Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Buchmessekonferenz droht zu platzen

Kritische Autorin Dai Qing erhält Visum für Deutschland. Da die Frankfurter Buchmesse sie von der Rednerliste gestrichen hat, will sie nun im Publikum sitzen.

Die Vorbereitungskonferenz zu Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse droht zu platzen. Die kritische Schriftstellerin Dai Qing, deren Teilnahme Peking um jeden Preis verhindern will, hat am Donnerstag von der deutschen Botschaft in Peking doch noch ein Visum erhalten. Das bestätigte Dai. Dabei hatte sich die Buchmesse Anfang der Woche auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees entschieden, die Einladung der Investigativ- und Umweltjournalistin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, nicht weiter zu verfolgen. Von der Rednerliste für das Symposium am kommenden Wochenende ist sie bereits gestrichen. Sollte Dai dennoch dort auftauchen, droht das Gastlandkomitee, das neben der Buchmesse und dem deutschen PEN-Zentrum als Veranstalter auftritt, seine zwölfköpfige Delegation zurückzuziehen, darunter den ehemaligen chinesischen Botschafter Mei Zhaorong und Journalisten des Staatssenders CCTV.

„Da ich dort als Rednerin offensichtlich nicht mehr erwünscht bin, würde ich mit gegebenenfalls ins Publikum setzen und Fragen stellen“, sagte Dai, die am Freitag für die gleiche Maschine gebucht ist wie die offizielle Delegation. „Schließlich ist das eine öffentliche Veranstaltung.“ Nachdem sich die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (GAPP) am Montag geweigert hatte, Dai das offizielle Einladungsschreiben der Buchmesse auszuhändigen, machte die 68-Jährige nun den vorangegangenen Email-Verkehr als Einladung geltend, was von der Botschaft anerkannt wurde. Sie werde nun als Gast den PEN auftreten, nicht als Gast der Buchmesse, sagte sie. Dais Reise könnte nun nur noch daran scheitern, dass ihr von der Buchmesse gebuchtes Flugticket storniert wird, was bis Donnerstagnachmittag noch nicht der Fall war – oder dass die Volksrepublik sie anderwärtig aufhält.

Bei der Buchmesse zeigte man sich konsterniert über Dais Versuch, doch noch in Frankfurt zu erscheinen. „Dann stürzt die ganze Veranstaltung garantiert in sich zusammen“, sagt Organisator Peter Ripken. „Wir wollten eine echte Debatte, aber ohne die chinesischen Teilnehmer würde die Konferenz zu einem Tribunal werden.“ Noch am Mittwoch sei er davon ausgegangen, dass Dai damit einverstanden sei, erst im Oktober nach Frankfurt zu kommen und dort bei einer Veranstaltung zu sprechen, die nicht unter dem Schirm des Gastlandauftritts stattfindet. Das chinesische Vorbereitungskomitee der Buchmesse stand am Donnerstag erneut nicht zu einer Stellungnahme zur Verfügung.

„Ich will in Frankfurt im Publikum sitzen und die offiziellen Vertreter fragen, warum es in der Volksrepublik nach 60 Jahren noch kein Presse- und Veröffentlichungsgesetz gibt“, sagte Dai. Aus den Redestichpunkten für ihren ursprünglich geplanten Auftritt, die dieser Zeitung vorliegen, geht hervor, dass Dai in Frankfurt den Mangel an Meinungsfreiheit anprangern wollte. Unter anderem wirft sie der Regierung vor, dass trotz scheinbar funktionierender Marktmechanismen und formal garantierter Presse- und Meinungsfreiheit noch immer der Propagandaapparat die Medien beherrsche. „In Frankfurt werden die offiziellen Vertreter sagen, dass China ein freies Land ist“, so Dai. „Aber solange ich und viele andere Schriftsteller daran gehindert werden, ihre Meinung zu sagen, kann von Freiheit keine Rede sein.“ Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse, mit dem die Volksrepublik sich als offenes und freies Land präsentieren will, stehe sie kritisch gegenüber. „Was kann diese angebliche Kultur-Olympiade für die chinesischen Leser oder die Reform des Presse- und Verlagsgesetzes bringen?“ so Dai. „Für die gewöhnlichen Chinesen bringt das genauso wenig Verbesserungen wie Olympia 2008.“ Unter anderem wollte sie auf die Fälle der inhaftierten Regimekritiker Tan Zuoren, Liu Xiaobo und Hu Jia hinweisen. Dai hatte Anfang der Neunziger selbst zehn Monate im Gefängnis verbracht, weil sie 1989 als Ideengeberin für die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen galt.

Neben der offiziell ausgeladenen, aber nun wohl doch anwesenden Dai hat die Konferenz am Donnertag einen weiteren prominenten Sprecher verloren. Der Pekinger Kulturwissenschaftler Wang Hui, der am Samstag den Hauptvortrag unter dem Titel „Die Krise der Modernität in Osten und Westen“ halten sollte, erklärte am Donnerstag, er werde nicht nach Frankfurt reisen. Sein Visumsantrag sei von der deutschen Botschaft aus formalen Gründen abgelehnt worden. Da die Frankfurter Buchmesse ihm die Einladungsunterlagen erst Ende August zugesandt habe, bestehe keine Zeit für einen neuen Antrag. „Ich wäre gerne in Frankfurt dabei gewesen, aber aus organisatorischen Gründen wird das nicht klappen“, sagte Wang dieser Zeitung. Bei GAPP wird man über seinen Rückzug nicht traurig sein: Wang gilt als Vordenker der „Neuen Linken“ gilt und scharf mit der Herrschaft der heutigen Regierung ins Gericht geht.

Bernhard Bartsch | 10. September 2009 um 12:51 Uhr

 

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