Bernhard Bartsch

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Bessere Menschen

China könnte so schön sein – wenn sein Volk nur von höherer Qualität wäre. Klingt rassistisch? Ist aber offizielle chinesische Politik.

Neulich erst wieder, beim Tee mit Cui Weiping. Cui ist eine feinfühlige Pekinger Kulturwissenschaftlerin, die in ihrer Freizeit einen furchtlosen Blog über Chinas soziale Missstände schreibt. Wir hatten über die Macht des Internets gesprochen, durch das heute jeder Chinese alles Wissen der Welt mit den Fingerspitzen erreichen kann. „Es ist relativ einfach, die staatliche Zensur auszutricksen“, sagte Cui. „Man braucht nicht einmal besondere Computerkenntnisse – man muss es nur wollen.“ Aber wollen die Chinesen es denn? Obwohl in der Volksrepublik inzwischen mehr als 380 Millionen Menschen online sind, ziehen kritische Blogs wie der von Cui nur wenige Leser an. Das von Internet-Optimisten erhoffte Zeitalter der Aufklärung in China lässt auf sich warten. „Es ist frustrierend“, sagte die Bloggerin. „China fehlt es eben immer noch an Bevölkerungsqualität.“

China fehlt es an Bevölkerungsqualität – dieses Lamento hört man häufig. Es gibt sogar ein Wort dafür: Suzhi. Wann immer das Gespräch auf Chinas Sorgen und Probleme kommt, ist das Klagelied über die niedrige Suzhi, die geringe Qualität des chinesischen Volkes, nicht weit. Warum gibt es so viel Armut, Ungleichheit und Korruption? Warum ist die Luft verpestet, das Wasser vergiftet, das Ackerland verseucht? Warum wird im Bus gedrängelt, im Theater telefoniert und im Krankenhaus geraucht? Man kann dafür viele Gründe finden, aber einer stimmt immer. Die Allzweckerklärung der mangelhaften Bevölkerungsqualität ist so weit verbreitet, dass sie wohl das einzige Argument ist, das die Kommunistische Partei ebenso gern verwendet wie ihre Kritiker.

Solange es dem chinesischen Volk an der nötigen Qualität fehle, sei es auch noch nicht reif für gesellschaftliche Freiheiten nach westlichem Vorbild, rechtfertigt die Führung ihre autoritäre Herrschaft. Weil Chinas Bevölkerungsqualität zu wünschen übrig lasse, habe sich das Volk seine Freiheiten nicht erkämpft, klagen ihre Gegner. Wenn China doch nur bessere Menschen hätte – was wäre das für ein Land!

Freilich sind es nur Chinesen, die so reden. Kein Ausländer dürfte es wagen, diese Argumentation zu übernehmen. Und warum sollte man auch? Nach mehr als zehn Jahren in China ist mir noch immer nicht wohl, wenn eine Diskussion Kurs auf Suzhi nimmt. Die chinesische „Besessenheit vom Mangel an bewundernswerten Qualitäten“ (O-Ton der offiziellen „China Daily“) verrät zwar viel über Chinas kompliziertes Selbstbild aber was sonst?

Für einen Deutschen verheißt der Begriff ohnehin wenig Gutes. Als vor einigen Jahren der Ruf nach verbessertem „Humankapital“ die Runde machte, wurde der Ausdruck prompt zum Unwort des Jahres 2004 gewählt. „Bevölkerungsqualität“ lässt noch weitaus hässlichere Assoziationen zu.
Man kann sich vorstellen, was los wäre, wenn ein deutscher Politiker den Begriff für sich entdeckte und zur Jagd auf Arbeitslose und Ausländer bliese (der Fall Sarrazin gibt einen Eindruck). Es gäbe einen Aufschrei und zahllose Talkshows, in denen die moralischen Instanzen der Nation mahnten, dass man so über Menschen nicht sprechen dürfe, schon gar nicht in Deutschland.

In China kennt man solche Begriffsängste nicht, obwohl im chinesischen Wort Suzhi mehr Untertöne mitschwingen, als die deutsche Übersetzung einfangen kann. Die Bedeutung spannt sich von konfuzianischer Tugendhaftigkeit bis zu den Ideen der Eugenik, deren Anhänger dafür plädieren, dass man Menschen doch genauso züchten könne wie Milchkühe oder Rennpferde.

