Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Asien rückt zusammen

Die Finanzkrise zwingt China, Japan und Südkorea zu Absprachen. Das kann Keimzelle für eine neue Union in Politik und Wirtschaft sein.

Sich mit dem fernen Feind verbünden, um den nahen anzugreifen“, lautet ein chinesisches Sprichwort. Es hätte als Motto stehen können über einem Treffen Mitte Dezember in Tokio. Zum ersten Mal kamen die Regierungschefs von Japan, China und Südkorea zu einem Gipfel zusammen. Was in Europa seit Jahrzehnten üblich ist, war für die ostasiatischen Mächte ein Novum, denn ihr Verhältnis prägen wirtschaftliche Rivalität und historische Altlasten. Doch da die Finanzkrise derzeit der weitaus nähere Feind ist, entstehen neue Allianzen, die bisher schwer möglich gewesen wären.

Zwar ist die Krisenbewältigung noch der einzige Punkt auf der Dreier-Agenda. So einigten sich die Regierungen darauf, im kommenden Jahr keine weiteren Handelsbarrieren aufzubauen und einen Fonds zur Stützung der regionalen Währungen einzurichten. Doch das neue Forum beflügelt in Tokio, Peking und Seoul auch Überlegungen, ob der japanisch-chinesisch-koreanische Schulterschluss langfristig weiterentwickelt werden sollte.

Könnte die Finanzkrise zur Geburtsstunde einer ostasiatischen Union werden? Die Idee ist nicht ganz neu. Politische Vordenker in der Region fordern schon lange, dass die ostasiatischen Staaten sich politisch und wirtschaftlich zusammenschließen sollten. Sie hätten das Potenzial, neben den USA und der Europäischen Union den dritten großen Machtblock der Welt zu bilden.

Immerhin ballen sich in Japan, China und Südkorea 17 Prozent der globalen Wirtschaftskraft. Gleichzeitig verfügt die Region über eine der kompaktesten globalen Wertschöpfungsketten, die von Japans Hightech bis zu Chinas Niedriglohnfabriken reicht.

Peking hat mit seinem Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat außerdem entscheidenden Einfluss auf die Weltpolitik. Und alle drei Länder haben ein Interesse daran, die Vorherrschaft des Westens zu brechen und die Entwicklung in ihrem Teil der Welt selbst zu bestimmen. So plädieren sie bereits dafür, die Asiatische Entwicklungsbank gegenüber der von den USA dominierten Weltbank zu stärken und einen regionalen Währungsfonds einzurichten, um so den Einfluss des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu begrenzen.

Bündeln Japaner, Chinesen und Südkoreaner ihre Kräfte, erhält Asien eine zweite Keimzelle für einen Einigungsprozess. Die zehn Länder der Vereinigung Südostasiatischer Staaten (Asean) sind seit 40 Jahren dabei, sich wirtschaftlich und politisch zusammenzuschließen. Im Dezember erhielt die Asean einen rechtlichen Status und kann für ihre Mitglieder diplomatische Verhandlungen führen. Spätestens 2015 sollen Waren zollfrei gehandelt werden.

Zwar orientiert sich Asien am Beispiel der EU, doch der Kurs ist ein anderer. Anders als die Europäer stellen sich die Asiaten ihren Bund nicht als Werte-, sondern als Interessengemeinschaft vor. Schließlich sind die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Unterschiede in Asien größer als in der EU. Doch Unterschiede müssen den Fortschritt nicht bremsen, wenn sich Länder ergänzen. Ganz Asien wird dabei kaum unter einen Hut zu bringen sein, aber die drei ostasiatischen Mächte haben womöglich eine Chance, eine gemeinsame Linie zu finden – und Feinde, die ihnen näher sind als die alten Rivalitäten.

Bernhard Bartsch / Frankfurter Rundschau, 31. Dezember 2008

Bernhard Bartsch | 31. Dezember 2008 um 02:57 Uhr

 

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