angeles nahm. Erst teilte sie das Kinderzimmer mit der fünfjährigen Tochter des Paares &#8211; bis sie ins Eltern-Schlafzimmer umzog, die Cherrys sich scheiden ließen und der 50-jährige Hausherr die 19-jährige Gaststudentin heiratete.</p>
<p>Doch schon nach vier Monaten Ehe hatte Deng einen neuen Lover, einen Studenten an der California State University in Los Angeles, an der sie mittlerweile studierte. Bis zur Scheidung dauerte es allerdings noch über zwei Jahre, lang genug für eine amerikanische Greencard. Nach ihrem Abschluss in Kalifornien schaffte Deng den Sprung an die Elite-Uni Yale, wo sie einen MBA machte.</p>
<p>1996 heuerte Deng in Hongkong bei dem Fernsehsender Star TV an, Teil des Imperiums von Rupert Murdoch, der die ehemalige britische Kronkolonie als Brückenkopf nutzen will, um ins chinesische Mediengeschäft einzusteigen. Auf seinen China-Reisen begleitet Deng ihn als Übersetzerin, und bald nicht nur beruflich. Murdoch verlässt nach 31 Ehejahren seine Frau Anna, und das Paar heiratet 1999 auf Murdochs Yacht &#8220;Morning Glory&#8221; im Hafen von New York.</p>
<p>Seitdem zerreißen sich Leute aus der Medienbranche und die Chinesen gleichermaßen das Maul über das ungleiche Paar. Dass es weitaus mehr Privatsphäre in Anspruch nimmt, als Murdochs Boulevardjournalisten vielen anderen Menschen zugestehen, heizt die Gerüchteküche nur noch zusätzlich an. Vor allem zwischen Wendi Murdoch und den gleichaltrigen Kindern ihres Mannes aus erster Ehe soll das Verhältnis schwierig sein &#8211; doch nach den Maßstäben chinesischer Pietät kann sich der alte Murdoch offensichtlich auf seine Gattin mehr verlassen als auf seine eigenen Nachkommen. Denn während Wendi Deng für Rupert Murdoch im britischen Parlament in den Kampf zog, stand sein Sohn James nur verdattert herum und tat gar nichts.</p>
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		<title>Südkoreas Tränenmacher</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Jul 2011 09:17:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Das Waisenkind Choi Sung-Bong ist der neue Stern im weltumspannenden Casting-Show-Universum.</h3>
Ich möchte einfach normal sein", murmelt der 22-jährige Choi Sung-Bong leise. Und wer ihn diesen Satz sagen hört, muss kurze Zeit später zum Taschentuch greifen. Acht Minuten und zwei Sekunden dauert das Youtube-Video, das mit Chois schüchtern vorgetragenem Wunsch beginnt und damit endet, dass Choi noch weniger normal wirkt als zuvor. Der 22-jährige Südkoreaner ist der neueste Stern am internationalem Castingshow-Himmel. Mit der richtigen Mischung aus trauriger Lebensgeschichte, unvorteilhaftem Äußeren und bombastischer Stimme hat er sich in die Herzen eines Millionenpublikums gesungen - und das nicht nur in Südkorea...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das Waisenkind Choi Sung-Bong ist der neue Stern im weltumspannenden Casting-Show-Universum.</h3>
<p>Ich möchte einfach normal sein&#8221;, murmelt der 22-jährige Choi Sung-Bong leise. Und wer ihn diesen Satz sagen hört, muss kurze Zeit später zum Taschentuch greifen. Acht Minuten und zwei Sekunden dauert das Youtube-Video, das mit Chois schüchtern vorgetragenem Wunsch beginnt und damit endet, dass Choi noch weniger normal wirkt als zuvor. Der 22-jährige Südkoreaner ist der neueste Stern am internationalem Castingshow-Himmel. Mit der richtigen Mischung aus trauriger Lebensgeschichte, unvorteilhaftem Äußeren und bombastischer Stimme hat er sich in die Herzen eines Millionenpublikums gesungen &#8211; und das nicht nur in Südkorea.</p>
