Bernhard Bartsch

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Büffeln für Mamas Rente

Chinas Eltern investieren viel in die Ausbildung ihrer Kinder und sorgen damit für sich selber vor. Denn die Familie ist noch immer das wichtigste Sozialsystem.

Song Le schläft seit Monaten maximal fünf Stunden pro Nacht. Mehr ist nicht drin für einen chinesischen Schüler im letzten Jahr vor der Hochschulaufnahmeprüfung. «Ich bin von acht bis fünf in der Schule, und wenn ich nach Hause komme, habe ich Nachhilfestunden und Hausaufgaben bis nach Mitternacht», erzählt der 17-Jährige. «Natürlich ist das anstrengend, aber meinen Klassenkameraden geht es ja allen genauso, also kann ich mich nicht beschweren.» Für jede Förderstunde bezahlt seine Mutter 220 Yuan (33 Franken), eigentlich unerschwinglich für die alleinerziehende Pekingerin, die als Kindermädchen gerade 2500 Yuan (373 Franken) im Monat verdient. Aber die Mittvierzigerin hat lange gespart, und die Verwandten geben dazu, was sie erübrigen können. Denn Song Le soll es an nichts fehlen, nicht jetzt, wo sich die Weichen für sein weiteres Leben stellen – und den Wohlstand der ganzen Familie. Wie die meisten chinesischen Schüler lernt Song Le nicht nur für sich allein. So bedingungslos seine Mutter und seine Verwandten sich heute für seine Ausbildung aufopfern, so selbstverständlich erwarten sie, dass er in Zukunft für sie aufkommt, wenn sie alt oder krank sind. So fordert es nicht nur die chinesische Tradition, sondern auch die materielle Notwendigkeit in einer Gesellschaft, in der die Familie nach wie vor die wichtigste Form der sozialen Absicherung ist.

Nur die wenigsten Chinesen haben eine ausreichende Altersvorsorge oder Krankenversicherung. Vom staatlichen Rentensystem profitieren bis jetzt nur die Stadtbewohner in festen Anstellungsverhältnissen, also rund ein Drittel der Bevölkerung, wobei aufgrund der andauernden Reformen meist unklar ist, wie sich die Pensionszahlungen einmal berechnen und inwieweit sie an steigende Lebenshaltungskosten angepasst werden. Ähnlich schwierig ist die Situation im Gesundheitsbereich: Zwar hat nach offiziellen Angaben fast die gesamte Bevölkerung eine Krankenversicherung. Doch in der Regel kommt diese nur für einen Bruchteil der Behandlungskosten auf, die bei schweren Erkrankungen schnell mehrere Jahresgehälter verschlingen können. Selbst Familien, die sich bereits in die neue Mittelschicht hochgearbeitet haben und über eine Eigentumswohnung oder ein Auto verfügen, müssen deshalb stets fürchten, bei einem Schicksalsschlag ihren Wohlstand wieder zu verlieren.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Chinas Kinder – doch nur wenige können sie erfüllen. Von den rund zwanzig Millionen Schülern eines Jahrgangs legt knapp die Hälfte die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung ab. Gut die Hälfte davon bekommt einen Studienplatz, doch wirklich gute Jobaussichten haben nur die Absolventen von Spitzenuniversitäten. Weniger als zehn Prozent aller Kinder schaffen den Sprung dorthin. «Natürlich würde man sich wünschen, dass Kinder nicht unter solchem Druck aufwachsen müssen», sagt Song Les Mutter. «Aber was können Eltern schon anderes machen, als alles dafür zu tun, dass ihr Kind im Wettbewerb erfolgreich ist?» In einer Umfrage des Magazins «Zhixin Jiejie» (wörtlich: «Vertrauensschwester») erklärten kürzlich 89 Prozent der befragten Eltern, die schulischen Leistungen ihrer Kinder seien ihr grösstes Interesse. Gleichzeitig erklärte auch die Hälfte der Grund- und Mittelschüler, mit ihren Eltern kein anderes Gesprächsthema zu haben als Schule und Noten.

