Bernhard Bartsch

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Amerikanischer Traum – Made in China

Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.

Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Für den 57-jährigen Künstler wirft die Kontroverse einen dunklen Schatten auf das wichtigste Werk seines Lebens. Denn was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben? Hätte er etwa nein sagen sollen?

Niemand kann Lei vorwerfen, er habe sich aufgedrängt. Im Mai 2006 reiste er mit einer chinesischen Künstlerdelegation zu einem Bildhauerkongress in Minnesota, seiner Frau zuliebe, die gerne einmal ins Ausland wollte. Als Ausstellungsstück hatte er eine zwei Meter hohe Granitskulptur dabei. Die Statue fiel dem Präsident der Martin Luther King Memorial Foundation auf, der auf der Suche nach einem Steinmetz für das neun Meter hohe Denkmal war. Lei verfügte handwerklich und künstlerisch über beste Referenzen: In China hatte er rund 150 große Figuren verwirklicht. Dass dazu auch ein gutes Dutzend Standbilder von Mao Zedong und andere kommunistische Propagandamotive gehörten, schreckte die Findungskommission nicht ab.

Die amerikanische Öffentlichkeit dafür umso mehr. Die Auftragsvergabe entfachte einen Sturm der Entrüstung. Dass kein Afroamerikaner das Denkmal gestalten durfte, war schon schlimm genug, doch dass stattdessen ausgerechnet ein Chinese damit betraut wurde, traf den amerikanischen Zeitgeist an einer wunden Stelle. In weiten Kreisen ist China ein Synonym für Zukunftsangst, der Inbegriff von Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlust. „Das ist ein amerikanisches Monument, kein chinesisches kommunistisches“, monierte der farbige Künstler Gilbert Young und versuchte mit einer Petition unter dem Motto „King is ours“ eine Neuausschreibung zu erzwingen. Sein ebenfalls schwarzer Kollege Ed Dwight, der mehrere Bronzestatuen von King verwirklicht und als aussichtsreicher Chefkünstler gegolten hatte, streute das Gerücht, Chinas Regierung den Auftrag mit einer Spende von 25 Millionen Dollar erkauft (Eine chinesische Beteiligung an den 120 Millionen-Dollar-Projekt ist bis heute nicht bewiesen). Die US-Granit-Industrie beklagte, dass kein einziger Felsblock aus einem amerikanischen Steinbruch stamme.

Lei Yixin hätte allen Grund, sich als Opfer dessen zu fühlen, wogegen Martin Luther King ein Leben lang gekämpft hat: Rassismus. Dabei sei Kings Engagement für Bürgerrechte doch „ein Vorbild für Menschen in aller Welt“ gewesen, versucht er den Amerikanern den Alleinanspruch auf den Friedensnobelpreisträger zu nehmen. Er selbst habe den Text der legendären Rede „Ich habe einen Traum“ als Zehnjähriger von seinem Vater, ein Ingenieur, vorgelesen bekommen und später auswendig gelernt. Das war Mitte der 1960er, kurz vor dem Ausbruch der Kulturrevolution, während der Lei wegen seines „schlechten Klassenhintergrunds“ zur Umerziehung aufs Land geschickt wurde. Er führte ein Tagebuch, in das er auch zeichnete und mit dem er sich nach Ende der Mao-Zeit auf einen Studienplatz in Bildender Kunst bewarb. Er wurde sofort genommen. Nach seinem Abschluss im Jahr 1982 begann er an der Kunsthochschule seiner Heimatstadt Changsha Bildhauerei zu unterrichten und Skulpturen für öffentliche Plätze, Parks oder Regierungsgebäude zu entwerfen. Zu seinen persönlicheren Werken gehört eine Skulpturengruppe, die sich mit der Fremdheit der Chinesen in der modernen Welt auseinandersetzt: Drei chinesische Touristen stehen an der Grenze am Passschalter an. Sie tragen westliche Anzüge, haben jedoch nach ländlicher Sitte die Ärmel und Hosenbeine hochgekrempelt und sich die Taschen mit Wasserflaschen und Zigarettenpäckchen vollgestopft. Großen Ruhm brachte ihm seine Arbeit nicht, aber immerhin ein lebenslanges Stipendium der Regierung.

Leis Kritiker behaupten, seine künstlerische Sozialisierung im chinesischen Staatskunstsystem habe sich auch in seinem King-Denkmal niedergeschlagen. Die „Ernsthaftigkeit des Arbeiterparadieses“ spreche aus der Statue, befindet die „Chicago Tribune“, und ärgert sich, dass der Held der Schwarzen ausgerechnet in weißem Granit verewigt worden sei. Als „seelenlosen Stein-Agitprop“ bezeichnet der britische „Economist“ die Statue und klassifiziert Lei als „politischen Bullshit-Künstler“. Dass Lei den Entwurf, in dem King aus einem großen Felsen, dem „Stein der Hoffnung“, heraustritt, zusammen mit einem Architekturbüro aus San Francisco erarbeitet und mit der mehrheitlich mit Afroamerikanern besetzten Denkmalstiftung abgestimmt hat, will kaum einer mehr wissen. Womöglich ist das die bittere Aktualität dieses Denkmals: Martin Luther King tritt aus seinem „Stein der Hoffnung“ auf eine Welt ohne Rassenunterschiede nicht nur heraus, sondern bleibt auch in ihm gefangen.

Bernhard Bartsch | 15. Oktober 2011 um 02:49 Uhr

 

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