Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Bekenntnisse eines Klimatrampels

Korrespondenten gehören zu den schlimmsten Klimasündern des Planeten. Versuch einer Selbstverteidigung.

Werden vor dem Jüngsten Gericht auch Klimasünden bestraft? Dann sähe es mit meiner Erlösung schlecht aus. Ich bin Korrespondent, und Korrespondenten haben das, was man heutzutage gemeinhin als „großen Kohlenstofffußabdruck“ bezeichnet. Man könnte auch Klimatrampel sagen.

Mein Wohnsitz ist Peking und mein Berichtsgebiet umfasst China, Korea und Japan. Das sind von Osten nach Westen etwa 6000 Kilometer und von Norden nach Süden 4000. Mit dem Fahrrad ist das nicht abzudecken. Also fliege ich, in den meisten Monaten sogar mehrmals. Dabei gehört Fliegen neben Waldbrandstiftung zum Schlimmsten, was ein Mensch der Erdatmosphäre antun kann. Der Treibhausgaskalkulator auf der Internetseite der Umweltorganisation WWF hat meinen persönlichen Kohlenstoffdioxidausstoß mit 31,52 Tonnen berechnet, dreimal so viel wie der deutsche Durchschnitt. Eine verheerende Bilanz!

Was kann ich da zu meiner Verteidigung vorbringen? Dass ich kein Auto besitze? Dass ich in einer Wohnung mit guten Isolierscheiben lebe? Dass ich ein Kurzduscher bin? Zugegeben: Mehr als ein Feigenblatt ist all das nicht – mein klimapolitischer Sündenfall lässt sich damit nicht bedecken. Wenn Dante mit seiner mittelalterlichen Höllendarstellung richtig liegt, erwartet mich eine Strafe, in der ich meine Laster von ihrer dunkelsten Seite erleben muss. Wahrscheinlich werde ich bis in alle Ewigkeit in einem engen Flugzeug voller Korrespondenten (bekanntlich die Diven unter den Journalisten) um den Erdball kreisen, auf dem man nicht mehr landen kann, weil alle Flughäfen unter Wasser stehen. Ab und zu kommt die Stewardess mit „chicken oder beef“, aber die eigene Wahl ist immer gerade ausgegangen.

Aber vielleicht kann mir eine andere journalistische Untugend aus der Emissionspatsche helfen: Drehe ich die Geschichte doch einfach so, wie sie mir passt. Womöglich ist folgende Verteidigungsstrategie erfolgreicher: Wir Korrespondenten sind nicht Täter, sondern Opfer! Denn macht nicht gerade das globale Problem des Klimawandels deutlich, wie wichtig es ist, über Ereignisse am anderen Ende der Welt Bescheid wissen. Wie soll das gehen ohne eine globale Berichterstattung? Schließlich fliege ich nicht zum Spaß, sondern für Sie, liebe Leser! Deshalb bitte ich um Ihre Solidarität und schlage vor, dass mein Dienst-CO2 anteilig auf Sie alle umgelegt werden. Der Meeresspiegel wird davon zwar leider nicht sinken. Aber vielleicht komme ich so vor dem Jüngsten Gericht mit einer Bewährungsstrafe davon. Oder erhalte im höllischen Korrespondentenflieger wenigstens einen Platz mit mehr Beinfreiheit.

Bernhard Bartsch | 04. Dezember 2009 um 10:41 Uhr

 

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