Bernhard Bartsch

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Boom oder Blase?

China wächst mit zweistelligen Raten. Doch Ökonomen warnen vor den Fallen des Wirtschaftssystems – und Risiken für westliche Unternehmen.

Wenn US-Präsident Barack Obama am Dienstagabend Chinas Staatschef Hu Jintao in Washington zum Abendessen empfängt, hofft Steve Dickinson, dass die beiden mächtigsten Männer der Welt den richtigen Gesprächsstoff finden. „Die Fronten zwischen China und dem Westen sind tief“, sagt der amerikanische Wirtschaftsanwalt, der seit Jahren in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao arbeitet und viele chinesische Großkonzerne zu seinen Klienten zählt. „Chinas Regierung verlangt von ihren Unternehmen, dass sie sich international mehr engagieren, aber häufig sind sie nicht bereit, sich an die Spielregeln zu halten.“ Gerichtsprozesse über Preisdumping und Technologieklau würden in den kommenden Jahren zunehmen, prognostiziert der Jurist – zumal der ab 2011 geltende 12. Fünfjahresplan ausdrücklich vorsieht, dass chinesische Firmen sich mehr westliches Know-how aneignen sollen. Zu Dauerstreitthemen avancieren auch die Konflikte um den künstlich billigen Yuan, der Chinas Exportindustrie Vorteile auf den Weltmärkten verschafft, und Pekings Ausfuhrbeschränkungen für Seltenerd-Metalle, die in der Hightechindustrie unverzichtbar sind und auf die China ein Quasi-Monopol hat. „Wenn man in chinesischen Medien die Diskussion über die Seltenen Erden verfolgt, findet man niemanden, der sich die Frage stellt, was eigentlich die Bestimmungen der Welthandelsorganisation WTO zu Exportblockaden für Rohstoffe sind“, hat Dickinson beobachtet. „Für die Chinesen steht immer die Überzeugung im Vordergrund, dass der Westen ihnen Böses will und ihren wirtschaftlichen Fortschritt verhindern möchte.“

Trotz der Konflikte dürften die wirtschaftlichen Fragen noch zu jenen gehören, bei denen Hu und Obama sich am ehesten auf gemeinsame Interessen verständigen können. Politisch und militärisch sind Misstrauen und Konkurrenz derzeit weit stärker ausgeprägt. Dennoch könnten die Referenzen der beiden Staatschefs nicht unterschiedlicher sein als bei ihrer Wirtschaftspolitik. Während Obama bislang vergeblich gegen schwache Konjunkturdaten und eine hohe Arbeitslosigkeit kämpft, kann Hu neuerdings wieder zweistellige Expansionsraten vorweisen. Um 10,1 Prozent stieg Chinas Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr, verkündete kurz vor seiner Abreise die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission. Auch dieses Jahr dürfte das Wachstum der zweitgrößten Wirtschaftsmacht um die zehn Prozent liegen, prognostizieren Ökonomen. Der Handel macht ebenfalls große Sprünge: Chinas Exporte stiegen 2010 um 31 Prozent, die Importe sogar um 39 Prozent.

Angesichts der Dynamik gilt bei westlichen Managern mehr denn je das Credo, dass es sich kein multinationales Unternehmen mehr leisten kann, auf ein starkes Engagement in der Volksrepublik zu verzichten, trotz der allgemein bekannten Unsicherheiten. Laut einer Studie der US-Handelskammer in Peking, die im Namen ihrer Mitglieder häufig scharfe Kritik an der chinesischen Wirtschaftspolitik übt, wollen über 90 Prozent der amerikanischen Unternehmen ihre Investitionen in China erhöhen. Ähnlich ambivalent ist die Haltung europäischer Firmen. Erst am Freitag hatten amerikanische und europäische Unternehmensvertreter bei einem Seminar zur Vorbereitung von Hus USA-Besuch gemeinsam einen besseren Schutz von geistigem Eigentum verlangt – eine Forderung, der Chinas Politiker seit Jahren höflichen Beifall spenden, ohne dass sich jedoch substantiell etwas ändern würde.

