Bernhard Bartsch

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Aufklärer am Werk

Eine Ausstellung zeigt in China die „Kunst der Aufklärung“. Doch um sich ihres Verstandes zu bedienen, brauchen chinesische Intellektuelle keine Nachhilfe.

Heinrike soll höher hängen. „Zehn Zentimeter sind zu viel, probiert mal fünf“, dirigiert Michael Eissenhauer die Arbeiter im Pekinger Nationalmuseum. Der Berliner Museumsdirektor hat eines seiner wertvollsten Werke in die chinesische Hauptstadt verliehen: das „Porträt der Heinrike Danneker“ von Gottlieb Schick, gemalt 1802, eine Bildikone der Aufklärung, der Emanzipation und des gymnasialen Geschichtsunterrichts.

Die junge Frau in den Farben der französischen Revolution soll den Chinesen die „Kunst der Aufklärung“ vermitteln, zusammen mit 600 Werken, welche die Staatlichen Museen Berlin, Dresden und München ab 1. April gemeinsam ein Jahr lang in Peking zeigen. Das Chinesische Nationalmuseum wird gerade von dem deutschen Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner zum größten Museumsgebäude der Welt umgebaut. Noch weiß in China allerdings fast niemand von der Ausstellung, es gibt weder Werbung noch Zeitungsartikel. „Aber unsere chinesischen Partner versprechen, dass wir uns um Besuchermangel keine Sorgen zu machen brauchen“, sagt Eissenhauer. „An Spitzentagen erwarten sie bis zu 100000 Menschen.“

Was die Besucherzahlen betrifft, steht der Erfolg der Ausstellung, die den deutschen Steuerzahler rund zehn Millionen Euro kostet, wohl tatsächlich nicht in Frage. Doch in einem Land mit Milliardenbevölkerung ist es kein Kunststück, mit der Magie der großen Zahl zu zaubern. Ob sich der Aufwand gelohnt hat, hängt allerdings von etwas anderem ab: Kann die „Kunst der Aufklärung“ ihren Weg in Chinas gesellschaftspolitische Debatten finden und Intellektuellen Lust darauf machen, die chinesische Gegenwart durch das Prisma des europäischen 18. Jahrhunderts zu betrachten?

Die deutschen Ausstellungsmacher sind von ihrem Projekt naturgemäß überzeugt. „Das Recht des Individuums auf seine Subjektivität und seine eigene Gefühlswelt ist etwas ungeheuer Revolutionäres“, erklärt Eissenhauer. „Auch die Verantwortung des Individuums in der Gesellschaft ist natürlich noch immer ein zentrales Thema.“ Aus dem Mund eines deutschen Museumsdirektors sind die Sätze kein Politikum. Trotzdem wohnt dem Programm der Aufklärung in der Volksrepublik, die von ihrer Kommunistischen Partei mit absolutistischem Herrschaftsanspruch und teils barocken Regierungsmethoden geführt wird, Sprengstoff inne.

„Wir stellen natürlich nicht den Nobelpreisträger aus, der im Gefängnis sitzt“, sagt der Kurator Jörg Völlnagel in Anspielung auf den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo, der für seinen Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, elf Jahre Haft erhielt. „Dass sich Parallelen ziehen lassen, liegt aber auf der Hand.“ Auch Eissenhauer betont, es handle sich nicht um eine politische Ausstellung: „Wir vertrauen auf die Macht der Bilder.“

Bei der Werkauswahl habe es von chinesischer Seite keinerlei Einmischung gegeben. So hängen nun in unmittelbarer Nachbarschaft des Tiananmen-Platzes, wo die KP 1989 die Studentendemonstration blutig niederschlug, Bilder der Französischen Revolution, dem brennenden Paris und von Ludwig XVI. auf dem Weg zum Schafott. Die Pekinger Führung hat keine Angst vor europäischer Geschichte – und auch Chinas Intellektuelle brauchen nicht den Umweg über die Vergangenheit, um sich der Probleme der Gegenwart bewusst zu werden. „Qimeng“, wie die Aufklärung auf Chinesisch heißt, war eines der Schlagworte, mit denen vor hundert Jahren das Ende des Kaiserreichs eingeläutet wurde. „China hat seine eigene Aufklärungsgeschichte“, sagt Qian Liqun, Literaturwissenschaftler an der Peking Universität, ein prominenter Intellektueller.

So spiele etwa die Bewegung des 4. Mai 1919, als Chinas Jugend neue politische Modelle zu fordern begann, eine ähnliche Rolle wie die Französische Revolution für Europa. Zu den einflussreichsten Vordenkern gehörte der Schriftsteller Lu Xun (1881 – 1936), der als Begründer der modernen chinesischen Literatur gilt und sich in satirischen Texten gegen die konfuzianische Obrigkeitshörigkeit, die Grausamkeit der Gesellschaft und den weit verbreiteten Aberglauben richtete. „Lu Xun hat sich zweifellos als Aufklärer gesehen“, erklärt Qian. „Er hat den Menschen immer bewusst gemacht, was sie wissen und was sie nicht wissen.“

Der „Qimeng“ hat in chinesischen Ohren einen so guten Klang, dass er heute häufig als Name für Kindergärten oder Schulen benutzt wird, als Synonym für moderne Pädagogik. Doch positiv aufgeladene Begriffe lassen sich auch leicht missbrauchen. „Wer sich als Aufklärer sieht, hat leicht das Gefühl, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein“, sagt Qian. „Das kann zu einer ganz eigenen Form von Despotismus führen.“ Solche Worte lassen sich durchaus als Kritik an der kommunistischen Führung verstehen, die ihre Legitimation aus Revolten wie der 4.-Mai-Bewegung ableitet und deren aktueller Generalsekretär Hu Jintao in bester Aufklärerrhetorik die Parole der „Wissenschaftlichen Entwicklung“ ausgegeben hat. „Wenn man heute aus der Aufklärung etwas lernen will, dann sollte das die Erkenntnis sein, dass es nie nur eine Wahrheit gibt, dass niemand für sich allein eine Führungsrolle beanspruchen kann und dass der gesellschaftliche Lernprozess nie aufhört“, so Qian.

Han Shuifa, Vizedekan des Zentrums für deutsche Philosophie an der Peking Universität, hat den Verdacht, dass die Deutschen die Ausstellung als elegante Form der zivilisatorischen Nachhilfe sehen. „2008 die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan uns Chinesen in einem Vortrag die Aufklärung erklären wollte“, erzählt er. „Sie glaubt offenbar, dass es in China noch an Verständnis zu Themen wie Demokratie oder Freiheit mangelt, in Wahrheit kennen wir Wissenschaftler zumindest die Theorie sehr gut.“

Das Projekt der Aufklärung ist aus seiner Sicht weder in Deutschland noch in China abgeschlossen. „Aufklärung ist nicht nur eine Sache der Theorie, sondern der praktischen Umsetzung“, sagt Han. „Deshalb glaube ich, die Bedeutung der Ausstellung wird begrenzt sein.“ Dem Begleitprogramm von Diskussionen und Veranstaltungen traut er dagegen zu, auf die chinesischen Besucher Eindruck zumachen. „Die Voraussetzung ist aber, dass die Deutschen deutlich machen, dass Demokratie und Freiheit in Europa auch nicht über Nacht verwirklicht wurden“, meint er. „Vorher gab es noch Krieg und Holocaust.“

Bernhard Bartsch | 30. März 2011 um 03:47 Uhr

 

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