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Besuch eines Handlungsreisenden

Chinas Premier Wen Jiabao kam mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach Deutschland. Seine Botschaft: Chinaengagement ist Krisenbewältigung.

Wie in den alten Zeiten: Chinas Premier Wen Jiabao machte auf seiner Europareise am Donnerstag in Berlin Halt und hatte mehr als hundert chinesische Topmanager dabei. Das erinnerte an Visiten der späten 90er Jahre, als Chinas Politiker als Handlungsreisende verkehrten und mit westlichen Amtskollegen ausgiebige Unterschriftenzeremonien absolvierten. Zuletzt hatten Tibet-Krise und Menschenrechtsfragen die Stimmung getrübt. Weil aber die Wirtschaft derzeit auf die Hilfe des Staates angewiesen ist wie lange nicht mehr, wollte Wen wohl ein Zeichen setzen: Engagement in China ist Krisenbewältigung, lautete seine Botschaft.

Das wohl prominenteste Mitglied in Wens Eskorte war Wu Xiangming, in Deutschland bekannt als „Commander Wu“ oder „Mr. Transrapid“. Der 69-Jährige ist seit 2001 Pekings Beauftragter für die Magnetschwebebahn und überwachte den Bau der Shanghaier Flughafenstrecke. Wu hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die einst mit deutschem Steuergeld entwickelte Technologie nach China transferieren will. Ein Ziel, dem er nun ein Stück näher gekommen ist: Mit Thyssen Krupp unterzeichnete er ein Abkommen, wonach Teile der Transrapid-Technologie an Wus Shanghai Maglev Transportation Development Co. übergehen sollen.

Der promovierte Ingenieur glaubt, dass sich die Baukosten für den Transrapid in China halbieren lassen, was der Magnetbahn zum internationalen Durchbruch verhelfen könnte. Die Verlängerung der bestehenden Shanghaier Strecke, der weltweit einzigen kommerziellen Verbindung in die 160 Kilometer entfernte Stadt Hangzhou könnte nach jahrelangen Verhandlungen doch noch realisiert werden. Unklar ist jedoch, inwieweit die deutschen Produktionsstandorte daran beteiligt wären.

Kein Unbekannter ist auch Xu Heyi, 51, Vorstandschef des chinesischen Lastwagenherstellers Beiqi Foton. Er unterzeichnete mit Daimler-Vorstand Rüdiger Grube eine Vereinbarung über ein Gemeinschaftsunternehmen. Das 50-50-Joint-Venture namens Beijing Foton Daimler Automotive soll von 2011 an mittelschwere Lastwagen mit Daimler-Dieselmotoren herstellen und unter der Marke Foton-Aumen auch außerhalb von China verkaufen.

Dicke Investition in Köln

Gewisse Popularität in Deutschland genießt auch Liang Wengen, Chef des Industriekonzerns Sany, der unter anderem Kräne herstellt. Er begründete 2008 in Köln sein Europa-Hauptquartier. Nun will er dort eine Maschinenfabrik bauen, die größte chinesische Wirtschaftsinvestition in Europa.

Weitere Abkommen wurden auf zwischenstaatlicher Ebene unterzeichnet. So vereinbarten Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und der Chef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, Zhang Ping, eine engere Zusammenarbeit im Klimaschutz. Mit deutscher Unterstützung soll eine Studie zur Energie- und Ressourceneinsparung in China erstellt werden. Das Land Nordrhein-Westfalen will den Aufbau einer ökologischen Modellstadt in der Provinz Jiangsu unterstützen.

Die Verstimmungen wegen des Empfangs des Dalai Lama im Kanzleramt sind offenbar ausgeräumt. Nach einem kalten Winter könne man nun mit Stolz auf die Beziehungen blicken, sagte Wen: „Mein Besuch in Deutschland bereitet mir wirklich eine gute Laune.“ Es gebe Zuversicht auf beiden Seiten, da die Meinungsunterschiede mit Sorgfalt behandelt würden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief China gleichwohl zu weiteren Gesprächen mit Tibet auf. Deutschland habe ein intensives Interesse daran, dass die Gespräche mit den Vertretern des Dalai Lama „wieder in Gang kommen“, sagte sie.

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 30. Januar 2009, mit dpa

Bernhard Bartsch | 30. Januar 2009 um 02:08 Uhr

 

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