Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Anti-Atomkraft nein danke

Japan droht die größtmögliche Kernreaktorkatastrophe, doch von japanischen Atomkraftgegnern fehlt jede Spur. Denn Nuklearstrom war bisher kaum umstritten.

Der drohende GAU im japanischen Kernkraftwerk Fukushima treibt in Deutschland tausende Atomkraftgegner auf die Straße. Und in Japan? In Tokios Regierungsviertel Chiyoda herrscht am Dienstagmorgen gespenstische Ruhe. Polizisten bewachen die leeren Straßen zwischen Parlament, Ministerien und der Residenz vom Premierminister Naoto Kan. Kein einziger japanischer Atomkraftgegner, der hier ein Transparent enthüllen würde.

Auch an anderen öffentlichen Plätzen sucht man vergeblich nach Zeichen des öffentlichen Protests gegen eine Energiepolitik, die Japan nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erneut zum Opfer einer nuklearen Katastrophe machen könnte. Selbst in Landesteilen, die vom Erdbeben unbehelligt geblieben sind und in denen die Menschen nicht aus Angst vor einer radioaktiven Wolke aus Fukushima den Gang auf die Straße meiden, ist von „Atomkraft, nein danke!“ nichts zu hören. Das japanische Volk sitzt einfach vor dem Fernseher und schweigt.

Es ist keineswegs so, dass Japans Antikernkraft-Bewegung in eine Schockstarre verfallen wären – es gibt sie nicht einmal. Einzelne japanische Kernkraftgegner haben zwar schon seit langem vor den Risiken gewarnt, die von den Reaktoren ausgehen und in dem Inselstaat aufgrund der Erdbebengefahr noch höher sind als anderswo. Doch in der Öffentlichkeit hatte ihre Stimme nie großes Gewicht. Bereitwillig glaubten Öffentlichkeit und Politik den Zusicherungen der großen Kraftwerkskonzerne, die ihre Reaktoren als erdbebensicher bezeichneten. Zwar mussten die Betreiber in den vergangenen Jahren mehrfach eingestehen, dass sie Störfallberichte manipuliert hatten – allen voran die Tokyo Electric Power Company (Tepco), der das Krisenkraftwerk Fukushima gehört. Doch selbst dies reichte nicht aus, um eine Anti-Atomkraft-Bewegung ins Leben zu rufen – geschweige denn auf ihrem Rücken eine Partei zu gründen.

Doch selbst wenn sich der GAU in Fukushima noch abwenden lässt, werden die Japaner in den kommenden Wochen viel Anlass haben, die Energiepolitik ihrer Regierung zu überdenken, die zu einem Drittel auf Kernenergie baut. Da durch das Erdbeben zahlreiche Kernkraftwerke ausgefallen sind, werden 47 Millionen Japaner, gut ein Drittel der Bevölkerung, wohl bis mindestens Ende April täglich mehrere Stunden lang auf Elektrizität verzichten müssen. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass sich die Regierung gezwungen sieht, den Strom zu rationieren. Die wirtschaftlichen Folgen dürften ebenso gewaltig sein wie die Einschnitte in den alltäglichen Lebensrhythmus. „Wir müssen uns alle neu überlegen, wann wir zur Arbeit fahren, einkaufen und Hausarbeit machen“, sagt eine Verkäuferin im Stadtteil Roppongi. „Vor einer Woche hätten wir das noch für unvorstellbar gehalten.“ Trotzdem will sie die Schuld nicht den Kernkraftwerkbetreibern zuschieben. „Das ist eine Katastrophensituation für alle Japaner“, findet sie. Als Atomkraftgegnerin sieht sie sich nicht.

Trotzdem hat zumindest in den japanischen Medien die Debatte über die Zukunft der Energiepolitik begonnen. „Wir müssen in der Diskussion wieder von vorne anfangen und uns die Grundsatzfrage stellen, inwieweit sich wir uns als erdbebenbedrohtes Land auf Kernenergie verlassen können und ob die Sicherheit von Kernkraftwerken je gewährleistet werden kann“, fordert die einflussreiche „Asahi Shimbun“ in einem Leitartikel. Ohne direkt zum Atomausstieg zu blasen, wirft sie der Regierung vor, Alternativen bisher zu wenig gefördert zu haben. „Wegen seiner knappen Ressourcen hat Japan die Kernenergie zu einer Säule seiner Energiepolitik gemacht“, so die Zeitung. „Japan hat sich zu langsam um den Ausbau von erneuerbaren Energien gekümmert.“ In den weiterhin laufenden Kraftwerken müssten die Sicherheitsvorkehrungen dringend überarbeitet werden. „Ohne das werden sich die Menschen nach dem Erlebnis der Angst vor radioaktiver Verstrahlung und der Zerstörung durch das tödliche Beben nicht von der Notwendigkeit von Kernenergie überzeugen lassen“, schreibt die Zeitung.

Nicht nur Tepco, sondern auch die Regierung ist inzwischen wegen ihres Krisenmanagements in die Kritik geraten. So erhob die Zeitung „Yomiuri Shimbun“ den Vorwurf, die Verantwortlichen hätten zu lange gezögert, die Reaktoren mit Meerwasser zu kühlen, weil damit eine Wiederinbetriebnahme ausgeschlossen sei. „Wir glauben, diese Entscheidung hätte schon viel früher getroffen werden sollen, denn die Sicherheit muss höchste Priorität haben“, kommentierte das Blatt.

Ohnehin dürfte der Salzwassereinsatz in Zukunft noch ein Nachspiel haben. Japanischen Medienberichten zufolge wird das Salzwasser von den Reaktoren wieder ins Meer zurückgeleitet – womöglich radioaktiv verseucht. Angesichts der gegenwärtigen Gefahr einer Kernschmelze mag dies wie eine Nebensächlichkeit erscheinen, doch es zeigt sich, wie miserabel das Kraftwerk auf den derzeitigen Ernstfall vorbereitet war und wie verzweifelt die Verantwortlichen nun improvisieren.

Oder ist es denkbar, dass Tepcos Notfallpläne, die von den Regulierungsbehörden autorisiert wurden, vorsahen, dass radioaktiv belastetes Wasser ins Meer geleitet würde? Die japanische Öffentlichkeit täte jedenfalls gut daran, die Aufsicht Atomkraftwerke nicht mehr allein Politikern und Lobbyisten zu überlassen.

Bernhard Bartsch | 15. März 2011 um 12:01 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.