Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kims Kampf

Der Diktator zündelt mit der Atombombe und das Volk hungert: Immer wieder fliehen Nordkoreaner aus ihrem Land. Der Aktivist Kim Sang-hun hilft ihnen dabei.

Kim Sang-hun (Copyright: Martin Gottske)Zum Vatertag erhielt Kim Sang-hun einen Anruf von einem Mann, an den er sich zunächst nicht erinnern konnte. „Ich weiß, ich habe mich lange nicht gemeldet“, entschuldigte sich der Anrufer mit tränenerstickter Stimme. „Aber ich denke jeden Tag an Sie und danke Ihnen für das neue Leben, das sie mir geschenkt haben.“ Sein Akzent verriet ihn schon nach den ersten Worten als Nordkoreaner, doch es dauerte einige Sätze, bis Kim ihn wieder vor sich sah: einen hageren, stillen Mann Anfang vierzig, Ingenieur von Beruf. Er hatte zu einer kleinen Gruppe von nordkoreanischen Flüchtlingen gehört, mit denen Kim vor einigen Jahren mehr als 3000 Kilometer quer durch China gereist war…

Bernhard Bartsch | 19. Februar 2013 um 08:44 Uhr

 

Die Grenzen des Wachstums

Das Jahr des Drachen war für China ein Jahr der Desillusionierung.

In China kursiert derzeit eine Scherzfrage: Angenommen, die Eltern hätten für ihr Baby nur die Wahl zwischen Milchpulver aus China oder Japan, welches würden sie nehmen? Die Pointe besteht darin, dass sie den Antwortenden zwingt, entweder gegen die politische Korrektheit zu verstoßen oder gegen den gesunden Menschenverstand. Zwar ist es in China üblich, die Japaner als Erbfeinde zu verteufeln. Doch wenn es um die Gesundheit des eigenen Kindes geht, hört der Patriotismus auf. Besser als chinesisches Milchpulver ist das japanische bestimmt, glauben die Chinesen, Fukushima hin oder her. Der schwarze Humor ist typisch für die aktuelle Gemütslage…

Bernhard Bartsch | 10. Februar 2013 um 07:40 Uhr

 

Einsam, ängstlich, unzufrieden

Chinas Ein-Kind-Politik hat eine Generation von kleinen Kaisern hervorgebracht – mit psychologischen Folgen.

Song Le könnte zufrieden sein. Der 20-jährige Pekinger hat erreicht, wovon Millionen Gleichaltriger träumen. Er studiert an einer renommierten Pekinger Universität. Es ist der Lohn jahrelanger Paukerei für die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung. Seine Mutter, die als Haushaltshilfe arbeitet, ist stolz: Ihr Sohn kann damit rechnen, einen gut bezahlten Job zu bekommen und sozial aufzusteigen. Doch Song Le ist nicht zufrieden…

Bernhard Bartsch | 11. Januar 2013 um 08:02 Uhr

 

Chinas frohe Botschaft

Immer mehr Chinesen finden zum christlichen Glauben, die chinesische Konkurrenzgesellschaft empfinden sie als egoistisch und materialistisch.

Für Herrn Meng ist Gott allmächtig. «Früher habe ich gestottert und brachte keinen geraden Satz heraus», erzählt der Mittvierziger. «Dann bin ich Christ geworden – und Sie hören ja, wie ich jetzt sprechen kann!» Allerdings. Herr Meng redet seit zwanzig Minuten wie ein Wasserfall von Gottes Wundern, der Bibel und dem Weihnachtsfest. Seine rund 60 Zuhörer sitzen eng gedrängt auf schmalen Bänken und kleinen Hockern. Sie alle sind an diesem Adventssonntag zum ersten Mal zu einem Gottesdienst in die Pekinger Chongwenmen-Kirche gekommen und im Anschluss zu einer Einführung in den christlichen Glauben eingeladen worden. «Im Alltag erleben wir alle, wie eigennützig und boshaft Menschen sein können», erklärt Herr Meng, einer der Gemeindeältesten. «Aber Gott ist gerecht, ihm können wir vertrauen.» Er lässt eine Liste mit den Terminen der regelmässigen Bibelstunden herumgehen. Viele tragen sich ein…

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2012 um 08:10 Uhr

 

Der große Lachangriff

Chinas Internetgemeinde torpediert Pekings Parteitagspropaganda. Für Xi Jinping wird der Kontrollverlust über die öffentliche Meinung eine zentrale Herausforderung.

