Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Auf der Schleich-Spur

Deutsches Spielzeug ist heute größtenteils „Made in China“, doch selbst namhafte Hersteller verschließen ihre chinesischen Fabriken der Öffentlichkeit. Eine Recherche bei der schwäbischen Traditionsmarke Schleich.

Das Werkstor von Happy Crafts, einem in die Jahre gekommenen Fabrikkomplex in der südchinesischen Industriemetropole Dongguan, öffnet sich um Punkt zwölf Uhr. Trauben von Arbeitern mit blauen Hemden und Flipflops strömen in die Mittagspause. Was haben sie den Vormittag über gemacht? „Spielzeug bemalt“, erklären sie im Chor. Spielzeug? Noch Minuten vorher haben Happy-Crafts-Manager dem Journalisten am Telefon erklärt, ihre Fabrik stelle schon lange keine Spielwaren mehr her.

Doch in einem deutschen Spielwarenkatalog können die Arbeiter ihre Werkstücke schnell identifizieren. „Diesen kleinen Hund habe ich angemalt“, meint einer. Seine Freundin erkennt den Ritter, dessen Helm sie heute schon hundertfach mit Silberfarbe bespritzt hat. Kein Zweifel: Happy Crafts produziert Figuren der Firma Schleich aus Schwäbisch Gmünd. Unser Informant hat recht gehabt.

Eigentlich war die Recherche für diesen Artikel nicht als investigative Detektivarbeit geplant. Sie begann mit einer harmlosen Entdeckung im Kinderzimmer: dem Aufdruck „made in China“ am Bauch eines Plastikpandas. Dass die schwäbische Traditionsmarke Schleich, deren Erfolgsgeschichte einst mit den Schlümpfen begann und seit den Achtzigern vor allem auf naturgetreuen, handbemalten Tierfiguren beruht, in der Volksrepublik produzieren lässt, ist keine Überraschung. Weltweit kommen heute drei von vier Spielzeugen aus China, und auch jedes größere deutsche Spielzeugunternehmen bezieht zumindest einen Teil seiner Waren aus dem Reich der Mitte.

Doch viele Konzerne scheuen sich, mehr über die Herkunft ihrer Produkte zu verraten, als die gesetzliche Pflicht verlangt. So gerne Spielzeugmarken ihre deutschen Fabriken für Besucher öffnen, so ungern zeigen sie ihre chinesischen Produktionsstätten – zu häufig ist das Land in den vergangenen Jahren durch Qualitätsskandale und Ausbeutungsvorwürfe in die Schlagzeilen geraten. Auch bei Schleich – laut Eigendarstellung ein „Global Player mit schwäbischen Wurzeln“ – empfindet man Anfragen über die globale Arbeitsteilung als heikel. Zwei Monate lang bemühte sich diese Zeitung vergeblich um die Erlaubnis, über die chinesische Produktion berichten zu dürfen. Schleich wollte einen Besuch nur unter der Bedingung zulassen, den Text vor Veröffentlichung autorisieren zu dürfen – eine Forderung, die den Standards des unabhängigen Journalismus widerspricht. Deshalb machte sich der Korrespondent selbst daran herauszufinden, wo und wie die Schleich-Tiere auf die Welt kommen.

Die Firmenwebseite verrät über die Herstellung nicht mehr, als dass Design und Werkzeugherstellung bis heute in Schwäbisch Gmünd stattfinden, die Fertigung dagegen „sowohl am Firmenstandort als auch in mehreren Produktionsstätten im Ausland“. Nach China, wo fast zwei Drittel der jährlich 50 Millionen Schleich-Figuren hergestellt werden, führt nur eine Spur: ein Link zu dem chinesischen Vertriebspartner Kids Land Company.

