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Beziehungen bekommen Schlagseite

Der Tod von acht Seeleuten eines chinesischen Frachters bei einer Verfolgungsjagd im Pazifik hat zu einer schweren Verstimmung zwischen China und Russland geführt.

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, kümmert das bekanntlich niemanden, aber wenn ein ganzer Reisfrachter Schlagseite bekommt, wird daraus eine Staatsaffäre. Peking verlangt von Moskau Aufklärung darüber, warum die russische Marine ein chinesisches Handelsschiff versenkte und sich danach offenbar wenig Mühe bei der Suche nach Überlebenden gab. Acht Seeleute sind seit dem Vorfall am vergangenen Samstag verschollen. „Das Außenministerium und das chinesische Konsulat in Russland haben die russische Botschaft in China und andere russische Behörden aufgefordert, keine Mühe zu scheuen, nach den vermissten Besatzungsmitgliedern zu suchen und die Ursachen des Falles aufzuklären“, sagte Pekings Außenamtssprecherin Jiang Yu.

Noch ist unklar, warum es zu der Konfrontation kam, die sich 80 Kilometer außerhalb des ostrussischen Hafens Nachodka, nahe Wladiwostok, abspielte. Russischen und chinesischen Medienberichten zufolge hatte die New Star, ein in Sierra Leone registriertes Schiff einer chinesischen Reederei, Ende Januar eine Ladung thailändischen Reis nach Nachodka geliefert. Der Kunde soll diesen jedoch wegen seiner schlechten Qualität abgewiesen und eine Entschädigung von 300 000 Dollar verlangt haben. Russische Behörden leiteten eine Untersuchung ein, offenbar wegen des Verdachts auf Schmuggel.

Weil die Hafenbehörden der New Star die Ausreisepapiere verweigerten, legte das Schiff schließlich ohne Erlaubnis ab und nahm mit voller Kraft Kurs auf chinesische Gewässer – verfolgt von russischen Kriegsschiffen. „Der Kapitän der New Star wurde per Funk gerufen, Grenzboote haben Lichtsignale gesendet, eine Fahne, die zum Stoppen auffordert, wurde gehisst und ein Warnschuss abgefeuert“, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax einen Staatsanwalt in Nachodka. Als die New Star ihren Kurs beibehielt, eröffnete die Marine das Feuer und brachte das Schiff mit 500 Schuss zum Kentern.

Die sechzehn Besatzungsmitglieder, zehn Chinesen und sechs Indonesier, suchten in zwei Rettungsbooten Zuflucht, von denen nur eines aufgenommen wurde, während das andere wegen des hohen Seegangs ins offene Meer abgetrieben wurde. Der Fall droht nun das chinesisch-russische Verhältnis zu belasten, das sich zuletzt nach jahrzehntelangen Verspannungen deutlich verbessert hatte. Der Handel zwischen beiden Ländern wuchs im vergangenen Jahr um 18 Prozent.

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 21.Februar 2009

Bernhard Bartsch | 21. Februar 2009 um 07:49 Uhr

 

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