Bernhard Bartsch

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Chinas neuer Slogan heisst «Glück». Je größer die Unzufriedenheit im Land wird, umso mehr versucht die Partei ihr Volk davon zu überzeugen, dass es glücklich sei.

«Lhasa ist die Stadt des Glücks», erklärt Qi Zhala, und die um den Tisch versammelten Parteifunktionäre nicken um die Wette. Im Tibet-Saal der Grossen Halle des Volkes in Peking sitzt die Parteitags-Delegation aus Chinas umstrittenster Provinz zusammen, um den Arbeitsbericht des scheidenden Staats- und Parteichefs Hu Jintao zu diskutieren. «Diskutieren» heisst in diesem Fall loben, und so schwärmt Lhasas Parteisekretär von Tibets blauem Himmel, von der sauberen Umwelt und von dem beliebten Quellwasser, das in ganz China teuer verkauft werde. Und dann ist da noch eine Studie des Zentralfernsehens CCTV, die im August herausgefunden haben will, dass Lhasas Bewohner die glücklichsten Menschen Chinas seien. Wie könnte man da nicht dankbar sein für alles, was die Partei für Tibet getan hat?

Dass Qi vom Glück redet, ist wohl kalkuliert. Denn «Glück» ist der jüngste Slogan der staatlichen Propaganda, und es ist sicher kein Zufall, dass er ausgerechnet in einer Zeit wachsender sozialer Spannungen in Umlauf gebracht wird. Seitdem Ministerpräsident Wen Jiabao 2011 die Parole ausgab, die Regierung müsse stets das Ziel verfolgen, die Menschen glücklicher zu machen, präsentieren Behörden und Medien laufend neue Studien, welche die angeblich hohe Zufriedenheit des Volkes belegen sollen.

18 Provinzen und mehr als hundert Städte erstellen inzwischen ihren eigenen Glücksindex, berichtete kürzlich die Zeitung «Beijing News». Die südchinesische Industriestadt Zhuhai will sich den Namen «Glücks-Stadt» sogar markenrechtlich sichern. Fast monatlich veröffentlichen die Staatsmedien neue Ranglisten der glücklichsten Orte, wobei auf wundersame Weise oft Städte gewinnen, die eigentlich als Inbegriff schwerer sozialer Probleme gelten. So wie Lhasa, wo seit Jahren Spannungen zwischen der tibetischen und der han-chinesischen Bevölkerung herrschen und sich in den vergangenen Monaten mehrere Tibeter aus Protest und Verzweiflung selbst anzündeten. Oder so wie Taiyuan und Hefei, die zweit- und drittplacierten Orte der CCTV-Umfrage, beide Hauptstädte armer Landflucht-Provinzen, aus denen Millionen von Wanderarbeitern in die Industrieregionen Chinas ziehen.

Insgesamt seien mehr als 90 Prozent der Chinesen mit ihrem Leben hoch zufrieden, will CCTV herausgefunden haben. Damit attestiert sich die Partei wahrhaft sozialistische Zustimmungswerte. Unglücklich zu sein, ist in China politisch unkorrekt. Als Hauptgrund für die hohe Zufriedenheit werden in den offiziellen chinesischen Glücks-Erhebungen stets das hohe Wirtschaftswachstum und damit verbunden die schnell steigenden Einkommen genannt. Doch gerade die turbulente Entwicklung wird von vielen Experten dafür verantwortlich gemacht, dass sich abseits der Zufriedenheits-Propaganda die Anzeichen für verbreiteten Unmut häufen. Denn Chinas Wohlstand ist ungleich verteilt. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird grösser, die Korruption grassiert, und täglich kommt es landesweit zu Dutzenden Protesten.

Der amerikanische Ökonom Richard Easterlin, ein Pionier der Glücksforschung, kam kürzlich in einer eigenen Studie zu dem Ergebnis, dass die Chinesen heute keineswegs glücklicher seien als 1990. «Viele glauben, dass hohes Wirtschaftswachstum zu mehr Zufriedenheit führe», sagt Easterlin. Tatsächlich sei Glück jedoch relativ, und die hohe Ungleichheit in China führe dazu, dass vor allem die ärmeren Chinesen trotz der objektiven Verbesserung ihrer Einkommensverhältnisse heute sogar deutlich weniger glücklich seien als vor zwei Jahrzehnten.

Auch der prominente chinesische Blogger Li Chengpeng hält nicht viel von Pekings Glücks-Kampagne. Vor einiger Zeit habe das Staatsfernsehen ihn zu dem Thema interviewt, erzählt er, doch als seine Antworten nicht den Erwartungen entsprachen, habe der Reporter ihm einen Zettel mit vorgefertigten Aussagen gegeben und gebeten, davon abzulesen. «Die Regierung ist sehr damit beschäftigt, uns Chinesen zu erzählen, wie glücklich wir angeblich sind», mokiert sich Li. «Dabei sollte sie ihre Energie lieber darauf verwenden, tatsächlich etwas für unser Glück zu tun.»

Bernhard Bartsch | 11. November 2012 um 15:47 Uhr

 

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