Was war das nur für eine Rede, die Chinas Staatschef Hu Jintao da beim Parteitag in Pekings Großer Halle des Volkes gehalten hat! Die Delegierte Chen Yecui aus dem ostchinesischen Shandong erzählte hinterher, sie habe vor Begeisterung so viel geklatscht, dass ihre Hände taub wurden. Die Abgeordnete Li Jian aus der armen Provinz Ningxia war so ergriffen, dass sie fünfmal in Tränen ausgebrochen sein will. Der Pekinger Parteivertreter Ju Xiaolin malte spontan einen Herzchen-Comic und schrieb ein emotionales Gedicht, das er mit tränenerstickter Stimme vortrug: „In der 64-seitigen Rede des 18. Parteitags habe ich sie endlich gefunden: die neue Hoffnung in meinem Herzen.“ Liang Wengen, Gründer des Baumaschinenherstellers Sany und einer der reichsten Männer Chinas, versprach, er würde der Partei all seine Milliarden schenken, sie müsse nur danach fragen. Kann man derartige Begeisterung für Hus 90-minütigen, mit monotoner Stimme vorgelesenen Arbeitsbericht ernst nehmen? Kann man nicht…

Bernhard Bartsch | 16. November 2012 um 09:27 Uhr

 

Bitte lächeln!

Chinas neuer Slogan heisst «Glück». Je größer die Unzufriedenheit im Land wird, umso mehr versucht die Partei ihr Volk davon zu überzeugen, dass es glücklich sei.

«Lhasa ist die Stadt des Glücks», erklärt Qi Zhala, und die um den Tisch versammelten Parteifunktionäre nicken um die Wette. Im Tibet-Saal der Grossen Halle des Volkes in Peking sitzt die Parteitags-Delegation aus Chinas umstrittenster Provinz zusammen, um den Arbeitsbericht des scheidenden Staats- und Parteichefs Hu Jintao zu diskutieren. «Diskutieren» heisst in diesem Fall loben, und so schwärmt Lhasas Parteisekretär von Tibets blauem Himmel, von der sauberen Umwelt und von dem beliebten Quellwasser, das in ganz China teuer verkauft werde. Und dann ist da noch eine Studie des Zentralfernsehens CCTV, die im August herausgefunden haben will, dass Lhasas Bewohner die glücklichsten Menschen Chinas seien…

Bernhard Bartsch | 11. November 2012 um 15:47 Uhr

 

Risse in der koreanischen Mauer

In Seoul studiert man die Erfahrungen aus der deutsch-deutschen Vereinigung. Und hofft doch, dass man die Lektionen nicht allzu schnell brauchen wird.

An diesem Mittwoch wird Kim Seung Chul wieder über Deutschland sprechen. „Liebe Zuhörer, heute ist der 22. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung“ – so oder so ähnlich wird er in seiner Nachrichtensendung anfangen zu erzählen, wie es dazu kam, dass aus einem sozialistischen und einem kapitalistischen System ein gemeinsamer Staat wurde. Er wird viel Gutes über die Deutschen sagen, über die vereinte Wirtschaftskraft und eine junge Generation, die sich gar nicht mehr daran erinnern kann, dass ihr Land einmal geteilt war. Zwar ist Kim Seung Chul noch nie in Deutschland gewesen, aber trotzdem wünscht er sich, dass sich seine Landsleute an den Deutschen ein Vorbild nehmen…

Bernhard Bartsch | 03. Oktober 2012 um 08:18 Uhr

 

Bloß nicht ausruhen

Der Wirtschaftsboom hat die Chinesen zu einem Volk von Reisenden gemacht. Sie wollen sich in ihren Ferien weniger erholen als viel erleben.

