Bernhard Bartsch

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Am Ursprung des Zahlen-Zen

Der Japaner Maki Kaji hat das Sudoku nicht erfunden. Das war ein Schweizer. Doch der weltweite Siegeszug des Rätsels begann in seinem Büro.

kaji-makiAuf seiner Visitenkarte steht «Vater des Sudoku», doch Maki Kaji macht sich nichts aus Zahlenknobeleien. «Rätsel interessieren mich nicht», schnoddert er mit tiefer, rauer Stimme. Man hört ihm an, dass er sich lieber an echte Laster hält. «Trinken, Rauchen, Karaoke, Glücksspiel, Pferderennen, das ist meine Welt», sagt er. «Aber zu meinem grossen Glück haben andere Menschen harmlosere Vergnügen.» Solange sich genügend für Zahlenkästchen begeistern, sind seine Ausschweifungen gesichert.

Kaji ist Mitte fünfzig und wirkt auf den ersten Blick ein wenig verlottert: knittrige Kleidung, strähnige Haare, ungepflegter Bart. Wie vielen reichen Japanern bereitet es Kaji Freude, sich auf obdachlos zu stylen. Man soll ihm nicht ansehen, dass er viel arbeitet. Doch Kaji ist ein vielbeschäftigter Mann, Chef des Verlags Nikoli, Japans grösster Herausgeber von Rätselspielen und das weltweit innovativste Ideenlabor für Denksportaufgaben. Von seinem vierstöckigen Tokioter Bürohaus begannen die Sudokus ihren Siegeszug um die Welt, und sollte das Sudoku-Fieber eines Tages nachlassen, hält Kaji schon mehrere Nachfolge-Rätsel bereit.

Angefangen hat alles in den siebziger Jahren. Kaji hatte damals gerade in Tokio sein Literaturstudium abgeschlossen, arbeitete in einer Druckerei und träumte von einer eigenen Zeitschrift. Ursprünglich hatte Kaji ein Magazin für Kunst und Belletristik im Sinn, doch dann fiel ihm eines Tages ein amerikanisches Rätselheft in die Hände, und er änderte seine Pläne. Denksport war in Japan ein unerschlossener Markt, und vor die Wahl gestellt, wollte Kaji doch lieber Geld verdienen als intellektuelle Meriten.

Erfunden hat es Euler

1980 begann Kaji mit zwei Mitarbeitern, Zahlen-, Schlangen-, Labyrinth- oder Kreuzworträtsel zu veröffentlichen. Nikoli verkaufte sich gut, und schon nach den ersten Ausgaben begannen die Leser, Vorschläge zu schicken, wie man die Rätsel noch interessanter machen könne. «Einige schickten uns sogar Spiele, die sie sich selbst ausgedacht hatten», sagt Kaji. Die Zuschriften wurden schnell zu einer festen Rubrik, in der neue Rätsel vorgestellt und die Leser um Verbesserungsideen gebeten wurden.

Das Rätsel, das Nikoli weltweit bekannt machen sollte, übernahm Kaji 1984 aus einem amerikanischen Magazin: «Number Place» hiess dort ein Spiel, das aus einem Quadrat mit 9×9 Feldern bestand. Das Rätsel beruhte auf sogenannten «Lateinischen Quadraten», an denen sich schon vor über 2000 Jahren die Römer den Kopf zerbrachen. Um 1770 entdeckte der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler sie wieder und berechnete die Anzahl der möglichen verschiedenen Quadrate: In einem 2×2-Feld waren es zwei, bei 3×3 zwölf und bei 9×9 mehr als fünf Quadrilliarden, 5524751 496 156 892 842 531 225 600, um genau zu sein.

Kaji nannte das Rätsel: «Die Zahl, die allein steht», auf Japanisch «suji wa dokushin ni kagiru» oder kurz: Sudoku. Auch das war ein Wortspiel, denn «doku» heisst Gift oder Droge. «Rätsel können süchtig machen, denn alle Menschen haben einen Entdeckerdrang», erklärt er sich den Spieltrieb. Das starke Ordnungsbedürfnis, mit dem sie leere Felder auf sinnvolle Weise füllen zu müssen glauben, fehlt ihm allerdings. «Ich habe lieber ein wenig Durcheinander.»

Bei Nikolis Lesern waren die «Alleinstehenden Zahlen» schnell ein Klassiker. «Ein Glücksfall von einem Spiel», fand Kaji. «Die Regeln sind einfach, aber es kann trotzdem äusserst kompliziert werden.» Der internationale Durchbruch kam allerdings erst zwei Jahrzehnte später – und zwar ganz ohne Kajis Zutun. Im November 2004 veröffentlichte die englische «Times» erstmals ein Sudoku, das jedoch nicht von Nikoli stammte, sondern von einem pensionierten neuseeländischen Richter namens Wayne Gould. Der hatte Sudoku 1997 bei Japan-Ferien entdeckt. Da Nikoli den Namen Sudoku nur in Japan geschützt hatte, konnte Gould ihn übernehmen und gab seinen Rätseln damit eine Aura von japanischer Exotik: Zahlen-Zen, Nummern-Sushi, Gedanken-Karate.

Ein Marketingtrick, der auch Nikoli zugute kam. Denn schon bald klopfte die internationale Fangemeinde auf der Suche nach den vermeintlich Originalen bei Kaji an, und der verstand es, seine Rätsel als Premiumprodukt zu verkaufen. «Unsere Rätsel stammen nicht aus dem Computer, sondern sind alle handgemacht», sagt er. «Das ist ein Unterschied wie zwischen Fliessband- Produkten und Designerstücken.»

Drama und Spannung

Er greift sich eines seiner Hefte: Während ein Computer die vorgegebenen Zahlen nach dem Zufallsprinzip verteilt, sind sie bei Nikoli in grafischen Mustern angeordnet. Doch das ist nur eine ästhetische Äusserlichkeit. Handgemachte Rätsel, sagt Kaji, sind auch viel interessanter. «Algorithmen können Logik liefern, aber Dramaturgie und Spannung schaffen nur Menschen.» So führen gute Sudoku-Autoren durch ihr Rätsel wie durch einen Roman, bieten Aha-Erlebnisse und elegante Lösungspassagen, nur um sie dann in die nächste Falle zu locken. «Unsere Rätsel sind keine Beschäftigungstherapie, sondern bestes Entertainment», findet Kaji.

Über 300 Rätselschreiber beschäftigt Nikoli. Viele davon sind Studenten, Ärzte oder Hausfrauen. Daneben hat der Verlag sieben Redakteure, die Spiele auf Qualität und Originalität prüfen. Im Programm sind auch mehrere Plüschtiere, die verschiedenen Spielen zugeordnet sind, darunter Katzen, Pinguine, Hasen und ein Hund namens «Sudog».

Fünf Millionen Dollar setzte Nikoli 2006 um, sagt Kaji. Nicht besonders viel, aber ihm reicht es. «Geld ist nicht so wichtig. Je grösser das Unternehmen wird, umso mehr muss ich schliesslich auch arbeiten.»

Was nicht immer eine Last ist. So reiste er vergangenes Jahr in 16 Länder und verband das Notwendige mit dem Angenehmen. In England ging er an ein Pferderennen. «Natürlich habe ich gewettet», erzählt er. «Schon weil es mir so viel Spass gemacht hat, der Buchmacherin meine Scheine hinzuschieben.» Unter dem Tisch löste sie nämlich Sudokus.

Erschienen in: NZZ am Sonntag, 10. Juni 2007

Bernhard Bartsch | 10. Juni 2007 um 17:12 Uhr

 

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