Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas grüne Welle

Immer mehr Chinesen sorgen sich um die gesundheitlichen Folgen der verheerenden Umweltprobleme – und entwickeln ein Bewusstsein für ökologische Lebensmittel.

Am Wochenende macht Familie Wang Großeinkauf. In ihrem Kleinwagen fährt sie quer durch Peking, passiert die großen Shoppingzentren am Stadtrand und lässt die letzten Wohnblocks hinter sich, bis nur noch Felder und kleine Bauernhäuser zu sehen sind. Eine Viertelstunde geht es über die Landstraße, dann sind die Wangs am Ziel: «Willkommen im grünen Dorf Liuminying», empfängt sie ein großes Banner…

Bernhard Bartsch | 09. März 2010 um 15:25 Uhr

 

Saison der Schicksalsingenieure

In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.

Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte…

Bernhard Bartsch | 14. Februar 2010 um 16:31 Uhr

 

Mord im Namen des Volkes

In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.

“Es war ein guter Stich”, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)…

Bernhard Bartsch | 26. Januar 2010 um 05:26 Uhr

 

Westerwelle und Mr. Gay

Chinas Polizei stoppt schwule Schönheitsparade – just am gleichen Tag, als Premier Außenminister Westerwelle mit Partner empfängt.

Es war spät am Freitagabend, Guido Westerwelle und sein Partner Michael Mronz dinierten im Kreis von Diplomaten, Geschäftsleuten und Journalisten im edlen Pekinger China Club, als Außenministeriumssprecher Andreas Peschke seinem Chef eine pikante Handynachricht zu lesen gab: In einer nahegelegenen Bar haben Polizisten gerade Chinas ersten Schönheitswettbewerb für homosexuelle Männer verhindert…

Bernhard Bartsch | 17. Januar 2010 um 04:48 Uhr

 

Strafpunkte für Spucker

Die chinesische Stadt Guangzhou will unkultiviertes Verhalten hart bestrafen – bis hin zum Verlust der Wohnung.

Die Chinesen sind ein großes Kulturvolk – nur benehmen sie sich nicht immer so: Spucken ist in der Volksrepublik so weit verbreitet, dass die Unsitte zu den festen Bestandteilen des weltweiten Chinabilds gehört. Weil den Chinesen ihr unappetitlich beflecktes Image peinlich ist und das öffentliche Rachenputzen die Ausbreitung gefährlicher Krankheiten beschleunigt, versucht die Regierung immer wieder, mit Kampagnen die gute Kinderstube zu ersetzen…

Bernhard Bartsch | 08. Januar 2010 um 10:08 Uhr

 

Hampelmanns Heimat

Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.

Arbeiterin in der Firma HexinLiu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. “Den hat meine Mama für mich geklaut”, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen – und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas…

Bernhard Bartsch | 19. Dezember 2009 um 17:22 Uhr

 

Sichere Siege im 1+2+1-System

Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.

Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides?…

Bernhard Bartsch | 25. November 2009 um 05:15 Uhr

 

Die Netzmächtigen

Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.

Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas – und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element…

Bernhard Bartsch | 08. November 2009 um 10:09 Uhr

 

Kommando zurück

Durch die Finanzkrise verloren Millionen chinesischer Wanderarbeiter plötzlich ihren Job. Nun sollen sie ebenso plötzlich in die Fabriken zurückkehren.

Zhang Quanshou sucht wieder Angestellte. “Kommt zurück: Im Perlflussdelta mangelt es an Wanderarbeitern”, lauteten die Schlagzeilen, mit denen die Zeitungen kürzlich über die jüngste Geschäftsreise von Chinas berühmtestem Jobvermittler berichteten. “Vor vier Monaten gab es keine Jobs, jetzt gibt es keine Arbeiter”, erklärt der als “Wanderarbeiterkommandant” bekannte Zhang…

Bernhard Bartsch | 19. August 2009 um 03:43 Uhr

 

Ein Gott für alle Fälle

Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.

Dalai LamaVor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. “Wissen Sie, ich bin auch heimatlos”, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter…

Bernhard Bartsch | 31. Juli 2009 um 00:43 Uhr

 

Kollektive Notwehr

Chinas Internetgemeinde macht eine Fußpflegerin zur Volksheldin – weil sie einen zudringlichen Regierungsbeamten erstochen hat.

