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Blei im Blut

In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.

„In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten.“ So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben – offenbar mit Wissen der lokalen Behörden.

In zwei verschiedenen Fällen, die nun bekannt wurden, sind mehr als 2 200 Kinder betroffen. Womit die Lawine erst ins Rollen gekommen zu sein scheint. Denn in China gibt es mehrere hundert Hüttenwerke – und Chinas Staatsmedien kündigten bereits an, dass in den kommenden Tagen noch mit einer Reihe von schrecklichen Enthüllungen und einer Vervielfachung der Opferzahlen zu rechnen sei. Blei ist hochgiftig. Das Schwermetall greift das Nervensystem an, beeinträchtigt die Blutbildung und löst andere Gesundheitsstörungen aus.

Dass die seit Jahren existierenden, aber meist totgeschwiegenen Probleme nun zu einem öffentlichen Thema geworden sind, hat seine Anfänge in dem kleinen Ort Wenping, der nahe der Stadt Wugang in der südchinesischen Provinz Hunan liegt.

Im Juli waren dort innerhalb kurzer Zeit viele Kinder erkrankt, litten an Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und verlangsamten Reaktionen. Die Eltern vermuteten sehr schnell einen Zusammenhang zur lokalen Metallhütte. Schließlich befinden sich zwei Schulen und ein Kindergarten höchstens fünfhundert Meter neben der Fabrik, in der Mangan aufbereitet wird.

„Wann immer das Werk in Betrieb ist, können wir dichten Rauch und Staub in der Luft sehen“, erklärte ein Dorfbewohner gegenüber der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua. Ärzte bestätigten die Befürchtungen, worauf die Eltern vor dem Werk protestierten. Zunächst blieben sie jedoch ohne Erfolg. Die Betreiber stellten sich ebenso taub wie die lokalen Behörden, die zugelassen hatten, dass das Werk seit Mai 2008 ohne Erlaubnis der Umweltbehörde betrieben wurde.

Erst als die Presse über die Proteste der Eltern zu berichten begann, intervenierte die Regierung und ließ das Werk am Donnerstag schließen. Zwei Mitarbeiter wurden festgenommen, der Geschäftsführer befindet sich auf der Flucht. Auch gegen zwei Mitarbeiter des Umweltamtes wird inzwischen ermittelt. Bei einer Untersuchung wurden bei fast siebzig Prozent der getesteten Kinder unzulässig hohe Bleiwerte im Blut festgestellt. Nach offiziellen Angaben sind in der Region Wugang insgesamt 1 354 Kinder betroffen.

In einem anderen Fall in Fengxiang nahe Baoji in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi wurden 851 Kinder mit Bleivergiftungen registriert. Ärzte fanden im Blut der Kinder Bleikonzentrationen, die die erlaubten Grenzwerte teilweise um das Doppelte überstiegen, berichtete die staatliche Zeitung „China Daily“. Umweltschützer machen dafür Abgase verantwortlich, die aus einer Blei- und Zinkschmelzerei stammen. In der Luft um die Fabrik wurde eine 6,3-fach erhöhte Bleikonzentration gemessen, hieß es.

Auch in Fengxiang war den Behörden offenbar seit Längerem bekannt, dass die Schmelzereien gegen Umweltauflagen verstießen. Die Anlage wurde inzwischen ebenfalls geschlossen. Medienberichten zufolge seien die Betreiber der in einem Industriegebiet gelegenen Fabrik schon vor einiger Zeit angewiesen worden, den Anwohnern einen Umzug aus der Gefahrenzone zu finanzieren. Doch diese Anweisung wurde ignoriert, und da sich nur die wenigsten Dorfbewohner neue Häuser leisten konnten, blieben 500 der 600 Familien in den Häusern in unmittelbarer Nähe des Werkes. Die chinesischen Behörden haben angekündigt, Umweltsünder hart zu bestrafen und weitere Metallhütten zu überprüfen.

Dass die Fälle nun an die Öffentlichkeit kommen und auch in der chinesischen Presse ausführlich behandelt werden, lässt darauf schließen, dass die Regierung verhindern will, dass das Thema Bleivergiftung zu einer ähnlichen Belastung wird wie der

Damals hatten Großhändler mit der Industriechemikalie Melamin einen erhöhten Eiweißgehalt in gepanschter Milch vorgetäuscht. Rund 300 000 Kleinkinder erkrankten daraufhin an Nierensteinen; sechs Babys starben. Der Fall hatte die Regierung in eine Vertrauenskrise gestürzt. Denn aus Rücksicht auf Chinas internationales Image vor den Olympischen Spielen entschied die Behörden, die Probleme monatelang zu verschweigen.

Bernhard Bartsch | 21. August 2009 um 07:20 Uhr

 

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