<p>Als so genannten &#8220;Paul-Potts-Moment&#8221; bezeichnen Fernsehmacher die magischen Sendeminuten, die zum Unterhaltungsversprechen jeder Casting-Show gehören. Benannt sind sie nach dem englischen Tenor, der 2007 zum Weltstar wurde. Dass einige inzwischen vom &#8220;Susan-Boyle-Moment&#8221; sprechen, nach der schottischen Sängerin, die zwei Jahre nach Potts eine ähnliche Blitzkarriere hinlegte, zeigt, wie vergänglich Youtube-Ruhm sein kann.</p>
<p>Wenn es nach den Koreanern ginge, sollte bald vom &#8220;Choi-Sung-Bong-Moment&#8221; die Rede sein. Über zehn Millionen Klicks hat allein die englisch untertitelte Version seines Auftritts bereits. In seiner Heimat hat er sich über Nacht in die Liga der A-Promis katapultiert. Sein Aufstieg begann am 6. Juni in der Sendung &#8220;Korea&#8217;s got Talent&#8221;. Mit Topffrisur und Holzfällerhemd stand er auf der Bühne und erzählte seine Lebensgeschichte. &#8220;Ich wurde mit drei in einem Waisenhaus abgegeben&#8221;, erzählte Choi, &#8220;und als ich fünf war, lief ich weg, weil ich geschlagen wurde&#8221;. Seitdem habe er sich ganz alleine durchgekämpft. Er verkaufte Saft und Kaugummis, lieferte Milch und Zeitungen aus, schlief in Treppenhäusern und öffentlichen Toiletten.  Eine Grundschule hat er nie besucht, er durfte aber später nach einer Sonderprüfung eine Mittelschule besuchen. Er ging früh von der Schule ab und arbeitete auf dem Bau. In einem Nachtclub, in dem er Snacks anbot, entdeckte er die Musik. &#8220;Singen war das erste, was mir Spaß gemacht hat, nachdem mein Leben zuvor wie das einer Eintagsfliege gewesen war&#8221;, erzählte er. &#8220;Aber ich bin kein guter Sänger.&#8221;</p>
<p>Was dann folgte, war der Beweis des Gegenteils. In schmelzendem Bariton rezitierte er &#8220;Nella Fantasia&#8221;, einen Klassikpopschlager der Sopranistin Sarah Brightman, der wie gemacht ist für einen Verwandlungsakt vom Normalo zum Star. &#8220;In meiner Vorstellung sehe ich eine gerechte Welt, in der alle in Frieden und Ehrlichkeit leben&#8221;, heißt es in dem Lied auf italienisch. &#8220;Ich träume von Seelen, die immer frei sind, wie ziehende Wolken, voller Menschlichkeit und Seelentiefe.&#8221; Das koreanische Publikum versteht das Lied auch ohne den Text. Wenn Choi singt, verbreiten sich Gänsehaut, Tränen und am Ende ergriffener Applaus. &#8220;Ich will dich einfach nur umarmen&#8221;, schluchzte eine Jurorin bei seinem ersten Auftritt. Ihre Kollegin bot Choi Gesangsstunden an.</p>
<p>Der Auftritt des 22-Jährigen hat &#8220;Korea&#8217;s got Talent&#8221; zur erfolgreichsten Casting-Show des Landes gemacht, und das, obwohl Castingshows in Korea viel Konkurrenz haben. Der Volksmusikwettbewerb &#8220;Jeonguk Norae Jarang&#8221; (Koreas lokale Musikshow) läuft bereits seit über dreißig Jahren jede Woche. Jeder koreanische Sender hat ein eigenes Castingprogramm: &#8220;Wunder-Casting&#8221; sucht Schauspieler, &#8220;Casting Survival &#8221; scoutet Popstars, &#8220;Top Band&#8221; lässt Musikgruppen gegeneinander antreten, &#8220;Supermodel Korea&#8221; schickt langbeinige Mädchen auf den Laufsteg, &#8220;Der Einsteiger&#8221; vermittelt Jobs und &#8220;Human Survival&#8221; fahndet nach einfach tollen Typen.</p>
