Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Bonbons und Beethoven

Er hat einen Meter Klavierliteratur und jede Menge Flausen im Kopf – ein Besuch bei dem neunjährigen chinesischen Wunderkind Niu Niu.

So stellt man sich Mozart als Kind vor: Ein kleiner Tausendsassa, dessen Fantasie die wildesten Pirouetten dreht, ein Frechdachs, dessen Übermut keine elterliche Strenge gewachsen ist, ein Kugelblitz, der nur stillsitzt, wenn man ihm einen Klavierschemel hinschiebt. Dann strömt all seine Energie in die Fingerspitzen, die wie von alleine über die Tasten tanzen, und durch das offene Fenster perlt Notenchampagner auf die Straße.

Nur dass dort unten nicht die Salzburger Getreidegasse der 1760er ist, sondern die Yongjia Lu, die „Straße des ewig Guten“, in Shanghais französischem Viertel. Hier, im fünften Stock eines blauweiß gekachelten Mietshauses, vor dessen Fenstern an langen Bambusstangen Wäsche trocknet, wohnt Niu Niu, Chinas kleiner Tastengott, der mit seinen neun Jahren bereits auf eine vierjährige Konzertkarriere zurückblicken kann und zu den größten Talenten der internationalen Musikszene zählt.

In grüner Trainingshose und Mickeymaus-T-Shirt steht er an dem kleinen Klapptisch im Esszimmer und flippt durch sein Fotoalbum. „Das war mein erstes Benefizkonzert,“ sagt er und zeigt ein Bild, das ihn im weißen Frack auf einer großen Bühne zeigt, umgeben von Jungen und Mädchen, die aussehen, als würden sie gerade vom Spielplatz kommen. „Die sind sechs Jahre alt, genau wie ich damals,“ erklärt Niu Niu. „Weil ich für sie gespielt habe, können sie jetzt zur Schule gehen.“ Und schon ist er wieder weg, pest in viel zu großen Hausschuhen zu seinem Nachttisch und kommt mit einer Gebetskette aus Duftholz wieder, die ihm ein buddhistischer Mönch in Taiwan geschenkt hat.

Dann überprüft er, ob sein Besuch Haare auf den Armen hat und wie groß seine Nase ist. „Größer als Leslies,“ befindet er und blättert zu einem Foto mit dem australischen Starpianisten Leslie Howard, der zu Niu Nius internationalen Förderern gehört und Ende August mit ihm zusammen in der Londoner Wigmore Hall auftrat. Auch in Hamburg hat er schon gespielt; in den nächsten beiden Jahren stehen Carnegie Hall und die Royal Albert Hall auf dem Programm, „und hoffentlich Olympia 2008 in Peking“ meint Niu Niu, „das wäre das größte.“ Höchstens ein Auftritt mit den Berliner oder Wiener Philharmonikern könnte das noch toppen. Nicht, dass er ernsthafte Zweifel hätte, dass es eines Tages dazu kommen wird. „Aber ich bin halt ungeduldig,“ sagt er. Am kommenden Sonntag wird er im Hauptsender des chinesischen Staatsfernsehen bei der großen Gala zum chinesischen Neujahrsfest Beethovens „Ode an die Freude“ spielen; rund eine halb Milliarde Menschen werden ihn sehen. Dass Niu Niu noch keinen Vertrag mit einer großen Plattenfirma hat, liegt nur daran, dass seine Eltern sich unter den verschiedenen Angeboten noch nicht entscheiden konnten. Also gute Buddhisten wollen sie von Anfang an einen Teil der Einnahmen für wohltätige Zwecke spenden. „Niu Nius Begabung ist ein Geschenk,“ meint seine Mutter. „Davon soll er anderen Menschen etwas abgeben.“

