Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Beruf: Ausländer

Mit blonden Haaren, blauen Augen und langen Nasen kann man im Reich der Mitte viel Geld verdienen – als Projektionsfläche für den chinesischen Traum.

Als Jimmy Hartvigson anfing, Socken-Li mit seiner Konkubine zu betrügen, verlor er seinen Job. „Schade, eigentlich“, findet der 26-jährige Schwede und knipst sein Laufsteg-Lächeln an. „Ich habe da richtig viel Geld verdient.“ Als Sänger im fünften Stock eines Nachtklubs war er die Halbwelt-Attraktion der südchinesischen Stadt Wenzhou. Für 5500 Euro im Monat plus Spesen gab der talentierte Beau den lokalen Geschäftsleuten das Gefühl, ihre Frauen nicht in einem provinziellen Puff, sondern in einem hippen New-Yorker-Szene-Etablissement zu betrügen. Und sie ließen sich die Illusion gern etwas kosten: Als Dank für sein Frank-Sinatra-Karaoke luden sie Hartvigson zum Trinken ein und beschenkten ihn mit Geld und Mädchen.

Unter den lokalen Business-Mafiosi, die Wenzhou mit ihren Ramschproduktfabriken zu einer reichen Stadt gemacht haben, wurde er herumgereicht wie eine Trophäe. „Tagsüber arbeitete ich als Model für ihre Anzugs-, Schuh- und Christbaumschmuck-Kataloge“, erzählt Jimmy, der inzwischen in Peking als Seifenopern-Darsteller sein Geld verdient. „Einer versuchte sogar, mich mit seiner Tochter zu verheiraten – des Passes wegen.“ Doch als der schöne Schwede der Lieblings-Geliebten des reichen Sockenfabrikanten Li verfiel, wurde er entlassen und suchte schnell das Weite. Zum Abschied sagte der Nachtklubbesitzer: „Wenn du einen anderen Ausländer findest, der für mich singen will, ruf mich an.“

Blondes Haar, blaue Augen, lange Nase – in China sind das Qualifikationen für gut bezahlte Jobs. Dabei muss die Haut gar nicht übermäßig rein, die Figur ungewöhnlich proportional oder das Gesicht besonders makellos sein. Ausländische Züge reichen schon, um sich im Reich der Mitte als Gütesiegel für hohe Qualität und internationalen Chic zu verkaufen. Wo in Deutschland das Stiftung-Warentest-Logo klebt, lacht in China ein westliches Gesicht. Denn der Westen ist der Traum aller Chinesen – das Ideal von einer Welt, in der die Menschen reich und die Häuser luxuriös sind. Und da die ehrgeizigen Chinesen ihr Land nun schon zum wiederholten Male „Neues China“ nennen und alle Vorteile des Westens für den eigenen Aufschwung nutzbar machen wollen, hat der Handel mit solchen Träumen Konjunktur. Von wegen Nationalismus – wer etwas auf sich hält, hält sich einen Ausländer.

Chinesische Unternehmer setzen sich eine Ausländerin ins Vorzimmer, um ihre Geschäftspartner zu beeindrucken; zu Geschäftsessen mietet man sich einen ausländischen „Partner“, um internationales Know-how und gute Kontakte vorzutäuschen; chinesische Kleiderfirmen werben mit westlichen Laien-Models; Discos bieten Ausländern freien Eintritt und Getränke, um ihr Etablissement zu veredeln. Und auch wer nichts bezahlen will, versucht von Westlern zu profitieren: Kellner platzieren ausländische Gäste gern am Fenster oder Eingang, damit sie als Schaufensterpuppen Kundschaft anlocken.