<p>Obwohl es zum Selbstbild der Koreaner gehört, eine vom Sozialdarwinismus geprägte Gesellschaft zu sein, leben sie in Auswahlshows immer wieder eine heimliche Sympathie für Underdogs aus. Im vergangenen Jahr machte Huh Gak Schlagzeilen, der Sieger der Talentshow &#8220;Superstar K2&#8243;. Untersetzt, mittellos und schlecht ausgebildet vereinte Huh alle Attribute, die in Korea als schlecht angesehen gelten. Trotzdem konnte er sich gegen seinen stärksten Konkurrenten durchsetzen, der das genaue Gegenteil verkörperte. &#8220;Die Zuname von Casting-Shows zeigt einen allgemeinen Wunsch der Koreaner nach einem fairem Wettbewerb in der Gesellschaft&#8221;, schreibt die Zeitung Korea Times. Nicht weniger groß ist das Bedürfnis nach internationaler Anerkennung. Abgesehen von der Eiskunstläuferin Kim Yu-Na ist kaum ein Koreaner außerhalb der Heimat bekannt &#8211; ein wunder Punkt im koreanischen Nationalgefühl, dem der Minderwertigkeitskomplex innewohnt, vom Rest der Welt nicht ausreichend wahrgenommen zu werden.</p>
<p>Umso euphorischer verfolgen die koreanischen Medien nun, wie viel Aufmerksamkeit der junge Sänger im Ausland bekommt. Beim Showfinale am 20. August kann er sich deshalb seines Sieges so gut wie sicher sein. Dass die Koreaner ihn so schnell wieder fallen lassen, wie die Engländer einst Susan Boyle, die bei &#8220;Britain&#8217;s got Talent&#8221; nur Zweite wurde, ist nicht zu erwarten. Und normal wird alles schon früh genug.</p>
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		<title>Bordeaux auf ex</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jul 2011 13:53:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>
		<category><![CDATA[Luxus]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Winzer in aller Welt sehen China als Absatzmarkt für ihre Weine – oder bekommen Angebote, ihre Weinberge an chinesische Investoren zu verkaufen.</h3>
Die Herren stecken ihre Nasen tief in ihre Rotweingläser, schnüffeln einen Moment und kippen den Inhalt dann ex hinunter. „Bu cuo“, raunzt einer – nicht schlecht. Während er sich mit den Stäbchen noch ein Stück Fleisch von der Drehplatte angelt und andere an ihren Zigaretten ziehen, gießt ein beflissener Kellner aus einer Kristallkaraffe nach. Es folgt das nächste Glas und das übernächste, bis einer den Vorschlag macht, doch endlich die Karaoke-Maschine anzulassen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Winzer in aller Welt sehen China als Absatzmarkt für ihre Weine – oder bekommen Angebote, ihre Weinberge an chinesische Investoren zu verkaufen.</h3>
<p>Die Herren stecken ihre Nasen tief in ihre Rotweingläser, schnüffeln einen Moment und kippen den Inhalt dann ex hinunter. „Bu cuo“, raunzt einer – nicht schlecht. Während er sich mit den Stäbchen noch ein Stück Fleisch von der Drehplatte angelt und andere an ihren Zigaretten ziehen, gießt ein beflissener Kellner aus einer Kristallkaraffe nach. Es folgt das nächste Glas und das übernächste, bis einer den Vorschlag macht, doch endlich die Karaoke-Maschine anzulassen.</p>
<p>Die Freunde sind in teuren Limousinen aus der drei Stunden entfernten Hauptstadt Peking angereist, um einen Abend lang das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden, Geschäft mit Genuss. Den Rahmen bietet das Weingut „Bodega Langes“ in Changli, ein im europäischen Stil gebautes Landschlösschen mit 188 Hektar Weinreben. Aus Lautsprechern schallt Mozart durchs Tal, ebenso wie durch die Gewölbe des ausgehöhlten Berges, in dem der Wein in Eichenfässern lagert. „Die Musik verbessert die Qualität“, versichert der Gutsverwalter Ren Jing. Rens Kunden, fast ausschließlich Stammgäste, sind reiche Pekinger, die jährlich Flaschen im Wert von mindestens 50.000 Yuan (5.500 Euro) in ihrem Kellerraum einlagern und dafür die Bodega mit Freunden und Geschäftspartnern nutzen können.</p>