Müllsammeln am Mount Everest, das wär’s doch, dachte He Sulan, als sie vor einiger Zeit morgens die Zeitung las. Die Pekingerin hatte die Reiseseiten durchstöbert, als ihr die ungewöhnliche Anzeige auffiel: Drei Wochen lang mit dem Auto von der Hauptstadt nach Tibet und an den Fuß des höchsten Berges der Erde – unterwegs im Zeichen des Umweltschutzes. „Das fanden mein Mann und ich spannend“, erinnert sich die Kleinunternehmerin. Einige Monate später startete das Ehepaar tatsächlich in einer Kolonne von 54 Fahrzeugen quer durch China zum Dach der Welt. Ein Fernsehteam begleitete die Urlauber…

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2012 um 09:59 Uhr

 

Sinnsuche im Wirtschaftswunderland

Viele Mittelstands-Chinesen nehmen beim tibetischen Buddhismus spirituelle Zuflucht – ein schroffer Gegensatz zur politischen Lage.

Im Zug der Gläubigen, die den Pilgerweg mit seinen bunten Gebetsfahnen abschreiten, fällt Sun Wei auf. Vor und hinter ihr laufen Tibeter in traditionellen Gewändern, die Männer in Pelzmänteln, Filzhüten und hohen Lederstiefeln, die Frauen mit geflochtenen Haaren, wattierten Jacken und Seidenschürzen. Ihre Gesichter sind dunkel und wettergegerbt. Sun Wei hat dagegen die gepflegte Blässe einer Großstädterin und trägt modische Outdoor-Kleidung: Fleecepullover, Funktionshose, teure Wanderschuhe. Man sieht sofort, dass sie eine Han-Chinesin ist…

Bernhard Bartsch | 20. Juli 2012 um 10:03 Uhr

 

Im Land der Tugenden

Fast eine Millionen Chinesen besuchen jährlich Deutschland, auf der Suche nach Porsche, Bier und Würstchen.

Als politischer Vordenker hat Karl Marx schon lange ausgedient, aber die Kapitalisten brauchen ihn trotzdem noch. Sein Geburtshaus in Trier ist ein lukrativer Besuchermagnet, vor allem für Touristen aus China. In chinesischen Reisebüchern wird das Marx-Haus als einer der Höhepunkte einer Deutschlandreise empfohlen. Bei Europareisen (Motto: „8 Länder in 8 Tagen“) gehört Trier sogar oft zu den zwei oder drei Sehenswürdigkeiten, für die bei der deutschen Etappe Zeit ist. 3,8 Millionen Chinesen flogen 2011 als Touristen nach Europa, knapp ein Viertel kam auch nach Deutschland. Wenn der Trend anhält, dürften 2012 erstmals mehr als eine Million chinesische Urlauber „Deguo“, das „Land der Tugenden“, wie Chinesen Deutschland nennen, besuchen…

Bernhard Bartsch | 09. Juli 2012 um 10:08 Uhr

 

Mr. Softpower und die ausländische Schlampe

Der chinesische Moderator Yang Rui hetzt im Internet gegen Ausländer. Seinen Arbeitgeber, den Staatssender CCTV, scheint das nicht zu stören.

Was wäre wohl los, wenn Günther Jauch fordern würde, Deutschland müsse „den ausländischen Dreck säubern“? Wenn er verlangen würde, die „ausländischen Schlangenköpfe abzuschneiden“ und „die ausländischen Banditen wegzusperren, um unsere unschuldigen Mädchen zu schützen“? Jauch würde sicher im Nu vom populären Moderator zum geächteten Ex-Moderator werden. Nicht so Yang Rui, Star des chinesischen Staatsfernsehens CCTV und Gastgeber von „Dialogue“, einer englischsprachigen Sendung, die allabendlich das Verständnis zwischen China und dem Rest der Welt verbessern soll…

Bernhard Bartsch | 23. Mai 2012 um 05:26 Uhr

 

Dein Bauch gehört mir

In China floriert das Geschäft mit Leihmüttern. Wer viel Geld hat, umgeht so die Ein-Kind-Politik und die Mühen der Schwangerschaft.

