Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Avantgarde des Alterns

Japan vergreist schneller als jedes andere Land. Es lernt aber auch, in der demografischen Krise Chancen zu suchen.

In Kamikatsu, einem Dorf in den Bergen der südjapanischen Insel Shikoku, scheint die Welt noch in Ordnung. Wälder, Terrassenfelder und Mandarinenplantagen prägen die Landschaft, die Luft ist so frisch wie das Quellwasser, aus dem sich Kamikatsus kleines Flüsschen speist. Es ist ein Ort, in dem man seine Kindheit oder den Lebensabend verbringen möchte. Nur für die Jahrzehnte dazwischen ist es ein wenig zu ruhig. Genau deshalb ist die malerische Ansiedlung zu einem jener Dörfer geworden, vor denen sich die Japaner fürchten. Weil die Jungen in die Stadt ziehen, hat sich die Bevölkerungszahl in den vergangenen 40 Jahren auf 2 000 Einwohner mehr als halbiert, die Mehrzahl ist inzwischen älter als 65 Jahre. Was sollte da florieren außer der Pflegeindustrie?

Und auch die kann nur prosperieren, solange die staatliche Rentenkasse oder die Sparbücher der Bewohner gut gefüllt sind. Doch das ist keineswegs sicher. Denn was in Kamikatsu passiert ist, droht dem ganzen Land: Japans Bevölkerung schrumpft, die Alterspyramide dreht sich allmählich auf die Spitze. geht es so weiter, werden in Japan Mitte des Jahrhunderts 20 Prozent weniger Menschen leben als heute, warnt das Sozialministerium; nur 44 Prozent von ihnen werden im erwerbsfähigen Alter sein. Wie sich das auf das Leben auswirken wird, ist kaum absehbar.

Obwohl Vergreisung ein globales Phänomen ist, bekommen die Japaner die demografische Krise als erste zu spüren. Das Volk, für das Fortschrittlichkeit und soziale Anpassungsfähigkeit zum Wir-Gefühl gehören wie für kaum ein anderes, wird zur Avantgarde des Alterns.

Not macht erfinderisch, und Kamikatsu gilt in Japan nicht nur als Prototyp, was drohende soziale Belastungen angeht, sondern auch als Paradebeispiel dafür, wie man in der Krise Chancen entdeckt. Die Rentner haben im Dorf einen neuen Wirtschaftszweig erschlossen: Sie sammeln im Wald Blätter, pressen sie verkaufen sie an Restaurants, wo sie traditionell zur Dekoration benutzt werden. Die Idee stammt von Tomoji Yokoishi, einem 49-jährigen früheren Angestellten der Agrarbehörde. „Ich saß in einem Lokal und beobachtete, wie drei Frauen am Nebentisch verzückt die Verzierung ihrer Gerichte anschauten“, erinnert er sich. Yokoishi dachte an sein Heimatdorf, wo viele Alte von knappen Renten lebten und kaum Möglichkeit hatten, etwas dazuzuverdienen. „Ich wusste, dass einige als Hobby Blätter sammeln und habe ihnen vorgeschlagen, ein Unternehmen zu gründen“, erzählt Yokoishi. „Spitzenrestaurants zahlen für schöne Blätter viel Geld, und um sie zu finden, braucht man die Sorgfalt und Liebe, die oft nur ältere Menschen aufbringen.“ Die 1999 gegründete Firma Yokoishi and Irodori Co. verkauft heute jährlich Blätter im Wert von 1,6 Millionen Euro. Der Betrieb gehört mehrheitlich dem Dorf und beschäftigt 200 Bewohner. Fast alle sind über 60 Jahre alt, zehn über 80. Die fleißigsten Sammler verdienen im Jahr bis zu 60 000 Euro. „Für Kamikatsu ist das nicht nur eine wichtige Einkommensquelle“, sagt Yokoishi, „es gibt den Leuten auch neues Selbstbewusstsein.“

Die demografischen Verwerfungen sind nämlich nicht nur ein finanzielles Problem, sondern auch ein psychisches. „Unsere Herausforderung besteht darin, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Menschen sich ihr ganzes Leben lang gebraucht und geschätzt fühlen“, sagt Daisaku Ikeda, Regierungsberater und Gründer der Soka-Universität. Gerade Japaner der älteren Jahrgänge definieren sich stark über Beruf und Firmenangehörigkeit und haben unter der Wirtschaftskrise in den 90er-Jahren besonders gelitten. Damals zerbrach der über Jahrzehnte als unverbrüchlich geltende Bund zwischen Angestellten und Arbeitgebern und die Unternehmen entließen viele Mitarbeiter.

