Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Alles hängt von den USA ab“

Pan Jiahua, Pekings ranghöchster Klimaschutzberater und Mitglied der chinesischen Kopenhagendelegation, spricht über faule Ausreden, ehrgeizige Ziele und globale Gerechtigkeit.

Pan_Jiahua_1Frage: Noch fünf Wochen bis Kopenhagen, Herr Pan. Wie laufen die Vorbereitungen?

Pan Jiahua: Wir sind im Zeitplan. Bei den Verhandlungen hat es zwar einige große Rückschläge gegeben, aber der Schwung und der Wille sind da. Ich mache mir keine Sorgen.

Sie teilen also nicht die Befürchtungen, dass die Verhandlungen scheitern oder mit einem faulen Kompromiss enden könnten?

Das hängt an den USA. Leider behindern sich die Institutionen dort gegenseitig. Das Weiße Haus unternimmt zwar große Anstrengungen, aber die Entscheidungsgewalt liegt beim Kongress, und der ist einfach zu langsam. Wenn die USA sich nicht zu Emissionseinsparungen verpflichten, kann ich mir nicht vorstellen, dass es in Kopenhagen ein konkretes Reduktionsziel geben wird.

Was wäre denn aus chinesischer Sicht ein angemessenes Reduktionsziel?

Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) der Vereinten Nationen hat empfohlen, dass die reichen Länder ihre Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent senken sollen, gemessen am Jahr 1990…

…was deutlich mehr ist, als irgendein Land bisher zugesagt hat. Die EU hat sich zu 20 Prozent verpflichtet, mit der Option auf 30 Prozent, wenn andere Länder mitziehen. In den USA sind 17 Prozent im Gespräch, allerdings gemessen am Ausgangsjahr 2005.

Ja, das ist alles viel zu wenig. Deswegen fordert die chinesische Regierung, dass 40 Prozent das Minimum sein sollten. Die entwickelten Nationen müssen mit gutem Beispiel vorangehen, um den Entwicklungsländern vorzumachen, dass substantielle Einsparungen möglich sind und ein hoher Lebensstandard nicht automatisch auch hohe Emissionen bedeutet. Wenn das den reichen Länder nicht gelingt, wie sollen es dann die armen schaffen?

Ob China als armes oder reiches Land gelten soll, ist umstritten. Wird sich Peking in Kopenhagen auf ein Einsparziel festlegen?

Wenn man Chinas Pro-Kopf-Einkommen anschaut, kann es keinen Zweifel daran geben, dass wir ein Entwicklungsland sind, und weder das Kyoto-Protokoll noch der Bali-Plan verlangen von Entwicklungsländern absolute Reduktionsverpflichtungen. Nichtsdestotrotz hat unsere Regierung sehr ernsthafte, substantielle und effektive Minderungsmaßnahmen ergriffen. Erst im September hat Präsident Hu Jintao beim Uno-Gipfel in New York angekündigt, dass China den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 auf 15 Prozent anheben werde. Kein anderes Land kann etwas Vergleichbares vorweisen.

Pekings Klima- und Umweltschutzpläne sind in der Tat beeindruckend, aber in den USA heißt es trotzdem, dass man sich nur zu Reduktionszielen verpflichten werde, wenn Chinas das gleiche tut. Immerhin ist die Volksrepublik der weltweit größte Produzent von Treibhausgasen.

Das ist eine Ausrede, mit der die USA von ihrer eigenen Untätigkeit ablenken wollen. Die Sachlage ist doch eindeutig: Die Pro-Kopf-Emissionen der USA sind derzeit vier- bis fünfmal so hoch wie die chinesischen, und was Kapital, Technologie und institutionelle Kapazitäten angeht, sind die Amerikaner uns weit überlegen. Das wissen sie selbst ganz genau. Sie müssen sich nur ihre eigene Geschichte anschauen, um zu verstehen, welche Entwicklung China im Moment durchmacht. Bei uns ziehen jährlich elf Millionen Menschen in die Städte und brauchen dort Wohnungen, Infrastruktur und Arbeit. All das benötigt Energie.

Und die wird in China noch immer überwiegend aus Kohle gewonnen, meist in sehr rückständigen Kraftwerken. Wie lange soll das noch so weiter gehen?

