Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Apples China-Problem

Pünktlich zum Start des Handys iPhone 5 wird der Konzern mit neuen Vorwürfen wegen schlechter Produktionsbedingungen in China konfrontiert.

Nach 3000 Wischtüchern hat Dang Xianglan Feierabend. 3000-mal hat sie an diesem Tag die gleichen sechs Handgriffe gemacht: umklappen, noch mal umklappen, linke Seite einschlagen, rechte Seite einschlagen, zusammenrollen und mit einem Gummiband befestigen. „Mit den Läppchen werden am Fließband die Touchscreens von iPhones oder iPads gereinigt“, erklärt die Mittdreißigerin. 3000 Tücher sind das Schichtminimum, doch wenn die Vorgesetzten es verlangen, macht Dang Überstunden und faltet noch tausend mehr.

Dang arbeitet seit fünf Jahren bei Wintek, einem taiwanesischen Elektronikkonzern, der in seiner Fabrik im ostchinesischen Suzhou Bildschirme für Apple-Geräte fertigt. Früher saß Dang selbst in der Touchpad-Montage, doch dann erkrankte sie 2009 an der giftigen Chemikalie Hexan, die zum Polieren der Glasscheiben verwendet wurde. „Ich konnte nicht mehr richtig greifen und stehen, meine Hände und Füße wurden taub, und ich bekam Ausschläge“, erzählt Dang. Mehr als hundert Kollegen entwickelten ähnliche Symptome. Zehn Monate verbrachte Dang im Krankenhaus, eine Zeit bangen Wartens, wie weit die Krankheitserscheinungen zurückgehen würden. Heute fühle sie sich noch immer etwas schlapp, aber sie könne wieder arbeiten, und sei dankbar, dass Wintek ihre Behandlungskosten übernommen, eine Entschädigung gezahlt und ihr nicht gekündigt hat. „In vielen Fabriken würde man in einer solchen Situation einfach entlassen und wäre auf sich allein gestellt“, sagt sie. Welche Regelung das Gesetz Chinas für solche Fälle vorsieht, weiß sie nicht, denn wie viele Chinesen ist sie in dem Bewusstsein sozialisiert worden, dass es für sie keine einklagbaren Rechte gibt.

Der Vergiftungsfall, der Anfang 2011 publik wurde, reiht sich ein in eine lange Serie von Produktionsskandalen bei chinesischen Apple-Zulieferern. Allein im vorigen Jahr starben bei Explosionen in Zulieferfabriken vier Menschen, mehr als 70 wurden verletzt. Ausgelöst wurden die Detonationen durch unvorsichtigen Umgang mit Aluminiumstaub, der beim Polieren von iPad-Gehäusen entstanden war. Und pünktlich zur Einführung des iPhone 5 steht den Amerikanern neue Kritik ins Haus. Anfang des Monats meldeten chinesische Medien, dass in einer Fabrik des Zulieferers Foxconn Schüler von Berufsschulen zur Akkordarbeit gezwungen würden, zu einem Monatslohn von 1550 Yuan (193 Euro), nur halb so viel, wie reguläre Arbeiter wie Dang verdienen. Zwar beruft sich Foxconn darauf, dass es sich um freiwillige Praktika handele, doch Berichte von Betroffenen lassen wenig Zweifel, dass die Berufsschüler unter hohem Druck stehen. Nach einem Bericht der angesehenen chinesischen Zeitung „21. Century Business Herald“ hat die Regierung der westchinesischen Stadt Chengdu, wo Foxconn viele Apple-Produkte fertigt, der Fabrik sogar ein gleichbleibendes Angebot an billigen Arbeitern garantiert. Weil Foxconns Gehälter wenig attraktiv sind, kann die Regierung ihre Zusage nur halten, indem sie öffentliche Einrichtungen zwingt, Fabrikkräfte zu entsenden.

Formaljuristisch müssten solche Probleme zwar nicht Apples Sorge sein. Die Kalifornier sind bei Foxconn oder Wintek schließlich nur Kunden, und die Einhaltung von Sicherheits- und Sozialstandards in chinesischen Fabriken ist Aufgabe chinesischer Behörden. Doch westliche Konsumenten sehen Apple dennoch in der Pflicht, in China für gute Bedingungen zu sorgen. Seitdem bei Foxconn zwischen 2009 und 2010 mehr als ein Dutzend Arbeiter Selbstmord beging – in Abschiedsbriefen hatten sie über schlechte Arbeitsbedingungen und finanzielle Hoffnungslosigkeit geklagt -, steht Apple bei Arbeiterrechtlern in der Kritik. Greenpeace wirft den Amerikanern vor, seine Zulieferarbeiter wie ­“iSlaves“ zu behandeln.

Je stärker sich der Konzern mit dem angebissenen Apfel als Trendsetter der technologischen Revolution etabliert und seinen Aktienwert in immer neue Höhen schraubt, umso bohrender werden auch die Nachfragen nach den Arbeitsbedingungen in der Produktion. Zwar ist Apple beileibe nicht das einzige Unternehmen, das in China unter fragwürdigen Verhältnissen fertigen lässt. Doch wenn es dem größten und reichsten Unternehmen der Welt nicht gelingen sollte, an seine Herstellung ähnliche Qualitätsmaßstäbe anzulegen wie an seine Produkte, wem dann?

