Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Beim Union Jack sieht China rot

Politisch inkorrekte Nostalgie: Aus Protest gegen Chinas Kommunistische Partei holen Hongkonger Demonstranten die alte britische Kolonialflagge wieder hervor.

Hongkongs Nostalgie löst in Peking patriotischen Alarm aus: Bei Protesten in der ehemaligen britischen Kronkolonie wird neuerdings wieder die alte Flagge mit dem Union Jack geschwenkt. Zuletzt versammelten sich vergangene Woche Demonstranten im Hongkonger Stadtzentrum, um aus Anlass des Gründungstags der Volksrepublik zu zeigen, dass sie lieber wieder unter den Kolonialherren leben würden, als unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei. Im chinesischen Medien und Internetforen riefen die Bilder des Union Jack heftige Reaktionen hervor: Kann – und darf – es sein, dass die Hongkonger 15 Jahre nach ihrer Rückkehr zu China dem kolonialen Zeitalter hinterhertrauern?

Die Frage ist aus Pekinger Sicht alles andere als banal. Der Hass auf die Kolonialmächte, die ab dem 19. Jahrhundert Teile des chinesischen Kaiserreichs eroberten, ist der Dreh- und Angelpunkt von Chinas zentral gesteuertem Geschichtsbild. Die Partei versucht damit, die nationalen Gefühle ihres Volkes zu entfachen und ihre eigene Herrschaft zu legitimieren, die China nun wieder zu einem Reich der Mitte mache. Dass die Hongkonger mit historischem Ungehorsam suggerieren, China stehe unter den Kommunisten schlechter da als unter fremden Herrschern, ist ein Affront, den Pekings Autokraten unmöglich dulden können.

Ihr Comeback machte die Kolonialflagge Anfang September bei Protesten gegen Pekings Plan, an Hongkongs Schulen das Fach „Nationale Erziehung“ einzuführen, das ein von der Partei diktiertes Kurrikulum vermitteln sollte. Viele Hongkonger sahen das als Versuch der Indoktrination und Angriff auf die bürgerlichen Freiheiten, welche die Ex-Kolonie unter dem Motto „Ein Land, zwei Systeme“ bis heute genießt, darunter eine freie Presse, unabhängige Gerichte und das Recht auf politische Meinungsäußerung.

Zehntausende junge Hongkonger belagerten tagelang das Gebäude der Pekinger Vertretung, bis die Regierung notgedrungen einen Rückzieher machte. Vorerst darf in Hongkongs Schulen weiterhin unterrichtet werden, was in der Volksrepublik tabu ist, etwa die Geschichte der Kulturevolution (1966-1976) oder des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens (1989).

Es waren nicht zuletzt die britischen Flaggen, die Peking zum Einlenken zwangen. Denn dass sich die Hongkonger der Zentralregierung offen widersetzten, ließ sich vor dem Rest des Landes nicht verbergen und könnte als Inspiration für andere Proteste dienen. Um den Schaden zu begrenzen, werden nun Hongkongs chinanahe Medien und Prominente in die Pflicht genommen, um ein politisch korrektes Geschichtsbild zu vermitteln.

Der ehemalige Pekinger Topdiplomat Chen Zuo’er erklärte in einem Zeitungsbeitrag, der Anblick des Union Jack habe ihm „das Herz gebrochen“. Lew Mon-hung, Hongkonger Abgeordneter in Pekings Politischer Konsultativkonferenz, warf seinen Landsleuten den Versuch einer „verfassungswidrigen De-Sinisierung“ vor. Der prominente Hongkonger Politiker Lau Nai-keung warnt vor politischer Radikalisierung. Einige Kommentatoren werfen den Flaggenschwenkern sogar Landesverrat vor.

Stoppen wird das den Protest kaum. Vielmehr genießen es Hongkongs Demonstranten, eine Methode gefunden haben, auf die Peking hochallergisch reagiert. Nostalgie kann eben gefährlich sein.

Bernhard Bartsch | 09. Oktober 2012 um 01:21 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. justrecently

    19. Oktober 2012 um 13:13

    Ich würde das als gepflegte, etwas fantasielose Beleidigung der KP Chinas verbuchen. Im Übrigen: Taiwaner sollen auch schon mal die VR-Flagge gehisst haben, wenn sie sich über die Verhältnisse in Taiwan ärgerten.

    Mit einem „Anti-Subversions-Gesetz“ müssten unzufriedene Hong Konger vermutlich zu fantasievolleren Mitteln greifen, aber entweder man hat „ein Land, zwei Systeme“, oder man hat’s eben nicht.

    Aber Chen Zuo’ers gebrochenes Herz hat mich tief ergriffen. Ehrlich!