Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Ai Weiwei wird ein Berliner

Chinas berühmtester Künstler baut angesichts harter Repressionen in seiner Heimat ein Studio in Deutschland.

Er ist der größte Star des chinesischen Kunstbetriebs und einer der schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei. Doch angesichts wachsender Repressionen in seiner Heimat plant Ai Weiwei nun einen Teil-Umzug nach Deutschland. Im Berliner Stadtteil Oberschöneweide will der 53-Jährige ein Studio kaufen und trifft derzeit Vorbereitungen, um mit seinem Team künftig dort arbeiten zu können. „Ich möchte in der Lage sein, meine tägliche Arbeit an meiner Kunst und meinen Ausstellungen auch von Berlin aus zu machen“, erklärte Ai in Peking. „Die Vorbereitungen laufen bereits seit drei Monaten, aber da der Aufbau der notwendigen Infrastruktur in Deutschland nicht ganz einfach ist, brauchen wir noch etwas Zeit, bevor wir richtig loslegen können.“ Als Flucht will Ai seinen Schritt nicht verstanden wissen und sein derzeitiges Studio in Peking weiter betreiben.

Ai, dessen Werke auf internationalen Auktionen Rekordpreise erzielen, nutzt die mit seinem Ruhm und Geld verbundene Unabhängigkeit seit langem, um der Partei nach Kräften Paroli zu bieten. Unter jungen Chinesen ist er vor allem als Internet-Aktivist bekannt, der mit originellen Projekten die Korruption und Grausamkeit des Regimes entlarvt. Nachdem die Behörden den Künstler und seine Mitarbeiter zunehmend unter Druck gesetzt und zeitweise sogar unter Hausarrest gestellt haben, sieht er sich nun dennoch zur Suche nach Alternativen gezwungen.

Obwohl Ai, der in den Achtzigern in New York lebte, sich Berlin seit langem verbunden fühle, sei der Aufbau eines Studios „kein freiwilliger Schritt“, erklärte er. „Ich bin einfach ratlos, wie ich hier weiterarbeiten kann.“ Erst im Januar hatte die Regierung sein neu gebautes Studio in Shanghai abreißen lassen. Im Februar verhinderte sie die erste große Ausstellung seiner Werke in der Volksrepublik. Seine Erfolge als Künstler feierte Ai bisher fast ausschließlich im Ausland. 2009 sorgte eine große Soloschau im Haus der Kunst in München für Aufsehen. Vergangenes Jahr füllte er die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern mit hundert Millionen Sonnenblumenkernen aus Porzellan. In Berlin ist im Ostasiatischem Museum derzeit Ais „Teehaus“ zu sehen, eine Installation aus drei Tonnen gepresstem Pu-Er-Tee. „Für meine Kunst pendele ich schon lange zwischen China und Europa“, sagt Ai. „Angesichts der gegenwärtigen Situation sollte ich meine Präsenz in Europa verstärken.“

Indes erzählt Ais Berliner Galerist Alexander Ochs, der das „Teehaus“ an den Sammler Dieter Rosenkranz vermittelte, von der Suche des neuen Ateliers, bei der er dem Künstler hielf. Sehr gefallen habe dem Ai die Druckhalle im ehemaligen Tagesspiegel-Gebäude in der Potsdamer Straße. „Doch das war nur zu vermieten, Ai Weiwei will etwas kaufen.“ Schließlich stießen sie auf die historischen AEG-Fabrikhallen in Oberschöneweide, die zu DDR-Zeiten vom Kabelwerk Oberspree genutzt wurden. Im Januar 2005 horchte die Kunstszene auf, als der Galerist Hellmut Schuster und der Berliner Rechtsanwalt das Areal erwarben. Zehn Millionen Euro wollten sie investieren, ihre Vision war ein Kunstzentrum mit Galerien, Sammler-Schauräumen und Museums-Dependancen. Daraus wurde nichts, irgendwann geriet das Projekt in Vergessenheit. Noch ist Sven Herrmann der Besitzer, der Vertrag mit Ai soll aber unterschriftsreif sein. Er will vier Hallen mit insgesamt 4800 Quadratmetern beziehen. Neben den Arbeitsräumen soll es auch die Möglichkeit zum Ausstellen geben.

Neben Ochs, dem langjährigen China-Pionier, arbeitet Ai neuerdings auch mit der Galerie Neugerriemschneider in Berlin zusammen. „Er ist ein Freigeist, ein Punk“, schwärmt Galerist Tim Neuger. Zum Gallery Weekend wird Ai bei ihm am 29. April eine Installation über die Bedeutung der chinesischen Landschaft eröffnen – und am gleichen Tag in der Ochs-Galerie zu einem Künstlergespräch auftreten. Exklusive Zusammenarbeit ist unter chinesischen Künstlern nicht üblich.

Seit Jahren pflegt Ai bereits rege Kontakte nach Berlin. Er ist mit dem (nicht minder erfolgreichen) Künstler Olafur Eliasson befreundet, und bei einem seiner letzten Besuche traf er sich mit Renate Künast und dem Berliner Polizeipräsidenten: um zu besprechen, wie der deutsche Rechtsstaat mit Regierungskritikern umgeht.

Pekings Repressionen gegen kritische Intellektuelle haben in den vergangenen Monaten stark zugenommen – offenbar eine Reaktion auf die Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Demokratie-Aktivisten Liu Xiaobo, aber auch auf die Volksrevolten in Nordafrika, die im chinesischen Internet zu Rebellionsaufrufen führten. Erst vergangene Woche wurde der Bürgerrechtler Liu Xianbin zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er kritische Artikel verfasst hatte.

Chinas unerbittlicher Kurs gegen seine Kritiker dürfte auch zum Schlüsselthema des Peking-Besuchs von Außenminister Guido Westerwelle in dieser Woche werden. Aus diesem Anlass appellierten deutsche China-Korrespondenten an den FDP-Politiker, gegenüber der chinesischen Regierung klare Worte zu finden. Nach den jüngsten Festnahmen und Beschränkungen für ihre Berichterstattung forderten 26 Journalisten, darunter auch dieser Autor, den Minister in einem Brief auf, sich für die Einhaltung international gültiger Pressefreiheitsregeln einzusetzen. „Eine normale Recherche vor Ort wird den Auslandskorrespondenten in China immer häufiger unmöglich gemacht“, heißt es in dem Schreiben.

Hauptanlass von Westerwelles Besuch ist die Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“, einer Kooperation der Staatlichen Museen in Berlin, Dresden und München. Rund 600 Exponate sollen ein Jahr lang im Pekinger Nationalmuseum gezeigt werden, darunter Werke von Caspar David Friedrich, Goya und Gainsborough. Die Ausstellung, die größtenteils vom deutschen Steuerzahler finanziert wird, kostet rund zehn Millionen Euro und ist damit die teuerste Kulturveranstaltung, die Deutschland je im Ausland veranstaltet hat. Begleitet wird die Veranstaltung auch von Podiumsdiskussionen; doch wer dort auftreten darf, entscheiden die chinesischen Partner. Ai Weiwei, den die Deutschen gerne in das Programm eingebunden hätten, kommt dabei als Teilnehmer nicht in Frage.

Bernhard Bartsch | 28. März 2011 um 16:54 Uhr

 

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