Dessen Mitarbeiter erklären am Telefon bereitwillig, dass Schleich seine Waren bei ihrem Schwesterunternehmen Lovable Products produzieren lässt. Doch bei Lovable heißt es, man habe erst kürzlich erneut Order erhalten, Besucher nur mit ausdrücklicher Genehmigung aus Schwäbisch Gmünd einzulassen. Auskunftsfreudiger erweist sich ein chinesischer Unternehmer, der in Internetforen seine Dienste als Hersteller von Plastikspielzeug anbietet. Als Referenzprodukte stehen in den Regalen seines Büros eine Hundertschaft Schleich-Figuren in Reih und Glied. „Ich habe jahrelang Produktionsaufträge für Schleich abgewickelt“, erklärt er und beweist im Gespräch, dass er sich tatsächlich mit dem Fabriknetz auskennt. „Die Deutschen geben ihre Aufträge an Lovable, und Lovable gibt einen Teil davon an kleinere Firmen weiter“, sagt er. Alle paar Monate schicke Schleich eigene Inspektoren durch alle Fabriken in China, um die Produktionsqualität zu überprüfen.

„Die Deutschen stellen sehr hohe Anforderungen“, sagt er. „Schleich schreibt genau vor, welche Materialien verwendet werden dürfen, und kontrolliert genau, ob die Vorschriften eingehalten werden.“ Warum verschließt Schleich seine Fabriken dann der Öffentlichkeit? Der Unternehmer zuckt mit den Schultern. „Lovable hat vor ein paar Jahren extra eine neue Fabrik gebaut, damit Schleich ein repräsentatives Vorführwerk hat“, sagt er. „Aber die kleinen Fabriken sollten sie Ausländern lieber nicht zeigen.“ Wenige Kilometer entfernt sticht die Lovable-Fabrik tatsächlich aus Dongguans Industrieeintönigkeit heraus. Der vierstöckige Bau ist hell gekachelt, zwischen Werkhallen und Wohnheim zieht sich ein schmaler Grünstreifen hin. Vor der Lagerhalle brennen in einem Buddhaaltar Räucherstäbchen. Gegenüber vom Tor gibt es ein Internetcafe, mehrere Imbisse und Klamottengeschäfte. „Have some fun“ steht auf einem Plakat, ein anderes wirbt für Brustvergrößerungen.

„Die Arbeit ist nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht“, sagt eine junge Wanderarbeiterin aus der Provinz Guangxi, die hier abends einkauft. Über 700 Dinosaurier hat sie an diesem Tag angesprüht, von morgens um acht bis abends um halb sechs, mit anderthalb Stunden Mittagspause. „Wenn die Fabrik viele Aufträge hat, kann man abends noch drei Überstunden machen“, sagt sie. „Das ist zwar sehr ermüdend, aber dafür ist die Bezahlung auch besser.“ 1600 Yuan (185 Euro) verdient sie in normalen Monaten, in guten Zeiten kommt sie auf 2000 Yuan – das entspricht dem Standard in Dongguans Fabriken, der deutlich über dem in China üblichen Mindestlohn liegt. Trotzdem gab es in Südchina in den vergangenen Monaten immer wieder Proteste von Arbeitern, die höhere Löhne forderten, weil ihr Einkommen schon seit Jahren nicht mehr mit dem Anstieg der Lebenshaltungskosten mithalten könne. Sind die Angestellten bei Lovable unzufrieden? „Als wir nach Dongguan gekommen sind, haben wir natürlich gehofft, dass wir mehr verdienen können“, erzählen zwei Studentinnen aus der Provinz Jiangxi, die bei Lovable in den Sommerferien für einen Stundenlohn von 4,5 Yuan (52 Cent) arbeiten. Von Protesten wollen sie noch nichts gehört haben. „Unser Job ist besser als kein Job, und wenigstens ist hier das Wohnheim gut.“ Zehn Arbeiter teilen sich ein Zimmer mit Bad und Klimaanlage – in den meisten Fabriken müssen die Angestellten ohne Kühlung auskommen, obwohl die Temperatur in den Sommermonaten selbst nachts kaum unter die 30-Grad-Marke fällt.

Und wie sieht es mit den Gesundheitsrisiken aus? Informiert Lovable seine Arbeiter über mögliche Gefahren im Umgang mit Lacken oder Lösungsmitteln? Die Studentinnen schütteln den Kopf. Zwar seien in Bereichen mit starkem Chemikaliengeruch oder an den Spritzstationen Masken erhältlich, doch kaum einer mache davon Gebrauch, weil man damit schlecht atmen könne. Schleich erklärt dazu auf Anfrage, von den eingesetzten Chemikalien gehe keine gesundheitliche Gefahr aus. Auch in den Produktionsstätten chinesischer Zulieferer würden die international gültigen Normen des Arbeiterschutzes eingehalten und von unabhängigen Instituten wie dem Tüv Rheinland oder dem Büro Veritas regelmäßig überprüft.