Neun Monate sind eine lange Zeit. Zu lang jedenfalls für Frau Zheng. Die 37-jährige Pekingerin, Managerin einer internationalen Fondsgesellschaft, wünscht sich zwar sehnlichst Familie, doch die Mühen einer Schwangerschaft schrecken sie ab. „Der Wettbewerb in unserer Branche ist sehr hart, und wenn ich mehrere Monate aussetze, übernimmt jemand anderes meinen Job“, erzählt Frau Zheng. Für ein Kind alles aufzugeben, wofür sie hart gearbeitet habe, komme für sie nicht in Frage. „So gerne ich auch Mutter werden möchte, aber eine Schwangerschaft kann ich mir einfach nicht leisten.“ Nach langen Diskussionen haben Zheng und ihr Mann eine Lösung für ihr Dilemma gefunden – eine Lösung, die in der Gedankenwelt einer MBA-Absolventin geradezu naheliegend erscheinen muss: Sie wollen die Schwangerschaft outsourcen…

Bernhard Bartsch | 03. April 2012 um 03:22 Uhr

 

Dead Men Talking

China stoppt die umstrittene TV-Show „Interviews vor der Hinrichtung“. Dass die BBC Ausschnitte der seit fünf Jahren laufenden Sendung zeigt, ist Peking peinlich.

Ding Yu ist an diesem Montag nicht zu erreichen. Sie sei auf einer langen Drehreise, entschuldigen sie ihre Kollegen beim Justizkanal des chinesischen Provinzsenders Henan TV. Die Fernsehjournalistin möchte im schwierigsten Moment ihrer Karriere offenbar keine Interviews geben. Dabei beruht Dings zweifelhafter Ruhm gerade darauf, dass sie sich nie darum kümmerte, ob ihre Gesprächspartner von ihr befragt werden wollten. In ihrer Sendung „Interviews vor der Hinrichtung“ hat Ding fünf Jahre lang zum Tode verurteilte Verbrecher unmittelbar vor ihrer Exekution einem letzten, oft demütigenden Verhör unterzogen…

Bernhard Bartsch | 12. März 2012 um 14:30 Uhr

 

Die verdrängte Katastrophe

Ein Jahr nach dem Dreifachunglück aus Erdbeben, Tsunami und Nuklearunfall sucht Japan nach einem Neuanfang. Trümmerschau in einem traumatisierten Land.

Sadami Namie kann es noch immer schwer begreifen, dass aus seinen Birnen nichts mehr werden soll. „Wenn man an den Bäumen ein Jahr lang nichts macht, dauert es natürlich eine Weile, bis sie wieder richtig in Schuss sind“, sagt der 82-Jährige. „Aber in ein, zwei Jahren bekämen wir das wieder hin.“ Der Gedanke an seine Obstplantage weckt Namies Lebensgeister. Als Erstes würde er die Äste nachschneiden, sagt er, und sich dann an das Unkraut machen. Nicht auszumalen, was jetzt zwischen den Bäumen alles wuchere. Und dann … Die Runde lacht. „Und dann?“, unterbricht einer der Männer Namies Redefluss. „Ich weiß es ja selbst“, gibt sich der alte Bauer geschlagen. „Wer will je wieder Birnen aus Fukushima essen?“…

Bernhard Bartsch | 11. März 2012 um 16:32 Uhr

 

Chinas Sorgenkinder

Die Angst chinesischer Eltern um ihren Nachwuchs wächst, seit sich Entführungen, Impfskandale und Unfälle häufen. Der Staat versagt.

Vierte Stunde. „Ethik und Moral“ steht auf dem Unterrichtsplan. Die Achtklässler der Pekinger Chen-Jinglun-Schule springen zackig von ihren Pulten auf und verbeugen sich tief. „Guten Morgen, Frau Lehrerin“, rufen sie im Chor, stehen einen Moment lang stramm wie ein Paradebataillon und schnellen dann zurück in die Bänke. „Wir behandeln heute ein sehr aktuelles Thema“, verkündet die Lehrerin. „Wie können wir uns vor Gefahren schützen?“…

Bernhard Bartsch | 02. Dezember 2011 um 02:48 Uhr