Grundsätzlich kann jeder ein Qualitätsmensch werden. Wer Suzhi haben will, braucht Bildung, Anstand, Fleiß und gutes Benehmen. So ist das in China seit Jahrtausenden: Kaum eine Kultur räumt dem Lernen einen höheren Stellenwert ein – und in wenigen Ländern opfern sich Eltern mehr auf, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Der Druck ist hoch. Die Qualität jedes Menschen wird von seiner Umwelt in Echtzeit gemessen, in Einkommen, Macht und Status. Wer Erfolg hat, beweist damit, dass er auch über Suzhi verfügt – und damit mehr wert ist als alle Erfolglosen. Anthropologen warnen davor, dass die chinesische Fixierung auf Bevölkerungsqualität den Wettbewerb in der Gesellschaft bis zur Überhitzung treibe und soziale Unterschiede zementiere.

Denn für Rücksicht auf Benachteiligte bleibt ebenso wenig Platz wie Verständnis für ein Leben außerhalb des Hamsterrades. Arme Bauern gelten ebenso als Mängelchinesen wie Wanderarbeiter oder Angehörige ethnischer Minderheiten – und viele sehen sich sogar selbst so. Woher sollen Menschen, die nicht zu den Gewinnern gehören, auch Selbstbewusstsein beziehen in einem Land, dessen Regierung warnt, dass „Menschen niedriger Qualität Chinas Umwelt und wirtschaftliche Entwicklung“ gefährden?

Die Auswirkungen der allgegenwärtigen Botschaft sind nicht nur psychologisch. „Quantität kontrollieren, Qualität verbessern“ lautet der Slogan, unter dem die Regierung Ende der siebziger Jahre die Geburtenplanung einführte. Mit der gleichen Begründung mussten sich chinesische Paare bis vor wenigen Jahren vor der Hochzeit einer Gesundheitsprüfung unterziehen, damit über sie bei erhöhtem Risiko von schweren Erbkrankheiten oder Behinderungen ein Fortpflanzungsverbot verhängt werden konnte. Zwar wurde die Regelung 2003 abgeschafft, doch seitdem wird im Nationalen Volkskongress, Chinas Parlament, darüber diskutiert, ob damit nicht die „Bevölkerungsqualität der gesamten Nation sowie die soziale Harmonie und Stabilität“ aufs Spiel gesetzt worden seien. In Metropolen wie Schanghai gibt es Forderungen, die Ein-Kind-Politik solle für reiche Städter ausgesetzt werden, weil bei ihnen eine hohe „Babyqualität“ (O-Ton der „Chinesischen Bevölkerungszeitung“) garantiert sei.

Dennoch geht es bei der chinesischen Qualitätskampagne um mehr als nur um klügere, erfolgreichere, gesündere Menschen. Sie ist die Kehrseite des chinesischen Nationalstolzes, der geprägt ist von einem großen historischen Phantomschmerz: der Sehnsucht nach einer Rückkehr der ruhmreichen Epochen der Han, Tang, Song oder Ming, in denen die Chinesen sich nicht ohne Recht als Reich der Mitte fühlten, als fortschrittlichste Nation der Welt.
Jahrhundertelang galten Seide, Porzellan, Tee und andere „Produits Chinois“ in europäischen Salons als das Feinste vom Feinen – wie könnten sich die Chinesen damit abfinden, dass „Made in China“ heute weltweit als Synonym für schäbige Waren gilt? „Wir Chinesen sind es gewohnt, die Besten zu sein“, sagte mir neulich erst wieder ein anderer chinesischer Vordenker, der Politologe und Regierungsberater Yan Xuetong. „Warum sollten wir uns heute mit weniger zufriedengeben als unsere Vorfahren?“

Anders als die feinfühlige Cui Weiping braucht sich Yan über mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu beklagen. Denn das hören die Chinesen gern: Auch wenn ihr Land derzeit unter Qualitätsproblemen leidet – aber die Garantie läuft noch.

Erschienen in: brand eins, 10/2010

Bernhard Bartsch | 27. September 2010 um 16:33 Uhr

 

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