Niu Niu – eigentlich heißt er Zhang Shengliang, aber alle benutzen seinen Kinderkosenamen „kleiner Stier“, der auf seine Geburt im Jahr des Ochsen verweist – war drei Jahre alt, als seine Eltern bemerkten, dass er das heimische Klavier nicht mehr wie ein Krachspielzeug behandelte, sondern wie ein Instrument. Sein Vater, Leiter einer Musikschule in der südchinesischen Hafenstadt Xiamen, gab ihm den ersten Unterricht, doch schon nach kurzer Zeit hüpften Niu Nius kleine Hände virtuoser über die Tasten als seine eigenen. Mit sechs Jahren gab er vor 1000 Zuschauern seinen ersten Klavierabend. Weil es in Xiamen keinen geeigneten Klavierlehrer mehr gab, zog die Mutter kurz darauf mit ihm nach Shanghai. Das dortige Konservatorium senkte für ihn extra das Zulassungsalter. Zu seinem nächsten Konzert kamen bereits 4000 Zuhörer.

Zweimal pro Woche hat Niu Niu im Konservatorium Klavierunterricht, den Rest der Zeit spielt er alleine, fünf bis sechs Stunden jeden Tag, nachdem er aus der Schule kommt und seinen Mittagsschlaf gemacht hat. „Meistens übe ich gerne,“ sagt er und verrät mit einem Seitenblick zu seiner Mutter, dass zwischen meistens und immer doch noch etwas Abstand ist. Zwischendurch zieht er den Klavierhocker einen Meter nach links, dreht sich um und sitzt an seinem kleinen blauen Kinderschreibtisch, um Hausaufgaben zu machen. Auch in der Schule ist er ein Überflieger, hat gerade erst eine Klasse übersprungen, liebt Mathe, Englisch und Sport. Weil er im Unterricht manchmal über die Stränge schlägt, hängen an seiner Wand Zettel mit kleinen Besinnungsaufsätzen und Ratschlägen wie: „Wenn du nächstes Mal etwas nicht weißt, frag den Lehrer.“ Auf einem anderen steht eine Selbstkritik, zu der ihn sein Vater verdonnert hatte. „Ich soll nicht mit Mamas Nagellack in die Notenhefte malen,“ liest er vor und lächelt schelmisch. „Sonst kleben die Seiten fest.“

Weil der Vater nur alle paar Monate aus Xiamen zu Besuch kommen kann, schenkte er seinem Sohn einen Plüschbernhardiner, der zwischen den Pfoten einen Zettel trägt: „Lieber Niu Niu. Zu sehen wie du übst und immer besser wirst, macht mich sehr glücklich. Dein kleiner Hund.“ Nun steht er auf dem japanischen Kurzflügel, der in Einzelteilen die schmale Treppe hinauftransportiert wurde und einen der beiden Räume der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung einnimmt; in dem anderen stehen zwei Betten für Niu Niu und seine Mutter. Um die Nachbarn nicht zu sehr zu stören, ist der Flügel mit dicken Wolldecken belegt. Wenn Niu Niu sich auf seinen Hocker setzt, ist es so eng wie im Cockpit eines Formeleins-Wagens.

Und wie ein Rennauto ist auch sein Tempo. So gierig er einen Berg Bonbons verputzen kann, so neugierig verschlingt er die Musikgeschichte. Vier bis fünf Tage braucht er, bis er ein Stück beherrscht; von den anderthalb Metern Klavierliteratur in seinem Zimmer hat er das meiste schon gelernt, vieles sogar auswendig, darunter die Hauptwerke von Mozart, Beethoven und Schostakowitsch, das Wichtigste von Haydn, Tschaikowsky, Debussy und Grieg, alle Chopin-Etuden, viel Liszt und auch einige chinesische Kompositionen.

