Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Bloß nicht ausruhen

Der Wirtschaftsboom hat die Chinesen zu einem Volk von Reisenden gemacht. Sie wollen sich in ihren Ferien weniger erholen als viel erleben.

Müllsammeln am Mount Everest, das wär’s doch, dachte He Sulan, als sie vor einiger Zeit morgens die Zeitung las. Die Pekingerin hatte die Reiseseiten durchstöbert, als ihr die ungewöhnliche Anzeige auffiel: Drei Wochen lang mit dem Auto von der Hauptstadt nach Tibet und an den Fuß des höchsten Berges der Erde – unterwegs im Zeichen des Umweltschutzes. „Das fanden mein Mann und ich spannend“, erinnert sich die Kleinunternehmerin. Einige Monate später startete das Ehepaar tatsächlich in einer Kolonne von 54 Fahrzeugen quer durch China zum Dach der Welt. Ein Fernsehteam begleitete die Urlauber, die bei jedem Fototermin Banner mit Umweltparolen entrollten und neben ihrem eigenen Abfall auch die Hinterlassenschaften anderer wegräumten. Auf ihrer Tour wurde die Gruppe immer wieder von lokalen Beamten begrüßt, die ihnen durch Megafone für ihren ökologischen Einsatz dankten. „Wir fühlten uns sehr geehrt“, sagt He. „Die Reise war zwar fürchterlich teuer, aber dafür war sie auch das Aufregendste, was wir je gemacht haben.“

He und ihr Mann sind Ende fünfzig und sind typische Vertreter von Chinas neuer städtischer Mittelschicht. Ihre Jugend verbrachten sie in den Wirren der Kulturrevolution, später fuhren sie bei einem staatlichen Verkehrskombinat Lastwagen und Busse, bevor sie in den Neunzigerjahren zusammen mit einigen Verwandten ein kleines Taxiunternehmen gründeten. Damit verdienten sie genug, um ihrer Tochter ein Wirtschaftsstudium in den Niederlanden zu finanzieren und sich selbst einen Traum zu erfüllen, der ihnen in den ersten vier Jahrzehnten ihres Lebens unerreichbar erschienen war: Reisen.

Es ist ein Traum, den sich inzwischen Millionen Chinesen erfüllen. Der Wirtschaftsboom hat China zu einem Volk von Urlaubern gemacht. „Früher hat die Arbeitseinheit uns manchmal kollektiv in den Urlaub geschickt“, erzählt He, „aber heute können wir einfach hinfahren, wo es uns gefällt.“ Die überwiegende Mehrheit verbringt ihre Urlaube im eigenen Land und bereist Chinas große Attraktionen. Denn anders als in westlichen Ländern, wo die Ferien für die meisten eine Zeit des Ausspannens sind, wollen Chinesen etwas erleben. Ganz oben auf der Wunschliste stehen meist historische Stätten wie die Große Mauer, der Pekinger Kaiserpalast oder die Terrakottaarmee in Xian. Auch moderne Sehenswürdigkeiten wie der Pekinger Olympiapark oder die Metropole Shanghai sind populär. „Wer die wichtigsten Orte besucht hat, macht sich dann häufig auf die Suche nach schöner Natur“, hat He bei sich und ihren Freunden beobachtet. Im Frühjahr etwa bereisten sie und ihr Mann den südchinesischen Huangshan, eine von Chinas berühmten Berglandschaften.

Allerdings sind auch fortgeschrittene chinesische Urlauber meist rastlose Reisende, wie sich etwa auf der südchinesischen Urlaubsinsel Hainan beobachten lässt. Das Eiland hat eigentlich alles, was ein tropisches Paradies ausmacht: weiße Strände, Sonne, Palmen. Was westlichen Touristen schon genügen würde, ist für Chinesen allerdings nur der Anfang. Rund zehn Millionen Besucher kommen jedes Jahr mit Gruppenreisen nach Hainan, doch am Strand verbringen sie davon meist nur wenige Stunden. Weitaus mehr Zeit sind ihnen touristische Attraktionen wert, an denen man sich fotografieren lässt oder etwas einkaufen kann. Hainans Regierung hat dafür in den vergangenen Jahren reichlich Anlaufpunkte geschaffen, etwa eine 108 Meter hohe Buddhastatue oder das Denkmal eines Rehs mit verdrehtem Kopf, das zum Glücksbringer für Verliebte erklärt wurde. Im Yanoda-Nationalpark wird man mit Elektrowagen an Baumriesen und Wasserfällen vorbeigekarrt, und in den Dörfern der Li-Minorität kann man vor Strohhütten mit Pfeil und Bogen posieren. Am „Ende der Welt“ fotografieren sich die Besucher vor einem Felsen, hinter dem sich das Meer öffnet.

Das Fernweh der Chinesen geht inzwischen aber weit über ihre Landesgrenzen hinaus. Auslandsreisen gelten vielen als die besseren Urlaube. He Sulan und ihr Mann überschritten Chinas Grenzen erstmals im Jahr 2000, als sie gemeinsam mit ihren Eltern nach Thailand flogen. „Meine Mutter war damals schon 82“, erzählt He. „Sie hat gesagt: Jetzt, wo ich einmal ins Ausland gereist bin, habe ich nicht umsonst gelebt.“ Die Exotik des anderen überwältigte die Reisenden: Am Flughafen wurden sie mit Blumengirlanden empfangen, das Essen schmeckte aufregend ungewöhnlich und auf Bangkoks Straßen boten sich Transvestiten für Fotos an. „Mein Vater war ganz erschrocken“, erinnert sich He lachend. „Er wusste gar nicht, was er davon halten sollte.“

Ein gutes Jahrzehnt später sind He und ihr Mann erfahrene Weltenbummler geworden. Neben den meisten chinesischen Provinzen waren sie auch in Europa, Japan und Südkorea. Wo immer sie hinkommen, ist es ihnen wichtig, Fotos vor den berühmtesten Sehenswürdigkeiten zu machen, lokale Spezialitäten zu probieren und ein paar Souvenirs mitzubringen. Für große Einkaufsschlachten ist das Paar aber zu sparsam. Zwar reisen sie meist in organisierten Gruppen, weil das am günstigsten ist, doch mit der Reiseerfahrung steigen ihre Ansprüche. Einfach nur von einem Fotopunkt zum nächsten gekarrt zu werden, ist ihnen nicht mehr genug. „Eines Tages würde ich mir wünschen, selbst mit dem Auto unterwegs zu sein“, sagt He. „Dann können wir an jedem Ort bleiben, so lange es uns gefällt.“

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2012 um 09:59 Uhr

 

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