Bernhard Bartsch

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Asiens Elitemaschine

Schüler aus Shanghai und Südkorea belegen in der Pisa-Studie die Spitzenplätze. Das Erfolgsrezept: Lerndisziplin, ehrgeizige Eltern und viel Geld.

Das ostasiatische Bildungssystem ist der Gewinner der jüngsten Pisa-Studie. Die Schüler aus Shanghai, Hongkong und Südkorea belegten die Spitzenplätze, auch Japan und das chinesisch geprägte Singapur liegen weit über dem OECD-Durchschnitt.

Damit brilliert im internationalen Leistungsvergleich wieder einmal ein System, das im Ausland vor allem mit Druck und Drill in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich ist das Lernpensum chinesischer und koreanischer Schüler oft gewaltig, doch daneben hat der Erfolg auch kulturelle und sozioökonomische Ursachen.

Lernen steht in Chinas konfuzianischer Kultur, die auch Korea und Japan geprägt hat, seit jeher im Zentrum des Wertekanons. Studienfleiß – und nicht etwa Gott oder Herkunft – sollten über Wohlstand und soziale Stellung entscheiden. Sozialer Aufstieg wurde systematisch ermöglicht, indem die traditionellen Beamtenprüfungen auch Menschen aus armen Verhältnissen die Möglichkeit gaben, in den Regierungsdienst zu treten. Oft investierten ganze Großfamilien in die Ausbildung eines talentierten Kindes, in der Hoffnung, dass davon eines Tages die ganze Sippe profitieren würde.

Diese Kultur wirkt bis heute nach. Chinesische und koreanische Eltern geben einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens für Nachhilfeunterricht aus. Selbst Kinder mit guten Zeugnissen haben oft bis spät in die Nacht Förderunterricht. Von allen Seiten wird Leistungsdruck aufgebaut. In den Schulen werden Testergebnisse oft am Schwarzen Brett ausgehängt oder Sitzplätze im Klassenraum nach Notendurchschnitt vergeben. Am Ende eines Schuljahres können Kinder mit guten Zeugnissen an bessere Schulen aufsteigen, schlechte werden zurückgestuft.

Die Nachteile dieser Elitenauswahl liegen auf der Hand – und werden auch in Asien kontrovers diskutiert: So sehr talentierte und nervenstarke Schüler von dem System profitieren, so wenig Rücksicht nimmt es auf leistungsschwächere oder weniger belastbare Kinder. Außerdem konzentriert sich das Kurrikulum auf Kernfächer, insbesondere Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Geisteswissenschaftlicher Unterricht, Kunst, Musik oder Sport spielen eine untergeordnete Rolle – es sei denn, ein Kind qualifiziert sich mit einer außerordentlichen Sonderbegabung für eine spezialisierte Schwerpunktschule. Raum für Hobbys und Selbstfindung gibt es nicht. Selbst außerschulische Aktivitäten wie Instrumentalunterricht oder soziales Engagement stehen unter dem Diktat der Leistung, weil Schulen dafür häufig Sonderpunkte vergeben.

Während die Schüler aus Südkorea und Hongkong seit Jahren zur internationalen Pisa-Spitze gehören, stellten sich die chinesischen Schulen zum ersten Mal dem Test. Bewertet wurden allerdings nur Shanghaier Schüler, die aufgrund der Finanzkraft der Wirtschaftsmetropole zu den besten des Landes gehören dürften. Allerdings erklärten die OECD-Forscher, dass sie auch in armen Teilen Chinas Stichproben gemacht hätten und das Niveau dort ebenfalls beinah an OECD-Niveau herangereicht hätte.

Bernhard Bartsch | 08. Dezember 2010 um 03:21 Uhr

 

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