Bernhard Bartsch

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Bordeaux auf ex

Winzer in aller Welt sehen China als Absatzmarkt für ihre Weine – oder bekommen Angebote, ihre Weinberge an chinesische Investoren zu verkaufen.

Die Herren stecken ihre Nasen tief in ihre Rotweingläser, schnüffeln einen Moment und kippen den Inhalt dann ex hinunter. „Bu cuo“, raunzt einer – nicht schlecht. Während er sich mit den Stäbchen noch ein Stück Fleisch von der Drehplatte angelt und andere an ihren Zigaretten ziehen, gießt ein beflissener Kellner aus einer Kristallkaraffe nach. Es folgt das nächste Glas und das übernächste, bis einer den Vorschlag macht, doch endlich die Karaoke-Maschine anzulassen.

Die Freunde sind in teuren Limousinen aus der drei Stunden entfernten Hauptstadt Peking angereist, um einen Abend lang das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden, Geschäft mit Genuss. Den Rahmen bietet das Weingut „Bodega Langes“ in Changli, ein im europäischen Stil gebautes Landschlösschen mit 188 Hektar Weinreben. Aus Lautsprechern schallt Mozart durchs Tal, ebenso wie durch die Gewölbe des ausgehöhlten Berges, in dem der Wein in Eichenfässern lagert. „Die Musik verbessert die Qualität“, versichert der Gutsverwalter Ren Jing. Rens Kunden, fast ausschließlich Stammgäste, sind reiche Pekinger, die jährlich Flaschen im Wert von mindestens 50.000 Yuan (5.500 Euro) in ihrem Kellerraum einlagern und dafür die Bodega mit Freunden und Geschäftspartnern nutzen können.

Neben einem Hotel und Restaurant bietet die Anlage auch ein Spa, in dem man sich mit frisch gepresstem Traubenkernöl massieren lassen kann. „Immer mehr Chinesen interessieren sich für Wein, und wir bieten ihnen die Gelegenheit, Weinkultur in einem exklusiven Umfeld zu genießen“, sagt Ren.

Benannt ist die „Bodega Langes“ nach ihrem Besitzer Gernot Langes-Swarovski, ehemals Geschäftsführer des österreichischen Kristallkonzerns Swarovski und einer von vielen internationalen Unternehmern, die in Chinas Weinmarkt eine lukrative Zukunftsbranche sehen. „Ganhong“, wörtlich „trockener Roter“, ist das Modegetränk des neuen chinesischen Mittelstands, der sich seinen Lebensstil vom Westen abschaut. „Wein ist in China ein Statussymbol, mit dem man zeigen kann, dass man kultiviert, weltläufig und erfolgreich ist“, erklärt Stefan Fleischer, Spross einer traditionsreichen Mainzer Winzerfamilie und seit sechs Jahren in China im Weinimport tätig.

Im Durchschnitt trinkt jeder Chinese zwar nur knapp eine Flasche Wein im Jahr, gegenüber 30 Flaschen in Deutschland und fast 70 in Frankreich. Doch der Konsum wächst gegenwärtig um rund 20 Prozent im Jahr. 2010 stieg China zum sechstgrößten Konsumenten von Wein weltweit auf; die Industrie setzt jährlich rund drei Milliarden Euro um. War Wein in chinesischen Supermärkten vor zehn Jahren noch eine Kuriosität, so füllt er inzwischen ganze Regale, flankiert von Werbung mit französischen Schlössern und würdevollen Europäern, die versonnen in große Kristallgläser oder fachmännisch in schwere Fässer schauen.

Zwar kann die Mehrheit mit den Geschmacksnuancen von Wein noch wenig anfangen. Manche Chinesen mischen ihren Rotwein mit Cola oder kühlen ihn mit Eiswürfeln. Andere setzen Rotwein mit Knoblauch, Zwiebeln und Kräutern an und trinken ihn als Medizin. Doch junge Chinesen lernen inzwischen auf Seminaren für westliche Lebensart neben Begrüßungsküsschen oder dem Essen mit Messer und Gabel auch das Weintrinken.

