Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Buntes Bild

Chinas Industrieproduktion legt zu, doch der Handel bricht ein. Belastet wird Chinas Exportindustrie auch vom Kollaps des Einzelhandelskonzerns Arcandor.

Die chinesische Wirtschaft bietet derzeit ein „buntes Bild“. So beschreibt Liu Mingkang, Chinas oberster Bankenregulator und einer der einflussreichsten Pekinger Konjunktursteuerer, die jüngsten Entwicklungen in der drittgrößten Volkswirtschaft. Im Mai zogen die Industrieproduktion und die Investitionen überraschend stark an, während gleichzeitig der Handel ebenso überraschend stark einbrach. „Die Daten sind wirklich sehr gemischt“, warnte Liu am Freitag vor verfrühtem Optimismus, dass die Krise ihren Tiefpunkt überschritten und die Erholung bereit begonnen habe.

Denn Chinas bisher wichtigster Wachstumsmotor, die Exportindustrie, springt noch immer nicht an. Im Mai fielen die Ausfuhren bereits im siebten Monat in Folge und lagen mit 88,8 Milliarden Dollar 26,4 Prozent niedriger als im Vorjahr. Im April hatte das Minus noch bei 22,6 Prozent gelegen. Die Importe sanken im Mai um 25,2 Prozent auf 75,4 Milliarden Dollar, ebenfalls schneller als im April (23 Prozent). Viele Experten hatten erwartet, dass der Exportrückgang sich abschwächen würde, da die Regierung die Ausfuhren mit Steuernachlässen anzukurbeln versucht und sich gegen eine weitere Aufwertung des Yuan stemmt, um chinesische Waren im Ausland nicht zu verteuern. Doch der Nachfragerückgang aus den USA, Europa und Japan ist größer als die neuen Anreize für „Made in China“. So macht sich in der Volksrepublik auch die Insolvenz des Einzelhandelskonzerns Arcandor bemerkbar, der viele seiner Waren in China gekauft hatte. Nach Angaben des Hongkonger Handelshauses Li & Fung, Arcandors Chefeinkäufer für Textilien und verschiedene Hartwaren, bedeutet der Kollaps des deutschen Unternehmens Umsatzverluste von 550 Millionen Euro im Jahr, wovon ein großer Teil chinesische Fabriken betrifft. Die Welthandelsorganisation (WTO) hält es allerdings dennoch für möglich, dass die Volksrepublik dieses Jahr zur größten Exportnation aufsteigen wird. Denn der bisherige „Exportweltmeister“ Deutschland sieht seine Ausfuhren derzeit noch schneller sinken als die Chinesen. Im April lag der Rückgang bei 28,7 Prozent.

Obwohl der Außenhandel daniederliegt, konnte Chinas Industrie im Mai stark zulegen. Der Wert der produzierten Waren lag im Mai 8,9 Prozent höher als vor einem Jahr, nach 7,3 Prozent im April. Ausgelöst hat das starke Wachstum vor allem das Konjunkturpaket der chinesischen Regierung. Die Investitionen steigen in den ersten fünf Monaten um 32,9 Prozent. Insgesamt sollen rund 460 Milliarden Euro sollen für Infrastruktur, Umwelt, Technologie, Bildung und den Aufbau eines landesweiten Sozialsystems ausgegeben werden. Renten- und Krankenversorgung seien von entscheidender Bedeutung, um den Binnenkonsum zur tragenden Säule der chinesischen Wirtschaft zu machen. „Die Chinesen sparen ihr Geld, aber sie sparen nicht zum Spaß, sondern weil es für sie die einzige Möglichkeit der Absicherung ist“, erklärte Bankenregulator Liu. Nach einer neuen Studie der chinesischen Zentralbank wollen 47 Prozent der Chinesen in Zukunft mehr sparen. Das ist der höchste Wert seit zehn Jahren. Nur 15,1 Prozent erklärten, sie seien bereit, mehr Geld auszugeben. Allerdings zeigten sich die Chinesen in der Umfrage deutlich vorsichtiger als in der Realität. Die neuesten Konsumstatistiken weisen einen deutlichen Aufwärtstrend auf. Im Mai kauften Chinas Verbraucher 15,2 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Trotz aller Probleme daheim will Peking die Krise auch nutzen, um chinesischen Staatskonzernen und Privatunternehmen internationale Expansionen zu ermöglichen. Die Möglichkeiten für Investitionen hätten zugenommen, hieß es am Donnerstag in einer Erklärung auf der Internet-Seite des Handelsministeriums. „Dies ist für chinesische Unternehmen eine gewaltige Chance“, erklärte auch der Vizechef der Bank of China, Zhu Min. „Für chinesische Banken sollte es eine Priorität sein, die internationalen Aktivitäten chinesischer Unternehmen zu unterstützen.“ Pekings Ambitionen hatten kürzlich einen derben Rückschlag erlitten, als der australische Bergbau-Konzern Rio Tinto eine 20-Milliarden-Dollar-Beteiligung des chinesischen Metall-Konzerns Chinalco platzen ließ und sich lieber mit dem Erzrivalen BHP Billiton verbündete. Der Einstieg der Chinesen bei Rio Tinto war in Australien politisch höchst umstritten gewesen, weil Kritiker Chinas wachsenden Einfluss auf dem Rohstoffmarkt fürchten.

Bernhard Bartsch | 13. Juni 2009 um 01:23 Uhr

 

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