Und der Druck wächst. Denn drei Jahrzehnte nach der Einführung der Geburtenkontrolle, die Familien in den Städten nur ein Kind und Landbewohnern zwei Kinder erlaubt, sind Chinas traditionelle Grossfamilien fast verschwunden. Gleichzeitig hat die Nachwuchsbeschränkung China zur am schnellsten alternden Gesellschaft der Welt gemacht – mit gravierenden Folgen. Künftig wird sich ein Ehepaar neben seinem eigenen Kind auch um die Eltern beider Seiten kümmern müssen, eine Konstellation, die in China als «4-2-1-Problem» bekannt ist. Die sogenannte Einkindpolitik schwächt das einzige soziale Absicherungssystem, auf das sich Chinesen bisher zumindest einigermassen verlassen konnten. Die Befürworter der Politik, allen voran der Reformpatriarch Deng Xiaoping (selbst Vater von fünf Kindern), hofften, dass Chinas Wohlstand dank einer kleineren Bevölkerung so schnell wachsen werde, dass grosse Familien in Zukunft nicht mehr nötig sein würden.

Ob dieses Kalkül aufgeht, ist noch offen. Immerhin ist sich Peking bewusst, dass die Zeit für den Aufbau eines Sozialsystems, das den Druck von den Familien nimmt, abläuft. Im 12. Fünfjahresplan, der 2011 in Kraft tritt, steht der Aufbau eines sozialen Netzes oben auf der Agenda. Doch wie ein flächendeckendes Absicherungssystem für ein grosses, aber im Durchschnitt noch immer recht armes Land wie China langfristig finanziert werden soll, ist unklar. Die Unsicherheit hat weitreichende Auswirkungen für die volkswirtschaftliche Entwicklung. Die Chinesen sparen rund ein Drittel ihres Einkommens – Geld, das die staatlichen Wirtschaftsplaner gerne in den Binnenkonsum fliessen sehen würden. Viele Chinesen stehen den Reformplänen der Regierung skeptisch gegenüber. Immerhin hatte die Kommunistische Partei dem Volk schon unter Mao eine vollständige Absicherung, die «eiserne Reisschüssel», versprochen, diese dann aber in der Ära der marktwirtschaftlichen Öffnung wieder abgeschafft. Die Leidtragenden waren vor allem die Landbewohner, die sich seitdem wieder wie eh und je auf ihre Familien stützen.

So wie Liu Ming, ein 56-jähriger Bauer aus dem 80 Kilometer östlich von Peking gelegenen Jixian. Er und seine Frau gehören zu den Millionen von Chinesen, die bewusst gegen die Geburtenplanung verstiessen, um für ihr Alter vorzusorgen. «Unsere ersten beiden Kinder waren Mädchen», erzählt Liu. «Das war für uns ein Schock, denn wer sollte einmal die Feldarbeit übernehmen und sich später um uns kümmern?» Mädchen gelten in China als familienökonomisches Verlustgeschäft, weil sie traditionell nach der Hochzeit zur Familie ihres Mannes gehören. Deshalb bekam das Paar ein drittes Kind, dem es den patriotischen Namen Haijun gab – Marinesoldat. Zunächst versteckte die Familie den Sohn vor den Behörden, doch weil illegale, sogenannte «schwarze» Kinder kein Anrecht auf einen Schulplatz hatten, musste Liu Ming nach fünf Jahren doch den Gang aufs Einwohneramt wagen. «Am Anfang verlangten sie eine Strafe von 1200 Yuan», erinnert er sich. Das entsprach damals drei Jahresgehältern. «Zum Glück kannte ich ein paar einflussreiche Leute, die mir halfen, das Bussgeld auf 800 Yuan herunterzuhandeln.» Das war das gesamte Ersparte der Familie und einiger Verwandter.

Zwei Jahrzehnte später hat sich seine Eigenwilligkeit ausgezahlt: Liu Haijun hat einen Studienabschluss in Computertechnik gemacht und macht derzeit eine Banklehre bei der Bank of China. «Das ist eine sichere Branche, in der ich genug verdienen kann, um meine Eltern im Alter zu unterstützen», sagt Haijun. Mit seinem Berufseinsteigergehalt von 2000 Yuan (298 Franken) im Monat kann die Familie zwar keine grossen Sprünge machen, aber immerhin lebt sie in ihrem eigenen Bauernhaus, das frisch renoviert ist und in dessen Garten Kohlköpfe und Bohnen wachsen.

Bernhard Bartsch | 23. November 2010 um 03:47 Uhr

 

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