Dabei entspricht Niu Niu keineswegs dem Klischee asiatischer Wunderkinder, die an Instrumenten gedrillt werden wie an Sportgeräten, ohne viel von der Musik hinter den Noten zu verstehen. Dabei werden von chinesischen Musikschulen gerade diese gefördert. Statt musikalischer Früherziehung mit Gesang, Tanz und Orffschen Instrumenten bekommen chinesische Kinder häufig schon im Vorschulalter leistungsorienterten Instrumentalunterricht mit regelmäßigen Prüfungen. Denn wer gut Geige, Klavier oder Akkordeon spielt, bekommt im chinesischen Bildungssystem Bonuspunkte und kann einen besseren Kindergarten oder eine Schwerpunktschule besuchen. Viele Begabungen bleiben so unentdeckt. Zumal es in China nur wenig gute Musiklehrer gibt, vor allem für westliche Instrumente, denn diese waren während der Mao-Zeit verboten. Erst in den Achtzigern konnte das Land wieder an die Traditionen anschließen, die um die Jahrhundertwende vom kolonialen Shanghai aus in die gehobene Gesellschaft eingedrungen waren. Heute ist das Klavier wieder das beliebteste Instrument im Land, rund 50 Millionen Chinesen spielen am Piano. 370.000 Klaviere werden jedes Jahr in China produziert, mehr als in jedem anderen Land. „Wenn die Menschen genug zu essen, zum Anziehen und ein Dach über dem Kopf haben, kümmern sie sich auch wieder um Geist und Seele,“ sagt Zhao Zengmao, Direktor des Shanghaier Konservatoriums. „Deswegen erlebt die Musik in China derzeit eine Renaissance.“

Zwei chinesische Klavierstars haben sich schon im internationalen Konzertbetrieb etabliert. Lang Lang ist derzeit der Star der internationalen Jungpianistenszene. Der exzentrische 24jährige hat Werbeverträge mit Rolex und Audi und allein zwischen Mitte Februar und Mai dieses Jahres 37 Konzerte in aller Welt. Mit 21 Auftritten fast genauso begehrt ist Li Yundi, 25, der im Jahr 2000 als Jüngster den berühmten Warschauer Chopin-Klavierwettbewerb gewann.

Vor einem derartigen Konzerttrubel wollen Niu Nius Eltern ihren Sohn vorerst noch bewahren. „Zwei, drei große Konzerte im Jahr sind genug,“ sagt sein Vater. „Niu Niu ist ja noch ein Kind und soll so normal wie möglich aufwachsen. Da hat er doch genug Zeit, um sich zu entwickeln.“ Dabei sind seine Bewunderer schon heute begeistert von Niu Nius Ausdrucksstärke und musikalischer Vorstellungskraft. „Natürlich fehlt es ihm noch an Lebenserfahrung,“ erklärt seine Mutter, „aber seine Lehrer geben sich viel Mühe, ihm die Gefühlswelt von Beethoven oder Schumann nahe zu bringen.“ So baut Niu Niu sich emotionale Eselsbrücken, versetzt sich in Figuren aus Geschichten, denkt an seine Mutter, wenn es lieblich klingen soll, oder an die Wut und Verzweiflung, die er empfand, als sie ihn vor die Tür setze, weil er es mal wieder zu weit getrieben hatte.

Als er dann wieder hinein durfte, hatte er jedoch gleich wieder seinen großen Seelenverwandten vor Augen: Mozart. Bilder des Salzburger Musikgenies sind der wichtigste Wandschmuck in der Wohnung. Nicht nur andere vergleichen Niu Niu gerne mit ihm, sondern auch er selbst. „Mozart ist mein großes Vorbild,“ sagt er. „Seine Musik zu spielen ist einfach das vollkommen schönste Gefühl der Welt.“ Manchmal komponiert Niu Niu auch selbst ein paar kleine Stücke; künftig will er sich dafür jeden Samstag ein paar Stunden Zeit nehmen. „Aber ich komponiere noch nicht ernsthaft, nur zum Spaß.“ Umso besser. So hat das Wolferl schließlich auch angefangen.

Bernhard Bartsch | 15. Februar 2007 um 08:59 Uhr

 

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