Bernhard Bartsch

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Bei Anruf: GAU

Ein japanischer Mobilfunkkonzern bringt Handys mit Strahlenmesser auf den Markt.

Es ist eine Funktion, die hoffentlich kein Benutzer je ernsthaft brauchen wird: Gut ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima hat der japanische Telekomkonzern Softbank ein Handy mit eingebautem Strahlenmesser auf den Markt gebracht. Das bunte Telefon namens Pantone 5 soll Kunden in die Lage versetzen, sich im Fall eines Atomunfalls unabhängig von offiziellen Daten über die Bedrohung informieren zu können. Im März 2011 hatten Tokios Regierung und der Fukushima-Betreiber Tepco Informationen über die radioaktive Belastung tagelang zurückgehalten und damit Zehntausende Menschen einer erhöhten Strahlung ausgesetzt.

„Nach der Katastrophe war uns sofort klar, dass wir ein Handy mit Radioaktivitätsmessung entwickeln sollten“, sagt Hiroaki Watanabe von Softbanks Produktplanungsabteilung. „Dass es über ein Jahr gedauert hat, liegt daran, dass wir nur ein Produkt mit verlässlichen Messwerten auf den Markt bringen wollten.“ Mit der von dem japanischen Elektronikkonzern Sharp gelieferten Technologie lässt sich nun mit einem einzigen Knopfdruck in Sekundenschnelle ein Wert für die aktuelle Strahlenbelastung anzeigen. Eine genaue Bestimmung dauert allerdings zwei Minuten. Auch wenn das Telefon unbenutzt in der Tasche ist, führt es in regelmäßigen Abständen Messungen durch. Übersteigt die Radioaktivität einen bestimmten Wert, gibt das Handy ein Klingelsignal von sich. Wie hoch der Grenzwert sei, könne der Benutzer selbst festlegen, erklärt Watanabe. „Welche Strahlenmenge eine gesundheitliche Gefährdung darstellt, ist schließlich eine umstrittene Frage.“ Bei Fragen gibt ein eingespeichertes Lexikon zu Nuklearthemen Auskunft.

Die Daten aller Pantone-5-Handys werden von Softbank in eine Strahlungslandkarte eingespeist, auf die jeder Benutzer zugreifen kann. So ließe sich im Ernstfall bei der Flucht aus einer Gefahrenzone nachverfolgen, wo man tatsächlich sicher ist. Im vergangenen Jahr hätte dieser Service Bewohnern aus der Fuku-shima-Evakuierungszone geholfen, die nördlich des Kraftwerks in Notunterkünfte zogen, dort aber direkt unter der radioaktiven Wolken waren, die sich nach den Explosionen ausbreiteten.

„Unsere Zielgruppe sind vor allem Mütter, denn die machen sich in einem Krisenfall ja die größten Sorgen,“ sagt Watanabe. „Wir wollen aber auf keinen Fall Angst schüren, sondern im Gegenteil einer möglichen Panik entgegenwirken.“ Die Anwendung sei deshalb bewusst nicht als Notfall-App gestaltet. Statt des gängigen schwarz-gelben Radioaktivitätssymbols ist das Haupticon ein blaues Männchen, über dessen Kopf sich eine Messskala spannt wie ein schützender Regenschirm. Die Strahlungswerte werden in einem Farbspektrum von tiefblau (sehr niedrig) über grün bis orange angezeigt. „Die Menschen sollen nicht nur merken, wann ihnen Gefahr droht, sondern vor allem auch wissen, wann sie völlig sicher sind“, erklärt der Entwickler. Deshalb weise an dem Handy äußerlich auch nichts auf die Sonderfunktion hin. „Vielen Menschen wäre es peinlich, in der Öffentlichkeit mit einem Geigerzähler herumzulaufen, aber bei einem Handy sieht ja niemand, was man macht.“

Gemessen werden können die Gamma-Strahlen in der Luft. Die Belastung von Gegenständen, etwa Kleidung oder Lebensmittel, lässt sich nicht bestimmen. Eine solche Funktion wäre zwar möglich, hätte das Handy aber deutlich größer und teurer gemacht, heißt es bei Softbank. Sollte das Pantone 5 erfolgreich sein, werde man darüber allerdings noch einmal nachdenken. Bisher sind die Entwickler jedenfalls zufrieden: Seit dem 15.Juli ist das Handy erhältlich und hat sich prompt zu einem Bestseller entwickelt – und das, obwohl ein Pantone-5-Vertrag rund 20 Prozent teurer ist als der für ein iPhone von Apple. Monatlich 5400 Yen, umgerechnet 56Euro, müssen Nutzer über eine Laufzeit von zwei Jahren mindestens bezahlen.

Bernhard Bartsch | 17. August 2012 um 09:33 Uhr

 

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