Doch obwohl die Lovable-Fabrik, deren rund tausend Arbeiter den größten Teil von Schleichs chinesischer Produktion bewältigen, äußerst proper wirkt, werden nicht alle Figuren unter solchen Bedingungen hergestellt. In der eine halbe Stunde Autostunde entfernten Fabrik Happy Crafts zeigt sich ein anderes Bild. Die Gebäude ist heruntergekommen, die Räume wirken düster, und aus dem Ventilator strömt konzentrierter Lösungsmittelgeruch auf die Straße. Bis vor einigen Jahren sei hier die Hauptfabrik von Lovable gewesen, erklärt der Unternehmer. Seitdem habe eine andere Firma das alte Gebäude übernommen und produziere für verschiedene Spielzeugmarken, darunter auch Schleich. Die Arbeiter wohnen nicht auf dem Firmengelände, sondern in einem angemieteten Wohnheim in der Nähe, ebenfalls zu zehnt in einem Zimmer, hier jedoch ohne eine Klimaanlage.

Fragt man die Arbeiter auf dem Weg in die Mittagspause nach ihren Sorgen, gehören die Wohnbedingungen nicht dazu – da die meisten vom Land kommen, sind sie oft noch weitaus ärmlichere Bedingungen gewöhnt. Stattdessen klagen sie über die steigenden Kosten für Lebensmittel und Kleidung oder über die Entfernung zu ihren Familien in anderen Provinzen. „In Dongguan kann man nur arbeiten, aber nicht leben“, sagt eine junge Frau.

„Zu Hause im Dorf ist es andersherum: Da kann man leben, aber es gibt keine Arbeit.“ Verstößt Schleich gegen ethische Standards, indem das Unternehmen in einer Fabrik wie Happy Crafts Spielzeuge für deutsche Kinderzimmer produziert? Obwohl die Fabrik kein schöner Anblick ist, kann keiner der Arbeiter von übermäßigen Überstunden, ungezahlten Löhnen oder gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen berichten. Und sowohl der chinesische Spielzeugunternehmer als auch Schleich selbst bestätigen, dass Happy Crafts ebenfalls regelmäßig von deutschen Inspektoren überprüft wird.

Doch warum ist man bei Schleich dann nicht bereit, die Produktionsstätten der chinesischen Zulieferer genauso offen zu zeigen wie das Stammwerk in Schwäbisch Gmünd, wo bis heute knapp ein Fünftel der Produkte hergestellt wird? Bei Schleich sieht man sich in einem Dilemma, das viele deutsche Unternehmen kennen: Einerseits führt in der globalen Wirtschaft an Chinas großem Markt und günstigen Arbeitskräften kein Weg mehr vorbei, andererseits ist das Engagement in Fernost zu Hause unpopulär. Erst gestern rief „Der Spiegel“ auf seiner Titelseite den Kampf „China gegen Deutschland“ aus und warnt davor, dass die „lukrative China-Connection“ sich „in ein paar Jahren als Pakt mit dem Teufel“ entpuppen könne.

Strikt sachlich ist derartige Rhetorik nicht, doch sie trifft einen Nerv – und treibt Unternehmen in die Defensive. Mit Werksführungen für deutsche Journalisten in China habe man bisher „meist nur sehr schlechte Erfahrungen gemacht“, rechtfertigt Schleich-Geschäftsführer Paul Kraut in einer E-Mail die Politik seines Unternehmens. „Unsere Erfahrung ist leider, dass letztendlich doch nur über die negativen Aspekte berichtet wird.“ Doch je mehr China zu einem Drehpunkt der globalen Arbeitsteilung wird, umso weniger kommen Unternehmen darum herum, dort die gleiche Transparenz zu gewähren, wie es zu Hause üblich ist.

Bernhard Bartsch | 24. August 2010 um 08:57 Uhr

 

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