Es stimmt: Wir sind noch sehr kohlenstoffabhängig und haben einen weiten Weg vor uns. Wir erwarten, dass der Prozess der Urbanisierung und Industrialisierung, in dem sich China derzeit befindet, bis etwa 2020 dauern wird. Danach treten wir in eine Phase der Konsolidierung ein, und nach 2030 erreichen wir dann ein Niveau, bei dem unser Wirtschaftssystem nicht mehr so viel Energie benötigt. Deswegen erwarten wir, dass der Verbrauch ab 2035 wieder sinken wird. Bei der Kohleverbrennung dürfte der Höhepunkt aber schon deutlich früher erreicht sein, weil wir ja sehr stark in erneuerbare Energien wie Wind, Solar und Wasser sowie Atomkraft investieren. Die positiven Auswirkungen spüren wir schon heute: Im 11. Fünfjahresplan von 2006 bis 2010 ist eine Verbesserung der Energieintensität um 20 Prozent festgeschrieben, und im nächsten Fünfjahresplan wird die Vorgabe sicherlich wieder zwischen zehn und 15 Prozent liegen. Kein anderes Land hat sich vergleichbare Ziele gesteckt – die USA nicht, die Europäer nicht, selbst die Japaner nicht.

Im Pläneschmieden mag China Weltmeister sein, aber in der Vergangenheit hat die Regierung ihre Ziele längst nicht immer erreicht.

Für das aktuelle 20-Prozent-Ziel sehe ich überhaupt kein Problem. Der Grund ist ganz einfach: Dank der Finanzkrise ist die Produktion in energieeffizienten Branchen wie Stahl oder Zement sehr stark zurückgegangen, und damit auch die Verbrennung von Kohle. Das führt zu einer Änderung im Energiemix.

Das ist doch nur ein kurzfristiger Effekt. Die Abschlussstatistiken für den 11. Fünfjahresplan lassen sich damit vielleicht retten, aber mit einem Systemumbau hat das wenig zu tun.

Da haben Sie sicherlich Recht. Allerdings hat China in der Krise erkannt, dass unsere Produktionskapazitäten in vielen Branchen bereits groß genug sind und keiner Erweiterung mehr bedürfen. China kann jährlich 550 Millionen Tonnen Stahl und vier Milliarden Tonnen Zement herstellen. Das reicht.

Aber wofür reicht es? Für Chinas wirtschaftliche Entwicklung vielleicht. Aber von dem vereinbarten Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu beschränken, ist die Welt noch weit, weit entfernt.

Auch da muss ich Ihnen Recht geben. Deswegen haben wir vorgeschlagen, Kohlenstoffbudgets einzuführen – eine Idee, die übrigens auch der Klimaschutz-Expertenrat der deutschen Bundesregierung in ganz ähnlicher Weise formuliert hat. Das Prinzip ist einfach: Man rechnet alle Emissionen der Welt zusammen, von einem Anfangspunkt bis zu dem Maximum, das unsere Atmosphäre verträgt, und teilt das durch die Weltbevölkerung. So kann jedes Land sehen, wie viele Emissionen ihm zustehen, wie viele es schon verbraucht und wie viel es noch übrig hat. Die Emissionsrechte können die Länder dann untereinander handeln. Das würde nicht nur dem Klimaschutz dienen, sondern auch einen ganz neuen globalen Finanzmechanismus hervorrufen. Wenn die armen Länder den reichen Emissionsrechte verkaufen können, ist das doch viel besser, als wenn sie darauf warten müssen, ob die Wohlhabenden dieser Welt ihnen etwas spenden wollen.

Glauben Sie, dass es dafür in Kopenhagen eine Mehrheit geben wird?

Für Kopenhagen ist es zu früh, dort müssen wir zunächst einmal die Aufgaben des Bali-Aktionsplans abarbeiten. Aber nach Kopenhagen sollte das unser nächstes großes Ziel sein.

ZUR PERSON

Pan Jiahua, 52, ist Direktor des Klimaschutzprogramms der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, dem wichtigsten Think-Tank der Pekinger Regierung. Der in Cambridge promovierte Ökonom gehörte bereits der chinesischen Expertengruppe im Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) der Vereinten Nationen an und ist Mitglied der Pekinger Delegation beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember.

Bernhard Bartsch | 01. November 2009 um 09:10 Uhr

 

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