Bernhard Bartsch

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Alles ohne Abwrackprämie

Die Krise macht China zum Schlachtfeld um die Zukunft der Autoindustrie. Bei der Shanghaier Automesse buhlen die Hersteller um ihren letzten Wachstumsmarkt.

Wer Kevin Wale reden hört, könnte gauben, der Chinachef des US-Autokonzerns General Motors lese keine Zeitung. Während seine Vorgesetzten in Detroit Insolvenzpläne schmieden, müssen, verbreitet Wale auf der anderen Seite des Globus rosige Zukunftsvisionen: Die chinesische Nachfrage nach Buicks und Chevys sei so hoch, dass GM mindestens noch ein neues Werk bauen müsse, glaubt Wale. Erst im Dezember hatten die Amerikaner ihre siebte chinesische Fertigungsstäte eröffnet. „Wir haben im Moment eine gute Position, stark zu wachsen, ohne dafür viel Geld ausgeben zu müssen“, erklärt Wale. So könne GM seinen jährlichen Absatz in China bis 2014 auf zwei Millionen Fahrzeuge fast verdoppeln. Selbst wenn das Mutterhaus kollabieren sollte, werde GM in China in jedem Fall weiter erfolgreich sein, glaubt Wale.

Mit seinem antizyklischen Optimismus ist der Amerikaner nicht allein. Für die internationale Automobilindustrie, die seit Montag bei der Shanghaier Automesse zusammenkommt, ist der chinesische Markt der letzte leuchtende Stern am schwarzen Firmament. Zwar hat die weltweite Krise auch das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik in Mitleidenschaft gezogen. Doch seit einigen Wochen mehren sich die Anzeichen, dass die drittgrößte Volkswirtschaft sich als erstes großes Land aus dem Abwärtssog befreien könnte. Gerade der Automarkt ist einer der positiven Indikatoren: Im ersten Quartal stieg Chinas Pkw-Absatz um 18,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 2,17 Millionen Fahrzeuge. Damit wurden in der Volksrepublik, die bisher als zweitgrößter Automarkt gilt, mehr Autos verkauft als in den USA, wo der Absatz um fast 40 Prozent eingebrochen ist. Die chinesischen Zuwachsraten sind teilweise das Ergebnis der Pekinger Konjunkturmaßnahmen, zu denen auch die Halbierung der Zulassungssteuer auf Kleinwagen gehört.

Entsprechend aggressiv versuchen die internationalen Hersteller in Shanghai ihr China- Engagement unter Beweis zu stellen. Weltneuheiten, die früher in Frankfurt, Detroit oder Genf vorgestellt wurden, feiern nun in Shanghai Premiere. Den Startschuss gab am Sonntag die Zuffenhausener Sportwagenschmiede Porsche mit der Einführung seines lang erwarteten Viertürers Panamera. „Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Unternehmens feiern wir die Premiere einer neuen Modellreihe weder in Europa noch in Nordamerika“, erklärte Vertriebsvorstand Klaus Berning. „Das ist natürlich kein Zufall: China ist für Porsche ein bedeutender Zukunftsmarkt mit viel Potenzial.“ Im Geschäftsjahr 2007/08 habe Porsche in der Volksrepublik 7600 Fahrzeuge verkauft, ein Anstieg von 145 Prozent. „Trotz der globalen Rezession, die inzwischen leider auch die chinesische Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen hat, verzeichnen wir hierzulande weiterhin eine hohe Nachfrage“, erklärte Berning.