Mit Langnasen Geschäfte vortäuschen, um die Steuer zu betrügen

Auch „Peter Walitz, CEO, Walitz-Engineering Germany“, und „Gunter Felsmann, Chief Engineer, Walitz-Engineering Germany“, die kürzlich dem stellvertretenden Provinzgouverneur von Anhui ihre Visitenkarten überreichten, waren keine echten Geschäftsleute. Ein chinesischer Unternehmer hatte zwei deutsche Studenten unter falschen Namen aus Peking eingeflogen, um dort vor Fernsehkameras ein Gemeinschaftsunternehmen für Industriemaschinen zu gründen. Zwar produziert das chinesische Unternehmen schon seit Jahren, doch mit der Wiedergeburt als Joint Venture können die Betreiber üppige Steuervorteile einsacken.

„Angeblich wussten auch die Behörden davon“, erzählt Leih-CEO Philipp Müller, der als Gegenleistung einen Flug, 500 Euro und ein Abenteuer bekam. „Aber die Provinzregierung wollte gern zeigen, wie viel ausländisches Investment sie eingefahren hat und veranstaltete dafür eine große Massenunterzeichnung für die Nachrichten.“ Der Vize-Gouverneur zeigte sich denn auch sehr erfreut und ließ den ausländischen Millionen-Investoren den gängigen Floskel-Schaschlik aus Gute-Freunde-lange-Zusammenarbeit-viel-Erfolg-häufig-Treffen überreichen. Dann wurden Kugelschreiber gezückt, schwere Montblanc-Kopien auf der einen Seite, Werbegeschenke einer Handyfirma auf der anderen, und Unterschriften unter den Vertrag gesetzt. Ein Lächeln, ein Foto, ein hochgestreckter Daumen, und schon verabschiedeten sich die ausländischen Gäste in ihre Limousine, um vor dem Abflug schnell noch ein paar weitere „Investitionsprojekte zu besichtigen“. Die Vertragskopien flogen wenige Kilometer später in den nächsten Bach. Juristischen Wert hatten sie eh nicht. „Herzliche Grüße und viel Erfolg“ hatte der CEO in sein Namensfeld geschrieben; das Datum: der 53. Januar, 25 v. Chr.

Chinas Faszination für das Ausland birgt im Kern einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex. Noch nicht verwunden ist die koloniale Schmach, dass der Westen das mächtige Reich der Mitte im 19. Jahrhundert mit Opium und Kanonenbooten in die Knie zwang und fortan zum Drittweltland machte. Seit mehr als hundert Jahren nährt sich Chinas Selbstbewusstsein vom Nachgeschmack seiner glorreichen 5000-jährigen Zivilisationsgeschichte, denn in der Jetztzeit verweigert die Welt den Respekt, auf den China Anspruch erhebt. Der große Reformer Deng Xiaoping erzählte den Genossen häufig von dem Entsetzen, mit dem er in jungen Jahren als Auslandsstudent in Frankreich das imperialistische China-Bild kennen lernte. Mit wohligem Gruseln betrachtete die feine Pariser Gesellschaft Bilder vom chinesischen Großstadt-Elend und bedauerte die Landsleute in der Ferne, die vor den Toren ihrer Schanghaier Jugendstilvillen derartige Armut ertragen mussten. Für Deng ein Schlüsselerlebnis: Er wollte China endlich wieder in die Reihe der großen Nationen einreihen.