Das Volk bloggt, die Partei blockt – nach diesem Muster tobt im chinesischen Internet der Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit. Obwohl Peking sein Informationsmonopol mit einer „Great Firewall“ aus Zensursoftware und Cyberpolizei verteidigt, gelingt es der Online-Gemeinde immer wieder, die Regierung vor aller Welt bloß zu stellen. So wie in ihrer jüngsten Schlacht, die sie im Namen einer Fußpflegerin schlägt, der wegen Mordes die Todesstrafe drohte – bis in der Internetöffentlichkeit die Frage nach Tätern und Opfern aufkam…

Bernhard Bartsch | 11. Juni 2009 um 00:10 Uhr

 

Die Schwerkraft der Demokratie

Zwanzig Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Pekinger Studentenproteste ist die Macht der Kommunistischen Partei stabiler denn je. Doch der Fortschritt hat die Chinesen anspruchsvoller gemacht – auch gegenüber ihrer Regierung.

Am 30. Mai 2007 betrat ein Mann mittleren Alters die Anzeigenabteilung der westchinesischen Provinzzeitung „Chengdu Abendnachrichten“, um eine Annonce aufzugeben. Der Text bestand aus dreizehn Schriftzeichen und sollte fünf Tage später im Großdruck erscheinen: „Gegrüßt seien die unnachgiebigen Mütter der Opfer des 4. Juni“. Der Anzeigenkunde bezahlte in bar und hinterließ für Nachfragen eine Handynummer. Die 23-jährige Angestellte, die den Text entgegennahm, machte sich darüber keine weiteren Gedanken…

Bernhard Bartsch | 03. Juni 2009 um 02:15 Uhr

 

Der Wink mit dem Zahnstocher

Immer mehr Nordkoreanern gelingt die Flucht aus einem Land, aus dem es einst kein Entrinnen gab. Im Süden angekommen, sind sie überwältigt von ihrer neuen Freiheit. Und enttäuscht vom Desinteresse, mit dem ihnen ihre Landsleute begegnen.

Kim Yong-sun (Copyright Martin Gottske)Kim Yong-sun ist eine Frau, der man ihre Geschichte nicht ansieht. “Das ist mein großer Stolz”, sagt die 71-Jährige mit einem Anflug von mädchenhafter Koketterie. Wie so oft sitzt sie in der sonnigen Fensternische eines Coffeeshops in Seouls Geschäftsviertel, eine elegante Dame in Seidenbluse, umgeben von jungen Büroangestellten. Kim bewegt sich ganz selbstverständlich in dieser Gesellschaft. Dabei hat sie ihren ersten Cappuccino erst vor vier Jahren getrunken. In Nordkorea gibt es keinen Milchkaffee. Ihre Geschichte trägt Kim mit sich herum: einen dicken Stapel eng beschriebener Seiten, auf denen sie ihre Memoiren festgehalten hat. Der Titel lautet: “Die schönste Frau der Welt”…

Bernhard Bartsch | 30. April 2009 um 11:00 Uhr

 

“Demokratie passt auch nach China”

Der damalige Studentenführer Wu’er Kaixi erzählt, was Chinas Jugend im Frühsommer 1989 auf die Straße trieb, wie die Bewegung bis heute nachwirkt und warum er Chinesen für besonders demokratietauglich hält.

Wuer Kaixi (Copyright: Martin Gottske)Frage: Herr Wu’er, vor 20 Jahren begannen die Studentendemonstrationen, die am 4. Juni 1989 in einem Blutbad endeten. Wenn man sich vor Augen hält, wie sehr sich China seitdem verändert hat, könnte einem der zeitliche Abstand noch viel größer vorkommen. Ist es Zeit, das Thema den Historikern zu überlassen?

Wu’er: Dass wir uns hier in Taipei gegenübersitzen und nicht in Peking sagt doch bereits alles: Ich und andere Studentenführer können noch immer nicht in unsere Heimat zurück. Meine Eltern dürfen auch nicht ausreisen…

Bernhard Bartsch | 22. April 2009 um 02:46 Uhr

 

In Chinas Goldgrube

Mao in GoldKein Land fördert mehr Gold als China. Doch auch in der Volksrepublik bekommen die Goldgräber vom Reichtum nur wenig ab. Ein Besuch in der Minenstadt Zhaoyuan.

Wenn Feng Jinmin seine Visitenkarte verteilt, erntet er ein bewunderndes Nicken. «Die Leute zeigen auf meinen Vornamen und sagen, meine Eltern hätten wohl gewusst, was aus mir werden würde», erzählt der 43-Jährige. «Aber was soll einer mit meinem Namen anderes tun, als in einer Goldmine zu arbeiten?» sagt Feng Jinmin und lacht. «Jin» heisst Gold, «min» klug…

Bernhard Bartsch | 10. April 2009 um 08:58 Uhr