<p>Neben einem Hotel und Restaurant bietet die Anlage auch ein Spa, in dem man sich mit frisch gepresstem Traubenkernöl massieren lassen kann. „Immer mehr Chinesen interessieren sich für Wein, und wir bieten ihnen die Gelegenheit, Weinkultur in einem exklusiven Umfeld zu genießen“, sagt Ren.</p>
<p>Benannt ist die „Bodega Langes“ nach ihrem Besitzer Gernot Langes-Swarovski, ehemals Geschäftsführer des österreichischen Kristallkonzerns Swarovski und einer von vielen internationalen Unternehmern, die in Chinas Weinmarkt eine lukrative Zukunftsbranche sehen. „Ganhong“, wörtlich „trockener Roter“, ist das Modegetränk des neuen chinesischen Mittelstands, der sich seinen Lebensstil vom Westen abschaut. „Wein ist in China ein Statussymbol, mit dem man zeigen kann, dass man kultiviert, weltläufig und erfolgreich ist“, erklärt Stefan Fleischer, Spross einer traditionsreichen Mainzer Winzerfamilie und seit sechs Jahren in China im Weinimport tätig.</p>
<p>Im Durchschnitt trinkt jeder Chinese zwar nur knapp eine Flasche Wein im Jahr, gegenüber 30 Flaschen in Deutschland und fast 70 in Frankreich. Doch der Konsum wächst gegenwärtig um rund 20 Prozent im Jahr. 2010 stieg China zum sechstgrößten Konsumenten von Wein weltweit auf; die Industrie setzt jährlich rund drei Milliarden Euro um. War Wein in chinesischen Supermärkten vor zehn Jahren noch eine Kuriosität, so füllt er inzwischen ganze Regale, flankiert von Werbung mit französischen Schlössern und würdevollen Europäern, die versonnen in große Kristallgläser oder fachmännisch in schwere Fässer schauen.</p>
<p>Zwar kann die Mehrheit mit den Geschmacksnuancen von Wein noch wenig anfangen. Manche Chinesen mischen ihren Rotwein mit Cola oder kühlen ihn mit Eiswürfeln. Andere setzen Rotwein mit Knoblauch, Zwiebeln und Kräutern an und trinken ihn als Medizin. Doch junge Chinesen lernen inzwischen auf Seminaren für westliche Lebensart neben Begrüßungsküsschen oder dem Essen mit Messer und Gabel auch das Weintrinken.</p>
<p>Der Boom hat weltweite Auswirkungen: Winzer in aller Welt sehen China als Absatzmarkt für ihre Weine – oder bekommen Angebote, ihre Weinberge an chinesische Investoren zu verkaufen. „Die wachsende chinesische Nachfrage kann nur durch Importe gedeckt werden, weil China nicht in der Lage ist, genug eigenen Wein zu produzieren“, sagt Edward Ragg, Mitbegründer der Pekinger Beratungsfirma Dragon Phoenix Wine Consulting, die einen großen Teil der neuen chinesischen Sommeliers ausbildet. „Es gibt in China nicht viele Gegenden, die sich für den Weinanbau eignen, und nur sehr wenige Flecken, an denen man wirklich gute Trauben erwarten kann.“ Zwar ist China inzwischen auch der sechstgrößte Weinhersteller der Welt, doch die meisten Flaschen aus den Kellern der drei großen staatlichen Winzereikonglomerate Changyu, Dynasty und Great Wall wären in einem Land von Weinkennern unverkäuflich.</p>
