Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Auf Augenhöhe

Chinas Regierung glaubt, dass das Land in der Krise seine Position in der Welt stärken kann. Entsprechend selbstbewusst tritt sie auf.

Wenn Chinas Premier Wen Jiabao in dieser Woche mit einer hochrangigen Minister- und Unternehmerdelegation Europa besucht, und unter anderem auch nach Berlin kommt, dann ist das so, als würde die deutsche Kanzlerin über Weihnachten mit einem Tross von Kabinettsmitgliedern und Dax-Vorständen nach Asien reisen. Das traditionelle Frühlingsfest – am gestrigen Montag begann für die Chinesen das Jahr des Ochsen – ist normalerweise die einzige Zeit im Jahr, in der die chinesische Regierung offiziell im Urlaub ist.

Dass Wen demonstrativ Sonderschichten schiebt, soll dem Volk signalisieren, wie ernst er seine Warnung meint, das Jahr werde enorm schwierig. Die Finanzkrise hat dem chinesischen Wirtschaftswunder die Luft abgelassen und dem Land vor Augen geführt, dass es durch 30 Jahre Öffnungspolitik auf Gedeih und Verderb Teil der globalisierten Welt geworden ist. Nach Jahrzehnten des Bullenmarkts erwartet China im Jahr des Büffels eine Ochsentour.

Dabei hätte der Premier es durchaus einfacher haben können. Viele seiner Treffen sind Nachholtermine des europäisch-chinesischen Gipfels im Dezember, den Peking aus Protest gegen eine Begegnung des französischen Präsidenten mit dem Dalai Lama hatte platzen lassen. Doch jenseits aller Propaganda und Scharmützel setzt Wen mit seinem Besuch das richtige Zeichen. So geschlossen die Welt in die Krise gerutscht ist, so geschlossen muss sie nun nach einem Ausweg suchen und über die Lehren beraten, die für die Zukunft zu ziehen sind.

Die chinesische Führung hat es nicht leichter als westliche Regierungen. Trat sie in der Vergangenheit bei Auslandsreisen oft in dem Selbstbewusstsein auf, dass der Aufschwung ihres Landes ohnehin nicht zu stoppen sei, so steht sie nun unter gewaltigem Druck. Die Exporte, ein Hauptmotor der Konjunktur, sind in den letzten Monaten eingebrochen. Nach fünf Jahren zweistelliger Wachstumsraten stieg Chinas Bruttoinlandsprodukt 2008 nur noch um neun Prozent. 2009 will Wen wenigstens sieben Prozent schaffen, einige Ökonomen halten fünf Prozent für realistischer.

In westlichen Ohren mag das zwar noch immer nach Boom klingen, doch der Eindruck täuscht. Die Wachstumszahlen von Industriestaaten und Schwellenländern lassen sich nicht direkt vergleichen. Wegen seiner Bevölkerungsstruktur und des niedrigen Ausgangsniveaus drohen unterentwickelten Nationen wie China schon Rezessionserscheinungen, wenn das Wachstum unter die Fünf-Prozent-Marke rutscht. In der Volksrepublik sind sie bereits zu sehen. Schätzungsweise 20 bis 30 Millionen Wanderarbeiter haben aufgrund der Finanzkrise ihre Jobs verloren. Universitätsabsolventen haben es schwerer, Arbeitsplätze zu finden. Ein Sozialsystem, das Chinesen in Not auffangen könnte, gibt es nicht, und die Inflation frisst die ohnehin kleinen Ersparnisse auf. Gleichzeitig führt die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm, Stadt und Land zu sozialen Spannungen; auch Korruption und ethnische Diskriminierung heizen die Konflikte an. Demonstrationen nehmen zu.

Im Westen beobachten viele die Probleme Chinas mit heimlicher Genugtuung. Doch Häme oder gar Triumphgefühle sind fehl am Platz. Die Herausforderung, denen sich der Westen in denen vergangenen Jahren durch Chinas wirtschaftlichen Erfolg ausgesetzt sah, werden durch die Krise nicht kleiner, sondern eher größer. Und es ist nicht auszuschließen, dass die Volksrepublik sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen wird.

Wohl keine Regierung der Welt ist so reformerfahren wie die chinesische. Zwar verfügt das autoritäre Regime der Kommunistischen Partei bei vielen Problemen kaum über das geeignete Instrumentarium. Trotzdem hat es in der Vergangenheit gerade in Krisenzeiten seine Flexibilität, Kreativität und Effektivität unter Beweis gestellt.

Deshalb kommt Wen Jiabao keineswegs als Bittsteller nach Europa. Im Gegenteil: Für die Bewältigung der Finanzkrise und den Aufbau eines neuen globalen Wirtschaftssystems fordert China Maßnahmen, mit denen sich die Europäer und die US-Amerikaner schwertun werden. So wollen die Chinesen beispielsweise erreichen, dass reiche Staaten die Entwicklungsländer mit fortschrittlicher Umwelttechnologie ausstatten. Doch die Krise markiert auch das Ende einer Ära, in der die globalen Spielregeln vom Westen bestimmt wurden. Einen gemeinsamen Ausweg finden heißt eben das: gemeinsam. Auf die Welt wartet in der Tat eine Ochsenkur.

Bernhard Bartsch / Frankfurter Rundschau, 27. Januar 2009

Bernhard Bartsch | 27. Januar 2009 um 03:39 Uhr

 

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