Bernhard Bartsch

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Bauern an der Börse

Chinesische Landwirtschaftssparkasse absolviert größten Börsengang der Welt. Ihre Investoren wetten auf die Entwicklung in den ländlichen Gebieten.

Die Agricultural Bank of China (ABC) hat am Donnerstag den ersten Teil des größten Börsengangs der Geschichte absolviert. In Shanghai wurde der chinesische Teil des Aktienpakets zum Handel freigegeben, am Freitag soll in Hongkong die internationale Tranche folgen. Damit dürfte Chinas drittgrößte Bank rund 23 Milliarden US-Dollar einnehmen, noch mehr als die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), die vor vier Jahren den bisherigen Rekord von 22 Milliarden Dollar aufgestellt hatte.

Die zehnfach überzeichneten Shanghaier Aktien, die als sogenannte A-Aktien in Yuan notiert sind und fast ausschließlich chinesischen Anlegern vorbehalten sind, stiegen zum Auftakt um 2,2 Prozent von 2,68 Yuan auf 2,74 Yuan – ein robustes Debüt, das allerdings hinter den Kursfeuerwerken früherer chinesischer Banken-Börsengänge zurückblieb. Die international erhältlichen Hongkonger H-Aktien sind sechsfach überzeichnet.

Allerdings bringt die Bank nur 15 Prozent ihrer Anteile an die Börse, der Rest bleibt in der Hand des chinesischen Staates, der damit weiterhin über den Kurs der Bank entscheidet. Selbst große institutionelle ABC-Investoren wie die Staatsfonds von Katar, Kuwait und Singapur, die Bankhäuser Standard Chartered und Rabobank oder der Hongkonger Tycoon Li Ka-shing sind nur Minderheitsaktionäre.

Der Kauf der Aktie ist damit vor allem eine Wette auf die Finanzmacht der chinesischen Regierung und den Erfolg ihrer Entwicklungsstrategie für den ländlichen Raum. Denn die Kunden der ABC sind größtenteils Bauern. Gegründet wurde sie 1951 als eine Art Landwirtschaftssparkasse. Bis heute besteht ihre Hauptaufgabe darin, das Geld der chinesischen Landbevölkerung, die gut die Hälfte der 1,3 Milliarden Chinesen ausmacht, zu verwalten, die Bauern mit Krediten für Maschinen oder Häuser zu versorgen oder Infrastrukturmaßnahmen zu finanzieren. Ihr Netzwerk ist entsprechend groß: Die ABC hat 320 Millionen Kunden, 420.000 Mitarbeiter und 24.000 Filialen – alles internationale Rekorde. Ihre einzelnen Geschäfte sind allerdings klein, und da die ABC für die Regierung ein wichtiges Subventionsvehikel ist, werden viele Mittel nach politischen Erwägungen vergeben, nicht nach wirtschaftlichen. Bis vor kurzem galt die Bauernbank deshalb als das mit Abstand marodeste der vier großen chinesischen Geldinstitute. Überleben konnte es nur durch regelmäßige staatliche Finanzspritzen. Allein für den Börsengang übernahm die Regierung erneut faule Kredite im Wert von umgerechnet 120 Milliarden Dollar. Angesichts der Finanzkrise, in der die Branchenschwergewichte sich mit undurchschaubaren Finanzprodukten an den Rand des Abgrunds zockten, wirkt das klassische Sparkassenkonzept der ABC plötzlich attraktiv – und viele Investoren glauben, dass vom wachsenden Wohlstand der chinesischen Bauern auch ihre Bank – und ihre Aktie – profitieren wird. Die Börsenkapitalisierung der ABC wurde am Donnerstag mit 128 Milliarden Dollar angegeben.

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2010 um 15:30 Uhr

 

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