Seit es der Wirtschaft wieder besser geht, werben viele Firmen um Ältere. Arbeitskräfte sind in Japan plötzlich Mangelware. Zwischen 2007 und 2009 erreichen fünf Millionen Erwerbstätige der Babyboomer-Jahrgänge 1947 bis 1949 die Rente. Fast jeder Zehnte der 55 Millionen arbeitenden Japaner wird pensioniert, es sei denn, er hängt freiwillig ein paar Jahre dran. „Angestellte über 60 sind für Unternehmen besonders wertvoll“, sagt Shigeo Hirano, Gründer der Personalvermittlung Mystar60, die ausschließlich ältere Arbeiter vermittelt. „Wer mit über 60 einen Job sucht, möchte wirklich arbeiten und hat viel Know-how, das er an die Jungen weitergeben kann.“ Knapp 1 000 Leute hat Hirano derzeit in seiner Kartei, darunter viele Ingenieure und Facharbeiter, aber auch Hausfrauen, die eine Beschäftigung suchen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. „Sie haben zwar nicht unbedingt viel berufliches Spezialwissen, aber dafür ungeheure Disziplin, gerade im Umgang mit Finanzen“, wirbt Hirano.

Eine Lanze für die „silberne Generation“ – die höfliche Umschreibung für Weißhaarige – zu brechen, ist in Japan angesagt. Marktforscher sprechen von den „Konsumenten der Zukunft“. Die Kaufhauskette Takashimaya hat in Tokio eine Shoppingmall für „Ältere mit Stil“ eröffnet, die Haushaltsgerätemarke Panasonic bietet Luxusprodukte für anspruchsvolle Rentner an, etwa Reiskocher für über 300 Euro. Ökonomen nennen die Alten „Motor des Wohlstands“. „Viele nutzen ihre hohen Renten nicht nur für sich, sondern teilen sie mit ihren Kindern und deren Familien“, sagt Naohiro Ogawa, Direktor des Instituts für Gesellschaftsforschung der Niho Universität Tokio. So habe sich bei jungen Menschen das Alter der finanziellen Selbstständigkeit zwischen 1984 und 2004 von 24 auf 27 Jahre erhöht. „Die Alten spielen eine Schlüsselrolle in Japans Sozialsystem“, sagt Ogawa.

Technikgläubige hoffen zudem, dass sich viele Probleme des Alterns mit Robotern lösen lassen. Es gibt Pflegemaschinen, die beim Füttern oder Waschen helfen. Der Erfinder Takanori Shibata entwickelte gar ein computergesteuertes Seehundbaby, das Altenheimbewohnern die Zeit vertreiben soll. Die Robbe namens „Paro“ ist in Japan ein Verkaufsschlager, doch Yokoishi, der Firmengründer aus Kamikatsu, glaubt, einen besseren Weg zu kennen, dem Lebensabend Sinn zu geben. „Schöne Blätter kann kein Automat sammeln“, sagt er. In Fabriken herstellen kann man sie auch nicht. Da braucht es schon die Wälder der Insel Shikoku und Dörfer wie Kamikatsu, in denen die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Und es irgendwie auch ist.

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SPÄTER RENTENBEGINN

Das Durchschnittsalter der Japaner, liegt bei 41 Jahren. Es wird bis 2050 um elf Jahre steigen. Damit ist Japan die weltweit am schnellsten alternde Gesellschaft. Gründe sind die geringe Geburtenrate von 1,26 Kindern pro Frau und die hohe Lebenserwartung. Die Bevölkerung schrumpft von 127 auf 100 Millionen.

Nur 44 Prozent werden im erwerbsfähigen Alter sein. Das Renteneintrittsalter wurde in Japan bereits von 60 auf 65 Jahre erhöht, um das Problem in den Griff zu bekommen. Auch Frauenarbeit soll gefördert werden.

Außerdem will sich Japan für ausländische Arbeitskräfte öffnen. Derzeit leben nur zwei Millionen Ausländer im Land. Experten schätzen, dass bis Mitte des Jahrhunderts 30 Millionen Arbeitskräfte aus dem Ausland gebraucht werden.

Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 28. Mai 2008

Bernhard Bartsch | 28. Mai 2008 um 04:54 Uhr

 

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