Der Boom hat weltweite Auswirkungen: Winzer in aller Welt sehen China als Absatzmarkt für ihre Weine – oder bekommen Angebote, ihre Weinberge an chinesische Investoren zu verkaufen. „Die wachsende chinesische Nachfrage kann nur durch Importe gedeckt werden, weil China nicht in der Lage ist, genug eigenen Wein zu produzieren“, sagt Edward Ragg, Mitbegründer der Pekinger Beratungsfirma Dragon Phoenix Wine Consulting, die einen großen Teil der neuen chinesischen Sommeliers ausbildet. „Es gibt in China nicht viele Gegenden, die sich für den Weinanbau eignen, und nur sehr wenige Flecken, an denen man wirklich gute Trauben erwarten kann.“ Zwar ist China inzwischen auch der sechstgrößte Weinhersteller der Welt, doch die meisten Flaschen aus den Kellern der drei großen staatlichen Winzereikonglomerate Changyu, Dynasty und Great Wall wären in einem Land von Weinkennern unverkäuflich.

Von Bulgarien bis Australien erwerben chinesische Konzerne deshalb bessere Weinberge, als sie zu Hause finden können. Vor allem aber haben sie es auf Bordeaux abgesehen. In den vergangenen drei Jahren wechselten in dem französischen Weinbaugebiet sechs Weingüter in chinesische Hände. Ihre wohlklingenden Namen – Château Laulan Ducos, Château Richelieu oder Château Chenu Lafitte – lassen sich in China erstklassig vermarkten, auch wenn manches „Château“ kaum mehr ist als ein Bauernhaus. 2010 verdoppelte sich die chinesische Nachfrage nach Bordeaux-Weinen auf 333 Millionen Euro, womit die Volksrepublik zum größten Exportpartner der Region aufstieg.

„Frankreich gilt für die Chinesen als Weinland Nummer eins“, sagt der Weinimporteur Fleischer. Seine chinesischen Kunden unterteilt er in zwei Schichten. „Die einen nenne ich die Lafitte-Kunden. Das sind die Superreichen, die sich die exklusivsten Bordeaux-Weine kaufen, um zur Schau zu stellen, wie viel Geld sie haben“, erklärt Fleischer. „Die anderen sind junge, konsumfreudige Städter, die sich zwar nicht besonders teuren Wein leisten können, aber gerne mehr über Wein lernen und reden wollen.“ Vor allem diese schnell wachsende Mittelschicht sei es, welche dem chinesischen Markt seine Dynamik verleihe, sagt Fleischer.

Exklusive Weinclubs wie die „Bodega Langes“ sind ein beliebtes Vermarktungsmodell. Für die glückbringende Summe von 888 Yuan (97 Euro) können Mitglieder besondere Jahrgangsflaschen erwerben, verziert mit echten Swarovski-Kristallen. Ob der Inhalt den hohen Preis rechtfertigt, ist unter Weinkennern umstritten, doch wer in China teuren Wein kauft, schaut ohnehin nicht auf den Preis. Auch der staatliche Lebensmittelkonzern Cofco, der mehrere Bordeaux-Weingüter erworben hat, will den dort hergestellten Wein in einer eigenen Kette von Weinclubs vertreiben. „Exklusivitätsversprechen sind für chinesische Kunden sehr attraktiv“, erklärt Ragg. „Allerdings zeigt diese Marketingstrategie auch, dass der chinesische Weinmarkt noch sehr unterentwickelt ist, weil viele Kunden verständlicherweise noch nicht viel über Wein wissen.“

Allerdings kann das Streben nach Statussymbolen auch riskant sein. Kürzlich sorgte in chinesischen Medien der Rohstoffkonzern Sinopec für Aufsehen, weil er für seine Manager einen Weinkeller im Wert von rund 1,75 Millionen Euro angelegt hatte. Die Verantwortlichen wurden entlassen.

Bernhard Bartsch | 21. Juli 2011 um 15:53 Uhr

 

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