<p>Von Bulgarien bis Australien erwerben chinesische Konzerne deshalb bessere Weinberge, als sie zu Hause finden können. Vor allem aber haben sie es auf Bordeaux abgesehen. In den vergangenen drei Jahren wechselten in dem französischen Weinbaugebiet sechs Weingüter in chinesische Hände. Ihre wohlklingenden Namen – Château Laulan Ducos, Château Richelieu oder Château Chenu Lafitte – lassen sich in China erstklassig vermarkten, auch wenn manches „Château“ kaum mehr ist als ein Bauernhaus. 2010 verdoppelte sich die chinesische Nachfrage nach Bordeaux-Weinen auf 333 Millionen Euro, womit die Volksrepublik zum größten Exportpartner der Region aufstieg.</p>
<p>„Frankreich gilt für die Chinesen als Weinland Nummer eins“, sagt der Weinimporteur Fleischer. Seine chinesischen Kunden unterteilt er in zwei Schichten. „Die einen nenne ich die Lafitte-Kunden. Das sind die Superreichen, die sich die exklusivsten Bordeaux-Weine kaufen, um zur Schau zu stellen, wie viel Geld sie haben“, erklärt Fleischer. „Die anderen sind junge, konsumfreudige Städter, die sich zwar nicht besonders teuren Wein leisten können, aber gerne mehr über Wein lernen und reden wollen.“ Vor allem diese schnell wachsende Mittelschicht sei es, welche dem chinesischen Markt seine Dynamik verleihe, sagt Fleischer.</p>
<p>Exklusive Weinclubs wie die „Bodega Langes“ sind ein beliebtes Vermarktungsmodell. Für die glückbringende Summe von 888 Yuan (97 Euro) können Mitglieder besondere Jahrgangsflaschen erwerben, verziert mit echten Swarovski-Kristallen. Ob der Inhalt den hohen Preis rechtfertigt, ist unter Weinkennern umstritten, doch wer in China teuren Wein kauft, schaut ohnehin nicht auf den Preis. Auch der staatliche Lebensmittelkonzern Cofco, der mehrere Bordeaux-Weingüter erworben hat, will den dort hergestellten Wein in einer eigenen Kette von Weinclubs vertreiben. „Exklusivitätsversprechen sind für chinesische Kunden sehr attraktiv“, erklärt Ragg. „Allerdings zeigt diese Marketingstrategie auch, dass der chinesische Weinmarkt noch sehr unterentwickelt ist, weil viele Kunden verständlicherweise noch nicht viel über Wein wissen.“</p>
<p>Allerdings kann das Streben nach Statussymbolen auch riskant sein. Kürzlich sorgte in chinesischen Medien der Rohstoffkonzern Sinopec für Aufsehen, weil er für seine Manager einen Weinkeller im Wert von rund 1,75 Millionen Euro angelegt hatte. Die Verantwortlichen wurden entlassen.</p>
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		<title>Zu Füßen der Reichen</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Jul 2011 13:41:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Jugend träumt von Wohlstand, doch die meisten kommen trotz harter Arbeit kaum über die Runden. So wie der Masseur Lin Liang.</h3>
Das Widerliche sind die Socken. Die Füße selbst machen Lin Liang nichts aus, auch an lange Zehennägel, dicke Hornhäute oder Blasen hat er sich gewöhnt. Aber seinen Kunden die verschwitzten Strümpfe abzustreifen, findet er eklig. "Zum Glück kommen hier nur reiche Leute her", sagt der Fußmasseur. "Die sind meistens kultiviert genug, um ihre Socken alleine auszuziehen." Lin trägt ein hellblaues T-Shirt mit dem Logo des Pekinger Massagesalons, in dem er seit vier Jahren arbeitet. Unter den Ärmeln schaut ein tätowierter Fisch hervor...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Jugend träumt von Wohlstand, doch die meisten kommen trotz harter Arbeit kaum über die Runden. So wie der Masseur Lin Liang.</h3>
<p>Das Widerliche sind die Socken. Die Füße selbst machen Lin Liang nichts aus, auch an lange Zehennägel, dicke Hornhäute oder Blasen hat er sich gewöhnt. Aber seinen Kunden die verschwitzten Strümpfe abzustreifen, findet er eklig. &#8220;Zum Glück kommen hier nur reiche Leute her&#8221;, sagt der 23-jährige Fußmasseur. &#8220;Die sind meistens kultiviert genug, um ihre Socken alleine auszuziehen.&#8221;</p>