Wohin der Trend für westliche Unternehmen im chinesischen Markt geht, zeigt sich besonders deutlich in der deutschen Autoindustrie, die unmittelbar von der steigenden Konsumkraft der Chinesen profitiert. Nach Angaben des Branchenverbands CAAM wurden in China vergangenes Jahr 18,1 Millionen PKW verkauft, ein Drittel mehr als im Vorjahr. 1,5 Millionen davon stammten von Volkswagen, was einem Absatzplus von 35 Prozent entspricht. Audi legte um 43 Prozent auf 228.000 Limousinen zu und Mercedes-Benz konnte seine Verkäufe mit 148.000 Autos sogar mehr als verdoppeln. Doch obwohl der chinesische Bedarf nach deutschen Autos ein Haupttreiber für Deutschlands derzeit starke Exporte ist, bedeutet der chinesische Kaufrausch für den Standort Deutschland nicht nur Gutes. Denn die Hersteller werden die Nachfrage künftig zunehmend aus Werken in China selbst beliefern. Mercedes will in den kommenden drei Jahren drei Milliarden Euro in China investieren. Volkswagen und Audi haben in den nächsten fünf Jahren sogar Neuinvestitionen von 10,6 Milliarden Euro vorgesehen. Selbst bei Porsche denkt man mittlerweile darüber nach, künftig in China zu produzieren, etwa den Geländewagen Cajun, der technisch Audis Q5 ähnelt, der bereits im nordchinesischen Werk Changchun vom Band läuft. Gleichzeitig bauen deutsche Auto-Zulieferer ihre chinesischen Kapazitäten aus und planen dabei die Vorgabe der Autokonzerne ein, dass künftig ein wachsender Anteil der in Deutschland verbauten Komponenten aus China stammen soll.

Doch obwohl an China derzeit kein Weg vorbeiführt, führt in China selbst nicht jeder Weg zum Erfolg. Pekings Wirtschaftslenker sind sich wohl bewusst, dass längst nicht alles Wachstum gutes Wachstum ist. Mit dem 12. Fünfjahresplan wollen sie ihr Wirtschaftsmodell umweltfreundlicher, nachhaltiger und weniger exportgetrieben machen – Vorhaben, die allerdings auch schon im zehnten und elften Fünfjahresplan standen, ohne zu den erwünschten Erfolgen zu führen. Vor allem die sozialen Spannungen infolge der wachsende Kluft zwischen Arm und Reich machen der Regierung Sorge. Als akuteste Herausforderungen hat Regierungschef Wen Jiabao deshalb die Bekämpfung der Inflation und der rasant steigenden Immobilienpreise benannt, unter denen besonders die ärmeren Bevölkerungsschichten leiden. Im November lagen die Konsumentenpreise 5,1 Prozent über dem Vorjahresniveau. Für das Jahr 2011 will Peking den Preisanstieg auf vier Prozent zu begrenzen, unter anderem mit einer strafferen Geldpolitik.

Noch schneller ist der Anstieg der Wohnungspreise. Im Dezember lagen sie 6,4 Prozent über dem Vorjahresniveau, was allerdings bereits ein Rückgang gegenüber der ersten Jahreshälfte 2010 ist, als auch die Immobilieninflation zweistellig war. Während Eigenheimbesitzer sich damit immer reicher schätzen können, wird es für ärmere Chinesen immer schwerer, erschwingliche Wohnungen zu finden. Die Regierung hat deshalb ein großes Sozialwohnungsprogramm aufgelegt, doch die Umsetzung erweist sich als schwierig. „Finanzierbare Wohnungen führen zu einem der größten Korruptionsprobleme“, sagte kürzlich der stellvertretende Parlamentspräsident Cheng Siwei. „Denn eine erschwingliche Wohnung zu bekommen ist das gleiche wie eine große staatliche Subvention zu erhalten.“ Einige Ökonomen warnen bereits davor, dass sich in China eine Immobilienblase gebildet habe, die eines Tages genauso platzen könne wie vor drei Jahren die amerikanische – und die Chinas derzeitiges Wirtschaftswunder jäh beenden könnte. Ausreichend Gesprächsstoff für ein Abendessen der beiden Präsidenten ist das allemal.

Bernhard Bartsch | 18. Januar 2011 um 03:45 Uhr

 

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