Bernhard Bartsch

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Autos aus China – nächster Versuch

Chinas größter Autobauer SAIC will mit eigenen Fahrzeugen in Europa Fuß fassen – unter der britischen Traditionsmarke MG.

Der „Landwind“ hat es nicht geschafft, auch nicht der „Brilliance“ oder der „Great Wall“. Trotzdem startet Chinas Automobilindustrie einen neuen Versuch, um auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Die Shanghai Automotive Industry Corp. (SAIC), größter Fahrzeughersteller der Volksrepublik, will noch in diesem Jahr in Europa mit dem Verkauf eigener Autos beginnen und wird dafür das Label der britischen Traditionsmarke MG bemühen, die SAIC seit 2005 besitzt. Außerdem sollen die Fahrzeuge nicht in China vom Band rollen, sondern in der ehemaligen MG-Rover-Fabrik in Birmingham.

„Die Idee ist es, das Vertriebsnetz von MG in Europa zu nutzen und ebenso die Kostenvorteile in China“, erklärte SAIC-Chef Hu Maoyuan gestern in Shanghai. Dies deutet darauf hin, dass in Birmingham vorrangig aus China importierte Bausätze montiert werden sollen. Nach der Produktionskapazität des Werkes werden das etwa 10 000 Fahrzeuge im Jahr sein. „Die MG-Modelle werden nicht nur in Großbritannien verkauft, sondern durch das bestehende Händlernetz auch in anderen europäischen Ländern“, sagte Hu. Damit tritt Hu in direkte Konkurrenz zu zwei langjährigen westlichen Partnern. Denn die SAIC betreibt in Shanghai jeweils ein Gemeinschaftsunternehmen mit Volkswagen und General Motors.

Aus seinen Ambitionen, eigene Fahrzeuge zu entwickeln und zu vermarkten, hatte Hu allerdings nie einen Hehl gemacht. Dabei benutzt SAIC nicht nur die Joint Ventures als Ausbildungsstätte für Manager und Ingenieure, das Unternehmen kauft auch aus dem Ausland Technologie hinzu. So übernahm Chinas größter Autoproduzent im Jahr 2004 die Mehrheit an dem südkoreanischen Hersteller Ssangyong und sicherte sich außerdem die Rechte an beiden bekanntesten Modellen der bankrotten britischen Marke Rover: an der Limousine Rover 75 und

an dem kompakten Rover 25. Ein Jahr später fiel der Rest der Rover-MG-Konkursmasse an den kleinen chinesischen Hersteller Nanjing Automotive, der 2007 seinerseits von SAIC geschluckt wurde.

Da die Chinesen den Namen „Rover“ nicht benutzen dürfen, weil die Rechte daran nach einem Umweg über BMW und Ford inzwischen beim indischen Hersteller und Land Rover-Besitzer Tata liegen, führt SAIC die Linie unter dem Namen Roewe weiter. Im März 2007 brachte SAIC auf der Basis der übernommenen Technologie den Roewe 750 heraus, gefolgt von dem Roewe 550 und dem MG 6. Vergangenes Jahr verkaufte SAIC rund 90 000 Fahrzeuge unter eigenen Markennamen. Dieses Jahr will das Unternehmen den Absatz verdoppeln.

SAIC ist allerdings nicht der einzige chinesische Hersteller, der auf internationale Expansion setzt. So erwarb die Beijing Automotive Industry Corp., Produktionspartner von Daimler und Hyundai, erst kürzlich von General Motors die Rechte und das Know-how zur Produktion älterer Saab-Modelle. Der private Hersteller Geely will dem amerikanischen Hersteller Ford seine schwedische Tochter Volvo abkaufen. Im Frühjahr 2009 hatte Geely bereits den australischen Automatikgetriebe-Hersteller Drivetrain Systems International (DSI) übernommen.

Bernhard Bartsch | 25. Januar 2010 um 05:42 Uhr

 

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