<p>Lin trägt ein hellblaues T-Shirt mit dem Logo des Pekinger Massagesalons, in dem er seit vier Jahren arbeitet. Unter den Ärmeln schaut ein tätowierter Fisch hervor. &#8220;Der hat keine spezielle Bedeutung&#8221;, erklärt Lin. &#8220;Fische gefallen mir eben.&#8221; Seine Schultern und Oberarme sind muskulös wie die eines Bodybuilders. Dabei war er noch nie in einem Fitnessstudio. Jeden Tag zwölf Stunden lang Füße zu massieren, hat den gleichen Effekt.</p>
<p>Gerade hat Lin einen Stammkunden, einen Geschäftsmann, den er &#8220;Laoban&#8221; nennt &#8211; Boss. Der kommt mehrmals pro Woche und verlangt immer nach Masseur Nummer 116. Lins echten Namen kennt er nicht &#8211; der Besitzer des Salons möchte nicht, dass die Beziehungen zwischen Angestellten und Kunden persönlich werden. Der Chef verbietet Lin auch, sich fotografieren zu lassen.</p>
<p>Während der Laoban sich in einem Liegesessel ausstreckt und durch das Fernsehprogramm zappt, wäscht Lin ihm in einem Holztrog die Füße und bearbeitet dann eine Stunde lang Sohlen und Unterschenkel. Gesprochen wird kein Wort, es sei denn, der Kunde beschwert sich über Verdauungsprobleme. &#8220;Dann konzentriere ich mich auf bestimmte Druckpunkte&#8221;, erklärt Lin. &#8220;Mit Fußmassage lassen sich viele Krankheiten behandeln.&#8221; Manchmal schläft der Boss ein. Dann muss ihm Lin hinterher die Socken anziehen.</p>
<p>Menschen, die anderen die Füße massieren und Menschen, die sich die Füße massieren lassen &#8211; das sind die beiden Schichten, in die Lin die chinesische Gesellschaft einteilt. Wie alle jungen Chinesen träumt er davon, eines Tages zu den Massierten zu gehören. Zu den Fortschrittsgewinnern, die in Wolkenkratzern leben, Auto fahren und zum Urlaub ins Ausland fliegen. Doch wie für die Mehrheit der jungen Chinesen muss Lin sich mit Träumen begnügen.</p>
<p>Obwohl Chinas Wirtschaft boomt, wird das Leben für den größten Teil der Bevölkerung nicht leichter. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, und mit ihr die Angst vieler, die Abzweigung Richtung Wohlstand verpasst zu haben. Vor allem die Jugend fühlt sich unter Druck. Nur wer in der Stadt aufgewachsen ist und eine gute Ausbildung hat, kann ohne Existenzsorgen in die Zukunft schauen, doch das ist höchstens ein Viertel. Der Rest macht die Erfahrung, dass es auch mit harter Arbeit kaum möglich ist, die Armut abzuschütteln.</p>
<p>Jeden Morgen um elf verlässt Lin die Barackenwohnung am Pekinger Stadtrand, in der er alleine wohnt. Für das enge Zimmer zahlt er pro Monat 400 Yuan (43 Euro), billiger geht es in der Hauptstadt nicht. Der Raum hat eine dünne Matratze, Tisch und Stuhl und einen alten Fernseher. Wenn das Abrisskommando kommt, um Platz für die nächste Shopping-Mall zu schaffen, kann Lin seine Besitztümer in wenigen Minuten zum Bündel packen, den Fernseher ausstöpseln und sich eine neue Bleibe suchen. Alle paar Monate geht das so.</p>