China hat sich von der Demütigung durch den Westen noch nicht erholt

Doch auch 20 Jahre nachdem Deng das Land mit seinen Marktwirtschaftsreformen wieder auf Erfolgskurs gebracht hat, weist der Westen das Buhlen der Chinesen zurück. „Unser Aufschwung wird als Doping-Wunder gesehen, nicht als Ergebnis harter Arbeit“, klagt der BWL-Student Li Keding, der ein Jahr in den USA studiert hat und dort täglich gegen die seiner Ansicht nach einseitige Medienberichterstattung über Menschenrechtsverletzungen und rote Rückständigkeit ankämpfte. „Wenn ein Amerikaner auf sein Land stolz ist, finden alle das ganz normal. Aber wenn ich stolz bin, Chinese zu sein, behandeln sie mich wie einen unbelehrbareren Idioten.“ Dabei fühlt sich Li, der akzentfrei Englisch spricht, gut Basketball spielt und ein hervorragender Student ist, genauso modern wie seine amerikanischen Kommilitonen. „Doch nicht einmal zu meinen guten Noten können sie mir gratulieren“, ärgert er sich. Immer heiße es: „Ja, ja, ihr Chinesen habt halt Drill und Disziplin im Blut.“ Das tut weh, selbst wenn es als Spaß gemeint ist. Denn junge Chinesen wie Li hassen ironisches Augenzwinkern und sehnen sich nach verschworenem Schulterklopfen.

Die Pekinger Propagandisten versuchen diesen Frust als Brennstoff für den Aufschwung zu nutzen, sie spornen das Volk zu immer neuen Aufholjagden an. Prestige-Projekte wie ein eigenes Weltraumprogramm, die imposante Schanghaier Skyline und vor allem die Olympiade 2008 in Peking sollen den Chinesen Vertrauen einflößen, dass ihr Land auf dem richtigen Weg ist. Doch Hochhäuser, Staudämme und Autobahnen lassen sich aus dem Boden stampfen – modernes Flair und internationale Anerkennung nur sehr schwer. Trotzdem bleibt nichts unversucht: Als im Februar 2001 die Prüfungskommission des Internationalen Olympischen Komitees die Stadt Peking auf Olympia-Tauglichkeit testen sollte, wurde der braune Winterrasen kurzerhand grün angesprüht und frische Blumen in die kahlen Bäume gehängt. Denn Peking will Sydneys grüne Öko-Olympiade unbedingt überbieten. „An den Sprossen ziehen“, heißt ein chinesisches Sprichwort, das von einem Bauern erzählt, der an seinen Pflanzen zog, weil sie nicht schnell genug wachsen wollten, worauf das Gemüse entwurzelt vertrocknete. Aber China ist zu sehr unter Erfolgsdruck, als dass es beim Wachsen einfach nur zuschauen könnte. Wo Weltläufigkeit nicht natürlich wachsen will, wird sie geklont im Treibhaus großgezogen.

Als Dünger dient die englische Sprache. Spätestens seit dem 13. Juli 2001, an dem Peking den Zuschlag für die Olympiade 2008 erhielt, ist das Land im Englisch-Fieber. Nicht nur Schüler und Studenten, auch Taxifahrer und Verkäufer üben die neuen Phrasen aus den Lernheften, die an jedem Kiosk verkauft werden. Am Wochenende besucht man Kurse, wer besonders gewissenhaft ist, leistet sich einen ausländischen Lehrer.

Als Englischlehrer gehen auch Deutsche durch, schwarze Amerikaner aber nicht

Hunderte von Schulen bieten Kurse mit Muttersprachlern an, wo meist ausländische Studenten, Reisende mit knappem Budget oder unterbeschäftigte ausländische Manager-Gattinnen unterrichten. Dabei ist Schein wichtiger als sein. Nur ein Bruchteil der Lehrer sind tatsächlich Muttersprachler. Blonde Russen, blauäugige Deutsche und langnasige Franzosen lassen sich genauso gut präsentieren; die fehlerhafte Aussprache wird als amerikanischer Lokaldialekt getarnt. „Sie brauchen mindestens einen amerikanischen Elternteil“, wurde ein deutscher Austauschstudent vor Beginn seines Konservationskurses instruiert. „Die Studenten bezahlen viel Geld, um von einem echten Amerikaner unterrichtet zu werden. Also enttäuschen Sie sie nicht.“

Echte Amerikaner haben es dagegen nicht unbedingt leichter, einen Job zu finden. Rachel Parkson stammt aus New York, ist 27 Jahre alt, hat einen Abschluss in Pädagogik und lernt derzeit in Peking Chinesisch. Doch um einen Teilzeitjob als Englischlehrerin zu finden, musste sie lange suchen, denn Rachel ist schwarz. „Viele Chinesen trauen den Schwarzen nicht so richtig“, sagt die Schulleiterin Lu Xiaowei betreten. „Das ist natürlich Unsinn, aber unsere Studenten denken, Schwarze seien ungebildet und könnten selbst kein ordentliches Englisch.“ Tatsächlich wechselten mehrere von Rachels Schülern den Kurs.