Das Thema ist für Apple ein wunder Punkt, und obwohl die offizielle Firmen-PR die Probleme kleinzureden versucht, erklären Mitarbeiter im privaten Gespräch, dass die Situation bei den Zulieferern der Marke Schaden zufüge. Zwar hat Apple wie die meisten Markenunternehmen einen „Code of Conduct“, mit dem sich alle Zulieferer verpflichten müssen, „dass die Arbeitsbedingungen in Apples Zulieferkette sicher sind, dass die Arbeiter mit Respekt und Würde behandelt werden und dass die Herstellungsprozesse aus Umweltgesichtspunkten verantwortlich sind.“ Doch eingehalten werden die Regeln nicht immer, wie das Unternehmen selbst zugibt. Nach einem Anfang 2012 veröffentlichten Bericht hat Apple bei der Inspektion von 229 Fabriken in 93 Anlagen festgestellt, dass mindestens die Hälfte der Angestellten mehr als das vorgeschriebene Maximum von 60 Stunden pro Woche leiste. Ähnlich viele arbeiteten mehr als sechs Tage pro Woche. Außerdem gab es mehrere Fälle von Diskriminierung, falschen Sicherheitsvorkehrungen, nicht gezahlten Überstundenzuschlägen und anderen Regelverletzungen.

Zwar hofft Apple mit seinen seit 2007 veröffentlichten Inspektionsberichten unter Beweis zu stellen, dass man das Problem ernst nimmt. Doch Arbeiterrechtlern sind derartige Aktionen nicht genug. „Westliche Unternehmen hätten nicht so hohe Margen, wenn sie in China nicht so sehr die Preise drücken könnten“, sagt Han Dongfang, Gründer der Hongkonger Organisation China Labour Watch. „Wenn sie das Problem von ,made in China? wirklich lösen wollten, müssten sie bereit sein, den chinesischen Arbeitern deutlich mehr zu bezahlen, damit diese nicht nur am Existenzminimum leben.“

Dabei ist die Montage bei den Fertigungskosten eines iPhone einer der kleinsten Posten. Das Beratungsunternehmen iSupply geht davon aus, dass Apple für den Zusammenbau jedes iPhones sechs Euro bezahlt. Horace Dediu von der Marktforschungsfirma Asymco stellte im Februar eine detailliertere Rechnung an, nachdem der US-Fernsehsender ABC berichtet hatte, dass jedes iPhone bei Foxconn 141 Fließbandschritte durchlaufe und der durchschnittliche Stundenlohn der Arbeiter bei 1,65 Euro liege. Wenn jeder Montageschritt etwa drei Minuten dauere, wären dies pro Handy 423 Minuten Handarbeit. Das entspräche reinen Personalkosten von 11,70 Euro. Zusammen mit Foxconns Kosten für Fabrikgebäude und Maschinen sowie der Marge des Unternehmens, könnte die gesamte Montage für Apple mit bis zu 23 Euro zu Buche schlagen.

Egal ob sechs oder 23 Euro näher an der Realität sind – von den gesamten Herstellungskosten sind es zwischen knapp drei und gut neun Prozent. Gemessen am Verkaufspreis sind es sogar nur halb so viel, denn in der Branche geht man davon aus, dass Apple an jedem Gerät einen operativen Gewinn von mindestens 50 Prozent kassiert. Bei einem durchschnittlichen Verkaufserlös von rund 480 Euro pro iPhone, so Dediu, wären das mindestens 240 Euro. Angesichts gewaltiger Profite und Rücklagen sollte man denken, dass Apple keine Debatten über chinesische Produktionsverhältnisse führen bräuchte.

Tatsächlich hat zumindest Foxconn seine Löhne in Reaktion auf die Selbstmordserie mehrfach erhöht. Doch der Kostendruck ist dadurch nicht aufgehoben. In der Branche heißt es, kaum ein Unternehmen verhandle mit seinen Zulieferern so hart wie Apple. Firmen wie Wintek oder Foxconn stehen deshalb unter hohem Druck, ihre eigenen Gewinnmargen aufrechtzuerhalten. Und wo an der Kostenschraube gedreht wird, bekommen dies schnell die Arbeiter zu spüren, sei es durch ein höheres Pflichtpensum, schlechtere Wohnheime oder billigeres Kantinenessen.

Dang Xianglan klagt nicht über ihre Bedingungen. Sie kennt keine anderen. Die Wanderarbeiterin wohnt mit ihrem Mann und dem 15-jährigen Sohn in einem engen Zimmer mit drei schmalen Pritschen, einem kleinen Tisch und Wäscheleinen vor dem Fenster. Bad und Küche teilen sie mit anderen. Mit drei Überstunden am Tag und zusätzlichen Wochenschichten kann sie monatlich bis zu 3000 Yuan (360 Euro) verdienen, ihr Mann bekommt in einer anderen Fabrik ähnlich viel. „Ein Gehalt reicht für unser Leben, und das andere schicken wir unseren Familien“, erzählt Dang. Hat sie eine Vorstellung davon, wie viel ein iPhone oder iPad kosten? „Ein paar Hundert, vielleicht tausend Yuan“, schätzt sie, also umgerechnet rund hundert Euro. Dass es in Wirklichkeit zwischen 400 und 800 Euro sind, nimmt sie auf wie eine Nachricht aus einer Galaxie, die von ihrer eigenen Lichtjahre entfernt liegt.

Bernhard Bartsch | 22. September 2012 um 08:22 Uhr

 

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