Auch Daimler versuchte in China mit Neuheiten zu Punkten. Konzernchef Dieter Zetsche präsentierte am Montag eine Modellerneuerung der S-Klasse sowie die erste S-Klassen-Hybridversion. Für die S-Klasse sei China mittlerweile der wichtigste Markt der Welt, so Zetsche. Auch die anderen Modelle verkaufen sich gut: Im ersten Quartal konnte Mercedes-Benz in China 11.000 Autos absetzen, rund 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Fast die Hälfte davon – 5000 Autos – wurden im März verkauft – ein mögliches Signal für Chinas Rückkehr zu alter Dynamik. Einen weiteren Wachstumsschub erhoffen sich die Stuttgarter von einer speziell für den chinesischen Markt entwickelten Langversion der E-Klasse, deren Produktion derzeit in Daimlers Gemeinschaftswerk mit der Beijing Automotive Industry Corp (BAIC) vorbereitet wird, wo bereits die C-Klasse vom Band läuft. Darüber hinaus möchte das Unternehmen in China im Kleinwagenmarkt Fuß fassen. Seit Anfang April hat Daimler in der Volksrepublik erstmals auch den Smart im Angebot. Der Zweisitzer sei für die chinesischen Metropolen wie geschaffen, erklärte Klaus Maier, Vertriebschef von Mercedes-Benz Cars. Der Smart wird zunächst in 17 Städten angeboten. Über tausend Vorbestellungen sind bereits eingegangen.

Auch in anderer Hinsicht könnte China für Daimler Bedeutung erlangen: Zetsche, der am Dienstag in Peking mit Vertretern seiner chinesischen Jointventure-Partner sowie der Regierung zusammenkommen wird, deutete an, dass auch ein Termin beim Staatsfond China Investment Corp. auf dem Programm stünden. Er sagte, Daimler habe „in der Vergangenheit Kontakte mit möglichen chinesischen Investoren gegeben habe und diese Gespräche sind nicht grundsätzlich abgebrochen“. Seit dem kürzlichen Einstieg von Abu Dhabis Staatsfond habe sich die Situation bei Daimler aber geändert. CIC-Chef Lou Jiwei hatte am Wochenende erklärt, man prüfe derzeit Beteiligungen an europäischen Unternehmen, die man als „gute Chancen identifiziert“ habe, ohne jedoch Namen zu nennen.

Daimlers Erzrivale BMW konnte in Shanghai ein kleines Novum auffahren: Die Zwölfzylinderversion des 7er. Das Wachstum der Münchner fällt derzeit allerdings bescheidener aus: Im ersten Quartal legten sie in China um 14 Prozent zu und verkauften 16.580 Fahrzeuge. Ein neuer Absatzschub ist allerdings in Vorbereitung: BMW baut derzeit zusammen mit seinem chinesischen Jointventurepartner Blilliance ein zweites Werk, das die Kapazität in China bis Ende 2010 auf bis zu 80.000 Autos erweiten soll. Bisher laufen in China jährlich 30.000 BMW vom Band.

Für Volkswagen-Chef Martin Winterkorn befindet sich China derzeit auf der „Überholspur“. Sein Unternehmen verzeichnete in der Volksrepublik im ersten Quartal ein Wachstum von sechs Prozent. Bis 2018 rechnet Winterkorn mit einer Verdopplung von Volkswagens Absatzt. Dafür sollen allein in den kommenden zwei Jahren weitere 1,6 Milliarden Euro investiert werden. Neue Dynamik erhoffen sich die Wolfsburger von ihrem aktuellen Golf, den Winterkorn in Shanghai vorgestellt wurde, sowie von einer Langversion des Passat. 2008 verkaufte VW in China 1,02 Millionen Autos, 8,6 Prozent mehr als 2007. Weitere 120.000 Autos setzte die Konzerntochter Audi ab, die in China den überarbeiteten Geländewagen Q7 zeigte.

Bei so viel Engagement liegt es nahe, die Shanghaier Automesse bei ihrer 13. Auflage in die Riege der großen Leitmessen einzureihen. Der Detroit Motor Show hat Shanghai dieses Jahr jedenfalls deutlich den Rang abgelaufen. Denn während sich die Aussteller im Januar in der krisengeschüttelten US-Autometropole betont bescheiden gaben und auf Champagner und Kühlerhaubenmodels größtenteils verzichteten, wird in Shanghai wieder hemmungslos geploppt und geräkelt.

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 21. April 2009

Bernhard Bartsch | 21. April 2009 um 01:39 Uhr

 

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