Damit hat Rachel es immer noch besser erwischt als Claire Nguyen. Die Australierin vietnamesischer Abstammung sieht einfach zu asiatisch aus. „Unsere Studenten denken dann, wir würden sie beschubsen“, sagt Schulleiterin Lu, die sich stattdessen für einen tschechischen Lehrer entschieden hat, für 30 Euro pro Stunde. Das Auge lernt mit.

„Viele Chinesen träumen von dem, was sie in ausländischen Fernsehserien und Filmen sehen“, erklärt Diane Zhou. „Etwas anderes kennen sie ja auch nicht, denn Auslandsreisen sind für die meisten immer noch unerschwinglich.“ Diane arbeitet als Ausländer-Scout. Für Fernsehserien, Werbespots und Foto-Shootings besorgt sie ausländische Gesichter. Sehr hoch sind die Ansprüche ihrer Auftraggeber in der Regel nicht. Manchmal verlange der Auftraggeber Chinesisch-Kenntnisse. „Aber da die meistens Filme eh synchronisiert werden, muss man nur den Mund bewegen können.“ Zwar haben Regisseure und Modefotografen inzwischen genauere Vorstellungen von dem, was sie wollen. „Aber Chinesen finden immer noch, dass alle Ausländer gleich aussehen.“

Die Ergebnisse sind entsprechend. Auf Werbeplakaten leuchten die Pickel; wer schon im Familienalbum nicht fotogen war, wird es auch auf der Großleinwand nicht. Hundert Euro ist der Satz für einen Tag Werbeaufnahmen, und wenn die westlichen Mädchen für das Privatarchiv des Chefs die Hüllen fallen lassen, gibt es auch noch einen Hunderter oder zwei obendrauf.

Denn der Traum von der blonden Bettgenossin will ebenfalls erfüllt werden. Zwar tragen inzwischen auch viele Chinesinnen ihr Haar strohblond gebleicht. Doch im russischen Geschäftsviertel Yabaolu im Herzen Pekings wird nicht nur mit Pelzen gehandelt. Wer es sich leisten kann, gönnt sich eine echte Importblondine mit üppigen Kurven. „Die Polizei könnte hier ständig Russenpuffs ausheben“, sagt Liu Peng, der früher bei der Fremdenpolizei arbeitete und inzwischen Immobilienmakler ist. „Aber es ist nicht im Interesse der Stadt, Geschäftsleute beim Abschluss großer Verträge zu stören.“

Deshalb lässt die Polizei nur gelegentlich mal ein Bordell hochgehen. Und obwohl Prostitution in China unter strenger Strafe steht, kommen die Kunden meist ungeschoren davon. Nur die Mädchen werden zurückgeschickt nach Russland oder Kasachstan. Die Begründung: Kellnern ohne Arbeitserlaubnis.

Erschienen in: brand eins 10/2002

Bernhard Bartsch | 01. Dezember 2002 um 07:12 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. sari

    23. Februar 2010 um 12:37

    Kann das ganze nur bestätigen. Ich lebe in Wenzhou, arbeite in Rui’an oder wie das Kaff heisst und ich werde super bezahlt. Muss zu Meetings mit die ich nicht verstehe und muss denen beibringen wie man „Westlich“ Geschäfte betreibt, aber trotz allem nach jeden neuen Vertrag den wir abschliessen gehts erstmal ne Runde in ein Bordel