Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Auf einmal war die Einladung weg

Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.

Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz, sollte die unliebsame Autorin doch noch einreisen können. Die Veranstaltung „China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit“, die von der Buchmesse, dem chinesischen Ehrengastkomitee und dem deutschen PEN-Zentrum organisiert wird, soll einen Monat vor Eröffnung der Buchmesse „den Ton für die Hunderte nachfolgenden Veranstaltungen“ setzen, so die Ankündigung.

Doch aufgrund der Querelen im Fall Dai wird es wohl nicht der Ton sein, den Peking sich wünscht. „Unsere Regierung hat erklärt, die Buchmesse solle ein kulturelles Olympia werden“, sagte Dai gestern dieser Zeitung. Wie im Fall von Olympia wolle Peking dabei ein perfekt inszeniertes Selbstbild in die Welt tragen. „Im Oktober gibt China 50 Millionen Yuan (5 Millionen Euro) aus, um 100 ausgewählte Autoren nach Deutschland zu fliegen, aber wer wie ich unangenehme Wahrheiten sagen könnte, wird mit aller Macht an der Ausreise gehindert“, erklärte die 68-Jährige, die über zehn Bücher verfasst hat und seit den 80ern als eine der führenden chinesischen Investigativjournalistinnen und Umweltaktivistinnen gilt.

Da man in Peking um Chinas schlechtes Image in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit weiß, hatten die chinesischen Gastlandorganisatoren mit der Konferenz eigentlich ihre Offenheit demonstrieren wollen. „Dieses Symposium gehört zu den Traditionen der Frankfurter Buchmesse, und nach sehr langer Bedenkzeit haben sich die Chinesen bereit erklärt, als Mitveranstalter aufzutreten“, sagt Peter Ripken, der die Veranstaltung koordiniert. Unter der Bedingung, auch eigene Redner benennen zu dürfen, habe Peking nicht nur kritische Referenten wie den Kulturwissenschaftler Wang Hui zugelassen, sondern auch das deutsche Pen-Zentrum als Mitorganisator akzeptiert. Dabei erkennen die Kommunisten den Pen im eigenen Land nicht an und ließen den Präsidenten des inoffiziellen chinesischen Pen, Liu Xiaobo, Ende 2008 verhaften, weil er mit anderen das Demokratiemanifest „Charta ’08“ verfasst hatte.

Mit der Teilnahme von Dai Qing scheint Pekings Toleranz jedoch überstrapaziert. Bei der Buchmesse heißt es, das chinesische Gastland-Komitee habe mehrfach mündlich gedroht, die Veranstaltung platzen zu lassen, falls Dai dort sprechen werde. Das Komitee ignorierte gestern eine diesbezügliche Anfrage dieser Zeitung. Trotzdem schickte die Buchmesse Dai die für den Visumsantrag benötigte Einladung. Aufgrund einer „internen Kommunikationspanne“, wie es in Frankfurt betreten heißt, landete die Einladung allerdings bei Gapp, wo man sich weigerte, sie an Dai weiterzuleiten.

„Am Montagvormittag hat mir ein Gapp-Beamter namens Jiang Chuan am Telefon bestätigt, dass die Einladung eingegangen sei“, erzählt Dai. Da Jiang offenbar nicht wusste, dass die Autorin auf Pekings schwarzer Liste steht, versprach er, die Dokumente zu schicken. Als Dai das Schreiben wenige Stunden später persönlich abholen wollte, erklärte Jiang per SMS: „Ich habe den Auftrag, das Material zurückzusenden, es wird übermorgen in Deutschland ankommen.“ Als diese Zeitung Jiang gestern telefonisch erreichte, legte er mit dem Kommentar „Falsche Nummer“ auf.

„Wenn meine Reise jetzt daran scheitert, dass die Zeit für den Visumsantrag nicht mehr ausreicht, hat die Regierung ihr Ziel erreicht“, sagt Dai, deren Flug für Freitag gebucht ist. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass die deutsche Botschaft in Peking ein Expressvisum ermöglicht. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Buchmesse dem Protest der Chinesen zum Trotz alle Hebel in Bewegung setzt, Dais Anwesenheit zu ermöglichen.

Bernhard Bartsch | 08. September 2009 um 17:53 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.