<p>Eine Stunde schlängelt Lin sich täglich mit dem Fahrrad durch den Pekinger Vormittagsstau, um zur Arbeit im wohlhabenden Stadtteil Chaoyang zu kommen. Wenn er in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages wieder nach Hause fährt, sind die Straßen fast leer. &#8220;An guten Tagen massiere ich acht Kunden&#8221;, erzählt Lin. Von den 168 Yuan (18 Euro), die sie bezahlen, erhält er 22. &#8220;Wir beschweren uns immer, dass wir mindestens 27 Yuan abbekommen sollten. Aber der Chef sagt nur, wenn es uns bei ihm nicht passt, sollen wir doch gehen.&#8221; Natürlich geht Lin nicht. Seine monatlich rund 4000 Yuan (430 Euro) sind zwar nur zwei Drittel des Pekinger Durchschnittslohns. Aber für junge Wanderarbeiter wie ihn ist das schon eines der höchsten Gehälter, mit denen er rechnen kann.</p>
<p>Aufgewachsen ist Lin in einem Dorf in der nordchinesischen Provinz Jilin. Seine Eltern sind Bauern und leben noch in dem selbsterrichteten Ziegelhaus, in dem er seine Jugend verbracht hat. Die Familie war arm, aber alle Nachbarn waren es auch. &#8220;Ich war mehr auf dem Feld als in der Schule&#8221;, erinnert sich Lin. &#8220;Eigentlich war es eine schöne Kindheit.&#8221;</p>
<p>Nach der neunten Klasse verlässt er die Schule und heuert in einem Restaurant als Küchenjunge an. Bald steht er selbst hinter den Woks und kocht Hausmannskost: Hühnereintöpfe, Bratkartoffeln mit Gemüse, Kohlsuppen. Eine richtige Ausbildung ist das nicht, aber mit 17 Jahren verdient Lin immerhin 1000 Yuan (108 Euro) im Monat. Das war damals nicht schlecht.</p>
<p>Doch dann gerät er mit dem kleinen Finger in die Fleischschneidemaschine und kann einige Wochen nicht arbeiten. Dass er damit den Job verliert, ist so selbstverständlich, dass er mit dem Chef nicht diskutiert. Als Lin wieder gesund ist, hat er Probleme, eine neue Stelle zu finden. Ein Freund schlägt ihm vor, etwas anderes zu probieren. Massagesalons sind gerade in Mode, die Betreiber versprechen einen Arbeitsplatz mit Zukunft. Lin überzeugt das, obwohl er anfangs kein Gehalt bekommt, sondern sogar noch monatlich 500 Yuan Schulungsgebühr zahlen muss. &#8220;Immerhin war das eine Art Ausbildung&#8221;, sagt er.</p>
<p>Vor vier Jahren kam Lin nach Peking, in der Hoffnung, einen guten Job zu finden. Er musste schnell feststellen, dass die höheren Gehälter in der Metropole von höheren Lebenskosten wieder aufgefressen werden. Aber interessanter ist das Leben allemal. Schon so manchem Filmstar, Sänger oder Sportler hat er die Füße massiert, etwa der Schauspielerin Michelle Yeoh, die mit ihren Bodyguards kam, unter deren Jacketts sich Pistolenhalfter wölbten. &#8220;Wie in einem Mafiafilm&#8221;, sagt Lin. Der Glamoureffekt hat allerdings nachgelassen. &#8220;Am Anfang war ich sehr aufgeregt, wenn Stars kamen&#8221;, sagt er. &#8220;Aber dann habe ich gemerkt, dass ich mit ihrem Leben nichts zu tun habe.&#8221;</p>
<p>An seinen wenigen freien Tagen fährt Lin mit dem Fahrrad durch die Stadt oder spielt im Internetcafé Computerspiele. Echte Freunde hat er in Peking nicht, aber manchmal geht er mit seinen Kollegen essen. Sich ernsthaft in eine Frau zu verlieben, traut er sich nicht. Denn eine Freundin zu haben, bedeutet, Geld ausgeben zu müssen. Heiraten möchte er eines Tages schon. Aber das sei erst möglich, wenn er sich eine Wohnung kaufen kann, sagt Lin. Keine Chinesin wolle einen Mann ohne Wohnung. &#8220;Wahrscheinlich werde ich deshalb in ein paar Jahren in meine Heimat zurückgehen&#8221;, sagt er. &#8220;Dort ist es billiger.&#8221;</p>
<p>Einstweilen besucht er seine Eltern einmal im Jahr, zum Frühlingsfest. Er bringt ihnen Geld mit, teure Zigaretten und Haushaltsgeräte. Und er massiert ihnen die Füße.</p>
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