Bernhard Bartsch

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Aufstand gegen den Zensor

Ein Fall von Zensur bringt liberale Medien in China auf die Palme. Erstmals seit Jahrzehnten treten Journalisten im Reich der Mitte in den Streik.

Nach der Logik chinesischer Propagandakader hat Tuo Zhen alles richtig gemacht. Als der Chefzensor der Provinz Guangdong in den Vordrucken für die Neujahrsausgabe der einflussreichen Wochenzeitung «Nanfang Zhoumo» einen Leitartikel entdeckte, der offen politische Reformen forderte, liess er den Text kurzerhand aus dem Blatt schmeissen. Den weissen Platz füllte Tuo mit einem Meinungsstück aus eigener Feder – einer Lobeshymne auf die Errungenschaften der Kommunistischen Partei. Den Redaktoren wollte er damit eine Lektion erteilen: Sie sollten nicht glauben, die Regeln der politischen Korrektheit ignorieren zu können.

Dieser Eingriff in die Pressefreiheit war nach chinesischen Standards eine Alltäglichkeit, doch für die Journalisten der «Nanfang Zhoumo» brachte er das Fass zum Überlaufen. Zu häufig hatte Tuo ihnen schon ins Handwerk gepfuscht und harte chinesische Realitäten, die sie beschrieben, gegen die Wunschwirklichkeit der Partei ausgetauscht. In Internetforen machten sie den Vorgang letzte Woche öffentlich und stellten den zensierten Originaltext online. Chinas kritische Netzgemeinde solidarisierte sich umgehend mit den Redakteuren. Zehntausende machten das Logo der Zeitung zu ihrem Profilbild. Eine Gruppe ehemaliger Redaktoren forderte in einem Protestbrief sogar offen Tuos Rücktritt. Seitdem ist sein Name zum Inbegriff von Zensur und linientreuer Schönfärberei geworden.

Dabei galt der 52-Jährige selbst einmal als streitbarer Journalist. Anfang der Achtzigerjahre begann er seine Karriere als Reporter der Zeitung «Economic Daily» und gewann Auszeichnungen für Reportagen über – soziale Spannungen. Doch je höher Tuo auf der Karriereleiter kletterte, desto angepasster wurde er. 2005 stieg er zum Chefredaktor von «Economic Daily» auf und schliff der einst ambitionierten Zeitung die letzten Ecken und Kanten ab. Diesen Job machte er so gut, dass er 2011 Vizepräsident von Chinas zentralem Presseorgan, der Nachrichtenagentur Xinhua, wurde. Zwar vertrat er in der Öffentlichkeit gerne liberale Positionen und sprach vom Wert einer objektiven und kritischen Presse. Doch hinter den Kulissen profilierte er sich, indem er widerspenstige Redaktionen auf Kurs zwang. Wohl deshalb wurde Tuo im Mai vergangenen Jahres als Propagandachef ins südchinesische Guangdong entsandt, wo Zeitungen wie die «Nanfang Zhoumo» traditionell eine längere Leine haben als etwa jene in der Hauptstadt. Tuo straffte die Zügel, wohl ohne zu ahnen, wie sehr sich die Redaktionen wehren würden.

Um seinen Rücktritt zu erzwingen, wird bei «Nanfang Zhoumo» seit Montag gestreikt. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass chinesische Journalisten in den Ausstand zu gehen wagen. Am gleichen Tag versandte die Pekinger Führung eine Direktive, wie die Medien des Landes über den Fall zu berichten hätten. Die Depesche hat drei Punkte: Erstens habe die Partei nach wie vor absolute Kontrolle über alle Medien. Zweitens gebe es keinen Zusammenhang zwischen dem «Publikationsvorfall» bei «Nanfang Zhoumo» und der Personalie Tuo Zhen. Und drittens stehe die Zeitung wohl unter dem Einfluss «feindlicher ausländischer Kräfte». Anders kann man sich den Aufruhr in Peking offenbar nicht erklären.

Bernhard Bartsch | 08. Januar 2013 um 08:04 Uhr

 

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