Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Billig ist vorbei

In China steigen die Produktionskosten. Ein Problem für das Land – aber auch eine Chance.

Peking Die Zeiten, da chinesische Wirtschaftsstatistiken immer nur steil nach oben zeigten, sind vorbei. Neuerdings werden die Kurven flacher, und manche Indikatoren weisen sogar nach unten. In letztere Kategorie fällt etwa der Einkaufsmanagerindex der Analysten des Bankhauses HSBC. Im Monat März kam die Befragung von Einkäufern zum fünften Mal in Folge zu dem Ergebnis, dass Chinas Fabriken derzeit immer weniger neue Aufträge bekommen. Die Kontraktion ist so stark, wie zuletzt im Frühjahr 2009, als sich die Weltwirtschaft nach dem Lehmann-Zusammenbruch im Sturzflug befand. Doch warum bleiben in den chinesischen Fabriken jetzt wieder die Aufträge aus, wo es der globalen Konjunktur zwar immer noch nicht wieder so gut geht wie vor der Krise, aber doch deutlich besser als mittendrin?

Ein Hauptgrund für die sinkende Nachfrage nach Waren „Made in China“ liegt in China selbst. Nach drei Jahrzehnten, in denen die Exportindustrie die Haupttriebkraft des chinesischen Wachstums war, ist die Volksrepublik im Begriff, ihren Status als Niedriglohnland zu verlieren. „The end of cheap China“ ist bei Wirtschaftskonferenzen derzeit in aller Munde. In den vergangenen Jahren sind die chinesischen Löhne um jährlich zehn bis 20 Prozent gestiegen, und der Trend beschleunigt sich noch. Nach einer Erhebung der Analysten von Standard Chartered sind die Gehälter in Fabriken im südchinesischen Perlflussdelta mit den Sonderwirtschaftszonen Shenzen und Zhuhai allein seit Jahresbeginn um bis zu zehn Prozent gestiegen.

In der Industrie stellt man sich darauf ein, dass die Lohnkosten sich bis 2020 verdoppeln oder gar verdreifachen könnten. Ein ungelernter Fabrikangestellter, der derzeit rund 300 Euro im Monat verdient, wäre dann womöglich ähnlich teuer wie ein Arbeiter in osteuropäischen oder südamerikanischen Ländern. Und nicht nur die Gehälter treiben die Produktionskosten in China in die Höhe, sondern auch steigende Preise von Rohstoffen, Immobilien und Landnutzungsrechten, höhere Umwelt-, Sicherheits- und Sozialstandards sowie der erhöhte Ehrgeiz der Behörden, Steuern einzutreiben. Ärmere Schwellenländer wie Vietnam, Bangladesch, Indonesien oder Laos können die Kosten in chinesischen Fabriken inzwischen um rund ein Drittel unterbieten.

All das ist für die Volksrepublik nicht unbedingt eine schlechte Nachricht. Pekings Wirtschaftsplaner bemühen sich seit langem, Chinas Abhängigkeit von Billigexporten zu reduzieren. Arbeiter, die mehr verdienen, können auch mehr konsumieren und kurbeln so den Binnenkonsum an. Mit anspruchsvoller Fertigung lassen sich höhere Margen erwirtschaften als mit einfachen Montagearbeiten. In Zukunft will China nicht mehr nur am unteren Ende der Wertschöpfungskette gründeln, sondern auch selbst entwickeln und forschen. Die Regierung investiert dafür Milliarden in Bildung und Wissenschaft, in der Hoffnung, dass in dem Maße, in dem schlechte Jobs verloren gehen, bessere entstehen.

Ob das gelingt, ist das riesengroße Fragezeichen, das Chinas Ökonomen derzeit beschäftigt. Reine Wachstumsraten, die lange die Messlatte der chinesischen Politik waren, sind dabei nicht mehr der entscheidende Indikator. Anfang des Monats beerdigte Premier Wen Jiabao deshalb demonstrativ Pekings Jahrzehnte altes Credo „Achtet auf die Acht“. Das offizielle Wachstumsziel hat dieses Jahr keine Acht mehr vor dem Komma, sondern liegt nur noch bei 7,5 Prozent. Lieber weniger Wachstum, aber dafür besseres, lautet die neue Devise. Und für chinesische Exporteure gilt, was für deutsche längst selbstverständlich ist: Sie müssen umso viel besser sein, wie sie teurer sind.

Bernhard Bartsch | 22. März 2012 um 12:38 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.